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Lockdown light: Lagerfeuer auf halber Strecke

Morgens Pfannkuchen bei Zoom, abends am Lagerfeuer Abstand halten? Auch im Lockdown light gibt es Wege, Freundschaften zu pflegen. © Susa Rietschel/​plainpicture, Vadim Sadovski/​unsplash.com/​unsplash.com

Die gute Nachricht zuerst: Wenn sich alle an die Regeln halten und die Zahlen sinken, ist der halbe Lockdown fast geschafft. Die schlechte Nachricht: Alle Puzzles sind längst gelöst, die Mondscheinsonate auf dem Klavier ist durchgespielt und das Laminat weist schon abgewetzte Stellen auf von all den Sit-ups aus dem Frühjahr. Langsam merken wir, dass es nicht die Hobbys sind, die uns fehlen. Was wir vermissen, sind die anderen. Freunde und Bekannte, geistiger Austausch, guter Zuspruch: ein Wir, als säßen wir gemeinsam vorm Lagerfeuer oder wenigstens zu "Wetten, dass...?" vor der Glotze. Fünf Tipps aus der Redaktion, wie das wenigstens auf kleiner Flamme gehen kann


Die guten Seiten der Fernfreundschaft

Das letzte Mal, als ich Rebecca besuchte, war Corona noch ein Witz. Am Hauptbahnhof Wien fiel sich gerade ein Paar in die Arme, die eine schrie "Corona-Kuss!", sie lachten. Ich fuhr zu Rebecca und erzählte ihr davon. Die nächsten Tage verbrachten wir im Theater, im Museum, im Café. Das war Anfang März, zwei Wochen später war Österreich im Lockdown.

Als ich Mitte September erneut, diesmal mit Maske, im Zug saß, blinkte auf meinem Handy kurz vor Halle an der Saale die Eilmeldung auf: Die Bundesregierung erklärte Wien zum Risikogebiet. Ich stieg aus und fuhr zurück nach Berlin. Seit März haben Rebecca und ich uns also nicht gesehen.

Die Fernfreundschaft, sie hat es nicht leicht zu Zeiten einer Pandemie. Man kann Alltagsbanalitäten zwar auch anders teilen, kann Befinden, Gedanken, Frisuren bei Facetime kommentieren, während man sich ungeduscht das Handy vor die Stirn hält. Doch das ersetzt nicht die gelegentliche Nähe ohne eingefrorene Bildschirmgesichter. "Du hängst" ist wohl der Satz, den ich in den vergangenen Monaten am häufigsten zu Rebecca gesagt habe.

Wo es keine Präsenz gibt, braucht es ein Projekt. Im Mai fingen Rebecca und ich an, gemeinsam Bücher zu lesen. Wir haben seitdem zwar erst eins geschafft, aber das zweite immerhin schon angefangen. Das liegt am Tempo unserer Zoom-Treffen. Manchmal schweigen wir minutenlang, weil wir eine Textstelle suchen. Dann liest eine sie vor und wir schweigen wieder, blättern, nippen am Kaffee. Das ist in Freundschaften ja ausgesprochen wichtig: einfach mal nichts zu sagen.

Nächstes Mal dann bis Seite 244, vereinbaren wir am Ende, verschieben dreimal, weil eine es immer nicht schafft, das Kapitel rechtzeitig zu lesen - und halten uns dann wieder ungeduscht ein Buch vor die Stirn. Du hängst, Rebecca. Ann-Kristin Tlusty


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