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Fuckup-Night: Wie man aus tiefen Tälern wieder herausfindet

Jeder Mensch scheitert. Wir haben deshalb einen Aufruf auf Facebook gestartet: Welche banalen, großen, wichtigen oder besonders heiklen Dinge nicht so geklappt haben wie gedacht.

Gebt dem Versagen eine Bühne! Scheitern gehört zum Leben. Dennoch will kaum jemand zu seinen Fehlschlägen stehen - und schon gar nicht darüber reden. Die "Fuckup Night" will das ändern.

Alles beginnt mit einer Idee. Nach einem Tauchurlaub in Ägypten kreist ein Gedanke in Claudia Bruckschwaigers Kopf: Die Zeichnungen von den Riffen, die ein Tauchkollege angefertigt hat, könnte man doch wunderbar in 3D-Animationen darstellen. Die Animationen könnten Sportlern helfen, ihre Tauchgänge zu planen, sich unter Wasser besser zu orientieren, weniger Luft zu verbrauchen. Und weniger Angst zu haben.

Das war vor elf Jahren. Jetzt geht Bruckschwaiger auf einer Bühne in Salzburg-Schallmoos auf und ab. Draußen regnet es, drinnen erzählt die 35-Jährige. Davon, wie es damals zu ihrem großen Scheitern kam. Im Publikum sitzen 60 Menschen und hören zu, wie sich Bruckschwaigers verrückte Misserfolgsgeschichte entspinnt. Genau deshalb sind die Leute hier: Um aus den Misserfolgen anderer zu lernen - es ist "Fuckup Night" in dem kleinen Veranstaltungssaal in einer alten Maschinenfabrik.

Weltweit gibt es "Fuckup Nights" in 250 Städten
Aleksandra Nagele hat die Nacht des Scheiterns organisiert. Das Prinzip, Menschen von ihren Fehlschlägen erzählen zu lassen, kommt eigentlich aus Mexiko. Mittlerweile gibt es "Fuckup Nights" weltweit, in 250 Städten, in 80 Ländern. Das Ziel: Scheitern zu enttabuisieren. "Jeder Mensch macht Fehler. Doch wir versuchen ständig, die glitzernde Fassade aufrecht zu halten", sagt Nagele. Das Reden über das, was man in den Sand gesetzt habe, solle die Toleranz für Fehler erhöhen. Und die Strenge mit sich selbst verringern.

Bruckschwaigers Idee im Jahr 2007 begeistert auch einen Tauchkollegen. Seine Meinung: Riffe zu animieren sei eine tolle Idee. Er ist mit an Bord. Buchstäblich. Denn die beiden ziehen nach Ägypten, um die ersten Riffe vor der Küste des Roten Meeres zu vermessen. Vier Jahre lang schippern sie übers Meer, sammeln Daten - und Investoren. Das Duo programmiert eine App und animiert Unterwasserwelten. Kurz darauf steht Bruckschwaiger mit ihrem Partner auf einer ägyptischen Tauchmesse und verkauft ihre noch halb fertige Schöpfung: an Taucher, die unbedingt zu den Ersten gehören wollen, die mit der Software unter Wasser gehen.

Dann ist es so weit. Bruckschwaiger und ihr Partner stehen auf ihrem Boot, der letzte Tauchgang ist zu Ende. Alles fertig. Hochstimmung, Freudentaumel, Leichtigkeit. Dann piepst das Handy. Ein Blick auf das Display. Alle Flughäfen in Ägypten sind gesperrt. Es ist Jänner 2011. Und der Beginn des "arabischen Frühlings". Einen politischen Flächenbrand einer ganzen Weltregion hatte sie nicht in ihrem Businessplan. Denn jetzt kommen keine Touristen mehr nach Ägypten und natürlich auch keine Taucher. Und niemand will mehr ihr neues Programm kaufen.

Scheitern. Damit ist Hans-Georg Kantner täglich konfrontiert. Er ist Leiter der Insolvenz-Abteilung des Kreditschutzverbands 1870 (KSV). "Scheitern ist unvermeidlich in einer Welt des Wettbewerbs, wie wir sie haben." Seine Philosophie ist knallhart: Bei einem Skirennen kommen nur drei auf das Stockerl. Im Kapitalismus überleben nur die besten Unternehmen. Insolvenzen seien in diesem System unvermeidbar: Die Welt sei nicht so beherrschbar, wie wir das gerne hätten. Wirtschaft werde oft mit dem Autofahren verglichen, aber das sei ein Irrtum. "Als Unternehmer habe ich keinen Tacho, keine gut ausgebaute Straße und nicht an jeder Ecke ein Verkehrsschild. Wenn etwas schiefgeht, weiß ich das erst im Rückblick."

