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Facebook-Freunde bürgen für den Kredit

Bei der Hamburger Firma "Kreditech" entscheiden ein Algorithmus und 8000 Daten aus dem Internet, ob eine Person kreditwürdig ist.


Vor einem Bankomat steht ein Mann. Doch statt die Bankomatkarte in das Gerät einzuführen tippt er am Handy - er ist knapp bei Kasse und muss sich noch schnell Geld leihen. 16 Minuten später spuckt der Automat die Scheine aus.

"Kreditech" heißt die Firma aus Hamburg, die das ermöglicht. Ein komplizierter Algorithmus berechnet in eben diesen 16 Minuten, ob die Person vor dem Bankomat kreditwürdig ist. Bisher können sich die Kunden der Firma 500 Euro für 30 Tage leihen - das Konzept soll jedoch erweitert werden: "In Polen werden wir ab 2014 Kredite bis zu 2500 Euro anbieten", sagt Laurent Schüller, der Pressesprecher des erst vergangenen Jahres gegründeten Unternehmens.


Stimmiges Gesamtbild ist wichtig

Was in diesen 16 Minuten passiert, ist ein großes Geheimnis. "Wir prüfen 8000 Datenpunkte aus dem Internet", sagt Schüller. Dabei wird weniger darauf geachtet, wie viele Freunde jemand auf Facebook hat, was er zuletzt gegoogelt hat und wie ihn seine Käufer auf Ebay bewertet - es geht um ein stimmiges Gesamtbild. Wer angibt, bei einer Spedition zu arbeiten, solle daher auch Freunde auf Facebook haben, die ebenfalls dort angestellt sind. Damit "Kreditech" auf die Daten zugreifen kann, müssen sie vom Antragsteller freigeschalten werden. "Es ist wie ein Mosaikbild, dass aus 8000 Steinen besteht", sagt Schüller. Je schöner das Bild, desto eher gibt es Geld.

Obwohl "Kreditech" seinen Sitz in Hamburg hat, ist das Unternehmen in Deutschland nicht aktiv. Denn dort übernimmt die private Wirtschaftsauskunftei "Schufa" die Bonitätsprüfung für Kredite: "In Deutschland sind genug Daten vorhanden", sagt Schüller. Weltweit gebe es aber mehr als fünf Millionen Menschen, die keine Kredithistorie haben, über die keine Daten zum Zahlungsverhalten verfügbar sind. "Da haben wir unsere Nische gefunden", sagt Schüller.


Zinsen bis zu 35 Prozent

Seine Firma ist derzeit in Russland, Polen, Spanien, Mexiko und Tschechien aktiv. Australien und Argentinien sollen 2014 folgen. Die Kreditausfallquote liege bei durchschnittlich zehn Prozent - in Russland jedoch bei 60 Prozent: "Unser Algorithmus muss dort erst lernen", sagt Schüller. Bis Ende 2013 soll die "Kreditech" 14 Millionen Euro verliehen haben, Investoren stellen dafür Kapital zur Verfügung. Entlehnt wird teils zu horrenden Zinsen: Ein Spanier, der sich etwa 500 Euro für 30 Tage leihen will, zahlt dafür 175 Euro - das sind 35 Prozent.

"Wir machen kein Geheimnis daraus, dass wir recht hohe Zinsen nehmen", sagt Schüller. In Wachstumsmärkten ist allerdings die Konkurrenz nicht groß: Viele Banken würden keine Kredite zur Reparatur des Autos gewähren - und wenn doch nur zu noch höheren Zinsen. Außerdem vergebe "Kreditech" die Kredite ja kurzfristig: "Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, eine Hotelübernachtung von 100 Euro auf ein Jahr aufzurechnen", sagt Schüller.

Eine Banklizenz habe das Unternehmen nicht. "Weil wir keine Bank sind", sagt Schüller. "Kreditech" biete keine Vollbankprodukte, wie Aktienportfolios, Immobilienkredite oder Investments, an. Daher sei in vielen Ländern eine Kreditvergeberlizenz ausreichend. "In Polen oder Russland sind gar keine Lizenzen nötig."


KSV: Keine verlässlichen Fakten

In Österreich überprüft der Kreditschutzverband (KSV) die Bonität der Schuldner. Von einem Algorithmus, der sich aus Internetdaten speist, will Gerhard Wagner nichts wissen: "Wir klassischen Bonitätsprüfer arbeiten mit verlässlichen Fakten, die überprüfbar und nachvollziehbar sind", sagt der Prokurist des KSV, der für die Datenbanken verantwortlich ist. Zu diesen Fakten gehören für Privatpersonen, wie viele Kredite sie bereits aufgenommen haben, ob sie zurückgezahlt wurden und ob ein Insolvenzverfahren eröffnet wurde.

"Kreditech" kreidet den klassischen Prüfern an, dass sie zu sehr in der Vergangenheit denken: "Wir analysieren die Gegenwart", sagt Schüller. Wenn jemand vor zwei Monaten noch arbeitslos und pleite war, könne er doch inzwischen im Lotto gewonnen haben.

Wagner vom KSV glaubt indes nicht, dass das Sozialverhalten im Internet einen Rückschluss auf die Bonität zulässt. Durch die Interaktion auf Social Media könne man nur wenig rauslesen: "Jemand kann in einer gut bezahlten Stellung beschäftigt und trotzdem mit Obdachlosen auf Facebook befreundet sein - weil er sie etwa in seiner Freizeit betreut." Die Daten aus dem Internet seien nicht immer schlüssig. Aber: "Die Verwendung von Social Media ist eine spannende Sache."


Bank kann selbst entscheiden

Ob der Algorithmus auch in Österreich in Zukunft angewendet wird, ist fraglich. "Eine rein auf Internetrecherche beruhende Bonitätsprüfung wird nur einen sehr eingeschränkten Anwendungsbereich haben", sagt Franz Rudorfer, Geschäftsführer der Bundessparte Bank und Versicherung der Wirtschaftskammer Österreich. Letztlich könne aber jede Bank selbst entscheiden, nach welchen Daten sie Bonität der Schuldner überprüft.

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