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Ein bisschen Liebe und viel Know-how

Wer Kunst als Investment sieht, sollte sich nicht nur vom persönlichen Geschmack leiten lassen, sondern auch objektive Kriterien abwägen. Für die Entwicklung des „richtigen Riechers“ ist die Liebe zur Kunst aber eine Grundvoraussetzung.

Das Bild der 15-jährigen Sisi, die anmutig vor ihrem elterlichen Schloss auf einem Pferd sitzt, hat es einem Käuferbesonders angetan: Er war bereit, ein Vielfaches des Schätzpreises für das Gemälde zu bezahlen, das Sisi Kaiser Franz Joseph in ihrem Verlobungsjahr 1853 zu Weihnachtenschenkte und das 60 Jahre lang über „Franzls“ Bett in der Wiener Hofburg hing. Während die Expertendes Wiener Dorotheums den Wert des Bildes auf 300.000 bis 400.000 Euro schätzten, bot der Käufer bei der Auktion im Dorotheum Ende April satte 1,5 Millionen – und erhielt den Zuschlag.

Geschichten wie diese sind es, die nicht nur Kunstliebhaber aufhorchen lassen, sondern auch Investoren, die Kunst alsWertanlage betrachten. Sie zeigen, wie wenig berechenbar der Markt mitunter ist. Manche Künstler werden beispielsweise nach einigen Jahren des Schaffens plötzlich auf dem Markt so gefragt, dass auch ihre frühen Werke, die sie oft für wenig Geld verkauft hatten, nun für große Summen gehandelt werden. Und manchmal erzielen Käufer immense Wertsteigerungen, weil sie in wenig nachgefragte Epochen und Strömungen investieren, dieplötzlich beliebt werden.

EINE FRAGE DER ZEIT
Neben Sammlern aus reiner Leidenschaft und Erben von Sammlungen sind die Investoren
ein wichtiger Player auf dem Markt. Meist investieren sie in zeitgenössische und moderne Kunst. Sie seien, laut Constanze Werner, Leiterin des Client Services des Dorotheums in Wien, extrem gut informiert, wissen über alle aktuellen internationalen Auktionsergebnisse, Trends und Tendenzen Bescheid: „Entweder sie haben einen wirklich guten Berater oder es ist ein Zusatzjob. Sonst macht man Fehler.“ An die nötigen Informationen zu kommen, ist heute kein Problem, da etwa Auktionsergebnisse, Informationen zu Künstlern, Werken und Ausstellungen jederzeit online abrufbar sind. „Der Markt ist extrem transparent geworden“, so Werner. Investment-Fehler lassen sich auch minimieren, indem man vor einem Kauf erfahrene Galeristen nach ihrer Meinung fragt, und zwar durchaus auch über Werke und Künstler, die von anderen Galerien gehandelt werden.

FEHLKÄUFE GEHÖREN DAZU
Letztlich braucht ein guter Kunstinvestor den „richtigen Riecher“. Der entsteht durch die jahrelange Beschäftigung mit Kunst und den Gesetzmäßigkeiten des Kunstmarktes. Langer Atem und Geduld sind beim Kunstinvestment notwendige Tugenden. Die erfolgreichsten Kunstsammler, sagt Martin Janda, Gründer und Leiter der gleichnamigen Kunstgalerie in Wien, sind jene, die „sehr neugierig und mit Respekt“ sammeln. Allzu leidenschaftliche Kunstkäufer tendieren dazu, zu hohe Preise zu zahlen. Wer ausschließlich nach Geschmack kauft, wird das wohl spätestens beim Versuch, wieder zu verkaufen, bereuen. Janda sieht das aber locker: „Wer keine Fehlkäufe in seiner Sammlung hat, ist kein richtiger Sammler.“ Wenn man mit Kunst nämlich nicht nur seine Räume schmücken will, sondern sie auch als
Geldanlage betrachtet, muss einem klar sein: Es handelt sich um ein risikoreiches Investment, das einen hohen Grad an Expertise verlangt.

