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Dürers Hase ganz, ganz nah: Wie Google unsere Kunst digitalisiert

Google digitalisiert Kunst mit dem Einverständnis der Museen. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Doch der US-Konzern hat noch viel vor.


In die Augen von Albrecht Dürers Hasen konnten Fans bisher nur alle zweieinhalb Jahre schauen - das Werk ist zu lichtempfindlich. Kunstinteressierte fuhren nach Wien, kauften sich ein Ticket der Albertina und warteten, bis sich die Menschenmenge lichtete. Seit einiger Zeit können Liebhaber die Naturstudie jeden Tag bewundern - und einzelne Pinselstriche mit dem Finger nachfahren. Die Albertina hat Dürers Hasen und 152 weitere Werke von Michelangelo, Schiele oder Monet von Google digitalisieren und online stellen lassen.

Die Albertina ist nicht das einzige Museum, das mit Google zusammenarbeitet. Nutzer der Plattform "Google Cultural Institute" können sich online durch den Bestand von 650 Kulturstätten klicken. In Österreich sind neben der Albertina das Essl Museum, das Leopold Museum und die kaiserliche Wagenburg vertreten. Die Besucher des "Cultural Institutes" zoomen Gemälde heran, bis sie einzelne Farbspritzer erkennen. Sie spazieren virtuell durch das Guggenheims in New York und sehen ganze Ausstellungen. Und sie stehen bei einer Ballett-Probe in der Pariser Oper auf der Bühne.

Internationale Bekanntheit - dank Google?

Durch die Zusammenarbeit mit Google erwartet sich die Albertina vor allem internationale Bekanntheit. "Die meisten digitalisierten Werke sind aus der grafischen Sammlung - die können wir wegen der Lichtempfindlichkeit kaum ausstellen", sagt Ivana Novoselac-Binder, die in der Albertina für Social Media zuständig ist. Das Museum hatte schon Bedenken, Google den Hasen zum Digitalisieren zu Überlassen. Die Angst, dass niemand mehr ins Museum komme, habe sich jedoch nicht bewahrheitet. "Die Zeichnung hat eine besondere Aura. Ein Bildschirm kann das nie ersetzen." Ein Museum habe etwas Sakrales, etwas Ruhiges, das die Wirkung des Bildes hervorkehre.

Google verleibt sich Schritt für Schritt die Kulturschätze der Menschheit ein. Seit 2011 sammelt der Konzern Daten. Neben der Kunst kann sich der Nutzer durch "bedeutende Momente der Menschheit" und "Wunder der Welt" bewegen. Das Ziel sei "Zugang zu Kultur zu schaffen, sie zu bewahren und zu fördern", sagt Google-Boss Eric Schmidt.

Kritik an Google

Harald Klinke, Experte für digitale Kunstgeschichte, sieht das kritisch. "Ich finde es lobenswert, dass Kunst digitalisiert wird. Doch es sollte kein Unternehmen machen - sondern eine öffentliche Institution." Wir würden nun die Datenbasis für die Forschung der nächsten Generation schaffen: "Wenn alles in der Hand von Google liegt, könnte die Forschung monopolisiert und ökonomisiert werden." Google könnte also festlegen, wie wir Kunst sehen - und welche Werke verloren auf dem Server liegen.

Bisher haben Kuratoren bestimmt, was wir in den Museen zu sehen bekommen. Durch die Datenbasis könnten wir unser eigener Kurator sein. Macht das Kunst demokratischer? "Eigentlich ja. Aber es stellt sich die Frage, welche Strukturen dahinter stecken", sagt Klinke. Die physischen Malereien, Skulpturen und Fotografien gehörten den Museen oder den Leihgebern. Wenn hochauflösende Scans auf US-Servern lägen, kriege das eine andere rechtliche Dimension.

Das Museum der Moderne Salzburg will derzeit nicht mit Google zusammenarbeiten. "Für Museen ist die Urheberrechtsfrage ein sensibles Thema", sagt Direktorin Sabine Breitwieser. Es sei unklar, ob der US-Konzern die Urheberrechte nach europäischem Standard handhabe. Auf digitale Besucher verzichtet das MdM dennoch nicht. Die Sammlungen hat das Museum selbst digital erfasst. Die Gemälde, Grafiken und Fotografien werden bei einem Relaunch der Website online gestellt. Zudem will das Museum Kunst durch das Internet vermitteln - etwa durch einen Ausstellungsrundgang mit dem iPad. Der Museumsbesuch beginnt dann in den eigenen vier Wänden. Das schaffe Bezug zur Kunst: "Durch den Moment des Wiedererkennens im Museum wird Vertrautheit hergestellt", sagt Breitwieser.

Was die Digitalisierung für Künstler bedeutet

Was aber bedeutet die Digitalisierung für die Künstler? Einen Einblick in die Zukunft könnte man im Google LAB in Paris erhalten. Dort planen Künstler und Ingenieure neue Ausstellungskonzepte. Künstler Charlie Malgat hat etwa für das Museum "Monnaie de Paris" 360 Videos kreiert, die zur Show "Take Me I'm Yours" gehören. Über eine App sehen die Besucher die Videos - oder erleben sie durch die Brille "Google Cardboard" in "Virtual Reality", also virtueller Realität.

Durch die Kooperation zwischen Künstlern und Technikern entsteht "digital born art". Diese Kunst existiert außerhalb des Digitalen nicht. "Das ist interessanter als nur alte Kunst in neue Medien zu überführen", sagt Experte Klinke. "Digital born art" ziehe jedoch Aufmerksamkeit von Malerei, Zeichnung und Fotografie ab. Das führe zu Spannung, sagt Klinke: "Die Museen müssen entscheiden, wo sie online sind - und in welchem Raum sie flimmernde Bildschirme verbannen wollen."

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