Anna Scholz

Online Journalistin und Redakteurin, Hamburg

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Ratsherrn: Ausprobieren und gucken, was kleben bleibt

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Eigentlich wollte der Amerikaner Ian Pyle seine Deutschkenntnisse dazu nutzen, um Übersetzer zu werden. Jetzt helfen sie ihm dabei, die Kunden der Ratsherrn-Brauerei für seine außergewöhnlichen Bierkreationen zu begeistern.

Mit Schwung fliegt die Tür zum Ratsherrn Craft Beer Store auf. Ian Pyle wischt sich noch kurz die Hände an der schwarzen Cargohose ab, rückt die Wollmütze zurecht und sieht damit aus, als käme er direkt aus der Werkstatt. Tut er ja auch, in gewisser Weise. Seine Werkstatt, das ist die Ratsherrn Brauerei, vor allem die In-House-Mikrobrauerei. Dort kann der Braumeister bis zu sechs Versuchssude ansetzen, die parallel zu seinen Holzfassversuchen laufen.


Zu behaupten, Ian sei damit gut beschäftigt wäre eine Untertreibung. Allein in diesem Jahr haben es 10 Sorten vom Versuch in die Produktion geschafft. "Das war vielleicht ein bisschen viel", gibt der 35-Jährige grinsend zu, und wirkt dabei keineswegs als sei er überarbeitet. Schließlich hatte er sich dieses Jahr zum Ziel gesetzt, seine Kunden mit einer Reihe außergewöhnlicher Kreationen herauszufordern.


Die Ausprobierphase ist noch nicht vorbei

"Wir sind immer noch in der Phase, in der wir so viel wie möglich ausprobieren und gucken, was kleben bleibt." Und es bleibt so einiges kleben: ob Pumpkin Ale, Chocolate Stout oder der Überraschungserfolg "Matrosenschluck" (ein Weizen IPA gebraut mit Orangenschale), Ian hat sich in diesem Jahr vor allem abseits des Reinheitsgebots ausgetobt. Bei all seinen kreativen Experimenten ist ihm der direkte Austausch mit seiner Kundschaft jedoch sehr wichtig - und ein steter Wegweiser für seine weitere Arbeit. "Wir kriegen sehr gutes und ehrliches Feedback von unseren Kunden. Und das nehme ich auch ernst", beteuert der Brauer.


Das Reinheitsgebot hält er im Übrigen zwar für einen historisch bedeutsamen Teil der deutschen Braugeschichte - aber eben auch nur für einen Teil davon. Wahrscheinlich sieht man das als US-Amerikaner auch ziemlich gelassen. Denn Ian könnte mit seiner schwarzen Wollmütze, dem fast akzentfreien Deutsch und seiner ruhigen, unaufgeregten Art zwar durchaus als waschechter Hanseat durchgehen, aber er lebt tatsächlich erst seit vier Jahren in Hamburg. Ursprünglich kommt er aus Philadelphia, seinen Worten nach die Craft-Beer-Hauptstadt der Ostküste. Der vielfältigen Bierkultur seiner Heimatstadt hat er es auch zu verdanken, dass er schon früh seine Leidenschaft fürs Bierbrauen entdeckte.


Brauche Geld, biete Bierberatung? Jawoll!

Um sich sein Studium der Germanistik und Anthropologie zu finanzieren, heuerte er als Aushilfe in einem Craft Beer Store an. Und da wurde ihm schnell klar, dass er doch kein Übersetzer werden wollte. Seine durchaus ungewöhnliche Studienwahl erklärt er mit einem Austauschjahr, dass er in der 12. Klasse in Deutschland verbracht hat. "Nach dem Schulabschluss habe ich überlegt, was kann ich? Naja, Deutsch. Ich wusste aber ganz ehrlich nie, was ich mit Germanistik anfangen soll", sagt er und lacht.


Mit dem Thema Craft Beer hingegen, da konnte er von Beginn an eine Menge anfangen. Den ganzen Tag mit den verschiedensten Menschen über ein Produkt reden, das er liebt - das war genau sein Ding. Und eben diese viereinhalb Jahre, die er im Verkauf gearbeitet hat, sieht er heute als die wichtigsten Jahre seiner Ausbildung: "In dieser Zeit konnte ich einfach wahnsinnig viele Biere probieren. Das ist die Quelle meines Aroma-Geschmacksgedächtnisses und meiner Bierstil-Kenntnisse. Das hilft mir heute in der Produktentwicklung ungemein."


