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Tablet verschlingt Literatur: Tausende Bücher um 9,99 Euro

Amazon führt die Flatrate für E-Books ein - Kritiker sprechen von Verblödung und Verlagssterben. Eine Initiative bietet indes kostenlose digitale Bücher an.


Die größte Bibliothek der Welt könnte in Zukunft Amazon heißen. Der Internethändler stellt eine Flatrate für E-Books vor: Für 9,99 Euro im Monat können Abonnenten so viele Bücher lesen, wie sie wollen. Österreicher können mit "Kindle Unlimited" zwischen 650.000 digitalen Titeln wählen und auf ihre Lese-App laden. 40.000 sind in deutscher Sprache.

Was heißt es für österreichische Verlage, wenn Tausende Bücher um wenige Euro gelesen werden? Und welche Auswirkungen hat das auf die Leser?

Bislang setzten Verlage die Buchpreise unwiderruflich fest. Die Buchpreisbindung wurde geschaffen, um eine Vielfalt an Büchern zu garantieren. Ob die Bindung für E-Books gilt, und damit die Flatrate illegal ist, ist fraglich. "Wenn man das Gesetz wohlwollend sieht, gilt die Buchpreisbindung ebenso für E-Books. Aber man braucht sehr gute Argumente - lupenrein ist das nicht", sagt Alfred Noll, Experte für Medienrecht. Solange die Regierung keine Novelle des Gesetzes zur Buchpreisbindung beschließt, kann Amazon die Flatrate auch in Österreich anbieten.

Alexander Potyka, Vizepräsident des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels und Verleger, ist in seiner Meinung zur Flatrate gespalten. Einerseits sei es ein fortschrittliches Modell. "Es ist ein niederschwelliger Einstieg in den E-Book-Konsum." Durch die Flatrate könnten Leser kostengünstig viele Bücher ausprobieren und dabei neue Autoren entdecken. Andererseits führe eine Flatrate dazu, dass der Erlös pro Titel weiter sinken werde. "Das Entgelt hängt davon ab, ob ein Buch tatsächlich gelesen wird", sagt Potyka. Für seinen Verlag Picus hat er deshalb noch keinen Vertrag mit Amazon unterschrieben, obwohl E-Books zehn Prozent des Umsatzes erzielen.


Verlage erzielen mit E-Books eine Million Euro Umsatz
Damit liegt Picus über dem österreichischen Schnitt: Die Verlage nahmen 2011 eine Million Euro mit digitalen Büchern ein. Das entspricht jedoch nur einem Prozent des gesamten Marktes. In der Studie des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels gaben die Verleger an, dass sie mit steigenden Umsätzen rechnen: Bereits 2015 soll der Anteil der E-Books bei 15 Prozent liegen. Der durchschnittliche Preis für ein Buch in Österreich lag 2013 bei 13,39 Euro. E-Books verkaufen die Verlage etwas billiger - jedoch nicht Tausende digitale Bücher um 9,99 Euro.

Verleger Potyka kann es keinem Leser verdenken, eine Flatrate attraktiv zu finden. "Das sieht freilich sympathisch aus - aber wenn der Preis so radikal gesenkt wird, hat das Folgen", sagt Potyka. Mittelfristig könnten Autoren und Verlage von den Erlösen noch weniger leben und es werde zu einer "Supermarktisierung" kommen. "Letztlich gibt es nur mehr Massenware."

Bedeutet die Flatrate das Ende der anspruchsvollen Literatur? Schon jetzt werden hauptsächlich Unterhaltungsliteratur, Gedichte und kurze Texte auf Tablets, Smartphones und Computern gelesen. "Für Verlage ist es zunehmend schwierig, anspruchsvolle Literatur zu verkaufen", sagt Ingo Niermann. Er ist ein Mitbegründer der Plattform Fiktion.cc, die gute Literatur kostenlos als E-Book anbietet. "Wir publizieren Bücher, die bei den Verlagen keine Chance hätten - weil sie zu wenig schnellen Profit versprechen." Die österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sitzt im literarischen Beirat der Initiative.


"Amazon bestimmt, was wir lesen"
Fiktion.cc versucht, im Netz die idealen Bedingungen für anspruchsvolle Literatur zu schaffen. Niermann sorgt für ein gutes Lektorat und ein Format, das sich leicht digital lesen lässt. Das sei notwendig, denn die Zeiten hätten sich geändert: "Die Leser sind nicht mehr so autoritätshörig - früher reichte eine Besprechung in der Zeitung, und die Menschen kauften ein Buch." Heute empfehlen Freunde die Bücher, die man liest.

Anspruchsvolle Literatur soll durch Fiktion.cc trotz Flatrate überleben. Die Schriftsteller bekommen bei der Plattform einen niedrigen vierstelligen Betrag für ihren Text, die Initiative wird öffentlich gefördert. Niermann will aber nicht gegen Amazon kämpfen: Die digitalen Bücher der Plattform sind bei dem Onlinehändler kostenlos erhältlich. "Die Autoren wollten das. Denn wer Bücher sucht, sucht bei Amazon." Niermann kritisiert jedoch, dass der Internethändler das Lesen monopolisieren will. Durch die Flatrate könnte die Marktmacht verstärkt werden: "Amazon kann nach belieben Bücher bewerben - und bestimmt damit, was wir lesen."

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