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Ein Terrorist kehrt heim nach Bilbao

Josu war 22 Jahre lang im Gefängnis, weil er für die ETA gekämpft hat.

Die ETA hat die Waffen abgelegt. Wie kehren ehemalige baskische Terroristen in ein normales Leben zurück? Alles hängt an einem Wort.


Ein Terrorist. Ein möglicher Mörder, ein ehemaliger Gefangener. Wenn man so jemanden gegenüber sitzt, erwartet man eine einschüchternde Person. Vielleicht sogar furchteinflößend. Doch das Gegenüber, ein ehemaliger ETA-Kämpfer, ist kein Monster. Im Gegenteil: Josu schleicht vorsichtig, verunsichert durch die Straßen von Bilbao. Die Freiheit ist für ihn enormer Stress. Am 28. April 2014 hat er das Gefängnis verlassen, nachdem er 22 Jahre lang nur auf graue Mauern gestarrt hat. Josu wurde verurteilt, weil er Teil der militanten ETA-Gruppe war, die für die Unabhängigkeit der Basken kämpften.

So wie Josu geht es vielen ehemaligen ETA-Kämpfern. "Sie verlieren sich oft in den Straßen, sie haben kein Gefühl mehr für Distanzen", sagt Fernando Etxegarai. Seine Organisation "Harrera Elkartea" betreut die Ex-Gefangenen. Die häufigsten Probleme: Die Augen können auf Entfernungen nicht mehr scharf stellen. Zu lange waren sie auf kurze Distanzen gerichtet. Die Zähne sind schlecht, Unterhaltungen mit mehr als zwei Personen sind schwierig - und das Autofahren haben sie auch verlernt. "Im Gefängnis sein, ist wie wenn dein Bild an der Wand hängt. Du kannst dich nicht bewegen, aber das Leben rund um dich geht weiter", sagt Etxegarai, der selbst 21 Jahre wegen Verbindungen zur ETA eingesperrt war. Aber das größte Problem ist Geld. Die spanische Regierung zahlt ehemaligen Häftlingen 400 Euro, aber nur, wenn sie nicht der ETA angehörten. Wenn baskische Gefangene das Geld wollen, müssen sie bei der Aufklärung von ETA-Morden helfen - und sich öffentlich entschuldigen.


"Wenn sich die Kämpfer nicht entschuldigen, bleiben sie Terroristen"
In den 50 Jahren des Bestehens der ETA haben Kämpfer nach offiziellen Angaben 858 Menschen getötet. Unter den Toten ist der Bruder von Consuelo Ordóñez. Ordóñez ist nun Präsident von COVITE, einer Organisation für die Angehörigen von Terror-Opfer. Das "Perdon" ist für ihn wichtig. "Wenn sich die Kämpfer nicht entschuldigen, bleiben sie Terroristen. Sie bleiben eine Gefahr für zukünftige Generationen." Das Baskenland sei die einzige Region in Europa, in der Terroristen täglich auf den Straßen geehrt würden. Das müsse sich ändern. "Diejenigen, die noch immer stolz sind auf ihren Mord, auf ihre Erpressungen, können nicht in unserer Gesellschaft leben", sagt Ordóñez.

Wenn es um "Perdon" geht, wacht der ehemalige ETA-Kämpfer Josu plötzlich auf. "Ich werde mich nicht entschuldigen, niemals. Ich bin selbst ein Opfer!", sagt er und knöpft sein Hemd auf. Eine 20 Zentimeter lange Narbe kommt zum Vorschein, sie zieht sich unter dem Schlüsselbein entlang. Der Terrorismus des Staates habe ihm das angetan, genauer gesagt die "Grupos Antiterroristas de Liberación", kurz GAL. GAL soll von hohen spanischen Beamten illegal ins Leben gerufen worden sein um die ETA zu bekämpfen. "Sie haben uns überfallen, im Exil in Frankreich. Sie haben 20 meiner Kollegen getötet", sagt Josu. Neun Jahre lang war Josu auf der Flucht, bis ihn die Truppen in Frankreich verhafteten. Auch im Gefängnis sei ihm Unrecht angetan worden. Die Behörden verlegten ihn, immer wieder. Von Madrid, bis in den Süden Spaniens. Nur zwei Monate saß er im Baskenland, weil seine Mutter schwer krank war. "Das hat meine Ehe zerstört", sagt Josu. Seine Frau wollte mit seiner Tochter nicht mehr Hunderte Kilometer fahren, um ihn im Gefängnis zu sehen.


"Ich fühle mich wie ein Marsmensch"
 Die ETA habe vor vier Jahren ihre Waffen niedergelegt, "weil es besser war aufzuhören, als weiterzumachen", sagt Etxegarai von der Hilfsorganisation "Harrera Elkartea". Vor kurzem nahm die Polizei zudem zwei ETA-Führer fest. Die ETA gilt als zerschlagen. Kann Europa daraus was lernen, um islamistischen Terror zu bekämpfen? "Nein", sagen Etxegarai und Josu. Denn jede Art von Terror habe ihre Eigenheiten.

Ordóñez, der seinen Bruder verloren hat, ist anderer Meinung. "Die Natur des Terrors bleibt die gleiche - Menschen töten Menschen, um ihre religiösen und politischen Ziele durchzusetzen." Gesetze und Bildung seien die Waffen der Demokratie, um gegen den Terror zu kämpfen. Die Gesetze müssten uns vor denen schützen, die den Mord für ihre Ziele rechtfertigen. Bildung soll helfen, damit die Menschen Propaganda kritisch sehen. Ordóñez ließ deshalb auch eine Karte des Terrors erstellen. Ein Punkt markiert einen Mord an einer Person, ein Foto und eine kurze Biografie lassen den Menschen nicht vergessen. "Die Geschichte der Opfer ist der Schlüssel im Kampf gegen Radikalisierung", sagt Ordóñez.

Ob Josu während seiner Zeit bei ETA einen Menschen ermordet hat, sagt er nicht. Für die Zukunft wünscht er sich, dass niemand mehr weint. Dass sich der Konflikt um die Unabhängigkeit lösen lässt. Und dass er Arbeit findet. Das wird nicht leicht: Internet, Smartphones, Computer gab es im Gefängnis nicht. "Die jungen Menschen sprechen viele Sprachen, haben viel Erfahrung - ich habe nichts vorzuweisen", sagt der 55-Jährige, "Ich fühle mich wie ein Marsmensch."


Dieser Text ist im Rahmen von " eurotours 2015" entstanden.

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