Alexander Stirn

Freier Wissenschaftsjournalist, München

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Die Rakete, die kaum einer will

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Die Ariane Group baut eine neue Rakete, die ab 2020 Satelliten ins All befördern soll. Die Ariane 6 soll einerseits für die Esa starten, sich andererseits eigenständig auf dem Weltmarkt behaupten. Doch mit der Billigkonkurrenz von Space-X kann sie nicht mithalten. Ihre Zukunft ist ungewiss.

Wie ein Freilufttheater reckt sich der Koloss aus Stahl und Beton in den tiefblauen Himmel: rechts und links zwei treppenartig ansteigende Rampen, gegossen aus Zehntausenden Kubikmeter Beton. In der Mitte eine Bühne, ein Stahlpodest mit einem Gewicht von 700 Tonnen. Und dahinter die Kulisse, bislang noch ein Gerippe aus Stahlträgern und Streben, aber schon jetzt 90 Meter hoch. Hier, im Dschungel von Französisch-Guayana, bei mehr als 30 Grad Celsius und drückender Schwüle, soll allerdings kein Theaterstück aufgeführt werden. Die Bühne, eine der größten ihrer Art, wird für etwas anderes benötigt: den ersten Flug einer neuen europäischen Rakete namens Ariane 6.

Mitte 2020 soll es so weit sein. Dann soll das 860 Tonnen schwere Geschoss Europas Zugang zum Weltraum garantieren und Sonden der Raumfahrtagentur Esa ins All bringen. Es soll aber auch auf dem Weltmarkt mitspielen und dort Firmen wie der kalifornischen Raketenschmiede Space-X Konkurrenz machen. Doch während die technische Entwicklung - egal ob in Französisch-Guayana oder zu Hause in Europa - gut vorankommt, mangelt es an etwas anderem: am Geld, vor allem aber am politischen Willen, das Projekt auch unter schwierigen finanziellen Vorzeichen durchzuziehen.

Die "Ariane 5" gilt als ausgesprochen zuverlässig, aber auch als aus der Zeit gefallen

Immerhin: Dass Europa eine neue Rakete braucht, bestreitet kaum jemand. Seit mittlerweile 22 Jahren schultert die Ariane 5 die Hauptlast des europäischen Raumtransports. Mehr als 170 Satelliten hat sie seitdem ins All gebracht; im September konnte ihr hundertster Start gefeiert werden. Fast alle waren - nach anfänglichen Problemen - erfolgreich. Die Ariane 5 gilt daher als ausgesprochen zuverlässig, allerdings auch als aus der Zeit gefallen. Schließlich ist sie darauf ausgelegt, die ganz großen Wissenschaftsmissionen ins All zu bringen oder zwei schwere Kommunikationssatelliten.

Solche Satelliten sind zuletzt allerdings immer kleiner, immer leichter geworden, und unflexible Doppelstarts will sich kaum ein Betreiber mehr antun. Wurden 2014 noch 29 große Satelliten für den geostationären Orbit bestellt, waren es 2017 nur noch zehn. Weniger kommerzielle Starts - und dadurch weniger Einnahmen - bedeuten aber für Europas Raumfahrtnationen, an deren finanziellem Tropf der Raketenbau nach wie vor hängt, dass sie die Ariane 5 deutlich stärker subventionieren müssten.

Genau deshalb wächst in Französisch-Guayana das Amphitheater in die Höhe, nur vier Kilometer westlich jener Startrampe, von der die Ariane 5 am 4. Juni 1996 erstmals abhob. Flexibler soll die neue Rakete sein, genauso zuverlässig, vor allem aber 40 Prozent billiger, so die vollmundigen Versprechungen. Die Europäer wollen das allerdings nicht durch Innovationen oder revolutionäre Technik erreichen, sondern durch kleine Verbesserungen, durch Weiterentwicklungen, durch eine neue Art und Weise, Raketen zu bauen und schließlich zu starten.

Etwa einen Kilometer vom massiven Starttisch entfernt, um den noch immer Eisenbieger und Kipplader wuseln, steht dazu ein unscheinbares Gebäude. Mit bloßem Auge ist es im Baustellenstaub kaum zu erkennen, und doch bedeutet es eine Revolution in Europas Raketenbau. In ihm soll die 62 Meter lange Ariane 6 künftig liegend zusammengeschraubt und anschließend zum Starttisch gerollt werden. Sie wird aufgerichtet und gleich wieder verhüllt - vom mobilen Startturm, jenem 6000-Tonnen-Koloss auf Schienen, der derzeit als Stahlgerippe am Rand der Baustelle steht. Gut geschützt kann sie dann auf den Start vorbereitet werden.

Bislang, bei der Ariane 5, wurden all diese Vorarbeiten aufrecht stehend in Angriff genommen. Die Rakete, immerhin 52 Meter hoch, musste dazu im Schneckentempo von Station zu Station und schließlich zur Startrampe gefahren werden. Das war teuer, vor allem aber war es langwierig. Nun soll alles schneller gehen.

Im Startturm werden dann auch die seitlichen Feststoffraketen montiert, die Booster, die beim Abheben den Großteil des Schubs erzeugen. Ihre weißen, weithin sichtbaren Gase werden 25 Meter unter dem Starttisch zur Seite geleitet und kommen unter den tribünenartigen, sanft ansteigenden Betonbauten, den sogenannten Flammengräben, wieder an die Oberfläche. Zwei Booster reichen für die meisten geplanten Satellitenstarts. Für große Wissenschaftsmissionen oder schwere Lasten können auch vier Hilfsraketen montiert werden. "Flexibilität ist ein wesentliches Charakteristikum des Designs", heißt es bei der Esa.