Brauen war der Todesstoß für die Übersetzerkarriere

Sein Nebenjob inspirierte Ian schließlich auch, selbst mit dem Hobbybrauen anzufangen. Schnell merkte er, dass ihm diese handwerkliche, kreative Arbeit noch besser gefiel als der Verkauf. Das war der endgültige Todesstoß für die Übersetzerkarriere. Stattdessen zog Ian nach dem Bachelorstudium im Jahr 2006 zurück nach Deutschland. Er absolvierte Praktika bei der Gröninger Privatbrauerei in Hamburg, der Versuchsbrauerei der Weyermann Malzfabrik in Bamberg und der Brauerei Weisses Bräuhaus G. Schneider & Sohn in Kehlheim. Seine praktischen Erfahrungen krönte er schließlich mit einem Studium zum Diplom-Braumeister an der TU München (Campus Weihenstephan), das er 2010 erfolgreich abschloss.


Während seiner Ausbildung in Deutschland sorgte das eingeschränkte Wissen der Deutschen über ihr Nationalgetränk bei Ian regelmäßig für Verblüffung: "Am Anfang war es für mich sehr schwierig, die verschiedenen Bierstile zu erklären, weil sie für mich so selbstverständlich waren. Ich musste vorher noch nie erklären, was ein Indian Pale Ale war." Seine Generation sei in den USA quasi mit Craft Beer aufgewachsen, und kenne die verschiedenen Bierstile Deutschlands oft besser als die Deutschen, sagt er - und klingt dabei immer noch leicht ungläubig.


Wahlheimat: Hamburg, der Liebe wegen

Da sich an dieser deutschen Ignoranz gegenüber der Vielfalt von Bier bis zum Ende seines Studiums nicht viel geändert hatte, ging es für Ian erstmal wieder zurück in sein Heimatland. Drei Jahre lang arbeitete er als Braumeister in der Produktentwicklung bei der Samuel Adams Brewery in Boston. Den Deutschen Markt ließ er dabei jedoch nie ganz aus den Augen. 2013 merkte er dann endlich, dass auch hierzulande die Craft-Beer-Bewegung so langsam an Fahrt gewann - und so packte Ian wieder einmal die Umzugskisten.


Dass der innovative Brauer in Hamburg landete, obwohl er den Großteil seine Ausbildung in Süddeutschland absolviert hatte, ist - ganz einfach - der Liebe geschuldet. Seine Frau kommt aus Hamburg und bei einem Familienbesuch stieß er auf die Ratsherrn Brauerei in den Schanzenhöfen. Die stellte ihn schließlich als dritten Braumeister ein, und beauftragte ihn mit dem, was er am besten kann: neue, kreative Produkte entwickeln.


„Brauereien sollten Nischen besetzen"

Das macht er nun seit vier Jahren. Es waren vier Jahre, in denen sich auf dem deutschen Craft Beer Markt viel getan hat. Mikrobrauereien schießen wie Pilze aus dem Boden, und auch die deutschen Biertrinker sind offener für Neues geworden. Für gesättigt hält er den Markt noch lange nicht - aber doch werde es langsam Zeit für die Brauereien, Nischen zu besetzen. "Das wäre außerdem eine tolle Entwicklung für Deutschland, denn es bringt mehr Vielfalt auf den Markt."


Mit dem oben bereits erwähnten Matrosenschluck habe Ratsherrn auf jeden Fall den ersten Schritt hin zu einer Spezialisierung gemacht. "Das ist durchaus ein Produkt, mit dem wir uns identifizieren können und das von unseren Kunden sehr gut angenommen wird." Damit ist die Arbeit jedoch noch lange nicht getan. Im Gegenteil, für Ian wird es jetzt erst richtig spannend: "Die wirkliche Herausforderung als Brauer ist, über die Jahre an den Rezepturen zu feilen. So dass ein Bierstil wirklich Feinschliff kriegt - das macht richtig Spaß."


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