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Organspende: Widerspruchslösung statt Entscheidungslösung?

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Aller Aufklärungsversuche zum Trotz geht die Zahl der Organspender in Deutschland seit 2012 kontinuierlich zurück. 2017 erreichte sie sogar einen historischen Tiefpunkt: Nur 797 Menschen gaben durch ihre vorige Einverständnis nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe zur Transplantation frei. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ist die Anzahl der Organspender im letzten Jahr zwar wieder etwas angestiegen - bis Mitte November 2018 wurden bereits 832 Spender registriert, doch reichen sie bei weitem nicht aus, um den Bedarf an Spenderorganen zu decken: Hierzulande warten mehr als 10.000 schwerkranke Menschen auf eine lebensrettende Niere, Lunge oder ein Herz. Auch wenn die Organspende mithilfe der Stiftung Eurotransplant international organisiert ist, um die Chancen auf ein passendes Organ zu erhöhen, sterben pro Tag in Deutschland durchschnittlich drei Menschen, die auf der Warteliste stehen.


Dass in Deutschland so wenige Organe gespendet werden, beschäftigt Ärzte schon länger. Seit Herbst 2018 wird das Thema nun auch im Bundestag umfassend diskutiert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schlägt im Zuge der Debatte sogar die Einführung der Widerspruchslösung vor. DONNA Online erklärt, was dahinter steckt, welche Regelung bisher gilt und welche Stärken und Schwächen beide Modelle haben.

Die aktuelle Organspende-Regelung in Deutschland: Entscheidungslösung

Nach der aktuell geltenden Entscheidungslösung muss man sich bewusst für eine Organspende aussprechen, um im Falle eines Hirntods Spender zu werden. Die Zustimmung kann beispielsweise durch einen Organspendeausweis oder in einer Patientenverfügung dokumentiert werden. Liegt keine Entscheidung zur Organ- und Gewebespende vor, werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen gefragt.

Spendebereitschaft in der Bevölkerung

Angenommen, man wird schwer krank und braucht ein neues Herz. Die wenigsten müssten lange überlegen, ob sie das Herz eines anderen Menschen nehmen würden - es geht schließlich ums Überleben. Aber auch umgekehrt ist die Tendenz positiv: Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2018 sprachen sich 84 Prozent der Deutschen für eine Organ- und Gewebespende aus. Die Spendebereitschaft der hat demnach sogar zugenommen. Trotzdem besitzen nur 36 Prozent einen Organspendeausweis, der ihre Bereitschaft dokumentiert, nach dem Tod Teile ihres Körpers abzugeben.

Somit wird ein Großteil der potenziellen Organspender gar nicht erst erfasst, obwohl die Bereitschaft grundsätzlich vorhanden wäre. Genau das ist das Problem bei der in Deutschland geltenden Entscheidungslösung: Man muss sich bewusst und aktiv mit dem Thema beschäftigen und eine Entscheidung treffen. Den meisten ist es zu kompliziert oder sie wollen sich nicht mit dem eigenen Tod auseinandersetzen. Bei manchen mag es Unwissen oder Desinteresse sein, bei anderen wiederum Faulheit. Diese Haltung ist fatal: Sie führt dazu, dass die Überlebenschancen von Deutschen, die auf ein Spenderorgan warten, erheblich geringer sind als in vergleichbaren Ländern. Nach Angaben von Eurostat (Statistisches Amt der Europäischen Union) spenden in Spanien beispielsweise vier von 1000 verstorbenen Patienten ihre Organe. In Deutschland hingegen sind es nur 0,7 bis 0,8 von 1000.

Spahns Vorschlag - und was die doppelte Widerspruchslösung bedeutet

Nach den rückläufigen Spenderzahlen der vergangenen Jahre, wurde die momentan in Deutschland gültige Regelung der Entscheidungslösung zugunsten einer Widerspruchslösung in puncto Organspende immer häufiger debattiert. Auch Jens Spahn wirbt im Bundestag für eine „doppelte Widerspruchslösung". Diese sieht vor, dass automatisch jeder als Spender gilt, sofern er nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat. Hat er das nicht getan, sind - im Sinne einer doppelten Schranke - die Angehörigen zu befragen, die eine Organentnahme immer noch ablehnen können. Dadurch würde im Falle des Hirntods automatisch jeder zum potenziellen Spender werden, der zuvor nicht ausdrücklich widersprochen hat. In Europa findet diese Regelung bereits in Belgien, Estland, Finnland, Litauen und Norwegen Anwendung.

