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Wie ein 400-Seelen-Dorf das nachhaltigste des Landes Salzburg wird

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Ida, Gregor und Kilian wissen, wie Photovoltaik funktioniert.

Weißbach bei Lofer hat die höchste Auszeichnung in Energieeffizienz erhalten. Das Dorf ist eine von drei Gemeinden, die sehr auf Umweltschutz achten. Was bedeutet das für die Bewohner?

Der Weißbach schlängelt sich durch das Tal, das von verschneiten Bergspitzen umrahmt ist. Eine Brücke führt zum Gemeindeamt, vorbei an blühenden Bäumen. Weißbach bei Lofer wirkt so idyllisch, als könnte dem Dorf mit 400 Einwohnern niemand etwas anhaben.
Dass dem nicht so ist, zeigt sich im Büro von Verena Steiner im Gemeindeamt: An der Wand hängen Karten, die die Veränderung des Niederschlags, der Hitze- und Kältetage im Bundesland Salzburg bis 2100 zeigen. Die Karten färben sich zunehmend rot.

Steiner ist für die Klima- und Energiemodellregion Saalachtal zuständig. Sie betreut auch den Prozess, den das Dorf seit 1998 durchläuft: Die Pinzgauer Kommune ist eine von 33 e5-Gemeinden, die möglichst energieeffizient sein wollen. Im April haben sie das fünfte "E" verliehen bekommen - die bestmögliche Auszeichnung. Grödig und St. Johann im Pongau sind in Salzburg ebenfalls mit 5 "E" zertifiziert.
Weißbach hat aber den höchsten Umsetzungsgrad. "Wir sind die energieeffizienteste Gemeinde im Bundesland", sagt Steiner - und grüßt Melanie Aberger, die ihr Pferd gerade aus dem Stall führt. Aberger hat drei Kinder und deshalb ein großes Auto. Wann immer es geht, nützt sie jedoch das E-Auto, das die Gemeinde als Carsharing zur Verfügung stellt.
Über einen Google-Kalender kann die 39-Jährige das Elektroauto buchen, den Schlüssel holt sie via Code aus einem Safe. Die ersten 200 Kilometer mit dem E-Auto seien gratis, sagt Aberger. Für die darauffolgenden zahlt sie 20 Cent pro Kilometer. "Ich fahre hauptsächlich Kurzstrecken damit, nach Lofer zum Beispiel." Aber auch bei Familienausflüge hätten sie schon das Carsharing-Auto benützt. "Mir ist es wichtig, keinen Dreck in die Luft zu pusten."

Den Strom für das E-Auto produziert die Photovoltaik-Anlage, die am Dach und der Fassade der Volksschule montiert ist. Mit einer Spitzenleistung von 30 Watt werden auch das Gemeindeamt, das Feuerwehrhaus und die Schule mit Elektrizität versorgt - also alle öffentlichen Gebäude.
Ida, Gregor und Kilian haben gerade Pause, sie laufen am Hof der Schule umher. Was eine Photovoltaik-Anlage ist? "Die Sonne scheint darauf, dadurch entsteht Strom", sagen die Schüler. Sie kennen das Prinzip von einem Workshop, in dem sie mit Steiner ein Solarboot gebaut haben.
Die Kinder beschäftigten sich auch damit, wie sie in die Schule kommen: "Ein Auto stößt mehr CO2 aus als ein Radl", sagt Gregor. Am schlimmsten sei jedoch das Flugzeug. Auf das will er ganz verzichten, sagt der Neunjährige.

Bürgermeister Josef Hohenwarter ist stolz auf sein Dorf. Der 50-Jährige war von Anfang an im Prozess dabei, zuerst ehrenamtlich im e5-Team, jetzt als Ortsvorstand. Mit 400 Einwohnern sei es gar nicht so einfach, alle Kriterien zu erfüllen und etwa eine Energiebuchhaltung zu führen. "Aber wir haben uns nicht entmutigen lassen. Es hat immer wieder Leute im Team gegeben, die uns einen Ruck gegeben haben, weiterzumachen." Und ab dem vierten "E" war das Dorf ohnehin ehrgeizig, die energieeffizienteste Kommune zu werden.
Was gibt es jetzt noch zu tun, nun da die höchste Auszeichnung erreicht ist? 90 Prozent des Wärmeverbrauchs kämen zwar bereits aus Biomasse. Sieben Haushalte im Dorf hätten aber nach wie vor eine Ölheizung, sagt Hohenwarter. Er wolle die Bewohner dazu bringen, sich an das Fernwärmenetz anzuschließen. Die Gemeinde fördert deshalb den Wechsel zusätzlich zum Land und dem Bund.
Zudem wolle Hohenwarter die Weißbacher überzeugen, Öffis zu benützen. 25 Prozent eines Jahrestickets übernimmt die Gemeinde, Touristen fahren mit einer Gästekarte kostenlos. "Jetzt gibt es eigentlich keine Ausreden mehr", sagt der Bürgermeister.

Verena Steiner ist in ihrem Büro angekommen, auf dessen Wand die Klimakarten kleben. Freilich würde Weißbach im Vergleich zu größeren Städten überhaupt keinen Einfluss auf das Klima haben. "Aber wir konzentrieren uns auf das, was wir beitragen können, was wir ändern können." Wenn man nur die Größe betrachte, sei man bald frustriert - und in seinen Handlungen blockiert. Dann ändere sich nichts, sagt Steiner. "Jeder muss etwas beitragen - egal wie klein er ist." Zum Original