Ann-Kathrin Kübler

Journalistin, Redaktorin, Texterin, Zürich

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Artikel

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin

Der Krieg in Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan dauerte 44 Tage und forderte Tausende Opfer. Der Journalist Daniel Böhm berichtete direkt aus dem Kriegsgebiet - als einer der wenigen aus der Schweiz. Erst seit dem Waffenstillstand schicken Schweizer Medien Korrespondentinnen in die Region. Warum nicht vorher? Anfang Oktober 2020. Die Gefechte in Bergkarabach dauern seit einer Woche an, als Daniel Böhm zum ersten Mal in das Kriegsgebiet reist. Der freie Journalist landet in der armenischen Hauptstadt Yerevan, bevor ihn eine Presseverantwortliche über den Korridor von Goris nach Stepanakert, der Hauptstadt des umkämpften De-facto-Staats, fährt. Im Gepäck hat der Berner ein Erste-Hilfe-Kit, einen Helm und eine Splitterschutzweste. Als er ankommt, ist es ruhig über der Stadt. Es gibt keine Bombardierungen wie in den Tagen davor.

Der 40-Jährige besucht die Einwohner, die in Bunkern Zuflucht suchen. Er befragt Offizielle der Regierung und nimmt an Pressetouren zu Frontabschnitten teil. "Dass zwei staatliche Armeen wie im Ersten Weltkrieg gegeneinander kämpfen, gibt es kaum mehr. Heute sieht man meist Bürgerkriege mit Strassenkämpfen", sagt Böhm im Gespräch mit der MEDIENWOCHE, Der freie Journalist veröffentlich seine Berichte in der NZZ und der "Welt". Pressemitteilungen der Verteidigungsministerien überprüft er durch Gespräche mit Soldaten und anderen Journalisten. Er besucht Kleinstädte und Dörfer, um sich von Zerstörungen an ziviler Infrastruktur selbst ein Bild zu machen. Propaganda in den sozialen Medien versucht er zu ignorieren. "Dass beide Parteien in den sozialen Medien ihre Narrative teilen, gehört zu einem Krieg heutzutage dazu", sagt der 40-Jährige. "Das Zielpublikum der meisten Social-Media-Posts sind Menschen in Europa und Amerika: ‹Seht her, was hier passiert, ist wichtig. Wir kämpfen um unser Leben.›"

Daniel Böhm wohnt seit anderthalb Jahren in der libanesischen Hauptstadt Beirut, wo eine grosse armenische Minderheit lebt. "Als sich im Sommer abzeichnete, dass der Konflikt um Bergkarabach eskalieren könnte, hat dies im Libanon anders als in Europa und in der Schweiz hohe Wellen geschlagen." Der studierte Politikwissenschaftler beschäftigte sich schon als Jugendlicher mit dem über hundertjährigen Bergkarabach-Konflikt und las verschiedene Bücher über die historischen Hintergründe. Als Beiruter Freunde mit armenischen Wurzeln zu ihren Verwandten in den Kaukasus reisten, traf er die Entscheidung, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen.

Ende Oktober 2020. Drei Wochen nach dem ersten Aufenthalt in Bergkarabach und der zwischenzeitlichen Rückkehr nach Beirut reist Daniel Böhm ein zweites Mal in die Region. "Als wir über dieselbe Strasse durch Goris nach Stepanakert fuhren, sah ich auf dem gegenüberliegenden Hang Rauchwolken von Phosphorbomben", sagt Böhm. "Auf der anderen Seite der Strasse hob das Militär Schützengräben aus." Die Angestellten des Park Hotels waren geflohen.

Daniel Böhm nimmt eine Matratze mit in den Frühstücksraum, der mit Sandsäcken vor den Fenstern als Bunker dient. Andere Journalisten und freiwillige Kämpfer schlafen auf dem Boden und auf Sofas. "Stepanakert stand unter Dauerbeschuss. Tag und Nacht kamen Granaten oder Raketen runter. Man hört das die ganze Zeit. Ein dauerndes Bumm, Bumm, Bumm." Zwischen den Einschlägen recherchiert Böhm und schliesst sich mit den wenigen anderen Journalisten vor Ort zusammen. Gemeinsam fahren sie zu einer Kathedrale, in der Flüchtlinge im Keller schlafen und besuchen das Krankenhaus, in dem verwundete Soldaten verarztet werden. Als aserbaidschanische Truppen vor Schuschi stehen, der Kleinstadt etwa zehn Kilometer südlich von Stepanakert, fährt die Gruppe an die Frontlinie. "Die Gefahr, in die man sich begibt, ist nicht das Ziel, sondern der Preis, den man bezahlt, um herauszufinden, was vor Ort passiert", sagt Daniel Böhm. Er hat als einer der wenigen Schweizer Journalisten aus Bergkarabach berichtet. Wieso war das mediale Interesse hierzulande an dem Krieg vor den Toren Europas so gering?