Stark verbreitet in Europa: Einfache Widerspruchslösung

In Europa noch stärker verbreitet ist eine radikalere Form der Widerspruchslösung, bei der es theoretisch nur auf den einfachen Widerspruch des Patienten ankommt. In Bulgarien, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Liechtenstein, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Polen, Portugal, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, der Türkei, Ungarn und Zypern wird die Organspende auf diese Weise geregelt. In der Praxis werden bei fehlendem Widerspruch aber auch in den meisten dieser Länder erst einmal die Angehörigen befragt, bevor dem Verstorbenen Organe entnommen werden.

Pro und Contra: Das spricht für und gegen die Widerspruchslösung

Der Leitgedanke der Organspende-Debatte ist, die Zahl der Organspender in Deutschland zu erhöhen und so eine bessere Versorgung mit Transplantionsorganen zu gewährleisten. Ein einziger Spender kann über seinen eigenen Tod hinaus bis zu sieben Menschen helfen. Neben Organen können auch Körpergewebe gespendet werden. Sie werden zur Behandlung unterschiedlicher Erkrankungen und Verletzungen eingesetzt. So kann beispielsweise eine Hornhaut-Transplantation das Sehvermögen von Menschen mit verletzter oder erkrankter Augenhornhaut verbessern.

Pro: Argumente für die Widerspruchlösung 1. Spahn: Freier Wille des Einzelnen bleibt erhalten & Spendenbereitschaft soll Normalfall werden

Spahn argumentiert, dass bereits vieles versucht worden sei, um die Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung zu erhöhen, die Bemühungen aber erfolglos blieben. Damit Organspenden in Deutschland keine Ausnahme blieben, sondern zum Normalfall würden, wolle man auf die Widerspruchsregelung setzen. Eine Umstellung würde die Bevölkerung dazu bewegen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Der freie Wille bliebe seiner Meinung nach erhalten: Wer eine Organspende aus persönlichen oder religiösen Gründen ablehnt, muss nicht spenden. Nein heißt immer noch nein. Dieses offen auszusprechen sei einer mündigen, freien Gesellschaft zumutbar und könne erwartet werden.

2. Zahl der Organspenden in Ländern mit Widerspruchslösung höher

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei der Zahl der Organspenden auf einem der hintersten Plätze. Überall dort, wo die Organspende über die Widerspruchslösung geregelt ist, seien die Organspendezahlen deutlich höher als in Ländern mit Zustimmungs- oder Entscheidungslösung, berichtet Professor Matthias Anthuber, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH).

3. Ungerechte Verteilung verfügbarer Organe

Darüber hinaus führe die Entscheidungslösung in Deutschland zu einer ungerechten Verteilung der auf dem Transplantationsmarkt verfügbaren Organe, so Anthuber. Das liege daran, dass die Stiftung Eurotransplant für die Zuteilung von Spenderorganen in acht europäischen Ländern inklusive Deutschland verantwortlich ist. Die zentrale Verwaltung beinhaltet ein gemeinsames Spender-Meldesystem und eine gemeinsame Warteliste. Die Organe werden nach Dringlichkeit und Erfolgsaussichten verteilt.

Durch die Widerspruchslösung, die in vielen Nachbarländern Deutschlands gilt, gibt es dort viel mehr Spenderorgane, sodass Deutschland viel mehr Organe aus dem Ausland importiert als es exportiert. Folglich stehen den deutschen Patienten deutlich mehr Spenderorange zur Verfügung als sie selbst zur Verfügung stellen. Damit verschlechtern wir die Transplantationschancen von ausländischen Patienten, die sich im Gegensatz zu den Deutschen Gedanken gemacht haben und Verantwortung übernehmen.

