Angelika Jakob

Journalistin - Fotografie und Text, München

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Reportage

TippKick Manufaktur

Am Fußball kann man nichts verbessern. Und wenn die Spieler aus Zinkdruckguss sind, umso besser: keine Skandale, keine Stars mit Allüren und modischen Haartrachten, keine Intrigen, keine sterbenden Schwäne auf dem Rasen, der die Welt bedeutet. Nur zwei Kicker mit ihren Tormännern treten gegeneinander an, Mann am Drücker gegen Mann am Drücker.
Tipp den roten Knopf auf dem Kopf Deines Kickers und sein rechtes Bein schnellt vor, schießt den Ball, im besten Fall ins Tor. Einer für alle. Jeder spielt für eine ganze Mannschaft. „Elf Freunde sollst Du sein“, ist das Motto von Tippkick, dem Kultspiel aus dem Schwarzwald.

Seit 85 Jahren hat sich im Wesentlichen nichts an dem Spiel geändert: Vater und Sohn rollen den Rasen aus, auf dem Boden oder auf dem Küchentisch, bauen Männchen und Tore auf, werfen einen Ball mit 12 Ecken ins Feld, stellen die Stoppuhr und los geht’s. Nach fünf Minuten ist Halbzeit. Ein gutes Dutzend Regeln gibt es auch, von Eckball bis Elfmeter, aber eigentlich geht es nur um eins: das Eckige muss ins Eckige.

Die Geschichte der kleinen Fußballmännchen beginnt wie ein Märchen. Wir schreiben das Jahr 1923. Es herrscht Massenarbeitslosigkeit, Ruhrkrise und Geldentwertung drücken auf die Stimmung: es gibt genug Gründe, Deutschland verlassen zu wollen. Der Uhrmacher Edwin Mieg hofft auf eine Stellung bei Junghans in Indien. Die Sache zerschlägt sich, er muss sich dringend etwas einfallen lassen. Aber dass er sich mit einer Blechfigur nach Hause traut, deren Fuß sich auf K(n)opfdruck bewegen läßt, um einen zweifarbigen Korkwürfel in ein Tor zu schießen, ist verwegen. Das Patent für das Spiel hatte er einem Apotheker und Hobbytüftler abgekauft. Mieg glaubt an das Spiel, nur der blecherne Fußballer ist ihm nicht standfest genug. Er lässt ihn aus Blei gießen und gründet die Firma Edwin Mieg in Schwenningen. Geld für einen Stand auf der Spielwarenmesse in Leipzig hat er allerdings nicht, also rollt er sein Fußballfeld auf einem Treppenabsatz vor dem Eingang zu den Messehallen auf. Jeder, der vorbeikommt, will mal kicken, es bilden sich Trauben von Zuschauern. Wachmänner mögen keine Ordnungswidrigkeiten und Mieg muss einpacken. Am nächsten Eingang geht er in die Verlängerung und verkauft seine ersten paar hundert Spiele an das begeisterte Publikum.