Janda bestätigt dies: „Wenn ich mich nicht hundertprozentig auskenne, kann ich nicht erwarten, eine Wertsteigerung zu erreichen.“ Janda würde seinen Kundinnen und Kunden den Kauf eines Werkes aus seiner Galerie als Geldanlage niemals empfehlen, aber er sagt auch: „Ich betreibe die Galerie jetzt seit 25 Jahren, und wenn jemand in dieser Zeit von jeder unserer Ausstellungen eine Arbeit für einen relativ geringen Betrag gekauft hätte, wäre er heute vielfacher Millionär.“ Mit einigen Künstlern, deren Werke mittlerweile sehr gefragt sind, arbeitet Janda schon seit den 80er-Jahren zusammen, wie zum Beispiel mit Roman Signer und Werner Feiersinger.

AUSSTELLUNGEN STEIGERN DEN WERT
Auch Constanze Werner warnt vor Impulsivkäufen, um eventuelle spätere Enttäuschungen
zu vermeiden. Herz und Hirn sollten beim Kauf gemeinsam entscheiden: „Natürlich soll ein Kunstwerk gefallen“, sagt Werner, „aber das alleine reicht nicht: Man muss darauf achten, dass man Qualität kauft.“ Eine Grundregel sei, „lieber ein Bild von Super-Qualität“ zu kaufen „als zehn mittelmäßige“. Aber wovon hängt Qualität ab? Welche Kriterien sorgen dafür, dass der Wert des einen Kunstwerks sich vervielfacht und ein anderes später nicht einmal den ursprünglichen Kaufpreis erzielt? Werner erklärt: „Zu den preisbildenden Kriterien gehören der Künstlername und bei bekannten Künstlern auch, in welcher Periode sie das Werk geschaffen haben, der Erhaltungszustand und die Provenienz.“ Bei der Provenienz geht es zum einen darum, dass ein Werk keine Fälschung ist und die bisherigen Eigentümerverhältnisse geklärt sind, es sich also beispielsweise nicht um enteignete Kunst aus der Zeit des Nationalsozialismus handelt. Die Abteilung Provenienzforschung im Dorotheum, so Werner, überprüfe das akribisch. Zum anderen steigt der Wert eines Kunstwerks, wenn es Teil einer prominenten Sammlung war oder in Ausstellungen bekannter Museen gezeigt wurde.

NICHT JEDES TALENT WIRD WERTVOLL
Wer viel Geld auszugeben hat, kann in der Oberliga der Kunstspekulation mitspielen, wo die Warhols, Picassos, Monets und Richters für zig Millionen Euro gehandelt werden. Für Menschen mit kleineren Budgets kann es sinnvoll sein, frühzeitig auf junge Talente zu setzen. Martin Janda warnt allerdings davor, bei Akademierundgängen einzukaufen: „Es sind nicht immer die talentiertesten Künstler, die durchhalten.“ Manche entscheiden sich vielleicht für einen gut bezahlten Job in der Werbebranche und verlassen die Bühne des Kunstmarktes so schnell, dass sie keine nennenswerten Spuren hinterlassen.

DER PREIS IST NICHT DER WERT
Dass das Sammeln von Kunst in den letzten Jahren so beliebt geworden ist, liegt aus Sicht von Constanze Werner einerseits an den vielen Rekordpreisen am internationalen Kunstmarkt, andererseits an der Anzahl von Kunstevents und schließlich auch am Zeitgeist: „Es ist eine Lifestyle-Frage geworden: Welche Kunst man zuhause hängen hat, ist ein Ausdruck der Persönlichkeit.“ Martin Janda ortet einen weiteren Grund: „Ich glaube, dass das Bedürfnis, sich außerhalb unseres turbokapitalistischen Systems auch mit anderen Werten auseinanderzusetzen, sehr groß ist.“ Deshalb sei es „enorm wichtig, dass die Kunst und die Kultur ihre Freiheit behalten“. Hier klingt ein wichtiger Subtext mit: Kunst ist zwar eine Ware, keine Frage. Aber sie hat auch einen Wert, der sich nicht am Preis ablesen lässt. Wem dieser wichtiger als der monetäre ist, der kaufe, was ihm gefällt, und genieße den Anblick: Auch der ist ein bleibender Wert

Foto: Reinhard Lang / Egger & Lerch