Laut Anthuber könne dieses innereuropäische Ungleichgewicht nur behoben werden, indem das deutsche Organspendesystem an das unseren Nachbarländer angepasst wird. Da in allen sieben Eurotransplant-Ländern (Benelux, Österreich, Slowenien, Kroatien und Ungarn) die (doppelte/einfache) Widerspruchslösung Anwendung findet, könne eine Anpassung nur durch ihre Übernahme erfolgen.

Contra: Argumente gegen die Widerspruchslösung Entscheidung zur Organspende wird vorweggenommen & ethische Bedenken

In der Bundestagsdebatte sprechen jedoch auch zahlreiche Abgeordnete Bedenken gegen eine solche Umstellung aus. Hauptargument der Kritiker ist, dass die Widerspruchlösung in das Selbstbestimmungsrecht der Bürger eingreife und ihre Entscheidungsfreiheit beschneide, indem sie eine Entscheidung erzwinge bzw. vorwegnehme, die dann nur mit aktivem Widerspruch aufgehoben werden könnte. Zudem sei es ethisch nicht vertretbar, einen unterlassenen Widerspruch als Zustimmung zu werten. Schweigen dürfe nicht als Einverständniserklärung ausgelegt werden.

DGCH-Präsident Anthuber kann dies nicht nachvollziehen, da niemand zu einer Organspende im Sinne einer Organabgabepflicht gezwungen, sondern lediglich zu einer aktiven Entscheidung bewegt werde. Damit bliebe die individuelle Freiheit, ob man Organspender sein will oder nicht, vollumfänglich erhalten.

Nicht die Spendebereitschaft der Bürger ist das Problem

Anders als die Debatte es vermuten lässt, lässt sich die geringe Zahl der Organspenden in Deutschland nicht nur mit spendeunwilligen Bürgern erklären. Angst vor Missbrauch, wie zum Beispiel Organhandel oder einem ungerechten, schlecht funktionierenden System, ist zwar ein Grund dafür, dass Menschen sich nicht zu einer klaren Entscheidung durchringen können, an der grundsätzliche Spendenbereitschaft liegt es jedoch nicht. Stattdessen liegt das Problem oft in den Kliniken. Einer Studie zufolge wenden sich Krankenhäuser in Deutschland viel zu selten an die Deutsche Stiftung Organspende, wenn sie einen potenziellen Spender betreuen. In vielen Fällen fehlen Zeit und Geld, um mögliche Organspender überhaupt zu identifizieren.

Genau hier setzt der im Oktober 2018 verabschiedete Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an, der völlig unabhängig von der Debatte um eine mögliche Widerspruchsregelung ist. Mit den Änderungen will Spahn die strukturellen Probleme in Kliniken bekämpfen und die Bedingungen für Organspenden insgesamt verbessern. Das Gesetz soll bereits in der ersten Jahreshälfte 2019 in Kraft treten.

Wie möchte Jens Spahn die Bedingungen für Organspenden verbessern?

Im Wesentlichen möchte Spahn folgende Punkte umstellen und verbessern:

Die Position der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken stärken, indem sie mehr Zeit und Freiräume für ihre Aufgaben (Spender ausfindig machen, informieren, mit den Angehörigen sprechen und trösten) erhalten. Die Finanzierung der Organspende verbessern (mehr Geld für Entnahmekrankenhäuser), sodass das Engagement der Kliniken nicht mehr - wie bisher häufig - zu einem finanziellen Nachteil führt. Kliniken sollen über ihre Transplantationen berichten, sodass nachvollzogen werden kann, ob sie die Chancen für Organspenden wahrnehmen und ausschöpfen. Statt ausschließlich in spezialisierten Zentren sollen auch kleine Krankenhäuser (mit Unterstützung eines bundesweiten neurologischen Bereitschaftsdienstes) Organe entnehmen dürfen. Organempfängern soll es künftig möglich sein, Dankesbriefe anonymisiert an die Angehörigen der Organspender zu senden. Zum Original