Andrea Mertes

Journalistin & Trainerin, München

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ÖKO-TEST | Naturkosmetik

Es geht auch fair: Auf dieser Plantage blühen Rosen für die Firma Wala.

Wenn morgens der erste Kaffee in der Tasse dampft, ist die Sache klar: Das Fairtrade-Siegel auf der Verpackung belegt, dass der Genuss nicht auf Kosten anderer geht. Wie zum Beweis lacht hinten auf der Kaffeetüte eine Frau dem Betrachter entgegen. Sie trägt bunte Kleidung und arbeitet offenbar irgendwo in den Hochlandplantagen von Mexiko, Peru oder Bolivien. Die Fairtrade-Standards garantieren ihr ein sicheres Einkommen und partnerschaftliche Zusammenarbeit.

Wenn doch alles so einfach wäre wie beim Kaffee. Oder der Schokolade. Tatsächlich ist neben den genannten Lebensmitteln eine ganze Fülle von Produkten in Deutschland Fairtrade-zertifiziert. Von Blumen über Kuscheltiere bis zu T-Shirts und Jeans reicht die Palette, sogar Sportbälle finden sich darunter - jedoch keine einzige Gesichtscreme, kein Duschgel oder Shampoo. Im (Natur-)Kosmetikmarkt spielt der faire Handel bislang kaum eine Rolle. Und das, obwohl die großen Hersteller wie Weleda oder Wala eigene Projekte nach fairen Prinzipien in den Anbauländern unterstützen und initiieren. Warum aber gibt es kein faires Label auf der Kosmetik?

Die Suche nach einer Antwort schickt einen ins Dickicht der internationalen Gütesiegel und ihrer Organisationen. Denn das Fairtrade-Label ist nicht das einzige faire Siegel am Markt. Es ist nur das bekannteste. Hinter dem kreisrunden Logo mit der Yin-und-Yang-Symbolik steht die internationale Organisation Fairtrade International, kurz FLO. Unter ihrem Dach versammeln sich 19 nationale Siegelinitiativen. Die deutsche Schwester nennt sich Transfair und hat ihren Sitz in Köln-Sülz. Gemeinsam ist allen Initiativen, dass sie auf den Fairtrade-Standards aufbauen wollen. Das heißt, sie wollen direkten Handel mit den Ländern der dritten Welt fördern und dafür sorgen, dass die Hersteller in diesen Entwicklungsländern einen fairen Lohn für ihre Arbeit erhalten. Weitere Standards sind die Verpflichtung zu langfristigen Handelsbeziehungen, Bereitstellung von Vorfinanzierungsmöglichkeiten, demokratische Organisationsstrukturen, keine ausbeuterische Kinderarbeit, Umweltschutz und Entwicklung der lokalen Strukturen.

Trotz dieser gemeinsamen Linie haben die nationalen Initiativen individuelle Spielräume. Und die nutzen sie auch. Transfair etwa war lange dagegen, in Deutschland das Fairtrade-Siegel für Kosmetik zu vergeben. Als Grund nennt Pressesprecherin Maren Richter, „dass es bis vor Kurzem keine internationale Einigung über das Vorgehen und die Richtlinien zu Fairtrade-Kosmetikartikeln gab. Vereinzelte Pilotprojekte von Siegelinitiativen anderer Ländern waren für Transfair bisher nicht überzeugend."

Anders als in Deutschland vergeben Fairtrade-Organisationen beispielsweise in Frankreich oder Großbritannien das begehrte Logo an Kosmetik, auch wenn nur zwei beziehungsweise fünf Prozent der Inhaltsstoffe fair gehandelt sind. Die Zahl hängt davon ab, ob die Produkte auf der Haut bleiben oder wieder abgewaschen werden. Solche zertifizierten Produkte gibt es etwa von Alter Eco, Noèhm, Urtekram, Boots, Lush oder Bubble & Balm. Elisabeth Lim von der schwedischen Fairtrade-Organisation begründet die niedrigen Prozentzahlen damit, dass Kosmetik, prozentual gesehen, größtenteils aus Wasser besteht - das aber lässt sich nicht zertifizieren.

Im Frühjahr 2013 hat sich die FLO nun auf ein gemeinsames Regelwerk für Kosmetik geeinigt, das auch von Deutschland akzeptiert wurde. Demnach wird das Fairtrade-Label für Kosmetik nicht an ein gesamtes Produkt, sondern für einzelne Inhaltsstoffe wie Sheabutter, Kokosöl oder Honig vergeben. „Beinhaltet fair gehandelte Rohstoffe": So oder so ähnlich könnte es demnächst auf Kosmetikpackungen stehen. Der Verbraucher soll den Unterschied zwischen einem fair gehandelten Honig - also einem vollständig fairen Produkt - und einer Gesichtscreme mit fairem Honig und weiteren konventionellen Inhaltsstoffen erkennen. „Durch das neue Modell können viele weitere Produzenten von Fairtrade profitieren", glaubt Maren Richter.

