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Artikel

Frauenbewegung: Der Feminismus muss eine Bitch sein

Von
Elena Erdmann, Marlene Knobloch, Julia Meyer, Ann-Kristin Tlusty und Erica Zingher


Vor 50 Jahren begann mit drei Tomaten die zweite große Frauenbewegung in Deutschland. Und jetzt? Sechs Forderungen an den Feminismus von morgen


1968, Frankfurt am Main: Helke Sander ist die einzige weibliche Rednerin auf der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Sie fragt nach Lösungen für Kinderbetreuung und Haushalt - und wird ignoriert. Ihre Mitstreiterin Sigrid Rüger will das nicht gelten lassen und feuert drei Tomaten aufs Podium. Damit beginnt die sogenannte zweite Welle der Frauenbewegung in Westdeutschland. Vier Jahre später findet der erste Bundesfrauenkongress mit 400 Teilnehmerinnen statt. Es folgen Demonstrationen für rechtliche Gleichstellung. Und in den Jahren danach wird Vergewaltigung in der Ehe zur Straftat erklärt, das Abtreibungsgesetz liberalisiert. Frauen gelten endlich als geschäftsfähig und besetzen politische Ämter. Also alles gut? Auf keinen Fall! Sechs Thesen, wie der Feminismus von morgen sein muss.


1. Der Feminismus muss eine wütende Bitch sein

Es ist nicht lange her, da gab es wütende Feministinnen. Sie nannten sich "Rote Zora" und kämpften gemeinsam im Widerstand. Was sie einte? Na ja, ihre Wut. Vor 50 Jahren entstand ein militanter Feminismus, einer, der gewaltbereit war und nicht davor zurückschreckte, mit Waffen gegen die Unterdrückung zu kämpfen. Linke Feministinnen zündeten staatliche Institutionen an, ließen Bomben hochgehen und attackierten ihre Systemgegner.

Diese Wut verschwand in den frühen Achtzigerjahren aus dem feministischen Kampf. Frauen, die sich heute für Gleichberechtigung einsetzen, tun dies oft stiller und vermittelnder. Es scheint, als haben viele sogar Angst davor, wütend das Wort zu erheben, wenn sie ungerecht behandelt werden. Doch das ist ein Problem. Es geht zwar nicht um Bomben, aber darum, aufzumucken.

Vieles ist erreicht worden, einiges besser geworden. Das Paradebeispiel: Deutschland hat eine Bundeskanzlerin. Oder: ein Gleichstellungsgesetz. Aber gleichzeitig ist vieles unzureichend. Der weibliche Körper ist immer noch Objekt, ein Gegenstand, der von Männern diskutiert und kontrolliert wird. Das aktuellste Beispiel ist wohl die Diskussion über den Paragraphen 219a, der es Frauenärzten verbietet, darüber zu informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Frauen zu kriminalisieren, weil sie selbstbestimmt über ihre Schwangerschaft entscheiden wollen, wird damit wieder diskutabel. Waren wir nicht mal weiter? Sexuelle Gewalt, die sich seit Jahrzehnten durch eine ganze Branche zieht, wird unter #Metoo zum ersten Mal öffentlich. Und ein Minister kann noch immer ein Ministerium besetzen, ohne eine einzige Frau in der Führungsriege. Muss das nicht wütend machen?

Die Kolumnistin Margarete Stokowski schrieb genau darüber in ihrem Buch Untenrum frei. Sie erklärte, was Wut eigentlich will: Veränderung. Veränderung heißt immer Kampf - und Kämpfe müssen wehtun. Wer Veränderung will, muss sich streiten, Positionen aushandeln, sich reiben. Der Kampf muss laut sein und dreckig, auch ausarten dürfen. Das ist das Wesen von Kämpfen. Keine Revolution ist dabei je ohne Wut ausgekommen. Auch der Feminismus wird es nicht.

Anleitungen zum wütend sein gibt es genug - und Gründe auch. Die Wissenschaftlerin und Rapperin Reyhan Şahin nennt die nötige Haltung und Lebenseinstellung dafür "Bitchsm". Sie appelliert, selbstbewusst durchs Leben zu gehen, sexuell aggressiv und wütend zu sein. Also eine Bitch im positiven Sinne. Şahin schrieb ein Buch dazu mit dem brüllenden Titel: Du hast es nicht verstanden, Ficker!