Valerie Hase, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Zürich, hat dafür eine Erklärung: "Aktuell gibt es viele Ereignisse - die Corona-Krise, die US-Wahl, der Anschlag in Wien -, die aus journalistischer Sicht für Schweizerinnen vermeintlich relevanter sind." Hinzu komme, dass sich der komplexe Karabach-Konflikt nicht knapp in ein paar Zeilen vermitteln lasse. In der Berichterstattung sei wichtig, historische Hintergründe und die Argumente beider Seiten aufzunehmen. Dies, weil die Politik aufgrund dieser Informationen gegebenenfalls Stellung nehmen und intervenieren müsse. Etwa die EU und die UNO seien immer wieder dafür kritisiert worden, sich zu sehr aus dem Konflikt herauszuhalten. "Es ist Aufgabe des Journalismus, ein möglichst objektives Bild der Lage vor Ort zu liefern und Desinformation aus den sozialen Medien herauszufiltern", sagt die Medienexpertin. Dies sei von fernab nur schwer zu leisten. "Aufgrund begrenzter finanzieller Ressourcen können sich aber nur wenige Medien Auslandskorrespondentinnen leisten." Diese berichteten oft über mehrere Länder zugleich, die meisten in diesem Fall von Moskau aus.

"Wenn Covid-19 nicht wäre, hätte ich mich am Tag der ersten Kampfhandlungen ins Flugzeug nach Yerevan gesetzt", sagt David Nauer, Korrespondent von Radio SRF für Russland, die Ukraine, den Kaukasus und Zentralasien in einem Telefongespräch. Abgehalten hätten ihn die Unklarheit, wann und wie er zurück nach Moskau käme. Hinzu sei die Überlegung gekommen, dass er auch Themen wie den Ukraine-Konflikt, Covid-19 in Russland und die Proteste in Belarus abdecken müsse.

"Anders als jetzt über den Bergkarabach-Krieg berichteten die Schweizer Medien im Sommer prominent von der Krise in Belarus", sagt Nauer. "So brutal das klingt: Zu der Zeit war sonst nicht viel los. Zudem ist die Krise in Belarus einfach zu vermitteln: Das Volk wehrt sich gegen den Diktator." Der Konflikt in Bergkarabach hingegen sei kompliziert und stehe nicht zuletzt deshalb in der medialen Agenda hinten an. "Man muss als Journalist enorm viel wissen und dies einem Publikum, das die komplexen Verwicklungen nicht präsent hat, erklären. Auf der durchschnittlichen Schweizer Redaktion ist die Region allerdings ein halbblinder Fleck. Ich glaube, dass der Konflikt deshalb nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen hat wie andere."

Die NZZ hat ein paar Dutzend Artikel zum Thema veröffentlicht. Darunter ein historischer Bericht über die Wurzeln des Territorialkonflikts in den 1920er Jahren sowie Reportagen über die Situation auf der aserbaidschanischen sowie auf der armenischen Seite der Frontlinie von Daniel Böhm und anderen. "Für uns stand ausser Frage, dass wir umfassend über den Konflikt berichten", sagt NZZ-Auslandsredaktor Andreas Rüesch auf Anfrage der MEDIENWOCHE. Im Podcast "NZZ Akzent" erklärte Rüesch in 14 Minuten die Hintergründe des Bergkarabach-Konflikts. "Ich hoffe, dass wir deutlich machen konnten, worum es geht. Aber es war eine Herausforderung, weil man über den Konflikt in den letzten 20 Jahre nur wenig lesen konnte." Rüesch fügt an: "Das ist auch eine finanzielle Frage. Man muss bereit sein, die Journalisten anständig zu bezahlen, auch die Freien vor Ort." Die NZZ arbeitete mit freien Journalisten wie Daniel Böhm zusammen - Korrespondent Markus Ackeret in Moskau reiste während der Kampfhandlungen nicht nach Bergkarabach. Die Gründe seien logistischer Natur gewesen, sagt Andreas Rüesch, und fügt an: "Man braucht in solch einer Situation nicht nur den Reporter, der an der Frontlinie steht, sondern auch den Beobachter, der das grosse Ganze im Auge behält."

