Anke Pedersen

Wirtschafts- & Hoteljournalistin , Düsseldorf

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Artikel

Shanghai: Wie New York auf Ecstasy


Stillstand? Gibt es nicht in Shanghai. Seit der Öffnung Chinas im Zuge der Wirtschaftsreformen Anfang der 1990er-Jahre setzt die frühere Handelsmetropole alles daran, an ihre glorreiche Vergangenheit anzuknüpfen und die gesamte Welt an den Huangpu zu locken. Mit durchschlagendem Erfolg.


Dass die Uhren in Shanghai - im „anderen China" - anders ticken als im Rest der Volksrepublik, das hat Mandarin-Oriental-General-Manager Clemens Hoerth schon in den ersten Tagen nach seiner Ankunft im Sommer gemerkt. Sechs Jahre zuvor, da hatte er gerade angefangen in China, in der Messestadt Guangzhou, da haben sie ihn - den hochgewachsenen Mann mit der „Mao"-Frisur - noch alle paar Meter fotografieren wollen, lacht Hoerth. Aber in Shanghai? „Hier leben Zehntausende von Ausländern", sagt der Deutsche. Da sei jemand oder etwas aus dem Westen absolut nichts Besonderes.


Im Gegenteil. „Shanghai ist schon im 19. Jahrhundert globalisiert worden", sagt Hoerths Kollege Dorian Rommel im gerade eröffneten Capella Hotel. Schon vor 200 Jahren habe sich das einstige Fischerdorf dem Westen und dem Handel geöffnet und damit den Grundstein für seinen Aufstieg zum wichtigsten Handels- und später auch Industriezentrum des Landes gelegt. „Die einzelnen Stadtviertel sind damals an Europa verkauft worden, an die Franzosen, die Briten", formuliert Rommel etwas flapsig, „daher war Shanghai schon immer eine multinationale Stadt." Selbst die Platanen in seinem Viertel, der „French Concession", seien damals von den Franzosen nach Shanghai importiert worden.


Heute sind es allen voran internationale Geldströme, Hightech, Know-how und Kultur, die nach Shanghai fließen, denn als sich das Land nach Jahrzehnten der Abschottung, nach Kommunismus, Kriegen und Maoismus Anfang der 1990er-Jahre erneut zu öffnen begann, da war es wiederum die Stadt am Huangpu, die sich an die Spitze der Globalisierungsbewegung setzte. Seitdem ist das Wirtschaftswachstum der 26-Millionen-Einwohner-Metropole zweistellig und Shanghai unumstritten das wirtschaftliche Zentrum Chinas.


Viel spricht dafür, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird. Denn während die Hauptstadt Peking eher für das traditionelle China steht, gibt Shanghai weiterhin Gas: Bereits seit 2012 gilt der Containerhafen als der weltgrößte mit dem welthöchsten Warenumschlag. Und auch das Ziel, dem Konkurrenten Hongkong den Rang als Asiens führende Finanzmetropole abzulaufen, scheint in greifbarer Nähe. Sukzessive haben immer mehr internationale Institute und Unternehmen ihre Headquarters aufs chinesische Festland und nach Pudong verlegt, in jene erst 1990 gegründete Sonderwirtschaftszone östlich des Flusses Huangpu, in der nicht zuletzt der Shanghai Tower, das Shanghai World Financial Center und das Wahrzeichen Pearl Tower - drei der welthöchsten Gebäude - die allgemeine Stoßrichtung vorgeben. „Shanghai ist eine 24-Stunden-Stadt", erklärt Capella-GM Rommel lakonisch, „wie New York auf Ecstasy."


Während aber zumindest dem geografischen Wachstum im Big Apple enge Grenzen gesetzt sind, wächst das „Tor zur Welt" weiter und weiter in die Breite. Noch bis 1990 hatte Shanghai sich vorwiegend entlang der westlichen Seite des Huangpu entwickelt - rund um das historische Zentrum und die Uferpromenade The Bund. Auf der östlichen Seite des Flusses hingegen gab es kaum mehr als Werften und Reisbauern, die hier ihre Felder bestellten. „Das Land galt als wertlos, weil man dafür den Fluss überqueren musste", weiß der Deutsche Rüdiger Hollweg. Nur 25 Jahre später leitet er genau hier das gerade mal vier Jahre alte Grand Kempinski Hotel - und befindet sich damit in direkter Nachbarschaft zu Mitbewerbern wie Mandarin Oriental, Shangri La, Four Seasons und Park Hyatt.


Möglich gemacht haben diese Entwicklung nicht zuletzt gezielte Investitionen unter anderem in Pudongs Infrastruktur sowie deren mustergültige Anbindung an Alt-Shanghai via Fähre, Metro, Fußgängertunnel und zwei der längsten Hängebrücken der Welt. Andernfalls hätte sich das früher wertlose Gebiet wohl kaum in so kurzer Zeit zum Zentrum der asiatischen und internationalen Finanz-, Versicherungs-, Pharma- und Hightech-Elite mausern können mit einer Skyline, die inzwischen zu den meistfotografierten der Welt gehört; mit internationalen Schulen, Communitys, Start-ups und Hotels zudem, mit einem Harbour-City-Projekt und einer 21 Kilometer langen Joggingstrecke entlang des Huangpu-Flusses. Selbst Disneyland hat es 2016 nach Pudong gezogen; zehn weitere Themenparks sollen noch folgen.