Warum viele Unternehmen scheitern? Fehlender kaufmännischer Weitblick.
Nur die wenigsten Manager scheitern am weltbewegend Großen. Viele dafür am Banalen - das zeigt die aktuelle Insolvenzstatistik des KSV. Fragt man Ex-Chefs nach den Gründen für ihre Pleite, kommen unzählige Erklärungen, doch eine sticht zahlenmäßig hervor: 51 Prozent der zahlungsunfähigen Chefs nannten "fehlenden kaufmännischen Weitblick, fehlende Planung, falsche Kalkulation, unterschätzte Kostensteigerung oder Absatzschwierigkeiten".

Entsprechend harsch fällt das Urteil des KSV-Experten aus: "In den obersten Rängen sind oft Personen zugange, die das kaufmännische Einmaleins nicht ausreichend beherrschen. Leider erfordern viele Aufgaben heute aber viel mehr Fachkenntnis als noch vor zehn Jahren - man denke nur an das Steuerrecht, das Jahr für Jahr komplexer wird", sagt Kantner.

Der Regen prasselt auf das Glasdach, unter dem Claudia Bruckschwaiger noch immer auf der Bühne steht. Kurz ist es still im Auditorium der "Fuckup Night". Die Salzburgerin schildert jetzt, was der "arabische Frühling" von ihren Karriereplänen übrig ließ: Vorerst so gut wie nichts. Sie zog nun von Ägypten nach Hamburg, nahm einen biederen 40-Stunden-Job an. "Doch es brannte in mir. Ich dachte mir: Das muss doch gehen." Bruckschwaiger wollte "ihr Produkt auf den Boden bringen", und startete einen zweiten Versuch.

Wem kann ich überhaupt trauen?
Das Jahr 2013. Nun scheint endlich alles gut. Bruckschwaiger hat 80 Riffe vermessen, acht Mitarbeiter angestellt und sie hat auch Geldgeber, die 600.000 Euro in das Unternehmen stecken. Die ganze Branche boomt, wächst jährlich um acht Prozent, weltweit tauchen bis zu 70 Millionen Sportler. "Es war aufregend, ich war ständig auf 180. Und merkte dabei nicht, dass sich langsam etwas verschoben hat, in eine Schieflage gekommen ist." Und mit einem Mal sei da die Frage gewesen: "Wem kann ich überhaupt trauen?"

Bruckschwaiger ahnt in diesem Moment, dass ihr eine weitere Krise bevorsteht. Genau solche Krisen bewegen auch Oliver Wagner - er betreut für die Initiative "Start-up Salzburg" junge Unternehmen, stellt den Gründern Mentoren zur Seite. Ob ein Start-up erfolgreich sein könne, erkenne man auch an einer entscheidenden Frage: Ist das Gründerteam in der Lage, "durch tiefe Täler zu gehen"? Als Jungunternehmen benötige man einen langen Atem. Erst nach längerer Zeit kristallisiere sich heraus, ob die Idee erfolgreich sei. "Es ist eine Straße mit vielen Abzweigungen, Kreuzungen, aber auch Sackgassen."

Woran erkennt man sonst noch, ob ein Start-up erfolgreich sein wird? "Wir prüfen, wie weit das Konzept ist, ob der Markt abgeklopft worden ist, ob die Idee wirtschaftlich und technisch machbar ist."

Wenn ein Fehler intelligent ist
Ein anderer Experte für Fehler und Krisen ist Nikolaus Franke, er forscht an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) über Unternehmertum und Innovation. Kern seiner Theorie: Es gebe "intelligente Fehler". "Ein intelligenter Fehler ist es, wenn ich eine Entscheidung treffe, die zu dem Zeitpunkt vernünftig ist." Vernünftig sei etwa, bei folgender Wette mitzumachen: "Wenn die Münze auf Kopf fällt, bekommen Sie 100 Euro. Wenn sie auf Zahl landet, zahlen Sie mir zehn Euro." Freilich könne die Münze auf Zahl landen und man zehn Euro verlieren. Dennoch sei es offensichtlich intelligent, die Wette anzunehmen.

Was sind dann dumme Fehler? "Ein Wagnis einzugehen, bei dem man praktisch nicht gewinnen könne." Mit seinem ganzen Geld Lotterie-Lose zu kaufen - das sei ein dummer Fehler. "Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verspielen Sie alles."

