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Mit Pauken und Saxophonen

Frei im Tanze, frech im Geiste, berufstätig und lebensdurstig: Die 1920er Jahre brachten einen frischen, emanzipierten Frauentypus hervor. Doch wie frei war sie wirklich, die sogenannte Neue Frau der Goldenen Zwanziger?

Sie rauchte auf der Bühne, trug Krawatte, Bubikopf und ein herausforderndes Lächeln auf den geschminkten Lippen. Die Künstlerin ­Irene ­Ambrus war die „Neue Frau“ par excellence, und sie gab dem emanzipatorischen Geist der Goldenen Zwanziger eine Stimme: „Jedes Mädchen uns’rer Zeit – hat ’ne eigne Tätigkeit“, heißt es in ihrem Schlager von 1928. ­Ambrus besang darin Frauen, die neuerdings als Juristin, Pastorin oder Schriftstellerin arbeiteten. Den eindeutig zweideutigen Refrain widmete sie der Saxophonistin Susi: „Die Susi bläst das Saxophon, die Susi bläst, das kann sie schon. Sie macht ’ne feine Musi, die Susi.“

Mit ihren frechen, leicht frivolen Gassenhauern traf die jüdische Kabarettistin aus Ungarn den Ton der Goldenen Zwanziger. Es war eine kurze, intensive Ära zwischen den beiden Weltkriegen. Ein Jahrzehnt rauschhafter Nächte und künstlerischer Blüte, das Frauen von Berlin bis New York dafür nutzten, um für berufliche Emanzipation und sexuelle Befreiung zu kämpfen. Die ARTE-Dokumentation „Die Zwanziger – Das Jahrzehnt der Frauen“ widmet sich dem Phänomen dieser neuen Weiblichkeit und stellt die Frage, wie Millionen von Frauen weltweit innerhalb kürzester Zeit neue Freiräume erobern konnten. Dabei zeigt sich, dass die feministische Idealvorstellung der sogenannten Neuen Frau im Laufe des 19. Jahrhunderts zwar romantisch verklärt worden ist, ihr Aufleben aber tatsächlich ein Meilenstein der Emanzipation war.


Mehr als Küche, Kirche und Kinder


Deutschland, Anfang der 1920er: Der Erste Weltkrieg war vorüber, der kaiserliche Obrigkeitsstaat Geschichte. In den Städten, besonders in Berlin, war der Geist einer neuen Zeit zu spüren. Gerade hatten die Frauen sich – gegen heftige Widerstände – das Wahlrecht erkämpft, nun marschierten sie mit schnellen Schritten in die Moderne. Sie erlernten Berufe, studierten und stellten, nicht selten provokativ, die bis dahin gültigen ­Rollen- und Geschlechtermuster infrage. Bereits während der Kriegsjahre waren die Frauen in die Fabriken geströmt, um die Männer, die an der Front kämpften, in ihren Berufen zu ersetzen. Nach dem Krieg war die klassische Idee vom Mann als Versorger und „starkes Geschlecht“ ins Wanken geraten. „Der ‚heroische Mann‘ funktionierte nicht mehr“, erklärt die Philosophin ­Luise ­Meier, „weil die meisten Männer körperlich versehrt aus dem Krieg zurückkamen.“ So kam es zu einer gesellschaftlichen Verschiebung: Sehr viele Frauen realisierten, dass sie als Individuum funktionierten – unabhängig von ihrer familiären Identität als Ehefrau, Mutter oder Tochter. Auch modisch befreiten sie sich aus alten Zwängen: Die Haare wurden kürzer, die Schuhe flacher, aus Korsetts und knöchellangen Kleidern wurden kurze Röcke oder Hosen.

Bis zum Ende der Weimarer Republik verdoppelte sich die Zahl der erwerbstätigen Frauen. Die meisten verdingten sich als Sekretärin, Verkäuferin oder Fabrikarbeiterin. Doch auch an den Universitäten stieg der Frauenanteil von 9 auf 18 Prozent. Die Sängerin ­Irene ­Ambrus lag also nicht ganz falsch mit ihrer künstlerischen Umschreibung ihrer viel beschäftigten Zeitgenossinnen. Und dennoch: Von tatsächlicher Gleichstellung war auch die „Neue Frau“ weit entfernt. Für die gleiche Arbeit erhielt sie in der Regel nur halb so viel Lohn wie ein Mann, und ihre Aufstiegschancen waren ungleich schlechter. Die Kehrseite jener „goldenen“ Blütezeit zeigte sich in grassierender Notprostitution, sexueller Belästigung und zynischer Ausbeutung am Arbeitsplatz. Darüber hinaus war die Erwerbstätigkeit für viele Frauen ein Vorzimmer der Ehe.

Ende der 1920er fand der Vormarsch der Frauen ein jähes, vorläufiges Ende. Infolge der Weltwirtschaftskrise wurden von 1929 an Tausende erwerbstätige Frauen im Rahmen einer „Anti-Doppelverdiener-Kampagne“ entlassen. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, wurde die „Neue Frau“ endgültig in ihre alte Rolle als Hausfrau und Mutter zurückgedrängt. Auch die Saxophonistin „Susi“ aus Ambrus’ Schlager durfte nicht länger als Vorbild dienen: Das Saxophon wurde, wie die gesamte Jazzmusik, als „antideutsch“ diffamiert und schrittweise verboten. Der Geist der „Neuen Frau“ verschwand jedoch nicht restlos, sondern suchte sich andere Wege. ­Irene ­Ambrus emigrierte noch im selben Jahr der Nazi-Machtergreifung nach England. „Emanzipation“, so formuliert es die feministische Essayistin ­Rebecca ­Solnit, „ist eben keine gerade Straße, auf der es vor oder zurück geht, sondern ein Flaschengeist, der, sofern er einmal freigelassen wurde, nicht wieder eingefangen werden kann.“

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