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Interview

Warum ich?

Wer Fahrrad fährt, Müll trennt und Bio-Gemüse kauft wird selten von der Gesellschaft belohnt – obwohl die positiven Folgen dieser Aktionen gegen den Klimawandel allen Menschen zugute kommen. Sind Strafen und Gesetze die einzige Lösung, die Erderwärmung aufzuhalten?


Angelika Wienerroither


Marina Fischer-Kowalski hält die Menschen nicht für egoistisch, Strafen und Carbon-Steuer aber dennoch für notwendig. Ein SN-Gespräch mit der 67-jährigen Gründerin des Instituts für soziale Ökologie in Klagenfurt über das Verbot von Plastiksackerln, warum Pendlerpauschale abgeschafft gehört und darüber, ob nicht eh schon alles zu spät ist. 


Frau Fischer-Kowalski, warum soll ich persönlich etwas gegen Klimawandel tun? Schließlich kommt mein Einsatz nicht mir selbst, sondern allen Menschen zugute.

Wenn Sie Kinder haben und wollen, dass sie ein halbwegs vernünftiges Leben führen können, dann tun Sie bitte etwas gegen den Klimawandel. Ansonsten habe ich keine Antwort für Sie (lacht, Anm.).


Sind die Menschen wirklich so egoistisch?

Nein, ich glaub nicht. Es ist aber ein sehr stark propagiertes Denkmuster, das zu einer Konsumgesellschaft passt. Es macht die Leute aber nicht besonders glücklich.


Das heißt ich muss weiter den Müll trennen.

Das ist nett, aber nicht wirklich überlebenswichtig. Die Dinge, die wir als Individuen tun können, sind für uns vielleicht moralisch und kommunikativ wichtig, aber sie sind in ihren Auswirkungen auf die Umweltveränderungen nicht maßlos großartig. Was wir als Individuen tun müssen, ist uns mit anderen zusammenschließen und eine kulturelle, soziale und politische Veränderung herbeiführen. Die Industriestaaten verbrauchen zu viel Energie und Material. Die restliche Welt könnte nie auf das Niveau aufholen – das gibt die Erde einfach nicht her.


Warum verbraucht der Mensch so viel mehr, als er soll?

Weil er es kann. Wir haben durch die ungeheure geologische Spende der Fossilenergie einen Handlungsspielraum ergattert, der es uns ermöglicht, unglaubliche Mengen an Material zu mobilisieren, zu transportieren, zu verarbeiten. Der Energiereichtum ist aber endlich.


Kann Technik eine Lösung sein?

Technik muss eine Lösung sein, damit wir von der fossilen Energie wegkommen und trotzdem nicht in ein Energieloch fallen – was mit neun Milliarden Menschen eine Katastrophe wäre. Wir können durch Technik auf erneuerbare Energien umsteigen. Allerdings nicht auf dem Energieniveau, auf dem wir uns derzeit befinden. Wir können aber auf einem sehr vernünftigen Niveau ein gutes Leben führen, wenn wir es klug anlegen. Wir müssen nicht zurück in die Steinzeit.


Ist es nicht zu einfach, darauf zu warten, dass die Wissenschaft etwas erfindet?

Mit Warten ist es nicht getan, da haben Sie vollkommen recht. Es ist ja auch ein Gerangel im Gange: Ölkonzerne kämpfen dafür, dass weiter geglaubt wird, dass man mit Fracking und neuen, zerstörerischen Ölgewinnungsmethoden das Fossilenergiezeitalter verlängern kann. Viele kämpfen dagegen – gerade im Bereich der Wissenschaft. Es beruhigt mich aber, dass eine so unmächtige Macht wie die Wissenschaft, die sich gar nicht auf Geld stützt,  es soweit bringt, das Thema Klimawandel am Kochen zu halten.  Gerade am IPCC (UN-Organisation zur Erforschung des Klimawandels, Anm.) arbeiten viele Forscher unentgeltlich in ihrer Freizeit.


Der UN-Klimabericht des IPCC spricht  vom großen Einfluss des Menschen und den dramatischen Auswirkungen auf Wetter, Meeresspiegel und Arktis. Ist nicht alles schon zu spät?

Das ist ja ein kontinuierlicher Prozess - wir können es noch furchtbar schlimmer machen. Was wir für Folgen herbeiführen, wenn wir nicht drei oder vier Grad Erwärmung haben sondern sechs Grad, das können wir nicht abschätzen. Aber das kann das Ende der Menschheit sein.


Sind staatliche Anreize nötig, um das individuelle Verhalten zu ändern?

Freilich. Unser Verhalten richtet sich nach Preisen, zwar nicht nur, aber auch. Wir müssen daher die CO2-Besteuerung einführen, das Kohlendioxid teurer machen.


Dann gehen Finanzanreize wie die Pendlerpauschale komplett in die falsche Richtung.

Vollkommen richtig. Wir müssen in Menschen investieren, nicht in Ressourcenverbrauch. Bei Bildung zu sparen um in Pendler zu investieren, ist absolut falsch.


 Das Land Salzburg will Tempo 80 einführen, die EU Plastiksackerl verbieten. Müssen Strafe und Gesetze sein?

In vielen Fällen muss das sein. Es gibt viele ökonomischen Interessen, es anders zu machen. Wenn man sieht, wie das Plastiksackerl unsere gesunden Flüsse und die Lebewesen darin beeinflusst, dann halte ich ein Verbot für eine symbolisch wichtige Maßnahme. Das Sackerl ist ein Billigst-Luxusgut, das unglaubliche ökologische Folgen hat. Inwieweit der faktische Effekt ist, kann ich nicht abschätzen.


Ihre Wünsche für die Zukunft?

Ich habe den Eindruck, dass eine kulturelle Veränderung im Gang ist, die Einsicht, Duldsamkeit bringt. Das betrifft etwa die Entscheidung, ob man die Kassiererin im Supermarkt hetzt oder freundlich darauf reagiert,  wenn etwas hinunterfällt. Ich halte es für möglich, dass sich in einer Zeit der Konsumreduktion die Veränderung tatsächlich ausbreitet – die Menschen wollen nicht mehr ständig gegeneinander kämpfen, nicht mehr ständig konkurrieren.