Klingt logisch. Aber im echten Leben ist es selten so leicht, die Erfolgschance zu bestimmen. Ein Ausweg wäre: kein Risiko einzugehen. Eine Idee, von der Forscher Franke nicht begeistert ist. "Wie geht das? Selbst wenn Sie im Bett bleiben, könnte das Haus über Ihnen einstürzen." Im Gegenteil: Risiko zu vermeiden sei sogar der größte Fehler vieler Unternehmer. "Die Projekte mit wenig Risiko sind selten innovativ. Und wer nicht innovativ ist, wird irgendwann von der Konkurrenz überrollt."

Claudia Bruckschwaiger hält das Mikrofon in der Hand, lacht plötzlich auf. So, als könne sie noch immer nicht fassen, wie ihre Tauch-App-Pläne untergingen. Sie steht jetzt schon seit 20 Minuten auf der Bühne, aber nun wird es richtig spannend - und absurd: Um zu wachsen, brauchte ihre Firma mehr Kapital. Die Geldgeber zeigten sich zwar spendabel. "Aber nur, wenn ich Anteile abtreten würde, die Verantwortung abgeben - aber gleichzeitig als Angestellte in der Firma bleibe. Für 1600 Euro pro Monat und hundert Stunden Arbeit pro Woche."

Die 35-Jährige blockt ab. Bis sie eines Tages die Tür zum Büro aufschließen will. Und ihre Schlüssel nicht mehr passen. "Die Investoren haben über Nacht das Schloss ausgetauscht."

"Es sollte eigentlich eine Sterbehilfe für Unternehmen geben"
Wann ein Unternehmen wirklich am Ende ist, lässt sich oft schwer sagen. "Es sollte eigentlich eine Sterbehilfe für Unternehmen geben", sagt Start-up-Experte Oliver Wagner. Der Beschluss, den eigenen Traum zu begraben, müsse von innen heraus kommen. "Dafür braucht es viel Mut und Kraft." Und dazu oft auch Druck von der Familie oder die totale Geldnot.

"Scheitern ist nicht das Ende." Dieser tröstliche Satz kommt von KSV-Abteilungsleiter Kantner. "Unternehmen werden oft saniert. Man könnte das ja auch so sehen wie einen Boxenstopp, in dem etwas repariert wird. Und dann geht es weiter."

Was aber sind die Folgen einer Insolvenz? Oft die, dass ein Verwalter das Zepter übernehme, sagt Kantner. "Das sind Routiniers, wie Unfallchirurgen. Sie zögern nicht, Schnitte zu setzen." Immerhin ein Drittel der zahlungsunfähigen Betriebe wird "entschuldet". Das bedeutet nichts anderes, als dass Lieferanten, Partner oder Banken viel Geld verlieren - sie verzichten auf bis zu 80 Prozent ihrer Forderungen. Weitere zehn Prozent der Pleitebetriebe finden zumindest einen Käufer. Das heißt: Bei 43 Prozent der Unternehmen geht es weiter, auch nach dem Insolvenzantrag.

Wenn eine Firma den Bach runtergehe, sei das schmerzhaft. Aber nicht sinnlos, sagt Start-up-Helfer Wagner: "Scheitern ist notwendig, um erfolgreich zu sein." Denn die meisten Gründer hätten erst beim zweiten Anlauf mit einer neuen Idee Erfolg. Sie hätten vom ersten Fehlschlag gelernt.

Genau so endet auch die Geschichte von Claudia Bruckschwaiger. Sie hat sich schlussendlich mit ihren Investoren geeinigt und ihre Anteile verkauft. Wieder gab sie nicht auf, eröffnete ihre zweite Firma: Jetzt gibt sie als Unternehmensberaterin ihre Erfahrungen weiter. "Meine wichtigste Lektion war, auf mich selbst zu hören und auf mein Bauchgefühl zu vertrauen. Anstatt immer das zu tun, was andere mir empfohlen haben."

30 Minuten auf der Bühne, drei Mal so lang wie geplant. Wieder ist es ruhig im Saal, es regnet noch immer, die "Fuckup Night" ist so gut wie vorbei. Gibt es noch letzte Fragen? Eine Hand schießt in die Höhe. "Wenn Sie gewusst hätten, was auf Sie zukommt - hätten sie dieses SMS ganz am Anfang geschickt?" Jenes SMS, das Bruckschwaiger auf eine wilde Achterbahn des Unternehmertums geschickt hat? "Ja", sagt sie. "Ja. Auf jeden Fall."


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