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Wer hat Angst vor dem Bus?

Wenn Autofahrer auf den öffentlichen Verkehr umsteigen, müssen sie zuerst ihre Ängste überwinden.


Der Geruch von nassen Schuhen weht einem entgegen, sobald der Bus die Tür öffnet. Die bleierne Müdigkeit lähmt die Knochen, dennoch stapft man tapfer bis zum einzigen freien Sitzplatz. Die Schultasche landet in der Pfütze auf dem Gang.

Es sind die ersten Erfahrungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die Menschen prägen. "Der Bus ruft bei vielen negative Kindheitserinnerungen wach", sagt Alexandra Millonig. Die Wissenschafterin forscht am Austrian Institute of Technology (AIT) zum menschlichen Mobilitätsverhalten - also darüber, wie die Österreicher von A nach B kommen. Die Menschen entscheiden augrund ihrer Gewohnheiten, ihres sozialen Umfelds und ihrer Erinnerungen, welches Verkehrsmittel sie nehmen. "Wenn ich Autofahrer frage, warum sie nicht den Bus nehmen, nennen sie mir Gründe. In Wahrheit bestimmen aber die Emotionen die Entscheidung", sagt Millonig.

Wenn zu viele Menschen mit dem Auto fahren, schafft das Probleme. "Wir haben zu wenig Platz, zu wenig Ressourcen und die Lebensqualität von allen wird beeinträchtigt", sagt Millonig. Was nicht heißen soll, dass in Zukunft alle in die Arbeit radeln sollen. "Es geht um eine Balance und darum, die Lebensqualität aller zu steigern."

Das Wohlbefinden sinkt durch Autos: In einer Studie der Statistik Austria zum Umweltverhalten aus dem Jahr 2011 gaben 40 Prozent der Befragten an, dass sie in ihrer Wohnung durch Lärm belästigt werden. Verkehr ist die Hauptursache des hohen Geräuschpegels. Zudem fühlen sich 18 Prozent der Österreicher durch Geruch oder Abgase in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt, mehr als die Hälfte machen den Verkehr dafür verantwortlich. Zum Vergleich: Nur 27 Prozent der Haushalte fühlen sich durch Industrieabgase belästigt.

Mobilität ist ein Grundbedürfnis, gar ein Grundrecht. Die Menschen vergäßen dabei jedoch oft eines, "Mobilität ist nur Mittel zum Zweck, wir wollen an ein Ziel gelangen", sagt Millonig. Der Weg soll angenehm sein und wenig Zeit und Geld kosten. Die beste Wahl sei jedoch nicht notwendigerweise die, die man gewohnt sei. "Die Leute sagen, sie schauen auf die Kosten. Den meisten sind die tatsächlichen Kosten jedoch nicht bewusst."


41,8 Prozent fahren nie mit Öffis

 In der Studie der Statistik Austria gaben 15,3 Prozent der Befragten 2011 an, dass sie jeden Tag öffentliche Verkehrsmittel nutzen. 41,8 Prozent fahren nie mit Öffis. Interessanterweise halten jedoch fast zwei Drittel der Österreicher öffentliche Verkehrsmittel für attraktiv. Das Auto nutzt mehr als ein Drittel täglich. 7,6 Prozent steigen nie in einen Pkw. Auch das Fahrrad ist beliebt: 66,9 Prozent radeln zumindest gelegentlich.

