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Abnehmkonzern in der Krise: Warum Weight Watchers in Deutschland an Gewicht verliert

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Quelle: Imago

Mit Punktetabellen, wöchentlichen Treffen und Wiegetagen ist Weight Watchers aus den USA auch hierzulande groß geworden. Doch das Image ist angestaubt. Nun sollen eine Digitaloffensive und lockerere Regeln die Wende bringen.


Vor der Kassentheke im Düsseldorfer Weight Watchers Center bildet sich eine kleine Schlange. Die Frauen erwartet das Schreckensgespenst aller Diätgeplagten: die Waage. Ihr Ergebnis entscheidet über die Stimmung der nächsten Minuten. Bei einer Gewichtszunahme versucht Abnehmcoach Sandra Meier* die Teilnehmerinnen zu beruhigen und spricht ihnen Mut zu.


Den können viele Beschäftigte des Diätunternehmens zurzeit selbst brauchen. Während Weight Watchers in den USA weiterhin eine große Nummer ist, läuft das Geschäft in Deutschland seit Jahren schlecht. Dabei wären die Voraussetzungen eigentlich günstig: Das Schlankheitsideal ist ungebrochen, die Deutschen aber sind so dick wie nie. Jeder zweite Erwachsene hat Übergewicht, hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ermittelt. Überschüssige Pfunde wollen sie aber nicht mehr mit dem Programm des US-Konzerns loswerden, den Jeane Nidetch 1963 in den USA gegründet hat.


Im Zeitalter sportlicher Youtube-Stars, die ihren Followern kostenlos sechs-Wochen-Diät-Challenges anbieten, wirkt das Konzept von Weight Watchers reichlich altbacken.

Statt Kalorien werden Punkte gezählt. Jedes Lebensmittel hat einen festen Wert, der sich aus den Anteilen an Proteinen, Kohlehydraten und Fett zusammensetzt. Eine Salami-Tiefkühlpizza hat zum Beispiel 28 Punkte, während ein Salat mit Putenbrust nur mit 2 Punkten zu Buche schlägt. Bedenkt man, dass eine Durchschnittsfrau mit einem Gewicht von 80 Kilo bei 1,65cm etwa 23 Punkte pro Tag essen darf, geht die Rechnung eher für den Salat auf.


Ein zentraler Punkt des Konzepts sind an den Geist der Anonymen Alkoholiker erinnernde wöchentliche Treffen. Bei denen tauschen sich die Teilnehmer über ihre Probleme und Erfolge aus. Aktuell verlangt der Konzern dafür 42,95 Euro im Monat. Seit Mitte 2015 gibt es auch eine App, die für 18,95 Euro genutzt werden kann. Das digitale Angebot kam reichlich spät, es geisterten bereits zehn Jahre lang Youtube-Stars durchs Netz, die sich in den Alltag der Verbraucher integriert hatten. Wer ihnen folgt, hält Weight Watchers für eine Marke, mit der vielleicht die Mütter versucht haben, ein paar Pfunde zu verlieren.


Mittlerweile gibt es zwar einen Weight-Watchers-Instagram-Account, auf dem Teilnehmer ihren Hüftumfang oder ihr Essen posten. Trotzdem hat das Diätkonzept, das auf festen Treffen basiert und Beitrag kostet, gegen kostenlose Ernährungstipps und Sportprogramme einen schweren Stand. Zumal die über das Smartphone auch noch jederzeit verfügbar sind.

Das schlägt sich in den Zahlen nieder: Laut Bundesanzeiger lag der Umsatz des Unternehmens in Deutschland 2005 bei mehr als 88 Millionen Euro. Bis 2009 hielt er sich relativ stabil, brach dann auf 77 Millionen ein und ist seitdem kontinuierlich gefallen. Im aktuellsten Geschäftsbericht von 2016 lag der Umsatz bei 55,7 Millionen Euro.


Beim Treffen in Düsseldorf wird deutlich, dass Nachwuchs fehlt. Das Durchschnittsalter der versammelten Frauen liegt vermutlich bei 45, Typ „zuverlässige, liebevolle Mutter" mit praktischer Kurzhaarfrisur, die neben dem Beruf auch die Familie umsorgt. Sprich: Für alle kocht.

Viele berichten davon, dass sie bereits vor zehn oder fünfzehn Jahren das Programm mitgemacht hätten. Dann kam der Alltag und nun sitzen sie wieder hier.


Die alten Kochbücher und das Punkteprogramm können die Teilnehmerinnen aber nicht mehr verwenden, zumindest wenn sie mit den anderen mitreden wollen. Alle zwei Jahre wird das Konzept rundum erneuert. Weight Watchers erklärt das mit Anpassungen an den Stand der Forschung. Den Absatz von Diätplänen und Kochbüchern sollten ständig aktualisierte Auflagen ebenfalls antreiben.


Fast 18 Prozent mehr Fitnessfood kauften die Deutschen im vergangenen Jahr. Das zeigt eine neue Studie. Ebenfalls im Trend: Fitness per Smartphone.

Das Logo „WW" findet sich auch auf Hanteln, Fitnessarmbändern, Yogamatten, elektronischen Waagen und sogar auf Snacks wie Eiweiß- und Schokoladenriegeln, auf Chips mit weniger Fett und auf Popcorn. Alles ist schön präsentiert, die Titel der Kochbücher strahlen in saftigen Farben. Das Unternehmen will eben auch mit Merchandise zum Thema Abnehmen und sogenanntem „Convenience Food" verdienen. Das Essen kann nach kurzer Erwärmung oder direkt aus der Verpackung verzehrt werden.