Diese Form von Kommunikation ist es, die wir in Zukunft brauchen. In politischen Debatten müssen mehr Tomaten fliegen, höfliche Worte haben ausgedient. Teilhabe muss radikal formuliert und eingefordert werden, auch im Alltag. Wer Übergriffe von Männern beobachtet, muss laut werden und Betroffene unterstützen. Wer in Diskussionen nicht ernst genommen wird, muss unermüdlich einfordern, gleichberechtigt zu sein. Und wer sein Recht auf Selbstbestimmung in Gefahr sieht, muss auf die Straße gehen und kämpfen. Denn: Der Feminismus muss eine anstrengende, wütende Bitch sein. Nur wer aneckt und unbequem ist, wird gewinnen.

Erica Zingher



2. Der Feminismus muss seinen Bruder im Arm halten

Die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau ist der Treibstoff des Patriarchats. So lautet eine eher unromantische These der isländischen Politikwissenschaftlerin Anna Jónasdóttir. Treibstoff? Patriarchat? Liebesbeziehung? Betrachtet man Statistiken, nach denen die Anzeigen häuslicher Gewalt steigen oder der Großteil von Reproduktions- und Care-Arbeit noch immer auf weiblichen Schultern lastet, erscheint diese Behauptung relativ indiskutabel. Und sie weist vor allem auf eines hin: Sexistische Strukturen lassen sich nicht allein von Frauen abschaffen. Dafür braucht es, surprise: Männer.

Lange Zeit war Feminismus ein genuin weibliches Projekt: Feministinnen haben Frauenfilme gedreht, Frauenzentren und Frauenverlage gegründet und Frauenkneipen besucht. Diese Maßnahmen der sogenannten zweiten Welle der Frauenbewegung waren ohne Frage effektreich, führten sie doch zu einer Institutionalisierung feministischer Anliegen, die heute als selbstverständlich gelten.

Ein Feminismus jedoch, der Gleichberechtigung auf allen Ebenen anstrebt, muss den Dialog mit Männern suchen: einen Dialog, der nicht nur in der Anklage von Übergriffen und Gewalt besteht. Sondern einen, der auch einen gemeinsamen Blick auf Geschlechterbeziehungen wirft und ebenso Raum für ein Zuhören schafft. Das bedeutet nicht, dass Frauen sich alles anhören müssen. Aber Männer sind nicht nur strukturelle Täter, sondern auch selbst mit belastenden Rollenerwartungen konfrontiert. Wer will und kann täglich Dominanz, Härte und Potenz unter Beweis stellen müssen?

Wir müssen die eigene Sozialisation als Kern der Geschlechterdifferenz begreifen. Nicht die Natur, sondern eine gesellschaftlich konstruierte Binarität führt zur Unterschiedlichkeit von Männern und Frauen – für diese Überzeugung muss man keine Butler-Jüngerin sein. Begreifen wir das Patriarchat nicht nur als die Vorherrschaft der alten, weißen Knacker, sondern auch als eine Dynamik, innerhalb derer Männern und Frauen einander komplementäre Eigenschaften zugesprochen werden, wird deutlich: Wir brauchen Männer als Komplizen. Unsere Freunde, Brüder, Väter, Liebhaber, Kommilitonen und Kollegen müssen Teil unseres Kampfes gegen beschränkende Ideen von Männlichkeit und Weiblichkeit werden. Damit es irgendwann einmal heißen wird: Das Patriarchat wurde von Frauen und Männern abgeschafft. Wie romantisch.

Ann-Kristin Tlusty


3. Der Feminismus muss breitbeinig sein

Es gibt da eine männliche Haltung, die mich fasziniert. Sie begegnete mir neulich wieder an einem warmen Sommerabend am Spreeufer: Ein Mann sitzt mir so gegenüber, als hätte er zwei Medizinbälle zwischen den Beinen, stopft sich schmatzend Fladenbrot mit Hummus in den Mund und monologisiert über den Nahostkonflikt. Dass der Kenntnisstand gering und verbale Präzision nicht vorhanden war, störte ihn und auch den Rest der Party wenig. Er bekam den Raum, den er wollte, auch wenn er Israelis abwechselnd als "Stasi" oder "Faschisten" bezeichnete. An diesem Abend bedauerte ich es zutiefst, dass es im studentischen Milieu nicht üblich ist, sich zu prügeln (für eine Frau natürlich noch viel weniger).

