7 Abos und 3 Abonnenten
Artikel

Inlineskaten: They see me rollin'

Die Corona-Krise lässt an Gewissheiten zweifeln. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass deutsche Talkshows es zustande brächten, wochenlang keine einzige Politikerin der AfD einzuladen? Dass ein Staat so stark in die Wirtschaft eingreifen würde? Oder dass halb Instagram mal verrückt nach Hefe wäre?

Auch ich wurde in einer wesentlichen Gewissheit erschüttert: Eigentlich wollte ich nie wieder inlineskaten. Diesen Entschluss hatte ich gefasst, nachdem ich mich mit zwölf Jahren mal wagemutig ohne Schützer auf die Rollen gestellt hatte. Ich stürzte, meine Lieblingsjeans zerriss, ich humpelte mit blutendem Knie nach Hause und schickte ein Fax an meine Brieffreundin, in dem ich ihr das Ende meiner Inlineskating-Karriere mitteilte.

Dann kam der März 2020. Schwimmbäder und Yogastudios schlossen. Mit krummem Rücken saß ich im Homeoffice. Mein Körper erlahmte. Die Stimmung sank. Plötzlich kam mir der erlösende Gedanke: Ich bestellte mir Inlineskates.

Für all diejenigen, die sich derzeit nicht in einer Stadt mit viel asphaltiertem Boden aufhalten, ein kurzes Update: Inlineskaten ist voll das Ding. Alle tun es, spätestens seit Schließung all jener Institutionen, in denen man sich normalerweise austoben kann. Und tatsächlich liegen die Vorteile auf der Hand.

Im Vergleich zu allen anderen Sportarten, die während einer globalen Pandemie möglich sind, schneidet Inlineskating einfach sehr gut ab: Es ist lässiger als YouTube-Yoga (mehr Wind), kommunikativer als Joggen (mehr Atem), lustiger als Spazieren (mehr Tempo) und geschmeidiger als Radfahren (mehr Rollen). Kurz: Inlineskaten ist das beste Krisenhobby für den bevorstehenden urbanen Sommer.

Die erste Reaktion aller, denen ich von meinem neuen Hobby erzähle, lautet: Haha, voll Neunziger. Ich frage mich, was in den vergangenen zwanzig Jahren los war. Woran liegt es, dass Inlineskaten mal ein Massensport war – und in den Nullerjahren so rapide an Popularität verlor?

Inlineskating war der passende Sport zum beschleunigten Vibe der Neunziger. Im Kontrast zum eher subversiven Skateboarding war das Gleiten auf aerodynamischen Schuhen ein Ausdruck galanter Selbstoptimierung. Bauch, Beine, Po und so weiter.

Für das plötzliche Ende dieses Trends gibt es eine praktische Erklärung: In vielen Städten mangelt es an asphaltierten Freiflächen, an denen es sich sicher und von Verkehr ungestört rollen lässt. Nach einer kurzen Welle der Euphorie hat sich Inlineskaten schlichtweg nicht durchsetzen können. Und es gibt auch eine soziologische Theorie: Demnach brach der ohnehin schon angeschlagene Inlineskating-Markt nach dem Attentat vom 11. September 2001 endgültig ein. Im Angesicht des Terrors sei Inlineskaten, so die These, einfach nicht mehr der adäquate Sport der Post-9/11-Ära gewesen. Er war nun zu unbeschwert, zu bubblegummy.

War es in den Nullerjahren also womöglich ein globaler Schock, der die Rollen in die Keller wandern ließ, ist es nun eine globale Krise, die Inlineskating wieder populär macht. Ist dieser Trend nun Ausdruck einer Sehnsucht nach eben jener Unbeschwertheit der Neunzigerjahre, nach einer Zeit, in der weder Terroristen noch Viren ein globales Problem waren? Oder verhält es sich genau andersherum: Ist Inlineskaten vielmehr der Sport der krisenerprobten Bürgerin, die sich zu behaupten weiß? Popkulturelle Relikte der Neunziger lassen sich schließlich umdeuten: Britney Spears ist mittlerweile Sozialistin.

Kate Moss macht's falsch

Apropos Ikonen der Neunziger. Es gibt eine Fotografie von Kate Moss aus dem Jahr 1992, die sie kerzengerade auf Inlineskates zeigt. Sie trägt einen weißen Tüllrock, der ihre nackten Knie betont, blickt zur Seite und reckt ihre ungeschützten Ellbogen in die Höhe. Die vorfreudige Anfängerin sollte sich bei ihrer ersten Tour dieses Foto vor Augen halten, denn: Kate Moss macht darauf alles falsch, was man nur falsch machen kann.

Da wäre erstens: die Haltung. Am besten lehnt man den Oberkörper etwas nach vorn, positioniert die Füße leicht versetzt, einen Skate vor dem anderen, beugt die Knie an und hält die Hände vor dem Körper. Steht man so aufrecht wie Kate Moss, riskiert man bei plötzlichem Balanceverlust einen Sturz nach hinten, und den gilt es unbedingt zu vermeiden (tut weh). Man sollte alles dafür tun, um nach vorn zu fallen, und darum benötigt man zweitens: Knieschützer. Mit denen übt man dann erst einmal den Fall nach vorn. Das kann sich ungefähr so lustvoll anfühlen, wie wenn man sich beim Volleyball mit den Knien voran in den Sandstrand fallen lässt – aber Strand wird es diesen Sommer nicht geben, darum: Knieschützer.

