Alexander Stirn

Freier Wissenschaftsjournalist, München

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US-Wissenschaft: Schlechte Zeiten, neue Ideen

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Minnesota March for Science in St Paul. (Foto: Lorie Shaull/CC BY-SA 2.0)

Langsam, aber sicher verzweifeln US-Forscher an Präsident Trump: Er ignoriert Fakten, verachtet die Wissenschaft und ist unberechenbar. Nun wollen sie ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen - mit Politik und Emotionen. Doch das ist umstritten.

Von Alexander Stirn

Wenn es hart auf hart kommt, klammert sich der Mensch gerne an bewährte Strukturen, an bekannte Gesichter, an die guten alten Zeiten. Er verklärt sie, er huldigt ihnen, er will, dass alles so bleibt, wie es einmal war - auch wenn das natürlich keine Lösung ist. Wissenschaftler sind da auch nur Menschen.

Als Mitte Februar 2018 der US-Forschungsverband AAAS, nach eigenem Bekunden die größte Wissenschaftsorganisation der Welt, im texanischen Austin zu seinem Jahrestreffen zusammenkommt, stehen daher gleich zwei Protagonisten der Obama-Ära im Mittelpunkt: Ex-Vizepräsident Joe Biden spricht genauso zu den nostalgisch gestimmten AAAS-Mitgliedern wie Barack Obamas Wissenschaftsberater John Holdren. Beide schwärmen von ihrer Amtszeit, beide kritisieren den neuen US-Präsidenten Donald Trump. Beide werden von den anwesenden Wissenschaftlern frenetisch bejubelt.

Die Überhöhung Obamas und seiner Getreuen nimmt in Austin fast messianische Ausmaße an. Dadurch wird umso deutlicher, in welch tiefes Tal die US-Wissenschaft gefallen ist: Noch immer hat sie keinen Weg gefunden, um einem Präsidenten Paroli zu bieten, dem Fakten zuwider sind und dem die Wissenschaft egal ist. Im Gegenteil: Nachdem zunächst - direkt nach Trumps Amtsantritt - der revolutionäre Geist geweckt wurde, nachdem Wissenschaftler demonstrierten und ihrer Stimme Gehör verschafften, macht sich nun Ernüchterung breit. Denn leicht, das haben die vergangenen Monate bewiesen, wird der Kampf gegen die Wissenschaftsfeinde in Washington nicht.

Allerdings, auch das zeigt sich in Austin, gibt es durchaus Möglichkeiten, mit der neuen, faktenresistenten Realität umzugehen, die schon lange kein rein amerikanisches Problem mehr ist. Lediglich in der Vergangenheit zu schwelgen, hilft dabei nicht. Die neuen Ansätze verlangen vielmehr ein komplettes Umdenken bei den Wissenschaftlern.

"Wunderbare Momente", "schlau und lustig zugleich", "eine außergewöhnliche Atmosphäre": Wenn Holdren von seiner Zeit mit Obama erzählt, klingt es fast so, als schwärme ein Teenager von seiner ersten großen Liebe. Die jedoch ist vorbei: "Obama interessierte sich außerordentlich für die Wissenschaft", sagt Holdren in Austin. "Trump hingegen zeigte von Anfang an so gut wie kein Interesse an Fakten. Er versteht sie einfach nicht." Dabei ist es selten (wie beim angekündigten Ausstieg aus dem Pariser Klimavertrag) der große Schlag gegen die Wissenschaft, zu dem Trump mit seinem Team ausholt. Es sind vielmehr die kleinen, schmerzhaften Nadelstiche, die zeigen sollen, wie unwichtig oder verachtenswert die Wissenschaft in den Augen der Trump-Regierung ist. Auch das macht es Kritikern so schwer.

Im Dezember 2017 wurde zum Beispiel bekannt, dass mehrere Regierungseinrichtungen angewiesen worden waren, Begriffe wie "evidenzbasiert" oder "wissenschaftlich begründet" in Budgetdokumenten nicht zu verwenden - was allerdings keinesfalls als "Verbot" dieser Worte verstanden werden dürfe, wie Regierungsverantwortliche sogleich betonten. "Nun wissen Sie, wie sich Galileo Galilei gefühlt haben muss", ruft Biden den AAAS-Wissenschaftlern in Austin unter lautem Beifall zu. Ihn erinnere so ein Vorgehen jedenfalls an die Inquisition.

