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"Upcycling": Alten Dingen wieder Wert geben

Leere Plastikflaschen gehören in den Abfall. Stimmt nicht, sagt die "Upcycling"-Bewegung: Zahlreiche Österreicher sammeln Ideen, wie etwa aus Flaschen ein Gewächshaus entsteht.


Vier alte Bürostühle von einer dicken Schicht Staub bedeckt, die bunte Farbe des Sitzbezugs ausgebleicht, die Federn knarzend und durchgesessen. Wer würde sie beachten, wie sie dort in der schmutzigen Ecke stehen? Brigitta Schöllbauer. Die 50-jährige Salzburgerin reißt den vergilbten Bezug herunter, befreit den Stuhl von der alten Federung. "Es geht darum, alte Dinge dorthin zu heben, wo sie einmal waren", sagt sie. Schöllbauer will den verstaubten Dingen ihren Wert zurückgeben - "Upcycling" nennt sie das.

Schöllbauer ist nicht die Einzige in Österreich, die altes Metall in die Hand nimmt: Allein in der Facebook-Gruppe "Upcycling everywhere" diskutieren 26.000 Menschen, wie alten Dingen wieder Leben eingehaucht werden kann. Da sind ein Schrank aus einer alten Holzpalette, Schmuck aus Legosteinen oder gar ein Gewächshaus aus Plastikflaschen.

Soziologin Marina Fischer-Kowalski hat eine Erklärung für dieses Phänomen: "Dinge sind nicht nur attraktive Konsumgüter, sondern auch eine Pest." Den Menschen gingen einerseits der Abfall und andererseits die vielen Dinge, die verstaut werden müssen, auf die Nerven: Die Konsumgüter seien zur Belastung geworden. Gleichzeitig seien da diese emotionalen Bindungen. "Es tut weh, Dinge wegzuschmeißen, deshalb lässt man sich etwas einfallen."

Wenn den Salzburgern nichts mehr einfällt, kommen sie zu Brigitta Schöllbauer in das Atelier in der Haydnstraße 4. "Sie kommen mit einem kleinen Kästchen von der Oma und wir beraten, was daraus zu welchem Preis werden könnte", sagt die 50-Jährige. Wer will, darf auch selbst Holz zersägen, neu zusammennageln und Leim auftragen.

Bei dem Wiener Projekt Garbarage sind es therapierte Suchtkranke, die Hand anlegen. Die Initiative hat - als Teil des Anton-Proksch-Instituts - vor zwölf Jahren begonnen, Kranke, die ihre Sucht im Griff haben, wieder in die Arbeitswelt einzugliedern. Seit zwei Jahren ist der Verein selbstständig. "Wir sind das einzige EU-Projekt, das so lange Zeit überlebt hat", sagt Sabrina Gottwald von Garbarage.

Das Geheimnis des Erfolgs: "Upcycling" plus Design. "Wir schneidern beispielsweise die Kleider für den Life Ball", sagt Gottwald. Der Verein erhält Rohmaterialien aller Art von Privatpersonen oder Unternehmen und bespricht mit Designern, was daraus gemacht werden könnte. Hocker aus alten Büchern, Ohrringe aus Badminton-Bällen: Die Anforderungen an die Suchtkranken sind hoch. "Wir achten penibel auf die Qualität. Wenn Menschen zu starke Medikamente nehmen, stellen wir sie nicht ein", sagt Gottwald.

Zurück nach Salzburg. Hier kann Brigitta Schöllbauer nicht von ihrem Atelier leben. Sie arbeitet als Schaufensterdekorateurin und Bühnenbildnerin. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass "Upcycling" mehr ist als ein Trend. "Wir können das Gefühl, das wir beim Konsumieren erleben, nicht mehr steigern", sagt sie. In der Werbung würden Emotionen geweckt, die die Produkte nicht haben könnten. Schöllbauer: "Die Sinnlichkeit stimmt nicht mehr zusammen: Ich will satt werden, wenn ich die Torte esse, nicht wenn ich sie sehe."

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