Ist der Fall auf die Knie perfektioniert, übt man weiter, und dafür benötigt man drittens (und viertens): Handgelenk- und Ellbogenschützer. Dieser Sturz in die Horizontale fühlt sich dann nicht mehr lustvoll an, trägt aber zu einem sicheren Fahrgefühl bei, weil der Ernstfall schon mal durchexerziert wurde. Nicht nur fürs Gefühl, sondern auch für die Sicherheit ist außerdem, fünftens, ein Helm unabdingbar. Man sieht dann nicht mehr aus wie Kate Moss, das stimmt. But safety first. Dem klassischen Fahrradhelm ist ein Skatehelm vorzuziehen, der auch den Hinterkopf schützt. 

Vom Equipment nun zur Praxis: Eingepackt in lauter Schutzutensilien stehe ich das erste Mal auf meinen frisch gekauften Inlineskates. Ich fühle mich wie mit zwölf. Der Anfang ist wackelig, eine Freundin hält Händchen. Doch dann scheint mein Körpergedächtnis einzusetzen, die Bewegung ist plötzlich vertraut. Jetzt fehlt, sechstens, nur noch eins: der Blick in die Ferne.

Die Anfängerin mag zwar sehr verlockt sein, die Kiesel vor sich auf dem Asphalt zu inspizieren, doch für die Balance ist es vonnöten, Weitblick zu bewahren. Der taugt ja derzeit auch zur Lebensphilosophie: Das, was direkt vor einem liegt, ist sowieso nicht planbar. Was wird nach der Krise passieren? Während man so Richtung Rezession blickt, gleitet man mit links, mit rechts nach vorn. Und benötigt, siebtens, nur noch: Technik.

Anfangs mache ich kleine, schnelle Schritte, doch allmählich wird die Bewegung gleitender. Fürs Standardrollen setzt man die Skates in einem Winkel von etwa 30 Grad nach vorn. Je schneller man fährt, desto seltener sollte man auftreten: Langes Gleiten erzielt Geschwindigkeit, ohne viel Kraft und Ausdauer zu vergeuden. Wer diese Basistechnik flüssig beherrscht, kann sich dem Speed Skating, Slalom Skating, Lemon Skating oder Aggressive Skating, dem Springen, Rückwärts- oder Einbeinigfahren widmen – sollte vorher aber, achtens, noch schnell das Bremsen lernen.

Bremsen war von Anbeginn ein Problem. Der Erfinder des Inlineskatings, John Joseph Merlin, soll im Jahr 1760 aufgrund mangelnder Bremsmöglichkeiten in eine Spiegelwand gecrasht sein. Heute verfügen die meisten Inlineskates über eine sogenannte Fersenbremse, die sich durch ein abruptes Heben des rechten Vorderfußes aktivieren lässt. Je stärker man den Bremsblock in den Boden drückt, desto schneller kommt man zum Stehen, und je mehr man in die Knie geht, desto weniger verliert man die Balance. Aber es gibt auch andere Techniken: Beim T-Stop dreht man den hinteren Skate um 90 Grad zur Seite (was leider den Rollen schadet), beim Plow-Stop fährt man mit den Füßen ein O, drückt die Knie dicht zusammen und presst die Skates in den Boden (was Skifahrerinnen bekannt vorkommen dürfte). Weniger Ambitionierte können auch auf Punkt zwei zurückgreifen: Ein gekonnter Sturz nach vorn beendet jede Fahrt.

Wer nun euphorisch seine alten Skates aus dem Keller holt, sollte vorab kurz die Rollen überprüfen. Wenn sie sich noch richtig drehen, ist alles gut. Ist der Stoff porös geworden, können sie brechen. Für einen erneuten Kauf ist neben der Frage des präferierten Designs vor allem ein Kriterium wichtig: Vorn sollte ein Zentimeter Platz frei sein, der restliche Skate muss eng am Fuß anliegen.

Ob nun drei oder vier Rollen zur optimalen Gleiterfahrung führen, ist umstritten. YouTube-Skater berichten, dass sich die etwas höheren Triskates auch für unebene Flächen, sogar Wiesen eignen, und sich zudem ein schnelleres Tempo erzielen lässt. Andere halten dagegen, dass die großen Rollen der Triskates das Fahren instabiler gestalten. Die Kontroverse ist übrigens älter, als man denkt. Das erste Vier-Rollen-Modell stammt aus dem Jahr 1789, der Drei-Rollen-Schuh von 1828.

Im Jahr 2020 hat sich das etwas stabilere Vier-Rollen-Modell offenbar durchgesetzt, auch für mich ist es perfekt. Die meisten Leute, die mir entgegen rollen, handhaben es genauso: erst mal wieder reinkommen und gemächlich rumfahren. Wahrscheinlich sah es mit zwölf Jahren nicht viel anders aus. Egal, der Wind weht mir entgegen, ich fühle mich leicht, denke an Britney, Kate und Bubblegum. Die Rollen geben ein surrendes Geräusch von sich, der Asphalt fühlt sich unter ihnen fast weich an. Unter dem Pflaster liegt bekanntlich der Strand. Für einen Sommer, der wohl nicht allzu viel am Meer stattfinden wird, sind das doch tröstende Aussichten.


Zum Original