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Für immer zurück

Myrian Bergeron lebte nach dem Krieg jahrelang im Kloster Indersdorf, das elternlose Kinder aufnahm. Dieser Ort prägte sie für ihr Leben. Jetzt ist sie mit 75 Jahren gestorben. Über ihren letzten Wunsch.

Es gab einen Moment, am Ende eines bewegenden Abends im April, als alles an Myrian Bergerons Leben schlüssig erschien. An vielen Stellen grausam und herzzerreißend, aber schlüssig. Im Musiksaal des Kloster Indersdorf sang das Publikum für sie das Schlaflied, mit dem damals die Nonnen des Kinderzentrums der Vereinten Nationen (UNRRA) die heimatlosen Kinder in den Schlaf wiegten: "Weißt du wie viel Sternlein stehen?" Als Betrachter ließ sich nicht erkennen, woran sich die 75-Jährige in diesem Moment erinnerte. Doch das Gefühl, dass sich hier etwas in ihr gelöst hatte, trug sich durch den gesamten Raum. Als sie am nächsten Tag zurück in die USA flog, hielt dieses Gefühl an, so Anna Andlauer, die Bergeron nach Indersdorf begleitet hatte: "Sie war zutiefst zufrieden."

Am Karfreitag, rund eine Woche nach ihrer Rückkehr in die USA, starb Myrian Bergeron, die bereits seit längerer Zeit schwer erkrankt war. Am Sonntag, 20. Oktober, wird ihre Urne auf dem alten Friedhof an der Maroldstraße in Indersdorf beigesetzt. Hier gab es seit 50 Jahren keine Beerdigung, Andlauer stellte für Myrian Bergeron einen Sonderantrag. Ihr Grabstein wird die Inschrift tragen: "Mirjanna has returned" - "Mirjanna ist zurückgekehrt".

Ihr letzter Wunsch

Auch dieser letzter Wunsch, an diesen prägenden und doch unbekannten Ort ihrer Kindheit beigesetzt zu werden, rundet ihre Lebensgeschichte ab. Diese Schlüssigkeit hat etwas Tröstendes, doch bei Myrian Bergeron ist dies noch mehr. Aufgewachsen in den USA, war sie stets begleitet von dem Gefühl, dass irgendetwas in ihrem Leben keinen Sinn ergibt. Als Kind wachte sie manchmal nachts auf, weinend, und konnte ihrer Mutter doch nie sagen, was sie so erschütterte. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sollte für immer schwierig bleiben - es gab eine Traurigkeit zwischen ihnen, die sich Myrian Bergeron lange nicht erklären konnte. Bis 2003.

Ihre Mutter war damals vor einigen Jahren gestorben und Myrian Bergeron fand ein altes Kinderfoto von sich. Später stellte sich heraus: Das Schwarz-Weiß-Foto hängt heute im Holocaust Museum in Washington. Es ist ein Bild von Myrian Bergeron, kurz nachdem sie in das UNRRA-Kinderheim Indersdorf kam, in dem Nonnen die Kinder versorgten, die nach dem Krieg elternlos waren. Mehrere Jahre ihrer Kindheit war sie von ihrer Mutter, einer ehemaligen Zwangsarbeiterin getrennt. Bis diese sie später aus einem Kinderheim in Gauting abholen konnte und mit ihr in die USA zog.

"Du wurdest immer wieder getestet. Wie hast du das geschafft, mum?"

Myrian Bergeron hinterlässt eine große Familie. Neben zwei leiblichen Töchtern adoptierte sie als Alleinerziehende sieben weitere Kinder, darunter vor allem Geschwisterpaare. "Sie wollte Familien immer zusammenhalten", sagt Andlauer. "Und ihnen das geben, was sie selbst als Kind nicht hatte." Besonders eng war die Bindung zu ihrer Tochter Wendy, die sich am Sonntag mit einem Brief an ihre Mutter von ihr verabschieden möchte. Sie schreibt darin, wie intensiv ihre Verbindung gewesen sei, wie sehr sie sich gegenseitig verstanden und zugehört hätten. An einer Stelle fragt sie: "Du wurdest immer wieder getestet. Wie hast du das geschafft, mum?"

Ein halbes Jahr vor Myrian Bergerons Tod, verlor sie ihre Adoptivtochter Christin. Als Bergeron sie aufnahm, war sie von ihrem Vater schwer misshandelt worden, kämpfte ein Leben lang mit der Drogensucht und starb an einer Überdosis Heroin. "Da ist etwas, das ich an Myrian sehr bewundert habe", sagt Andlauer, die mit ihr auch über diesen schweren Verlust gesprochen hatte. "Sie hat alles für ihre Kinder und ihre Familie getan und schaffte es, diesen unglaublichen Verlust irgendwie zu überstehen - durch die Grundhaltung, stets ihr Möglichstes getan zu haben."

Bergeron adoptierte nicht nur traumatisierte Kinder, sie schulte Erwachsene, um Kinder nach einer Misshandlung vor Gericht vertreten zu können. "Sie konnte ganz still zuhören und schaffte es so, das Beste in einem Menschen hervorzubringen", erzählt Andlauer. Bevor Bergeron im April in Indersdorf sprach, besuchte sie am Tag zuvor Schüler der Greta-Fischer-Schule in Dachau, einige unter ihnen litten selbst unter Schicksalsschlägen. Am Sonntag wird ein Chor der Greta-Fischer-Schule für Myrian Bergeron singen, die Schüler haben einen Kranz gebastelt und die Dekoration: Lauter winzige Marienkäfer, weil Bergeron auch "ladybug"genannt wurde.

Ein Geheimnis aus Myrian Bergerons Lebensgeschichte blieb bis zuletzt ungelöst. Ihren leiblichen Vater hatte sie nie kennengelernt, auch bei ihrem Besuch in Indersdorf wusste sie weder seinen Namen noch seine Identität. In einem Archiv hatten sie und Anna Andlauer eine Akte gefunden, die einen Hinweis auf seine serbische Herkunft verriet. Kurz vor Bergerons Tod fand ihre Schwiegertochter einen entscheidenden Hinweis: Bergerons Vater bekam 1948 noch in Deutschland einen Sohn, später wanderte er nach Australien aus. Myrian Bergeron lag im Sterben, doch soll sie noch einmal hochgeschreckt sein und ihre Augen geöffnet haben, als ihre Tochter Wendy ihr sagen konnte: "Wir haben deinen Vater gefunden." Sie ist sich sicher, dass ihre Mutter diesen Satz noch verstanden hat.

Die öffentliche Trauerfeier für Myrian Bergeron findet am Sonntag, den 20. Oktober um 11 Uhr im Musiksaal des Kloster Indersdorf statt. Danach soll sie auf ihrem letzten Weg auf den alten Friedhof an der Maroldstraße begleitet werden.
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