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Silicon Savannah

Der Weg zur nächsten Bank war für Kenianer oft eine Tagesreise auf schlecht befahrbaren Straßen. Das bedeutete nicht nur Mühe und Zeitverlust, sondern für Unternehmer oder Bauern auch Produktionseinbußen. Heute zücken Kenianer ihr Handy und zahlen mit dem mobilen Zahlungssystem M-Pesa. Das gibt es seit zehn Jahren und gehört heute fest zum Alltag der Kenianer. Es erspart der Bevölkerung den oft weiten und beschwerlichen Weg zur nächsten Bank.
M-Pesa (das "M" steht für Mobile, "Pesa" heißt auf Swahili "Geld") wurde in Kenia gestartet und wird mittlerweile auch in Indien,Afghanistan und Osteuropa verwendet.
Seit dem Erfolg von M-Pesa hat sich in Nairobi eine breite Start-up-Szene entwickelt, die der kenianischen Hauptstadt den Spitznamen Silicone Savannah eintrug. Co-Working Spaces und Innovation Hubs, allen voran iHub und Nairobi Garage, unterstützen die Entwicklung neuer Unternehmen, die für hartnäckige Probleme digitale Lösungen suchen. Die interessantesten Innovationen im Überblick:

Branch - Kredite per SMS

M-Pesa hat den Grundstein für eine Vielzahl von online Finanzservices gelegt. Inzwischen gibt es auch die Kreditvergabe online. Einer dieser Dienste heißt "Branch", „die mobile Bank für die Hosentasche“, so der Werbe-Claim. User melden sich mit ihrem Facebook-Profil sowie einem Bankkonto an und geben Branch Zugriff auf ihre Handy-Daten, Anruf- und SMS-Protokolle inklusive. So entscheidet das Unternehmen, ob ein Kredit vergeben wird. Rund 350.000 Kunden hat Branch, das 2015 gegründet wurde.

- OkHi

Der Großteil der Häuser in Kenia hat keine feste Adresse. Das beschert Lieferanten, Taxis und Krankenwägen lange Irrfahrten und kann auch für die Identitätsüberprüfung einer Person zum Problem werden. OkHi basiert auf Google Maps und fügt der Karte Bilder der Hauseingänge hinzu. OkHi gibt an, dass ihre Kunden in Nairobi ihr Ziel so bis zu 50% schneller erreichen.

- Maisha Meds and Connect Med

In großen Teilen Kenias funktioniert die medizinische Betreuung schlecht. Eine wichtige Rolle übernehmen kleine Apotheken, deren Mitarbeiter oft nicht dafür ausgebildet sind. Maisha Meds hat eine App programmiert, die bei der Administration einer Apotheke hilft, Informationen zu den gängigsten Medikamenten bietet und den weiteren Kontakt mit den Patienten erleichtert. Die Handynummer wird gespeichert und der Patient erhält Anleitungen zur weiteren Behandlung. Gesponsert wird Maisha Meds unter anderem von der Bill & Melinda Gates Foundation. Beim selben Problem setzt Connect Med an. Das Start-up richtet sich speziell an Ärzte und ist eine Art Verzeichnis der Praxen im Land. Patienten können über die App sehen, wo der nächste passende Arzt ist und einen Termin buchen.

- eLimu, mShule und Eneza education

Rund 20% der Kenianer können nicht lesen und schreiben. Seit 2003 sind zwar die kenianischen Volksschulen gratis. Doch die Schüler schneiden in Tests schlecht ab und sogar in Nairobi fallen 18% der Schüler der 8. Klasse durch Lese-, Schreibe-, und Rechenübungen, die für die 2. Klasse gedacht sind, sagt das Start-up eLimu. Im Nordosten des Landes liege der Anteil bei 55%. Die Regierung setzt ihre Hoffnung auf eine Steigerung des Bildungserfolgs durch Digitalisierung. Bis Ende 2017 soll rund eine Million iPads an alle öffentlichen Grundschulen geliefert werden. Da sah eLimu seine Chance und entwarf eine App, die dem kenianischen Lehrplan angepasst auf den großen Abschlusstest der Grundschule vorbereitet. Ähnlich funktioniert mShule, jedoch ohne iPad. mShule schickt SMS mit Aufgaben an das Kind, angepasst an sein Vorwissen. So wird chatten zur Lernmethode. Ein weiteres Unternehmen ist Eneza Education, eine virtuelle Schule mit Kursen für jedes Alter und Interesse. Die e-Learning Plattform richtet sich vor allem an die ländliche Bevölkerung, die weit weg von formalen Bildungseinrichtungen lebt.
Wie erfolgreich sie bei der Verbesserung des Bildungsstandards sind, bleibt abzuwarten.

- Fuzu, Shortlist, DumaWorks

Die Arbeitslosigkeit in Kenia ist hoch. Laut der UN liegt sie derzeit bei 39%. Start-ups wie Fuzu, Shortlist und DumaWorks haben sich daher der Arbeitsvermittlung verschrieben. Wie bei Dating-Plattformen werden Profile der Stellenausschreibungen mit denen der Arbeitssuchenden abgeglichen. Die Portale locken mit Angeboten, die sie voneinander unterscheiden sollen. Fuzu etwa bietet gratis Video-Kurse an, die Arbeitssuchende mit Zusatzqualifikationen ausstatten sollen. Thematisch reichen die Videos von Buchhaltung bis zu „Wie man einen Drucker repariert“.

- Twiga Foods

Lieferketten sind in Kenia oft ineffizient. Händler müssen in den frühen Morgenstunden zu den großen Märkten fahren oder bekommen Lieferungen spät und nicht selten in schlechterer Qualität, als ausgemacht. Über 30% der produzierten Waren, etwa Tomaten oder Bananen, überstehen den Weg vom Bauern zum Großmarkt und weiter in den Laden nicht unbeschadet. Das drückt den Preis für den Endkonsumenten nach oben. Twiga Foods will das Leben der Lebensmittelhändler einfacher machen und den Preis für die Konsumenten senken, indem Lieferketten effizienter werden. So gehe weniger Ware verloren und alle profitieren davon. Der Service läuft online und per SMS. …

- Mdundo

Ostafrikas Musikszene boomt. Das nutzt der afrikanische Streaming-Dienst Mdundo. Angefangen hat das Unternehmen 2012 in Kenia, mittlerweile gibt es auch Versionen für acht andere Staaten, wie Tansania und Sambia. Zwei Millionen User hat diese afrikanische Version von Spotify monatlich. Über M-Pesa können sie sich den unlimitierten Zugang kaufen. Internationale Firmen sichern sich nun auch ein Stück vom Kuchen: Warner Music hat im November einen Lizenzvertrag mit Mdundo unterschrieben, nun ist auch internationale Musik über die App zu hören.