Andreas Artmann

Publizist und Dozent, Niederkassel

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Artikel

Wenn Angst die Agenda bestimmt

Wahl & Werbung. Angst ist eins der stärksten Gefühle überhaupt. Das Spiel mit der Angst scheint den Populisten im Zeitalter der Sharing Economy leicht zu fallen. Interessengruppen steuern mit dem Mittel der Angst den Mainstream. Besonders die Deutschen scheinen für Verschwörungstheorien und Angstszenarien anfällig zu sein. Zur Zeit erleben wir, wie in den USA mit konfusen Ängsten und Gerüchten ein Wahlkampf geführt wird. 

Der Welt-Korrespondent Clemens Wergin: »Die Überfremdungshysterie, die von den Republikanern und mit ihnen verbündeten Medien wie Fox News geschürt wird, führt zu allerlei Verschwörungstheorien. Etwa der, dass George Soros, der linke jüdische Philantrop, die ›Karawane‹ finanziere. Eine Theorie, die den Attentäter von Pittsburgh dazu veranlasste, die dortige jüdische Gemeinde anzugreifen, weil sie das jüdische Flüchtlingswerk HIAS unterstützte.« Aus: »Trumps Trick mit dem Schüren der Angst vor Masseneinwanderung«.

Patrick Gensing, von den ARD-Faktenfindern: »Die Demokraten hätten einen Polizisten-Mörder in die USA gelassen – und auch dafür gesorgt, dass er bleiben könne. Dies ist nur eine von diversen falschen Behauptungen des US-Präsidenten«. Aus: »Die Lüge als Politik«.

In der Zeit titelte Frida Thurm nach einer repräsentativen Umfrage bereits am 6. September 2018: »Die Ängste der Deutschen: Deutsche fürchten gefährlichere Welt durch Donald Trump«. Die Angst vor der Politik des US-Präsidenten schaffte es auf Platz eins dieser Umfrage.

Elisabeth Wehling erklärt bei hartaberfair.de – unser Gehirn denke vorwiegend in Geschichten. Sie verdeutlicht, wie Framing in der heutigen Politik funktioniert. Framing (Einrahmen) ist der bewusste Prozess der Einbettung von Ereignissen und Themen in ein bestimmtes Deutungsraster. Spannend wird es, wenn »Angst« und »verbale Gewalt« sich verbindet. Wenn verbale Aggression anhält oder eine solche Botschaft oft wiederholt wird, stellt sich ein Lernprozess im Gehirn ein. Das Gehirn reagiere auf gesprochene Gewalt wie auf physische Schläge. Im Laufe der Zeit wird das menschliche Gehirn so aggressiver und angstbehafteter. Wehling: »Empirische Forschung belegt, dass gewalttätige Diskurse zu physischer Gewalt führen.«

Frank Plasberg fragt Elisabeth Wehling nach offensichtlichen Lügen. Diese Antwortet: »Je öfter man eine unwahre Aussage hört, desto mehr wird sie für das Gehirn zur Wahrheit.« Wehling nennt das eine Art Einschleiffeffekt. Das Gehirn meint »…den Stallgeruch von dieser Idee, von diesem Konzept kenne ich«. Signal ans Gehirn: So falsch kann das also gar nicht sein. Die Wahrnehmung von Wahrheit verschiebe sich oft, ohne das wir Menschen es mitkriegen. Aus: »Trumps Wahlkampf: Land spalten, Macht retten?«

Passend zu den vorgenannten Beiträgen stellt die ARD ein sehenswertes Lehrstück über Angst in Wahlwerbung, Marketing und Social Media ins Netz. Professor Borwin Bandelow: »Jemand der ein Populist ist, der wird gut daran tun, das primitive Angstsystem anzusprechen. Der Trick ist, dass man dem Menschen erst mal tüchtig Angst einjagt und dann sagt: Ich bin der Retter.« Besonders gut funktioniert dies in der Versicherungswirtschaft, der Pharmaindustrie und bei Ideologen. Professor Stephan Weichert: »Wir erleben gerade eine Tendenz, dass Politiker, Parteien und Unternehmen sozusagen eigene Medien-Echokammern schaffen.« Damit befreien sich diese Interessengruppen von der Deutungshoheit klassischer Medien. Zitate aus: »Angst als Waffe«. (8 Minuten).


Fazit

Unsere eigenen Klicks spülen die »schlechte, schnelle Nachricht« im Ranking nach oben. Je primitiver die Angst, an die appelliert wird – desto effektiver funktioniert der Mechanismus. Die alte Zeitungsregel »nur eine schlechte Nachricht – ist eine gute Nachricht« wird in den Blasen und Echokammern der sozialen Netzwerken zum ewigen Menetekel. Gefühlte Anzeichen eines drohenden Unheils und Warnungen überfluten unser Gehirn und prägen sich ein. Verbale Gewalt und primitive Vorstellungen nehmen Raum ein. Hat sich die Angst eingeschliffen, haben rationale Betrachtungen kaum eine Chance – wir gehen innerlich in Abwehrposition.

Eine Link-Zusammenstellung zur Meinungsbildung von Andreas Artmann für #7t7n