Die Umweltschutzbehörde EPA, die zuvor bereits den Begriff "Klimawandel" von ihrer Website getilgt hatte, verbannte derweil genau jene Wissenschaftler aus ihrem Beratungsgremium, die EPA-Fördermittel erhalten. Sie seien nicht unabhängig genug. Stattdessen sitzen in der Runde nun 14 neue Vertreter der Energie- und Chemieindustrie, die EPA-Chef Scott Pruitt zuvor im Wahlkampf finanziell unterstützt hatte. Der Beraterkreis für die Nationalparks, der eigentlich im Innenministerium angesiedelt ist, hat sich hingegen im Jahr 2017 kein einziges Mal getroffen. Zehn der zwölf Mitglieder kündigten daraufhin ihren Rückzug an. Die Trump-Administration wird darüber nicht traurig sein. Sie will die Naturschutzgebiete ohnehin deutlich verkleinern.

Doch es ist - wie so oft bei Trump - nicht alles schwarz und weiß, nicht alles vorhersehbar, und das macht es umso schwerer, den Präsidenten zu fassen: Anders als befürchtet soll es, so will es der präsidentielle Budgetentwurf für 2019, werder dramatische Streichungen bei den Nationalen Gesundheitsinstituten NIH noch bei der National Science Foundation NSF geben, die vor allem die Grundlagenforschung finanziert. Der Etat der Raumfahrtbehörde NASA soll sogar leicht steigen, einzig die Ausgaben für die Erdbeobachtung könnten massiv gestrichen werden, was sechs Missionen gefährdet. "Die Kürzungen bei der Erdbeobachtung ebenso wie Einsparungen bei Energiethemen und anderer angewandter Forschung werden verheerend sein", sagt Holdren. "Doch irgendjemand muss Trump immerhin davon überzeugt haben, dass Grundlagenforschung zur fundamentalen Aufgabe einer Regierung gehört." Nur wer?

Ein Wissenschaftsberater war es auf jeden Fall nicht. Auch mehr als ein Jahr nach seiner Amtsübernahme hat Trump noch keinen "Science Advisor" benannt. Kein anderer Präsident brauchte derart lange. Die vier Stellvertreterposten sind ebenfalls weiterhin vakant. "Es ist erschreckend, dass unsere Regierung ganz ohne den Rat von Wissenschaftlern operiert", sagt AAAS-Präsidentin Susan Hockfield in Austin. Für Biden ist es schlichtweg "inakzeptabel".

Dabei zieht sich der Verzicht auf wissenschaftlichen Rat durch die gesamte Trump-Administration. Lediglich 20 der 83 leitenden Stellen, in denen Wissenschaftler tätig sind, waren Ende 2017 besetzt, so Berechnungen der Lobbyorganisation Union of Concerned Scientists; nicht einmal Mammutorganisationen wie die NASA haben bislang einen neuen Chef. Obama hatte zum gleichen Zeitpunkt 63 Positionen gefüllt. Angeblich, orakelt Holdren, habe Trump mehrere Wissenschaftler als "Science Advisor" angefragt, niemand wollte bisher jedoch einem wissenschaftsfeindlichen und beratungsresistenten Präsidenten zur Seite stehen. Trotzdem habe es höchste Priorität, wieder Einfluss zu bekommen. "Wer nicht mit am Tisch sitzt", sagt Holdren, "landet schnell auf der Speisekarte."

Nur, was tun? Kurz nach Trumps Amtseinführung 2017 gingen beim damaligen AAAS-Jahrestreffen in Boston mehrere hundert Wissenschaftler spontan auf die Straße. Zwei Monate später, beim globalen "March for Science", demonstrierten mehr als eine Million Menschen in 66 Ländern gegen alternative Fakten und für mehr Wertschätzung der Wissenschaft. Lediglich ein Viertel davon waren Forscher, der Rest bezeichnete sich als Wissenschaftsfreunde, als bewusste Unterstützer. "Das war ein wirklich bemerkenswerter Tag", sagt Mitorganisatorin Caroline Weinberg. Wirklich durchschlagend war er allerdings nicht.

