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Auf und Ab des Lebens aufgezeichnet

Wie die Zeit zwischen den einzelnen Herzschlägen variiert, soll viel über die Gesundheit eines Menschen aussagen. Durch ein Gerät, das diese Herzratenvariabilität misst, soll der Träger glücklicher werden. Ein Selbstversuch.


Den Brustgurt kennt die Redakteurin vom Laufen. Doch diesmal ist ein kleiner Sender des Salzburger Start-ups Abios am schwarzen Band befestigt. Der Sender schickt den Puls und die Herzvariabilität an ein Handy, das nun neben dem Computer liegt. Die Redakteurin wählt "Büroarbeit" in der dazugehörigen App aus.


Anton Kesselbacher ist Triathlet und Gründer von Abios. In zehn Jahren hat er mehr als 40.000 Messdaten gesammelt, aus denen jetzt - anonymisiert - ein Algorithmus berechnet, wie fit eine Person ist. Die Herzratenvariabilität ist dabei die bedeutsame Kennzahl: "Je mehr die Zeit zwischen den Herzschlägen variiert, desto gesünder ist ein Mensch", sagt Kesselbacher. Gleichmäßige Herzschläge seien indes ein Zeichen für Überlastung - durch Stress oder zu viel Sport.


Es ist 16 Uhr, zwei Stunden vor Redaktionsschluss. Der Chef vom Dienst hastet zum Schreibtisch der Redakteurin: "Schnell, eine super Geschichte! Die müssen wir haben." Der Layouter plant eine ganze Seite ein. Der Puls steigt, als die Hand zum Telefon greift. Doch Glück gehabt: Der Interviewpartner ist da, hat Zeit zum Reden. Der Puls sinkt.

Später wird die Auswertung des Tages zeigen, dass der gefühlte Stress nicht so schlimm war. "Normal beansprucht", erscheint auf dem Display des Handys, gemeinsam mit drei von fünf Herzen.


Es ist normal, dass Menschen manchmal gestresst sind, wie Kesselbacher sagt. Wichtig ist aber, dass es Phasen der Entspannung gibt: "Unsere Kunden erfahren, was ihnen wirklich guttut." Das sei für jeden unterschiedlich, nicht jeder entspanne in der Therme oder in der Sauna. Die Zielgruppe für das Gerät seien Menschen, die etwas verändern wollten. Manche würden zur Veränderung gezwungen, durch Scheidung oder Jobverlust. Andere wollten sich auf die Pension vorbereiten. "Wir geben ihnen ein Mittel, die Veränderung zu kontrollieren. Mit der Herzratenvariabilität messen wir den Wohlfühlfaktor."


Vogelgezwitscher und Bachrauschen

Eine Woche Redaktionsfrühdienst. Um fünf Uhr aufstehen. Für Langschläfer der absolute Horror. Bereits um zehn Uhr fallen die Augen fast zu. Zeit für eine Pause. Vom Fenster aus sieht die Redakteurin die Berge. Kopfhörer spielen Vogelgezwitscher und Bachrauschen ab. Zehn Minuten an nichts denken.


Der Redakteurin war schon klar, dass ihr die Pause guttut. Aber dass der Erholungseffekt so groß ist, hat sie verwundert. Das erzählt sie eine Woche später Esther Ebner. Sie beschäftigt sich als Regnerations coach mit der Herzrate. Ihr Büro ist ruhig, die Möbel sind aus Holz. Auf dem Tisch stehen Taschentücher.


Für die Redakteurin hat Ebner die Daten ausgewertet. Zuerst hat sich der Coach den Schlaf angesehen. Der Schlaf ist die wichtigste Ressource für die Erholung: "Der Tag soll strukturiert sein. Am besten wäre es, jeden Tag zur gleichen Zeit mit den Ritualen des Schlafengehens zu beginnen."


Aus den Daten zieht Ebner ein, zwei Empfehlungen, die sie ihren Kunden mitgibt. "Es geht um die Feinheiten. Um kleine Dinge, die man ändern kann." Die Redakteurin will ab jetzt jeden Tag zehn Minuten Pause machen und Vogelgezwitscher hören.


Wer darf meine Daten sehen?

Der Tennistrainer wirft den Ball in die Luft, der Schläger trifft ihn. Der Ball fliegt über das Netz, die Redakteurin holt aus. Plötzlich fühlt sie sich beobachtet. Ihre Herzratenvariabilität gibt sehr viel über sie preis, es ist fast, als könne jemand ihre Gedanken lesen. Was passiert mit den Daten, wer darf sie einsehen? Der Ball fliegt vorbei, der Trainer schaut verwundert.