Meine Wut entsprang weniger den abgründigen Inhalten des Breitbein-Mannes. Ich musste mir eingestehen: Ich war neidisch. Ich war neidisch, weil mir in meinem ganzen Leben nicht eine einzige Frau begegnet war, die allein durch ihre dominante Körperhaltung Raum und Respekt für den krudesten Unsinn bekommen hat. "Geschlecht ist nicht etwas, was wir haben, schon gar nicht etwas, was wir sind. Geschlecht ist etwas, was wir tun", schreibt die Psychologin Gitta Mühlen-Achs und formuliert damit eine These der Doing-Gender-Debatte, bei der Geschlechterdifferenz (unter anderem) als ein Resultat der Alltagspraktiken von Menschen verstanden wird. Körpersprache ist keine Banalität, sie prägt unser gesamtes Miteinander. Keine Sorge: Feminismus soll Männern kein Panzertape um die Beine wickeln. Männer dürfen breitbeinig sitzen – Frauen aber auch. 

"Wenn Männer ihre Tage kriegen würden … Sie glauben doch nicht, dass wir uns mit einer schlichten Always Ultra begnügen würden? Wir hätten eine halbe Matratze in der Hose – damit man es sieht!", scherzte einmal Jürgen von der Lippe. Frauen schmuggeln Tampons immer noch unauffällig wie Koksdealer auf die Toilette, fragen flüsternd nach Schmerztabletten für Unterleibsschmerzen und hüten Phänomene wie Menstruationsbeschwerden märtyrerhaft als Frauengeheimnis. Während Männer nach erfolgreichen Torschüssen mit eindeutigen Gesten auf ihre Lendengegend deuten, als sei hier der eigentlich verantwortliche Held für dieses Traumtor zu finden, wenn sie sich gegenseitig Kopfnüsse geben oder weinend auf den Boden legen, dann ist das natürlich unprofessionell, aber bei so einem Spiel "können die Emotionen schon mal überkochen". Wenn Serena Williams dagegen wie vor Kurzem gegen die Entscheidung eines Schiedsrichters protestiert, ihren Tennisschläger zertrümmert und zu weinen beginnt, reagiert sie "völlig irrational". Warum wundern sich plötzlich alle darüber? Weil keiner wusste, dass Frauen auch irrationale Aussetzer haben können?

Feminismus muss breitbeinig sein. Feminismus muss sich Medizinbälle zwischen die Oberschenkel klemmen und sich Räume erobern. Dabei geht es nicht nur um Spreeabende und Periodeneinlagen. Es geht um männliche Attribute, die zu lange als solche hingenommen wurden. Vor allem von uns Frauen. Es geht nicht darum, sich wie Männer zu verhalten. Nein, Feminismus muss Verhaltensweisen und Alltagspraktiken hinterfragen, männliche Patentrechte aufdecken, um Rollenerwartungen zu lösen, Frauen und Männern neue Chancen zu geben und sich Beinfreiheit zu schaffen. Klug, nie feindselig. Großzügig, nie habgierig. Und vor allem: Wir Frauen müssen uns selbst den Weg ebnen, ob Tomaten werfend oder Tennisschläger schmetternd.

Marlene Knobloch


4. Feminismus darf kein Lifestyle sein

Vielleicht war es dieser Augustabend bei den MTV Video Music Awards 2014, an dem die Verglitzerung des Feminismus ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Der Abend, den R'n'B-Sängerin Beyoncé einläutete, indem sie sich, breitbeinig im kurzen Dress, mitten auf die dramatisch ausgeleuchtete Bühne stellte. Hinter ihr funkelte, jeder Buchstabe größer als Beyoncés Körper, das Zauberwort: FEMINIST.

Nun ist es so, dass es grundsätzlich begrüßenswert ist, wenn emanzipatorische Forderungen den Mainstream erreichen. Was in den Mainstream gelangt, gerät auch in die Köpfe der Menschen, könnte man sagen, und was in den Köpfen der Menschen steckt, kann Veränderung herbeiführen.

Politische Veränderungen sind jedoch nicht das zentrale Anliegen eines solch warenförmigen Feminismus. Während in Beyoncés jüngerem Schaffen kämpferische Ansätze stecken, ist Feminismus an anderer Stelle längst zu einer unpolitischen Marke geworden: Man kann Feminismus als Parfüm, als Haute-Couture-Shirt oder knallpinke Ratgeberliteratur kaufen – Hauptsache, es steht FEMINIST drauf.