Das geht schnell, überzeugt aber nicht jeden: „Diese Produkte sind zwar sehr bequem im Handling, aber es bleiben Fertiggerichte mit allen Nachteilen," sagt Angela Clausen, Referentin für Lebensmittel im Gesundheitsmarkt der Verbraucherzentrale. „Die Rezepte in den Büchern sind abwechslungsreich und lecker. Da ist sicherlich für jeden Geschmack etwas dabei. Jedoch stellt sich die Frage, ob die Leute das wirklich nutzen. Die meisten wollen bezahlen und schnelle Erfolge sehen." Viele Diätwillige würden deshalb eher weiterhin selten frisch kochen, sondern wie gewohnt zu Fertiggerichten greifen.


Christian Erlemeyer, Gründer des Adipositas-Netzwerks NRW, meint: „Das Programm kann Menschen helfen, die vielleicht zehn Kilo abnehmen wollen. Doch sobald es wirklich um krankhaftes Übergewicht, also Adipositas (Fettleibigkeit) geht, ist es schwierig. Bei Weight Watchers wird oft nur das Symptom bekämpft, aber nicht die Ursache.“ Um aber langfristig Gewicht zu verlieren, müssen die Essgewohnheiten grundsätzlich verändert werden, darin sind sich die Experten einig.

Auch wenn der Diätkonzern das ebenfalls propagiert: Er verdient am meisten daran, wenn die Menschen nach einer Diät wieder zunehmen – und zurückkommen.


Motivieren sollen vor allem die Erfolgsgeschichten anderer Teilnehmerinnen. Eine besonders berühmte Geschichte, ist die des US-Publikumslieblings und der Showmasterin Oprah Winfrey. Sie hat um die 20 Kilo mit dem Programm abgenommen, eröffnete sie dem People’s Magazine 2016. Viel entscheidender: Als das Unternehmen 2015 kriselte, investierte sie 43 Millionen Dollar in Aktien, wurde Aufsichtsrätin und zugleich das Werbegesicht. Seitdem kennt die Aktie an der US-Börse kein Halten mehr, ihr Kurs ist von sieben Dollar zwischenzeitlich auf einen Rekord von 105 Dollar gestiegen. Derzeit hat sie sich knapp über 70 Dollar eingependelt.


Ein weiterer Grund für die positive Entwicklung ist ein Führungswechsel. Seit Juli 2017 sitzt Mindy Grossman an der Spitze. Ihren guten Ruf hat sie sich durch die digitale Transformation des Teleshopping Kanals HSN erarbeitet – das Gleiche soll sie nun für Weight Watchers schaffen.


Kurz nach ihrem Start folgte November 2017 bereits das modernisierte Konzept, dass den von Oprah Winfrey angestoßenen Turnaround zementieren soll. In Deutschland heißt es „WW Your Way“. Es soll weniger streng sein als früher. Statt jeden Bissen nachzuhalten, gibt es 200 Lebensmittel, die gar keine Punkte haben – also ohne Einschränkung gegessen werden können. Darunter fallen Eier, Fisch und Hülsenfrüchte. Außerdem sollen Kunden nun selbst bestimmen, wie viel sie abnehmen wollen. Alles soll etwas flexibler sein, lockerer. Eben hip.

Der Plan scheint aufzugehen. Der Bilanzgewinn von Weight Watchers stieg im zweiten Quartal 2018 auf 70,7 Millionen Dollar – von 45,2 Millionen im Vorjahreszeitraum. Unternehmensangaben zufolge lagen die Mitgliederzahlen Anfang des Jahres um 28 Prozent höher als im Vorjahr.


In Deutschland wurden vor allem die Preise angehoben. Laut Bundesanzeiger kosten die wöchentlichen Treffen seit Dezember 2016 doppelt so viel. „Diese Maßnahmen haben zwar im ersten Halbjahr zu niedrigeren Einnahmen pro bezahlte Woche geführt, dafür hat sich die durchschnittliche Verweildauer erhöht“, heißt es in der Geschäftsprognose für das Jahr 2017. Mittlerweile würde aber auch das Onlinegeschäft besser laufen, heißt es seitens des Unternehmens. Genaue Zahlen gibt es aber nicht.


Sollte die Trendwende tatsächlich gelingen, atmen vor allem die WW-Coaches auf. Sie „verdienen nur, wenn die Teilnehmer auch das Programm nutzen und zu den Treffen kommen“, weiß Nicole Heine. Sie war selbst zwölf Jahre lang überzeugter Coach beim US-Unternehmen, hat aber 2014 zum Konkurrenz-Unternehmen Scalefriends gewechselt. Die Arbeitsbedingungen findet sie problematisch. Die überwiegend weiblichen Mitarbeiterinnen sind nicht bei Weight Watchers angestellt, sondern arbeiten freiberuflich auf Provision. Sie zahlen die Miete der Räume, müssen sich darum kümmern, dass sich Mitglieder anmelden, am Ball bleiben und auch Erfolge sehen.


Nach dem halbstündigen Treffen in Düsseldorf greifen die Teilnehmerinnen kräftig im Shop bei den Snacks und Süßigkeiten zu. Eine jüngere Teilnehmerin nimmt drei Packungen „Sweet Popcorn“. Eine Packung kostet 1,39 Euro und enthält 17 Gramm. Zum Vergleich: Eine Packung Popcorn aus dem Supermarkt Rewe der Marke Chio mit dem gleichen Preis enthält 120 Gramm, also zusätzlich 100 Gramm mehr. „Sobald ich eine Packung öffne, esse ich sie aber komplett auf“, sagt die junge Frau, die unerkannt bleiben will. „Daher ist die Größe entscheidend. Denn ein bisschen Belohnung muss auch sein.“


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