Anne Fischer

Freie Journalistin und Texterin, Dresden

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Mein digitales Leben

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Protokolle von Anne Fischer, Fotos von Johannes Arlt

Helmut ist 90 und streamt Klassik, Lea ist 8 und füttert eine virtuelle Katze. turi2 lässt fünf sehr alte und vier sehr junge von ihrem Alltag mit Medien, Handy und Co erzählen. 


"Bei Facebook will ich nicht sein. Ich gehe zum Männerkochkreis"

Auf einem der ältesten Fotos, das es von mir gibt, bin ich etwa anderthalb Jahre alt und mit meinen Geschwistern zu sehen. Mein Vater hat das Bild aufgenommen. Die Kamera stellte er immer auf ein Stativ, wenn er Licht haben wollte, musste er einen echten Lichtblitz zünden. Von ihm fotografiert zu werden war nicht ganz einfach, "sitz' doch mal gerade", "halt' jetzt still"... Das war so üblich, es wurde nicht einfach drauflos geknipst. 

Ein Bild, an dessen Aufnahme ich mich gut erinnere, ist das in meinem Flugbuch. Darauf bin ich 14 Jahre alt. Ich habe 1942 mit dem Segelfliegen begonnen. Aus unserer Sicht war das Fliegen ein Hobby. Normalerweise bringt man ein Segelflugzeug erst im letzten Moment zum Landen, damit man möglichst viel Flugzeit gewinnt. Wir mussten hingegen schon auf 200 Metern Höhe die Landung einleiten, und nicht auf der Kufe, sondern dem Sporn landen. Ähnlich wie die Landung eines Motorflugzeugs. Denn unsere Fluglehrer hatten im Gegensatz zu uns Kindern schon im Hinterkopf, uns zu Fliegern auszubilden, die im Krieg eingesetzt werden konnten. Einer war Hauptmann bei der Luftwaffe, der Flugschulleiter hatte auch einen militärischen Rang. Im Nachhinein betrachtet war das Glück und hat mein weiteres Schicksal bestimmt, denn damals gingen SS-Leute durch die Schulen und warben Schüler an. Als Flieger war ich davor geschützt und musste ihnen auch keine weiteren Auskünfte geben.

Ich habe nach dem Krieg einen Bausatz für eine Art Radio gekauft, das konnte man selbst zusammenbasteln. Ich wollte Nachrichten und mal ein bisschen Musik hören. Aber ich war kein glühender Radio-Anhänger wie andere, die sich zum Beispiel amerikanische Jazz-Musik besorgt haben. Meine Frau und ich haben uns auch erst recht spät einen Fernseher zugelegt, in den 60ern. So ein Ding kostete ja ganz schön was. Der Apparat lief dann abends zur "Tagesschau" oder wenn ein Fußballspiel war oder mal ein schöner Film kam. Besonders intensiv haben wir aber nicht ferngesehen, wir hatten anderes zu tun. Heute schaue ich mir gerne mal Dokumentationen über Technisches oder Bauwerke an. Aber im deutschen Fernsehen grassiert zur Zeit ja eine regelrechte Krimiflut. Wenn du einmal durchzappst, laufen auf verschiedenen Kanälen ein halbes Dutzend Krimis gleichzeitig, das ist verrückt.

Ich fahre seit über 60 Jahren Auto, ich nutze das Telefon und auch ein Handy. Letzteres habe ich damals eingeführt, um mit meiner Frau Kontakt aufnehmen zu können, wenn ich unterwegs war. Irgendwann funktionierte das aber nicht mehr, weil sie nicht mehr damit klarkam.
Ins Internet bin ich vor ungefähr zehn Jahren eingestiegen. Dazu gekommen bin ich über eine elektrische Schreibmaschine. Ich benutze es im Wesentlichen für drei Dinge: Erstens mache ich Onlinebanking. Viele ältere Menschen halten das für unsicher, und ich bin was die Sicherheit angeht auch empfindlich. Aber ich treffe die entsprechenden Vorkehrungen, die empfohlen werden, damit nix schiefgeht. Dann schreibe ich Emails. Und drittens ich lese viel, zum Beispiel Nachrichten bei der ARD und dem Deutschlandfunk. Man kann übrigens auch die Philharmoniker im Internet hören, das haben meine Frau und ich genutzt, als wir nicht mehr so gut rauskamen und unser Abonnement bei der Philharmonie aufgegeben haben. Den Wandel sehe ich positiv, er bringt eine große Erleichterung für den Alltag mit sich: Ich muss nicht immer zum Briefkasten oder zur Bank fahren, ich kann mir schnell einen Nachrichten-Überblick verschaffen, ich kann mir einen Fahrtweg ausdrucken.
Mein Sohn oder mein Enkel helfen mir bei Fragen mit dem Computer. Ich habe außerdem einen Freund, der sich schon sehr früh mit dem digitalen Wandel beschäftigt hat, weil er Informatiklehrer war. Ich nutze den Laptop nicht so sinnvoll und rational, wie ich ihn nutzen könnte, zum Beispiel, um all meine Fotos oder Dokumente zu ordnen und zu verwahren. Da habe ich Defizite, aber das ist mir auch nicht wichtig. Facebook und die anderen Netzwerke kenne ich flüchtig, aber ich will da nicht sein, das wäre für mich eher eine weitere Tätigkeit, die ich ausüben muss. Ich habe andere Dinge zu tun, ich gehe zum Männerkochkreis, zum Kieser-Training, ich treffe Freunde, ich male auch, und ich muss meinen Haushalt führen.
Das wichtigste im Leben kann ich sofort in einem Satz zusammenfassen: Frieden, aber nicht ohne Freiheit. Mehr muss ich dazu nicht sagen, oder?

Helmut Oertel wurde 1927 in Pelplin in Polen geboren und wuchs in der Umgebung um Danzig auf. Im zweiten Weltkrieg wurde er als Luftwaffenhelfer eingezogen und kam nach Kriegsende in
französische Gefangenschaft. Später studierte er Architektur und Deutsch, Geschichte und Sozialkunde auf Lehramt. Er unterrichtete an verschiedenen Schulen in und um Berlin und stieg zum Oberschulrat auf. Seit dem Tod seiner Frau lebt der 91-Jährige allein in dem gemeinsamen Haus in Kleinmachnow bei Berlin. Als Zeitzeuge spricht er mit Schülern über seine Erlebnisse im Krieg.


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Die komplette Bildstrecke gibt's in der turi2 Edition: The Digital Me. Das Ego in Zeiten des Internets.

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