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Zero Waste: Skifahren ohne Müllberge

Touristen fordern immer öfter, dass ihre Reise die Umwelt nicht zerstört. Das fordert Hotels heraus - Salzburg geht als positives Beispiel voran.


Angelika Wienerroither

Verschneite Berghänge, blitzblauer Himmel und klare Luft, die die Lungen gierig aufsaugen. Der Tourismus von Werfenweng lebt von der Natur. Und damit die nicht zerstört wird, setzt der Ort seit 15 Jahren darauf, dass die Touristen ihr Auto stehen lassen. "Unsere Gäste geben ihre Autoschlüssel bei uns ab - oder reisen überhaupt autofrei an", sagt Michael Amon vom Tourismusverband Werfenweng. Dafür bekommen die Gäste die "SAMO-Karte". "SAMO" steht für Sanfte Mobilität. Mit der Karte können die Touristen im Winter kostenlos langlaufen, im Sommer mit geführten Touren wandern, die Eisriesenwelt erkunden oder bei einem Ausflug in die Stadt Salzburg mit dem Bus mitfahren. Wer dennoch lieber selbst lenkt, kann sich eines der Elektroautos ausborgen. "Wir wollten auch jenen Gästen, die gar kein Auto haben, den Urlaub in den Alpen ermöglichen", sagt Amon. 50 Prozent der Berliner hätten etwa gar keinen eigenen Pkw - ohne die "SAMO-Karte" kämen sie nicht nach Werfenweng.

Der Ort im Pongau liegt damit voll im Trend. Das deutsche Zukunftsinstitut hat in seinem neuesten Tourismusbericht "Zero Waste" als zukunftsweisend bezeichnet. "Zero Waste" heißt übersetzt "kein Müll" - das Konzept geht jedoch weiter. "Es geht nicht nur um Abfall, sondern um das gute Gewissen, um Lebensqualität vor Ort", sagt Susanne Eckes, Studienautorin. In Zukunft würden Reisende "Zero Waste" fordern. Das Konzept stellt Hotels, Restaurants, ja ganze Regionen vor große Herausforderungen.

Ein Hotel, das mit "Zero Waste" wirbt, gibt es derzeit nach Auskunft der Österreich-Werbung noch nicht. Manche Beherberungsbetriebe lassen sich jedoch vom Österreichischen Umweltzeichen zertifizieren. Die Auflagen dafür sind umfangreich: LED-Lampen, mindestens 50 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien, Abfalltrennung durch die Gäste, keine Getränkedosen, Bio-Milch und mindestens ein vegetarisches Gericht auf der Speisekarte sind nur einige Beispiele. Im Bundesland Salzburg tragen 37 Hotels das Zertifikat. Zum Vergleich: In Wien sind es 41.


Die Fläche von Wien wird für Produktion von weggeworfenen Lebensmittel verwendet Essen hat dabei den größten Einfluss auf die Umwelt. "95 Prozent der gesamten Ökobilanz eines Betriebs wird durch die Produktion der eingekauften und verwendeten Lebensmittel verursacht", sagt Martin Wildenberg, Nachhaltigkeitsexperte bei Global2000. Wildenberg hat errechnet, dass in Österreichs Gastronomie jährlich 200.000 Tonnen an Lebensmittel weggeworfen werden. Für die Produktion dieser Nahrungsmittel braucht man eine Fläche von der Größe Wiens.

Was können Restaurants und Hotels tun, um möglichst wenig Essen nicht in die Mülltonne zu werfen? "Sie können althergebrachte Portionsgrößen überdenken", sagt Wildenberg. "Nur weil die Oma seit ewig Riesenschnitzel paniert, muss es nicht für immer so bleiben." Zudem könnten die Gastronomen die übriggebliebenen Portionen ihren Stammgästen in Mehrwegbehälter mitgeben.

Einen großen Einfluss auf die Umwelt habe auch, woher Tomaten, Fleisch und Salat kommen. "Biologisch und saisonal sollen die Nahrungsmittel sein - am besten gleich vom nahen Bauern", sagt Wildenberg. Ein Kilogramm Rindfleisch aus Südamerika verursacht 15,02 Kilogramm CO 2 bis es in Österreich am Teller landet. Bei Rindfleisch von österreichischen Almen sind es 9,02 Kilogramm, ein Kilo Bio-Schweinefleisch aus Österreich pustet indes 1,12 Kilogramm CO 2 in die Luft. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Tomaten vom nahen Bauern verbraucht 0,38 Kilogramm CO 2. Zudem könnte der Bauer die Tomaten in einer Mehrwegkiste liefern und somit den Plastikmüll reduzieren.


Die Adria erstickt im Müll
Das Engagement für die Umwelt würden die Gäste honorieren, sagt Susanne Eckes, Forscherin am Zukunftsinstitut. Doch das Problem sei ein Größeres: Der französische Forscher Bruno Dumontet gehe etwa davon aus, dass das Mittelmeer in 30 bis 40 Jahren tot sein wird. Der Grund ist das Plastik, das im Meer treibt. Wenn die Entwicklung so weiter geht, wäre der Urlaub an der Adria nur mehr eine ferne Kindheitserinnerung. Kann ein Hotel etwas gegen die Umweltverschmutzung einer ganzen Region ausrichten?

"Ja", sagt Eckes. Ein Hotel, ein Restaurant könnten vorturnen und so Touristen und ganze Regionen inspirieren. "Es macht Menschen besser, wenn man sie so behandelt, wie sie sein könnten", sagt die Forscherin. So könnte "Zero Waste" ganze Ortschaften erfassen. "Lebensqualität fängt bei den Menschen im Ort an - und Reisende suchen nach grünen Städten."

Dass "Zero Waste" die Lebensqualität erhöht, merken auch die Einwohner von Werfenweng. Sie genießen wie die Touristen die Berge - und fahren ebenfalls mit Elektroautos. "Die Einwohner bekommen spezielle Tarife, wenn sie kein privates Zweitauto anschaffen", sagt Michael Amon. Auch die Kinder freuts: Sie werden jeden Tag vom Elektrobus in den Kindergarten gefahren. Damit sie auch in Zukunft die klare Luft genießen können.

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