Das Spiel wird ein Renner. Es geht aufwärts. Doch 1939, kaum hat Mieg sein eigenes Fabrikgebäude fertig, in der er seine Kicker aus Zink gießen kann, bricht der Krieg aus. Jeder muss jetzt mithelfen, die eckigen Fußbälle zu schnitzen, die Tore aus Fliegengitter zu basteln. Und das Spielfeld schneidet man aus Verdunkelungsstoff.
„Lieber wäre ich mit einem echten, runden Fußball über die Wiese gerannt. Aber wir mussten diese Bällchen aus Korken machen“, erinnert sich Hansjörg Mieg, der mit seinem Bruder Peter ab 1948 die Firma weiterführte. Der heute 79jährige Senior hat wenig Lust auf Ruhestand und übernimmt immer noch den ungeliebten Posten des Controllers in der Firma.
„Wenn Hansjörg das nicht mehr macht, müssen wir uns echt etwas einfallen lassen“, grinst Jochen Mieg, der mit Cousin Mathias heute die Firma leitet.
„Wir haben uns schon im Sandkasten ausgemalt, wie wir einmal die Chefs der Spielzeugfabrik werden würden“, lacht Mathias Mieg. Wahrscheinlich waren die beiden damals schon so unterschiedlich wie möglich, zumindest äußerlich: Jochen Mieg ist zierlich und immer auf dem Sprung, Mathias strahlt schon auf Grund seiner mindestens doppelt so imposanten Statur die zufriedene Ruhe eines Bären aus, der gerade einen Bienenstock verlässt.
Die beiden buken also ihre Sandkuchen und besprachen, wie es weitergehen würde mit der Firma. Doch bevor sie ran durften, studierten sie BWL, wobei sie unter anderem lernten, den Firmengewinn nicht in Gummibärchen zu investieren, sondern die kluge Balance zwischen vorsichtiger Sortimentserweiterung und Beständigkeit zu suchen.
In den 50er Jahren, als das Wunder von Bern die Fußballfreunde zum Tanzen und zum Tippkick-Kaufen brachte, gab es ein paar Neuerungen: Tore und Bälle aus Plastik und den „fallenden Torwart Toni“, der nach rechts und links hechten kann. Das war alles. Inzwischen kann der Tormann auch nach vorne kippen. Beides ist für die etwa 1000 aktiven Turnierspieler und Puristen eigentlich Schnickschnack und ebenso verboten wie überflüssig. Für Profis entwickelte die Firma Spieler mit verschiedenen Schussbeinen, die brettern, schlenzen und Bälle heben können. Jochen und Mathias Mieg haben ein perfektes Produkt übernommen. Das einzige, das wirklich fehlte sind die Bande: das regelmäßige Herumkriechen unter Tischen und Sofas, um den Ball zu suchen, gehörte fast schon zum Spiel.
„Wir machen Fußball im Kleinen und hängen vom Erfolg und der Popularität der Großen ab“, erklärt Jochen Mieg, „ 1978 zum Beispiel, nach der „Schmach von Cordoba“ brach der Umsatz ein. 2006, als die WM in Deutschland war, lief großartig. Wir haben damals auch den Markt für Werbegeschenke gewinnen können. Weil aber die Nachfrage so stark schwankt, haben wir uns entschlossen, klein zu bleiben und bei Bedarf Produktionen nach China auszulagern.“ In Büro und Manufaktur arbeiten zehn Angestellte, als Heimarbeiter liefern rund 30 Hilfskräfte zu. Die beiden Chefs haben ihre Schreibtische in Rufweite stehen und nur eine Tür trennt sie von Verpackungsabteilung und Montage. Einen Raum weiter sitzen vier Frauen an Maschinen, die aus dem Technikmuseum stammen könnten und montieren Zinkmännchen und nackte rosa Plastiktorwarte. „Wir bauen zur Zeit etwa 1800 Figuren am Tag zusammen“, sagt Petra – ihr Name steht auf einem Klebeband an ihrem Stuhl - und steckt ein silbriges Schussbeinchen auf einen Fußballerkörper. Irina klebt Schienen auf Spielfelder und Brigitte prüft am Ende, ob die fertigen und gewaschenen Kerle auch ordentlich das Bein heben, wenn sie auf die roten Knöpfchen drückt. Die fertigen Kicker fahren allesamt nach Tunesien, wo sie hübsche Trikots, dunkle Haare, Strichmünder und traurige Augen aufgemalt bekommen. Luxuseditionen und Prototypen stylt Frau Theissen in einem Hinterzimmer. Aus ihren Minifarbtöpfchen hat sie die richtige Hautfarbe für die neue südafrikanische Mannschaft zusammengemischt. In ihrem Atelier wurde auch um die Frisur der brandneuen Fußballfrauen gerungen, die gerade auf den Markt kommen. „Sportlich soll unsere Birgit Prinz aussehen, wie in Wirklichkeit auch“, schildert Mathias Mieg das Ergebnis monatelanger Feilereien am weiblichen Zinkkörper der Kapitänin der deutschen Frauenfußballmannschaft. „Eine Gussform kostet schließlich 50 000 Euro, da gibt es kein Vertun.“
Vor Plagiaten haben die Schwenninger keine Angst. Jeder kennt das Spiel des Großvaters und will nichts anderes als das Original. Es wird Zeit, dass man bei „Schwarzwald“ nicht mehr nur an die Hüte mit lustigen roten Bommeln oben drauf, begehbare Kuckucksuhren, Schinken, Torte und die Schwarzwaldklinik denkt, sondern an ein geniales Fußballspiel. Grünen Filz ausrollen, Männchen oder neuerdings Weibchen, Tore und Ball aufstellen, dem Spieler ordentlich eins auf den roten Knopf auf dem Kopf geben: Tipp! Kick! Tor!