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Die Herrschaft des Irrtums

Die selbsterfüllende Prophezeiung übersetzt Ängste in die Wirklichkeit. Um dem Teufelskreis zu entrinnen, braucht es Mut zur Veränderung.


Der Last Nation Bank geht es glänzend, sie wirft Gewinne ab, hat genügend Rücklagen. Eines Tages kocht jedoch ein Gerücht auf: Die Bank soll in die Insolvenz schlittern. Die Kunden stürmen die Schalter, um ihre Ersparnisse in Bargeld zu verwandeln - und treiben damit die Last Nation Bank in Konkurs.

Was wie eine Reise zu den Anfängen der Finanzkrise wirkt, ist in Wahrheit Fiktion: Der Soziologe Robert K. Merton hat die Last Nation Bank 1948 erfunden, um das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung zu erklären. "Die selbsterfüllende Prophezeiung ist eine zu Beginn falsche Definition der Situation, die ein neues Verhalten hervorruft, das die ursprüngliche falsche Sichtweise richtig werden lässt", schreibt Merton in dem Buch "Soziologische Theorie und soziale Struktur". Dadurch, dass die Kunden der Last Nation Bank das Gerücht für wahr hielten, wurde es auch wahr.


Kinder werden hochbegabt, weil Lehrer sie dafür halten

Die selbsterfüllende Prophezeiung hat jedoch nicht nur Einfluss auf Banken, sondern auch auf die Intelligenz von Schülern. Der Psychologe Robert Rosenthal zeigte in einem Experiment an US-amerikanischen Schulen, dass Kinder hochbegabt werden, weil sie Lehrer dafür hielten. Rosenthal gab vor, einen Intelligenztest in einer Schule durchzuführen. Das Ergebnis des angeblichen Tests war, dass 20 Prozent der Schüler hoch intelligent waren - in Wahrheit wurden die angeblich Hochbegabten jedoch zufällig ausgewählt. Die auserwählten Schüler blühten auf und hatten am Ende des Schuljahrs tatsächlich höhere IQ-Werte - bei manchen Kindern gab es eine Steigerung um 30 Prozent. Rosenthal führt das darauf zurück, dass die auserwählten Schüler mehr Zeit für die Beantwortung einer Frage bekamen und die Lehrer diese Kinder öfter lobten. Das spornte die Schüler zu höheren Leistungen an.


Die selbsterfüllende Prophezeiung macht auch Vorurteile wahr

Was für wahr gehalten wird, wird wahr. Doch damit herrscht der Irrtum. Wer Angst vor einer Situation hat, wird sich entsprechend verhalten. Dadurch tritt das, wovor jemand Angst hat, wirklich ein. Am Ende sagt der Prophet: "Ich hab's ja gesagt." Das Ereignis wird als Beweis dafür angeführt, dass die Angst berechtigt war.

Die selbsterfüllende Prophezeiung macht nach Merton nicht nur Ängste wahr, sondern auch Vorurteile: Alle Afroamerikaner sind Streikbrecher, hieß es in der Mitte des letzten Jahrhunderts in den USA. Sie hätten es einfach nicht gelernt, gemeinsam für eine Sache zu kämpfen. Deshalb verweigerten die Gewerkschaften den Afroamerikanern den Eintritt in ihre Gemeinschaft.

Mit dieser Weigerung verschloss sich jedoch für Tausende arbeitslose Afroamerikaner auch ein breites Spektrum an Arbeitsplätzen - wodurch sie später dem Angebot der bestreikten Fabriken nicht widerstehen konnten. Die Afroamerikaner wurden tatsächlich zu Streikbrechern.


Lügen kann helfen, aus dem Teufelskreis zu entrinnen

Wer die ursprünglich falsche Deutung infrage stellt, kann dem Teufelskreis der selbsterfüllenden Prophezeiung entfliehen. Manchmal hilft sogar eine Lüge: Anita Kelly ist Psychologin an der University of Notre Dame in Indiana, USA. Sie hat festgestellt, dass 30 Prozent aller Patienten ihre Psychologen belügen. Was aber nach Ansicht von Kelly nicht weiter schlimm ist - dadurch, dass die Patienten vor anderen ein besseres Bild von sich malen, werden sie möglicherweise diese bessere Person: Sie verändern ihr Verhalten entsprechend.

Theater spielen hilft aber auch bei der Jobsuche. Die drei US-amerikanischen Wissenschafter Ron Kaniel, David T. Robinson und Cade Massey erforschten, dass optimistisch wirkende Menschen schneller einen Job finden - und auch schneller befördert werden. Und das, obwohl Optimismus nach Ansicht der US-Amerikaner nicht mit Intelligenz oder guten Noten an der Universität korreliert.

Für Erfolg muss der Arbeitssuchende also nicht einmal optimistisch sein, es reicht schon, positiv zu wirken. In der Studie fragten die Forscher die Studenten, welche Kommilitonen sie für besonders optimistisch hielten. Diese Fremdeinschätzung deckte sich nicht immer mit der Eigenbewertung: Auch jene, die nur optimistisch schienen, hatten mehr Erfolg im Beruf.

Das deckt sich mit der selbsterfüllenden Prophezeiung: Die Erwartung der anderen macht mich zu dem, was ich bin.

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