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Zum internationalen Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter*innen

Mitte März knipste die Bundesregierung in Deutschland das Rotlicht aus. Als Schutzmaßnahme gegen die Verbreitung des Coronavirus wurden Bordelle geschlossen, Sexarbeiter*innen durften nicht mehr arbeiten.Während Cafés und Restaurants den Betrieb nach dem ersten Lockdown wieder aufnehmen durften, fielen sexuelle Dienstleistungen durch das Raster: die Bundesregierung gab kein grünes Licht für die Wiedereröffnung der Bordelle.

Im März stießen 16 Bundestagsabgeordnete aus CDU und SPD ein generelles „Sexkaufverbot" an. Sie forderten in einem offenen Brief, dass Bordelle während der gesamten Pandemie geschlossen bleiben, da sexuelle Handlungen nicht mit Social Distancing vereinbar seien. Überdies forderten die Abgeordneten eine Kriminalisierung der Sexkäufer und Betreiber, sowie Ausstiegsprogramme für Prostituierte nach dem „Nordischen Modell". Letzteres wird unter anderem in Schweden und Norwegen angewandt. Als Begründung hieß es in dem Schreiben, dass es sich bei der Sexarbeit um eine „menschenunwürdige", „zerstörerische" und „frauenfeindliche" Tätigkeit handle, zu der die meisten Frauen gezwungen würden. Diesen Frauen helfe nicht die Wiedereröffnung der Bordelle, sondern eine Ausbildung oder Tätigkeit in einem existenzsichernden Beruf.

Der Vorstoß von Seiten der Politik löste bundesweit Proteste von Sexarbeiter*innen aus. „Der Staat fickt uns, aber zahlt nicht", „Sex Work is Real Work" oder „Auch an Sexarbeit hängen Existenzen" stand auf den Plakaten, mit denen Prostituierte in Berlin, Köln und Hamburg auf die Straße gingen. Unterstützung erhielten sie von der Deutschen Aidshilfe, die eine Corona-bedingte Verdrängung der legalen Prostitution in die Illegalität befürchtet. „Menschen in der Sexarbeit brauchen ein sicheres Arbeitsumfeld mit fairen Regeln und rechtlicher Absicherung", sagte Ulf-Arne Kristal, Vorstand der Aidshilfe. Sicherheit, so Kristal, ließe sich nur unter legalen Bedingungen herstellen, ebenso der Infektionsschutz.


AOTWC traf Stephanie Klee, Sexarbeiterin und Mitbegründerin des Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen zum Gespräch über die vulnerable Situation von Sexarbeiter*innen im Corona-Jahr 2020.


AOTWC: Frau Klee, wie stehen Sie zu dem Sexkaufverbot, das dieses Jahr neu angestoßen wurde?

Klee: Die Forderung hat den Diskurs und die Stigmata rund um Sexarbeit deutlich verschlechtert. Das Bild, das die Öffentlichkeit durch diese Kampagnen bekommt, zeigt Sexarbeiterinnen immer als Opfer und die Kunden immer als Täter, die Sexualität erzwingen. Das ist eine Pauschalisierung, die dazu führt, dass sich immer weniger Sexarbeiter*innen öffentlich äußern, weil sie bevormundet und in eine Opferrolle gedrängt werden. Zudem nutzen Prostitutionsgegner*innen die Corona-Krise, um der Branche zu schaden. Das finde ich besonders perfide.


AOTWC: Politiker*innen und Prostitutionsgegner*innen sind der Meinung, dass einvernehmlicher Sex nicht gekauft werden könne.

Klee: Es gibt viele Sexarbeiter*innen, die freiwillig und selbstbestimmt diesen Job machen. Sie werden durch diese These entmündigt. Ihnen wird das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung abgesprochen.


AOTWC: Prostitutionsgegner*innen argumentieren, dass sich der Großteil der Sexarbeiter*innen in Deutschland nicht freiwillig, sondern aus einer Notsituation heraus prostituieren. Wie bewerten Sie das?

Klee: Fakt ist, dass die Situation vieler Sexarbeiter*innen deshalb so prekär ist, weil sie gesellschaftlich diskriminiert werden und nicht dieselben Rechte genießen, wie Menschen in anderen Tätigkeiten. Ja, auch in unserer Branche gibt es Frauen, Männer und Transpersonen, die nach meinem berufsethischen Verständnis nicht dahin gehören. Aber die gibt es in jeder anderen Branche auch. Das ist ein patriarchales, systemisches Problem, das durch ein Sexkaufverbot nicht gelöst wird. Die Frage nach der Freiwilligkeit ist eine Luxusdiskussion, die sich viele Frauen nicht leisten können. Fragen Sie manch eine Kassiererin oder Putzfrau! Es gibt Frauen, die würden in Ungarn verhungern. Sie haben ein Recht, in der EU zu arbeiten und können sich durch Sexarbeit in Deutschland über Wasser halten. Die Kriminalisierung ihrer Kunden hilft ihnen nicht, sondern drängt sie in illegale Strukturen.


AOTWC: Wie stehen sie zu der Aussage, Sexarbeit sei menschenunwürdig?

Klee: Menschenunwürdig ist vor allem die Art und Weise, wie der Staat mit Personengruppen umgeht, die nicht in das bürgerliche Idealbild passen. Das hat die Corona-Krise nochmal sichtbarer gemacht. Dazu zählen Wohnungslose, aber auch Sexarbeiter*innen, die keine Papiere haben oder drogenabhängig sind. Sie bräuchten jetzt Geld aus Hilfefonds, aber die bekommen sie nicht. Stattdessen wird ihnen verboten, in Bordellen zu arbeiten. So wandern sie in den Untergrund ab und müssen dort unter miesesten Bedingungen arbeiten. Ihnen fehlt der Schutz des Bordells und der Zusammenhalt unter Kolleg*innen - und das ist für viele alles, was sie haben.


AOTWC: Was fordern Sie?

Klee: Ich fordere Rechte statt Restriktionen. Ich will eine Gesellschaft, die Sexarbeit als Arbeit anerkennt und einen Staat, der Sexarbeiter*innen, wie allen anderen auch, eine Alternative zu ihrem Job anbietet. Ich will, dass Sexarbeiter*innen zum Jobcenter gehen und um eine Umschuldung bitten können, wenn sie das möchten. Wenn nicht, soll ihre Tätigkeit als solche respektiert werden. Bevormundung und elitäre Diskussionen fernab der Lebenswirklichkeit von Sexarbeiter*innen helfen nicht. Das ist für mich Gleichberechtigung!


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