Innovation ist es nicht: Die Booster kommen von der kleinen europäischen Schwesterrakete Vega und werden nur verlängert. Das Haupttriebwerk, das weiterhin Wasserstoff und Sauerstoff verbrennen wird, ist weitgehend identisch mit dem der Ariane 5. Statt Vulcain 2 heißt es nun Vulcain 2.1. Die größte Neuerung steckt in der Oberstufe der Rakete, die dafür verantwortlich ist, dass Sonden und Satelliten in eine passende Bahn bugsiert werden: Ein neues Triebwerk namens Vinci soll sich dort bis zu viermal zünden lassen, wodurch mehrere Satelliten an unterschiedlichen Orten ausgesetzt werden können. Doch auch Vinci ist im Grunde ein alter Hut. Seit 15 Jahren wird es entwickelt - für eine Variante der Ariane 5, die nie realisiert wurde.

Wirklich neu geht es an einem ganz anderen Ort zu - in Bremen, unweit des Flughafens. Zwischen zwei Regenpausen spitzt die Sonne durch die Wolken und lässt ein graues Fabrikgebäude gleich gar nicht mehr so grau erscheinen. Hinter der eintönigen Fassade will die Ariane Group künftig die Oberstufen ihrer neuen Rakete montieren - automatisiert, fließbandartig, wie im Flugzeugbau. Es gehe darum, "die Abläufe, den Produktionsfluss, zu optimieren - und dadurch letztlich Kosten zu sparen", sagt Produktionschef Karl-Heinz Servos, den die Raketenbauer von der Automobilindustrie abgeworben haben.

Wurden bei der Ariane 5 die Aluminiumoberflächen noch von Hand gereinigt und aufgeraut, übernimmt dies nun ein Laser. Roboter spritzen eine Isolierschicht auf. Dann geht es in den Reinraum, in dem derzeit noch Handwerker hämmern - auch sie tragen bereits Haarnetze und Laborkittel. Zwischen ihnen steht etwas verloren ein Testmodell der neuen Raketenstufe. Künftig soll hier an zwei oder drei Oberstufen parallel gearbeitet werden. Maximal fünf Tage pro Fließbandstation, lautet Servos' Vorgabe. Und eine Rakete pro Monat.

Vier Kilometer weiter, hinter dem Bremer Hauptbahnhof, steht bereits eine Ariane 6. Ein Modell, Maßstab eins zu vier. Sie soll Besucher ins Konferenzzentrum locken, wo sich an diesem grauen Herbsttag die globale Raumfahrtelite zum Internationalen Astronautischen Kongress trifft.

Alain Charmeau, Chef der Ariane Group, sitzt im engen Besprechungskabuff seines Kongressstandes und könnte - angesichts der Baufortschritte - eigentlich glücklich sein. Er ist es aber nicht. Denn kaum jemand will seine schöne, neue Rakete haben: Die Esa bezahlt den Jungfernflug, die Europäische Kommission hat zwei Starts für ihr Galileo-Navigationssystem geordert, Eumetsat ein paar weitere, verteilt über mehrere Jahre, das französische Militär will einen Aufklärungssatelliten starten. Dann wird es dünn. Von elf bis zwölf Starts pro Jahr, die für die Fließbandfertigung benötigt werden, ist die Ariane Group weit entfernt.

Ariane 6 ist ein politisches Projekt. Die Esa-Staaten brauchen sie, um ihre Erdbeobachtungs-, Navigations- und Wissenschaftssatelliten selbst starten zu können - ohne auf Russland, China oder die USA angewiesen zu sein. Sie wollen zudem Bau, Forschung, Entwicklung über ganz Europa verteilen. Nur: Sie wollen nicht dafür bezahlen. Stattdessen soll sich die Ariane 6 eigenständig in einem Markt behaupten, der von Space-X mit Niedrigpreisen und wiederverwendbaren Raketen dominiert wird - während die Ariane 6 eine Wegwerfrakete bleibt und teuer aus 13 Ländern zusammengekauft werden muss. "Wenn Europa tatsächlich von uns erwartet, dass wir mit Space-X konkurrieren sollen, haben wir keine Chance", sagt Charmeau. "Es ist ein ungleiches Rennen, weil von uns einfach andere Dinge erwartet werden."

Was tun? Die Ariane 6 möglichst schnell weiterentwickeln, sie innovativer, nachhaltiger, konkurrenzfähiger machen, wie Deutschland es will? Europäische Missionen nur noch mit der Ariane starten, nicht mehr mit der russischen und amerikanischen Konkurrenz, auch wenn das teurer käme, wie die Ariane Group es am liebsten hätte? Den Raketenbau noch stärker subventionieren? Sich vom Ziel eines unabhängigen europäischen Zugangs zum All verabschieden? Viel Schulterzucken in Bremen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks, im Amphitheater von Kourou, gehen derweil die Vorarbeiten weiter. Jetzt, Ende des Jahres, soll die Startrampe fertig sein, dann folgen komplexe Tests. Die Bühne, sie ist bereitet. Jetzt liegt es an Europa, ob das 2,4 Milliarden Euro teure Schauspiel namens Ariane 6 ein Straßenfeger wird oder eine Tragödie.

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