Solch ein kommodifizierter Feminismus ist aber nur ein funkelndes Accessoire – und als solches "ungefähr so radikal wie ein mit Strass besetztes Handycover und so leicht runterspülbar wie ein probiotischer Trinkjoghurt", wie die britische Philosophin Nina Power in Die eindimensionale Frau schreibt.

Dafür stehen die fröhlichen Karrierefeministinnen, wie zum Beispiel die Facebook-Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg. Lean in. Women, Work, and the Will to Lead heißt ihr berühmtes Manifest. Die Botschaft: Kniet euch rein, Girls, dann wird’s auch was mit der Karriere. Ein solcher Feminismus ist jedoch nicht mehr als die weibliche Umdeutung neoliberaler Anforderungen: Empower dich selbst, sei für dich selbst verantwortlich und schau zu, dass du nach vorn gelangst.

Von kollektiven Zusammenschlüssen ist im Ego-Feminismus keine Spur mehr, für Solidarität mit Frauen, die nicht auch auf einer Karriereleiter stehen, kein Platz.

Der Feminismus von morgen aber ist nicht sexy, kein Vergnügen und kein Accessoire – er muss neben, hinter und vor sich schauen, statt nur nach "weiter", nur nach "oben". Sein Erfolg liegt eher im gemeinsamen Scheitern anstatt im einzelnen Vorankommen, eher im gemeinsamen Demonstrieren als im Einzelauftritt. Der Feminismus muss sein inneres Proletariat aktivieren. Sobald er glitzert, sollten wir misstrauisch werden.

Ann-Kristin Tlusty


5. Der Feminismus muss nerdig sein

"Mann ist zu Computerprogrammierer wie Frau zu Hausfrau" – das verkündete letztes Jahr ein selbstlernender Algorithmus. Wissenschaftler hatten den Algorithmus untersucht und gefunden: Wenn Maschinen aus Texten lernen, übernehmen sie auch Vorurteile, die in diesen Texten stecken. Das mag erst mal abstrakt klingen – doch solche Verfahren kommen heute in vielen Anwendungen zum Einsatz. Der besagte Algorithmus etwa eignet sich zur Sprachanalyse und lässt sich etwa bei Sprachassistenten wie Siri oder Alexa einsetzen.

Dass es ausgerechnet der Programmierer ist, den der Algorithmus so stark mit Männern verbindet, ist ja auch kein Wunder. Obwohl mittlerweile mehr Frauen als Männer studieren, bleiben die Einschreibezahlen in Technik und Naturwissenschaften weiter niedrig. Egal, ob unter Wissenschaftlern, Ingenieuren, Entdeckern oder Programmierern: Frauen findet man dort kaum. Und selbst auf Wikipedia schreiben fast ausschließlich weiße Männer aus den USA und Europa.

Doch Technik bestimmt maßgeblich mit, wie unsere Welt von morgen aussehen wird. Wird sie nur von Männern entwickelt, dann finden die Probleme von Frauen dort kaum Berücksichtigung. Dann behauptet Apple stolz, seine Apple-Watch würde alle Gesundheitsdaten aufzeichnen – und vergisst dabei, einen Menstruationskalender einzubauen. Dann werden bei Alexa und Siri Algorithmen eingebaut, die von Frauen automatisch auf Hausfrauen schließen.

Es ist nicht leicht, als Frau zur Technik zu finden: Schon beim Kinderspielzeug fängt es an. Jungs bekommen Entdeckerkoffer und Computerspiele, Mädchen Puppen. Die Botschaft ist klar: Mädchen haben hier nichts zu suchen. Im Arbeitsleben geht es weiter. Bei Google verfasste vor einem Jahr ein Mitarbeiter ein Memo und schrieb, dass Frauen von Natur aus schlechter in den Naturwissenschaften seien, und dass man schleunigst alle Frauenförderungsprogramme einstellen solle. Er wurde dafür gefeuert, trotzdem gab es unter seinen Kollegen viel Zuspruch für seine Aussagen.