Die Daten seien sicher, sagt Anton Kesselbacher. Die Gurtträger könnten selbst auf ihre Messungen zugreifen, aber auch Coaches und Therapeuten einen Zugriff ermöglichen. "Die Daten werden aber nicht weitergegeben und können jederzeit gelöscht werden."


Für Coach Ebner stellt sich die Frage, was die Menschen mit ihren Daten machen. "Wir geben Daten her, werden dadurch zum gläsernen Menschen. Und was bekommen wir dafür?" Die Redakteurin erntet für ihre Messungen viel Lob. "Es ist alles perfekt", sagt Ebner. Erste Empfindung: große Freude und auch ein bisschen Stolz. Zweiter Gedanke: Habe ich jetzt zwei Wochen lang einen Gurt getragen, nur um dann zu hören, dass alles toll ist?


Suchen wir mit den Messungen zwanghaft nach Fehlern? Stefan Selke ist Soziologe, er beschäftigt sich mit dem "Quantified Self". Der Begriff bezeichnet den Trend, Daten über den eigenen Körper aufzuzeichnen. "Wir haben seit jeher Angst vor Fehlern", sagt Selke. Durch die neuen Technologien hätten die Menschen Möglichkeiten, dieser Ängstlichkeit zu begegnen. "Die Messungen schaffen eine Illusion der Kontrolle." Der Druck nach Perfektion, nach Aktivität und lebenslangem Lernen steige. Durch die Messungen könne man sich versichern, dass man sozial akzeptiert sei, am Tisch sitzen dürfe.


Eine App berechnet den Zeitpunkt des Todes

Selbstbeobachtung sei so alt wie die Menschheit selbst. Doch früher hätte man seine Aufzeichnungen in das Tagebuch gekritzelt, das dann in einer Schublade verschwand. Heute speichern Anwendungen die Daten: "Die Apps sind nicht transparent, manipulieren aber ihre Anwender", sagt Selke.


Das Ziel all dieser Messungen ist es, das Leben zu verlängern. Der Tod ist damit der Gegner, dem man den Ball zurückspielen will. Eine Anwendung treibt das "Quantified Self" auf die Spitze: Die App "Life Clock" für die Apple Watch zeigt die Jahre, Monate, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden, die der Träger noch zu leben habe. Für jede Laufeinheit kommen Minuten dazu, für jede Minute zu wenig Schlaf wird Zeit abgezogen.


Soziologe Selke hält diese App für wissenschaftlich unsinnig und ethisch höchst fragwürdig. "Wir können nur leben, weil wir gelernt haben, mit dem Tod umzugehen." Wenn wir das Enddatum kennen, würden wir uns jede Sekunde fragen, ob wir die momentane Tätigkeit überhaupt noch machen sollten. "Die App ist ein Drohinstrument, das uns Universalwissen verspricht - und dieses Versprechen nicht halten kann", sagt Selke. "Der nächste Schritt ist, dass uns Apple Produkte anbietet, die aufgrund der Daten unser Leben verlängern."


Samstagmorgen, die Sonne strahlt in das Schlafzimmer. Auf dem Nachtkastl steht eine Tasse Grüntee, in der Hand das Lieblingsbuch. Die Werte: fünf von fünf Herzen, sehr entspannt.


Die Menschen wollen eine Bestätigung für das, was sie eh schon wüssten, wenn sie in sich hineinhorchen würden, sagt Josef Niebauer. Der Vorstand des Universitätsinstituts für präventive und rehabilitative Sportmedizin bestätigt zwar, dass die Herzratenvariabilität etwas über die Gesundheit verrät. "Es ist ein Zeichen für ein gesundes Herz, dass es schnell auf Reize anspricht und ein großes Herzfrequenzspektrum hat." Doch eine Messung erzähle nichts, was eine Pulsuhr nicht könne. "Wenn sie jeden Morgen 20 Kniebeugen machen und dabei ihre Herzfrequenz beobachten, wissen sie, ob es ihnen gut geht - und das ist billiger."

Aber ist die App nicht einfacher, demokratischer, weil der Anwender weniger Vorwissen braucht? Ja, die Geräte würden eine Kurve berechnen und mit der Norm vergleichen. Doch wer eine Messung wünsche, gehe meist schon am Zahnfleisch, sagt Niebauer. "Er will eine Bestätigung, dass er eine Auszeit braucht."


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