Das Ende des Wachstums ist nicht in Sicht Derweil zeigen die Stadtverantwortlichen keinerlei Scheu, ihre eigenen Superlative noch zu überbieten. War es bis vor Kurzem noch das Shanghai New International Expo Center in Pudong, das stolz präsentiert wurde als das weltweit zweigrößte Messegelände nach Hannover, liegt Shanghais neue Nummer eins nunmehr am entgegengesetzten Ende der Stadt, in Hongqiao. „Bis vor zehn Jahren war hier gar nichts", erzählt Peter Pollmeier, der hier vor gut einem Jahr das Intercontinental Shanghai eröffnet hat, „jetzt entsteht hier ein ganz neuer Stadtteil."


Zentrum dieses im Werden begriffenen Messe- und Industrieviertels im äußersten Westen Shanghais ist das „National Exhibition and Conference Center" (NECC), das vor allem große Automessen anziehen und sich als Counterpart der IAA positionieren soll. Und obwohl das NECC erst vor rund zwei Jahren gestartet hat, ist Interconti-Chef Pollmeier, dessen Haus direkt an den Messehallen liegt, durchaus zufrieden. „Derzeit haben wir Events an 75 bis 80 Tagen im Jahr", rechnet er. Doch allein beim Blick auf den Messekalender 2018 wird klar, dass diese Zahl sehr schnell anwachsen wird. Ebenso wie die ihrer Besucher. Anvisiert, so Pollmeier, seien 250.000 pro Tag.


Derweil sei die Infrastruktur in Hongqiao aber noch „ausbaufähig", bilanziert Pollmeier. Denn von 16 geplanten Metroanbindungen seien erst 14, von 20 geplanten Hotels erst eine Handvoll fertiggestellt. Auch der nahe liegende Hongqiao Airport, obschon bereits zur Expo 2010 auf zwei Landebahnen erweitert, bedient derzeit über überwiegend den Domestic Market.


Dass sich auch das sehr schnell ändern werde, davon ist Marko Janssen überzeugt, dessen 2017 eröffnetes Meliá Shanghai ebenfalls nur einen Steinwurf vom NECC entfernt liegt. „In Zukunft soll Hongqiao auch international angebunden werden", sagt Janssen. Nicht umsonst hätten sich selbst in diesem noch blutjungen Stadtteil schon jetzt zahllose Expats und internationale Schulen angesiedelt. Und nicht umsonst setze auch er nicht allein auf die Nähe zum NECC, sondern positioniere sich parallel als ein Ort des Genusses - „healthy food" und ein seit Kurzem preisgekröntes Spa inklusive.


Das richtige Hotel? Business Traveller haben die Qual der Wahl Tatsächlich hat es Shanghais Hotellerie angesichts einer wohl beispiellosen Konkurrenz nicht wirklich leicht - der Geschäftsreisende dagegen die Qual der Wahl. „1990 hat es in Shanghai nur drei internationale Hotels gegeben", sagt Hilton-GM Gerd Knaust mit Blick auf die Anfänge des Booms, „heute sind von Luxury bis Budget wirklich alle Namen vertreten." Wie sich also orientieren in einer Stadt, in der jeder einzelne Neuankömmling eine noch großartigere Architektur auffährt, ein noch ausgefalleneres Design und eine noch raffiniertere Küche? Nicht umsonst hat das Niveau in puncto Kulinarik jetzt auch den Guide Michelin auf den Plan gerufen.


Angesichts der Größe Shanghais ist und bleibt es zweifelsohne die Lage, die je nach Reisegrund den Ausschlag geben dürfte. Nahe dem neuen Messezentrum in Hongqiao? Im Herzen des Finanzzentrums in Pudong? Oder, weil es Geschäftspartner zu beeindrucken gilt, im Zentrum der French Concession? Im brandneuen Capella beispielsweise, einem aus 55 historischen Villen und vierzig Residenzen bestehenden Urban Resort, das ebenso wie seine ebenfalls brandneuen Konkurrenten am touristisch geprägten Bund - Bulgari, Rocco Forte, Aman - erstmals einen Luxus unterhalb der 100-Zimmer-Marke anbietet?


So oder so: Die HRS Buchungszahlen bestätigen, dass Shanghai - neben New York - schon 2016 zu den am häufigsten besuchten Geschäftsreisedestinationen außerhalb Europas gehörte. Es ist absehbar, dass dieser Anteil weiter steigen wird. Und sei es nur zur ITB China, die nach gelungener Premiere 2017 auch im kommenden Jahr wieder dem chinesischen Markt präsentieren wird (www.itb-china.com; 16.-18. Mai 2018).

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