Anfang November 2020. Kurz vor der Unterzeichnung des Waffenstillstands zwischen Armenien und Aserbaidschan kehrt Daniel Böhm nach zwei Wochen in Bergkarabach in die armenische Hauptstadt Yerevan zurück. In einem Videocall mit der MEDIENWOCHE von seinem Hotelzimmer aus sagt der Journalist: "Ich merke erst jetzt, wie müde ich bin", sagt er. "Im Kriegsgebiet funktionierte ich einfach. Mit wem kann ich reden? Wie kann ich das organisieren? Ich schob den Gedanken auf die Seite, ob während eines Interviews eine Rakete einschlagen könnte."

Rund um die Uhr trug er eine Maske wegen des Coronavirus, das sich durch den Krieg unkontrolliert ausbreitete. "Natürlich stellt die Pandemie in Anbetracht der verwundeten Soldaten in den Krankenhäusern ein zusätzliches Problem dar. Aber im Vergleich zum Krieg wirkt Corona fast unwichtig." Besonders nah gehen ihm die Gespräche mit Frauen, die ihre Söhne und Ehemänner verloren haben. "Wenn man im Gefechtslärm sieht, wie die Bomben fliegen und man die verletzten Soldaten sieht, ist das abstrakt. Aber wenn eine Mutter sagt: ‹Mein Sohn ist jetzt weg›, denkt man an zuhause." Daniel Böhm sagt: "Das war kein Krieg der Milizen. Tausende 18- bis 28-jährige Wehrpflichtige und Freiwillige wurden aus dem Leben gerissen, die genauso gut als Grafikdesigner in einem Hipstercafé in Berlin Kaffee trinken könnten. Das sind Menschen wie du und ich."

Für Daniel Böhm steht die Wichtigkeit der Berichterstattung über den Konflikt ausser Frage. "Das ist kein kleiner Regionalkrieg zwischen zwei kleinen Staaten irgendwo am Ende der Welt", sagt er. "Auch die Türkei griff militärisch ein. Und das Verhältnis zwischen Russland und der Türkei, das im gesamten Nahen Osten von grosser Bedeutung ist, spielt eine zentrale Rolle." Der Krieg werde auf lange Sicht einen Einfluss haben, ist der Journalist überzeugt. Zum einen auf die Art und Weise, wie Kriege geführt werden: Erstmals in diesem Ausmass kamen türkische, hochmoderne Kampfdrohnen zum Einsatz, die von der Ferne gesteuert die militärische Überlegenheit Aserbaidschans ausmachten. "Zum anderen zeigt dieser Krieg, dass man Probleme mit Gewalt lösen kann", sagt Böhm. "Die Tatsache, dass die Aserbaidschaner einen Grossteil ihrer Territorien zurückerobern konnten, bedeutet, dass es sich vielleicht eher lohnt auf die militärische Karte zu setzen, anstatt mit europäischen Vertretern endlose Gesprächsrunden zu führen. Von daher wäre durchaus mehr mediales Interesse gerechtfertigt gewesen."

9. November 2020. Seit Armenien und Aserbaidschan den Waffenstillstand unterzeichnet haben, reisen vermehrt Schweizer Journalisten in die Region. Luzia Tschirky vom Schweizer Fernsehen SRF ist bereits vor Ort, als dieser Artikel entsteht. Auslandredaktorin Judith Huber von Radio SRF und Markus Ackeret, NZZ-Korrespondent in Moskau, sind auf dem Weg dahin. Auch Daniel Böhm kehrt noch einmal nach Stepanakert zurück. "Die Stadt wirkt tot", sagt er. Im Park Hotel stapelt sich der Müll auf den Tischen des Restaurants. Soldaten betrinken sich, Essen und warmes Wasser gibt es nicht mehr, die Heizungen funktionierten nicht, es ist kalt. Bilder von Armeniern, die ihre Häuser anzünden, bevor sie ihre Heimat verlassen, gehen durch die Schweizer Medien. NZZ-Auslandsredaktor Andreas Rüesch sagt: "Jetzt beginnt eine dramatische Zeit, in der die Übergabe von armenisch besetzten Gebieten an Aserbaidschan abläuft. Es werden spannende, schwierige Stunden sein. Der Konflikt ist nicht zu Ende. Wir werden die Umwälzungen, die der Krieg für die Bevölkerung ausgelöst hat, genau beobachten."

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