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Wortlos im Parlament


Helene Jarmer ist die erste gehörlose Abgeordnete im Parlament - ein stimmungsvolles Interview.


Reden, Zwischenfragen, Applaus und Buhrufe - das sind die Geräusche des Parlaments. Helene Jarmer ist seit 2009 Abgeordnete der Grünen - und hat davon noch nichts gehört. Jarmer ist taub.

Ihre Antrittsrede hat Jarmer in Gebärdensprache gehalten und damit eröffnet, dass Zwischenrufe sinnlos seien. "Ich höre sie sowieso nicht", sagt Jarmer - oder besser gesagt die Dolmetscherin, die ganz nah heranrückt und ins Ohr flüstert. Ob sie anfangs keine Bedenken hatte, dass sie bei hitzigen Debatten im Parlament etwas verpassen könnte? Diese Frage versteht die Abgeordnete nicht. "Wie meinen Sie das?" Später wird klar, dass die Frage absurd ist: "Es gibt im Parlament zwei Dolmetscher für die Fernsehübertragung und eine persönliche für mich."

Eine Kollegin habe sie einmal gefragt, ob jeder Zwischenruf übersetzt werden müsse. Schließlich seien es nicht immer intelligente Meldungen. Für Jarmer ist jedoch jede Kleinigkeit wichtig, "für die Stimmung", sagt sie.

Um wirklich jedes Detail einfangen zu können, muss nun auch die Getränkekarte vom Tisch weichen. "Oberkörper, Hände und Gesicht sind die Lippen und Stimmbänder für Gehörlose", erklärt Jarmer. Wenn sie nicht alles sehen könne, gehe viel von der Kommunikation verloren.

Seit ihren Anfängen im Parlament habe sie viel erreicht. "Die Gruppe der Gehörlosen ist nun eine anerkannte Behindertenform." Damit haben sie ein Recht auf unterstützende Maßnahmen wie persönliche Assistenz. Zudem werde das ORF-Gesetz novelliert. "Alle Menschen müssen Gebühren zahlen, aber Blinde und Taube können nur etwa 30 Prozent des Programms nutzen." Jarmer steht deshalb für eine Ausdehnung der Untertitelung und akustischer Bildbeschreibung für Blinde.

Ihr wichtigstes Anliegen ist jedoch der Bildungszugang für behinderte Menschen. Wenn das Gespräch auf das Thema kommt, werden ihre Gebärden noch energischer, noch schneller. Könnte Jarmer sprechen, würde ihre Stimme jetzt lauter und kraftvoller klingen als zuvor.

"Gerade in der Frühförderung wird gespart, dabei können Kinder nicht warten", sagt die Dolmetscherin ins Ohr. Was sie unter Frühförderung versteht, erklärt Jarmer an ihrem Beispiel. "Ich habe mit zwei Jahren mein Gehör bei einem Autounfall verloren." Ihre Eltern waren ebenfalls gehörlos, Jarmer lernte die Gebärdensprache daher sehr schnell. Schwieriger war die Kommunikation mit den Hörenden. "Meine Mutter hat oft mit mir geübt." Sie habe eine Kuh aufgezeichnet, die Gebärde für Kuh gezeigt und das Wort "Kuh" aufgeschrieben. "So lernte ich die Schriftbilder kennen." Gebärdensprache funktioniere nämlich anders als Deutsch: "Wir haben Zeichen für ganze Wörter, ähnlich dem Chinesischen." Trotz dieser guten Starthilfe war die HTL, die sie in Wien besuchte, nicht leicht. "Ich war das einzige Mädchen und die einzige Gehörlose, das war mühsam." Bei "mühsam" schließt Jarmer die Finger zu einer Knospe und zieht sie bis zum Bauchnabel. Auch ihr Gesicht verrät, wie anstrengend es war, ohne Dolmetscher die Matura zu schaffen. "Ich habe nächtelang Bücher gelesen, um mit den anderen mithalten zu können."

Das Pädagogikstudium war da schon einfacher. "Ich bin auf die Professoren zugegangen und habe gesagt, dass ich gehörlos bin." Es habe sich immer eine Lösung finden lassen. Nur ein Mal hatte sie bei einer mündlichen Prüfung eine Dolmetscherin dabei. "Der Professor hat mir nicht geglaubt, dass ich nichts höre, und hat das ständig mittels kleiner Tests überprüft", sagt Jarmer. Sie lächelt plötzlich, und obwohl man nichts hören kann, durchdringt das Lachen den ganzen Raum. Dabei war die Prüfung durch den Einsatz der Dolmetscherin eher schwieriger: "Sie hatte einen Hauptschulabschluss, konnte mit den Fachwörtern nichts anfangen und daher auch nur schwer übersetzen." Auch auf der Straße stoße sie manchmal auf Verständnislosigkeit. "Ein Mann wollte einmal etwas von mir und als ich nicht antwortete, schrie er mich an." Die Reaktion von Jarmer ist in solchen Situationen eine simple: einfach aufschreiben, was einem am Herzen liegt. Wählern gebe sie ihre Visitenkarte und deute auf die E-Mail-Adresse. "So kann jeder mit mir kommunizieren", sagt sie.

Plötzlich wirkt Jarmer abgelenkt. Sie hat intuitiv bemerkt, dass ihre kleine Tochter, die mit zum Interview gekommen ist, weint. Die Babysitterin hat das Kleinkind jedoch schon im Arm. Auf die Frage, was sie sich für ihr Kind wünscht, meint sie: "Glück"- sie dreht die Handflächen nach oben - "Was sonst." Das hätte man auch ohne Dolmetscher verstanden.

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