Zwei Faktoren können die Wahl des Verkehrsmittels verändern. Zum einen hängt es davon ab, ob man in der Stadt oder auf dem Land wohnt, wie einfach man an Information gelangt und wie gut die Infrastruktur ist. Zum anderen sind es die Werte, die einem mitgegeben wurden, und das soziale Umfeld, in dem man lebt. Wer jahrelang mit dem Auto fuhr, muss deshalb auch beim besten öffentlichen Verkehrsnetz seine Angst überwinden. "Der Pkw-Lenker steht vielleicht jeden Tag im Stau, aber das ist für ihn kalkulierbar", sagt Millonig. Wenn der Zug jedoch auf offener Strecke stehen bleibe, wisse er nicht, was zu tun sei. "Die Menschen haben Angst davor, sich zu verirren, zu spät zu kommen oder zu wenig Privatsphäre zu haben." Die Wissenschafterin sieht die Politik gefordert: "Es ist eine Negativspirale. Wenn in einer Stadt der Bus zu selten fährt, wird ihn keiner nutzen. Dann ist die Auslastung schlecht und der Bus fährt noch seltener." Es müsse deshalb investiert werden, auch auf die Gefahr hin, dass nicht sofort alle Bürger auf Öffis umsteigen. Neben der Infrastruktur müsse die Politik jedoch auch an der Motivation arbeiten. "Sie können Ge- und Verbote einführen oder die Bürger belohnen." Verbote wirken schneller, können aber sozial ungerecht sein. Eine Citymaut trifft etwa ärmere Menschen härter. Belohnungen könnten Punkte für jeden geradelten Kilometer sein. Gewinnspiele und Aktionen, bei denen Kollegen gemeinsam zur Arbeit radeln, sind auch denkbar. Das Problem dabei: "Es ist schwierig einzuschätzen, was Menschen motiviert - jeder hat eine andere innere Überzeugung."

Apps und soziale Medien können helfen, den idealen Weg zu finden. Deren Bedeutung werde in Zukunft zunehmen. "Die Anwender werden älter, bald werden sich Apps in allen Bevölkerungsschichten durchsetzen", sagt Millonig. Es sei jedoch schwierig, aus den vielen Angeboten die richtige App zu finden. "Der Nutzer ist durch das Angebot leicht überfordert, er weiß nicht, welche Anwendung am besten seine Bedürfnisse erfüllt."


Wie kann eine Stadt der Zukunft aussehen?

Dennoch werden Apps in der Stadt der Zukunft eine Rolle spielen. Doch wie soll diese Stadt aussehen? "Es wird eine Stadt der kurzen Wege sein, eine Stadt der Nachbarschaft", sagt Millonig. Die Menschen werden sich mit ihrer Heimat identifizieren und ein Verantwortungsgefühl entwickeln. Die Bürger werden ihre Stadt als wichtig erachten, sie werden sie erhalten und mitgestalten wollen. "Die Bewohner wollen die Lebensqualität für alle steigern - weil sie selbst davon profitieren", sagt Millonig.

Ein Ort auf dem Land soll in der Zukunft zwar nicht isoliert sein, die Bewohner sollen aber dennoch den Großteil ihrer Einkäufe, Hobbys, Freizeit und Bildung im Ort erledigen können. "Das ideale Dorf soll eine Eigenständigkeit entwickeln und sich nicht an größeren Orten orientieren", sagt Millonig. Bisher sind die Einwohner eines Dorfs meist auf das Auto angewiesen, um ihre täglichen Wege zurückzulegen. Die Forscherin sieht da auch ein Problem der Raumplanung: "Die Siedlungen wurden immer zerstreuter geplant. Es ist für viele daher nicht sinnvoll, auf Öffis umzusteigen." Die Forscherin denkt aber auch, dass zukünftig viele Wege durch Technik kompensiert werden. "Der Dorfbewohner kann online bestellen und es sich dann liefern lassen." Bildung könnte durch Fernuniversitäten, der Weg zur Arbeit durch das Homeoffice ersetzt werden. "Es geht nicht darum, alles völlig ins Netz zu verlagern - die Gemeinschaft mit Arbeitskollegen etwa ist wichtig. Aber ein Teil der Fahrten könnte durch Technik ersetzt werden."

Ob die idealen Städte und Orte jemals entstehen werden? "Eine Zukunftsprognose ist schwierig. Es wurde schon viel getan - es gibt aber noch viel zu tun, " sagt Millonig. Gerade bei Jüngeren lasse sich jedoch ein Trend beobachten. "Das Auto wird als Statussymbol weniger wichtig." Junge Menschen wollen Zugang zu Autos haben, besitzen müssen sie aber keines. "Das macht Carsharing interessant." Die Studie zum Umweltverhalten der Statistik Austria bestätigt diesen Trend. 2011 gaben 16,5 Prozent der Befragten an, Carsharing zumindest gelegentlich zu nutzen. 2007 waren es nur 11,3 Prozent gewesen.

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