Nicht immer sind die Anfeindungen so offensichtlich. Oft müssen sich Frauen einfach mehr beweisen als ihre männlichen Kollegen – weil man ihnen ein Verständnis von Technik immer noch nicht zutraut. Bei GitHub, einer Plattform, auf der Programmierer ihren Programmcode veröffentlichen, zeigt sich: Code von Frauen wird besser bewertet, wenn nicht dabei steht, dass die Entwicklerin eine Frau ist. Dann aber ist die Bewertung im Durchschnitt sogar besser als bei den Beiträgen von Männern. Am Können kann es also wohl kaum liegen.

Deswegen muss der Feminismus von morgen nerdig sein: Damit Frauen sich endlich zutrauen, zu forschen und Technik mitzuentwickeln. Damit die Welt von morgen nicht ausschließlich von weißen Männern gestaltet wird. Damit Technik nach den Bedürfnissen aller Menschen gebaut wird. Damit Daten und Algorithmen genutzt werden, um aufzuzeigen, wo es noch Ungerechtigkeiten gibt, anstatt sie blind zu verstärken. Und damit kleine Mädchen davon träumen, die Wissenschaftlerinnen, Ingenieurinnen, Programmiererinnen und Entdeckerinnen von morgen zu werden.

Elena Erdmann


6. Der Feminismus muss antirassistisch sein

"Es reicht! Frauenmarsch. Wir sind kein Freiwild. Nirgendwo. Die Freiheit der Frau ist nicht verhandelbar", steht auf dem Transparent, hinter dem sich die Menge versammelt. Im Juni dieses Jahres zogen etwa 550 Menschen durch die Berliner Straßen. Frauen mit Deutschlandflaggen, dahinter Männer, die rund die 60 Prozent der Demonstrierenden ausmachten. Einschlägige rechtsradikale Tattoos sind zu erspähen, Islamfeindliches wird skandiert, die Rhetorik der Abendlandverteidigung strapaziert. Das Begehr dieser Menge: der Schutz der Frau.

Dahinter verbirgt sich jedoch ein Frauenbild, das in der wohlwollendsten Variante noch als traditionell beschrieben werden kann. Ein Frauenbild, das keine emanzipatorische Wirkkraft entfaltet, keine sozialpolitischen Forderungen transportiert, sondern allein durch seine Schutzbedürftigkeit definiert wird. Schutzbedürftigkeit vor dem vermeintlich Fremden wohlgemerkt. Dieser Marsch trat nicht für die Rechte der Frau ein, sondern war schlicht antifeministisch. Er bestätigte die Hierarchie zwischen den Geschlechtern, und, schlimmer noch, er war rassistisch. Der vermeintliche Schutz der Frau – nicht die Rechte der Frau – wurde benutzt, um ganze Bevölkerungsgruppen zu diffamieren. 

Wohin eine solche Vereinnahmung moralischer Haltungen führen kann, sah man dann im August in Chemnitz. In den ersten Stunden nach der Tötung eines jungen Mannes durch Geflüchtete heizte ein Gerücht die Stimmung noch zusätzlich an. Der Mann habe sterben müssen, weil er eine Frau gegen sexuelle Übergriffe zu Hilfe geeilt sei. Dieses Gerücht war nicht die Ursache, für das, was folgte, aber ein Katalysator: Unter dem Vorwand der Trauer grölten Rechtsextremisten rassistische, faschistische Parolen durch die Straßen, griffen Menschen an.

Aus feministischer Sicht ist das eine bestürzende Komplizenschaft. Das Eintreten für die Freiheit der Frau, und zwar in den Grenzen ihrer vorgesehenen Rolle, gebärdet sich hier als Verteidigung und ist dabei nichts anderes als ein Angriff: So wird Feminismus zur Waffe gegen als fremd Verstandene. 

Diese Instrumentalisierung ist kein neues Phänomen, aber sie geschieht immer häufiger. Der Feminismus aber, der sich als intersektional versteht, und der aufbegehrt gegen verkrustete Herrschaftsstrukturen, wird aktuell bedroht aus genau der Ecke, die sich einzelne Aspekte aus dem Programm herausnimmt und sie unter falscher Flagge vor sich herträgt. Der sogenannte Rechtsruck bedroht auch emanzipatorische Anliegen. Antifeminismus wird zurzeit, wie viele andere Diskriminierungsformen, immer salonfähiger. Feminismus und Antirassismus eint schlicht die Erkenntnis: Unterdrückung ist nicht okay. Wie sollte Feminismus also sonst sein, wenn nicht antirassistisch?

Julia Meyer




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