Stellt sich die Frage: Wartet in Deutschland jemand darauf? In den Reihen der hiesigen Naturkosmetikhersteller ist es erstaunlich ruhig. Niemand scheint das Fairtrade-Siegel zu vermissen. Bio-Zertifizierung sei wichtig, heißt es in Gesprächen. Das Natrue-Siegel wird immer wieder lobend erwähnt. Aber Fairtrade? Gerhard Benz, seit vielen Jahren Produktionsleiter bei Primavera, bringt es so auf den Punkt: „Wir haben schon lange fair gehandelt, bevor die mit ihrem Label kamen." Benz ist einer aus den Pioniertagen der Naturkosmetik. In den 1980er-Jahren reiste er als Entwicklungshelfer durch die Welt. Immer im Gepäck: eine Destille, um Proben zu gewinnen. In den Anden, auf 3.000 Meter Meereshöhe, zeigten ihm traditionelle Heiler die Wirksamkeit von Myrte und Eisenkraut. Benz stellte Probedestillationen her und brachte sie nach Deutschland mit. Beim damals noch jungen Unternehmen Primavera fand er einen Abnehmer. Das Bio-Anbauprojekt Aroma Inca Peru war geboren.

Heilpflanzen für Deutschland Heute kultivieren und destillieren 250 Bauernfamilien in Pisac, nahe der alten Inka-Hauptstadt Cusco, Heilpflanzen für Deutschland. Es ist ein kleines Unternehmen: Mit dem Eisenkraut etwa erwirtschaftet Primavera einen Umsatz von gerade mal 50.000 Euro, die Jahres-ernte liegt bei unter 100 Kilo. Wenn die Schafe in die Gärten entwischen, kann der Ertrag auch ganz ausfallen. Die Verbindung zwischen Deutschland und Peru leidet darunter nicht.

Die Pioniertage sind lange vorbei, die Haltung ist geblieben. „Wir kaufen unsere Rohstoffe bio ein wegen des Aspekts der Nachhaltigkeit", sagt Ralf Kunert, Gruppenleiter für den Einkauf der Rohstoffe bei Wala und der Marke Dr. Hauschka. „Aber Nachhaltigkeit bezieht sich für uns nicht nur auf die Landwirtschaft, sondern auch auf soziale Verträglichkeit. Deswegen sollte man Fairtrade und Bio auch nicht trennen." Ralf Kunert reist wie Benz regelmäßig zu den Lieferanten. Fairer Rohstoffhandel geht für beide Naturkosmetikprofis über eine gute Partnerschaft und gerechte Bezahlung hinaus. Viele Hersteller schließen feste Abnahmeverträge ab. So garantieren sie den Lieferanten und Bauern vor Ort, dass sie die Ernte abkaufen, und geben ihnen dadurch Planungssicherheit. Außerdem wird die Ernte oft vorfinanziert - eine große Hilfe gerade bei Unternehmensgründungen. Schulungen und Beratungen gehören zum Angebot und oft auch der Aufbau von medizinischen Einrichtungen und Schulen. Ein Engagement, das die Hersteller jedoch kaum in den Vordergrund stellen. „Gelebte Selbstverständlichkeiten" nennt Sabine Kästner, Pressesprecherin Lavera, das. Und Wala-Pressesprecher Adam Antal erklärt: „Das hat etwas mit der Philosophie unseres Hauses zu tun. Es geht uns immer erst um die Sache und weniger darum, kommunikatives Kapital aus ihr zu schlagen."

Regional? Fair? Oder beides? Wenn es aber um die Sache geht, sagt Ralf Kunert, dann hat das Fairtrade-Siegel noch ein anderes Problem: Die Zertifizierung bezieht sich auf Produkte aus Drittweltländern. Regional eingekaufte Rohstoffe lassen sich aber nicht fair labeln - auch wenn die Produktionsbedingungen im Allgäu oder an der Nordsee sicher als sozial verträglich bezeichnet werden können. Auch Rohstoffe aus der EU werden nicht Fairtrade klassifiziert. Kunert nennt ein Beispiel: „Wir beziehen unser Olivenöl aus Spanien und nicht aus Tunesien - mir ist Regionalität lieber als ein Fairtrade-Zertifikat." Und Anja Brockmann, Produktmanagerin bei Santaverde, spinnt den Gedanken weiter: „Will ich, dass der Alkohol, den wir zur Konservierung verwenden, aus Tausenden Kilometern Entfernung kommt, nur damit er als fair zertifiziert werden kann? Obwohl wir den gleichen Alkohol aus Getreide der Region herstellen könnten?"

Alkohol, Olivenöl, Heilkräuter: Viel war bisher von einzelnen Rohstoffen die Rede. Wenig jedoch vom ganzen Produkt. Und genau hier liegt das letzte, vielleicht größte Problem der fairen Kosmetik. Es stecken zu viele Bestandteile darin. Zehn bis 20 sind es in einer Rezeptur, Hunderte von Inhaltsstoffen sind es in einer Produktpalette. Dem gegenüber steht die Bandbreite der bisher zertifizierten Rohstoffe. Und die ist klein. Ecocert, einer der größten Bio-Zertifizierer, listet in seiner Datenbank gerade mal 53 Organisationen weltweit, die faire Rohstoffe anbauen oder vertreiben. Die meisten handeln mit Arganöl, Sheabutter oder ätherischen Ölen. Einige Male findet man in der Liste noch Sesamöl, Hibiskus, Vanille, Rosen- und Kokosnussprodukte. Guylaine Le Loarer, Leiterin Forschung und Entwicklung bei Annemarie Börlind, fasst es so zusammen: „Mit dem derzeitigen Angebot an Rohstoffen könnte nur ein Öl, vielleicht ein Körperöl, das Fairtrade-Label tragen. Alles andere ist technisch nicht machbar."

Autorin: Andrea Mertes Foto: WALA

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