In Austin demonstriert niemand mehr, die Vorträge zu politischen Aktivitäten sind nicht mehr überfüllt, selbst Holdren muss vor einem halb leeren Saal von Obama schwärmen. Der Schwung ist weg. Trotzdem soll am 14. April 2018 der nächste "March for Science" über die weltweite Bühne gehen. "Wie wir das Momentum erhalten, wie wir das Ganze zu einer nachhaltigen Bewegung ausbauen, das ist - ehrlich gesagt - unsere große Herausforderung", räumt Weinberg ein.

Zumal es bei vielen Wissenschaftlern noch immer Vorbehalte gibt: Forscher, die Hüter der Objektivität und Unvoreingenommenheit, sollten nicht auf die Straße gehen, sollten nicht politisch aktiv werden. "Wissenschaft ist zutiefst politisch", kontert Caroline Weinberg. Wer Geld bekomme, welche Projekte vorangetrieben würden, welche Technologien eine Chance erhielten, sei stets eine politische Entscheidung. Auch John Holdren will von falsch verstandener Zurückhaltung nichts wissen: "Wissenschaftler, Technologen, Ingenieure, Innovatoren haben mindestens so viele Rechte wie andere Gruppen, am politischen Prozess teilzuhaben und ihre Stimmen zu erheben."

Nicht jeder ist überzeugt: "Es gibt nichts, woraus Wissenschaftler eine Legitimation als Aktivisten ableiten könnten", sagt Peter Gluckman, Wissenschaftsberater der neuseeländischen Premierministerin. Im Gegenteil: Zu viel Aktivismus schade, er gefährde das Vertrauen in die Wissenschaft und in ihre Vertreter. "Sobald dieses Vertrauen weg ist, ist es auch um die Möglichkeit geschehen, andere Menschen zu beeinflussen", sagt Gluckman in Austin.

Anstatt Politik zu machen, sollten Wissenschaftler daher Politikern den Stand der Forschung unvoreingenommen darlegen - mit allen Optionen, mit allen Fallstricken, mit allem Unwissen. Denn Politiker müssten schnell eine Entscheidung treffen, auf Basis unvollständiger oder widersprüchlicher Informationen, mit Hilfe von Fakten, aber auch Werten und strategischen Überlegungen. "Das Schlimmste, was man einem Politiker sagen kann, ist: Mehr Forschung wird benötigt", sagt Gluckman. "Das Vertrauensvollste ist: Ich weiß es nicht."

Andrew Rosenberg, politischer Direktor der Union of Concerned Scientists, plädiert ebenfalls für einen neuen Umgang mit Politikern. Jeder Wissenschaftler sollte den Kontakt zu seinen Wahlkreisabgeordneten suchen, sollte mit ihnen reden, ein Vertrauensverhältnis zu den Mitarbeitern aufbauen. "Es reicht nicht, die angesehensten Wissenschaftler für Ausschusssitzungen nach Washington zu fliegen", sagt Rosenberg. "Jeder muss aktiv werden, schließlich gibt man mit dem Doktortitel nicht seine Bürgerrechte ab."

Von einem, da sind sich in Austin fast alle einig, müssten sich Wissenschaftler in der öffentlichen Debatte allerdings schnell verabschieden - auch wenn es weh tue: der unbedingten Liebe zu Fakten. "Menschen mit immer mehr Beweisen vollzuknallen, das funktioniert nicht", sagt Peter Gluckman. "Das polarisiert nur noch mehr." Katharine Hayhoe etwa, Politik- und Klimaforscherin an der Tech Texas University, hat diese Erfahrung machen müssen. "Menschen sind keine unbeschriebenen Blätter, denen man einfach etwas diktieren kann." Sie hätten ihre Wertvorstellungen, ihren Glauben, ihre Ängste. Wissenschaftler müssten daher - gerade im postfaktischen Zeitalter - die emotionale Ebene zu den Menschen suchen, über gemeinsame Erlebnisse, Interessen, über denselben Sportverein. "Es ist die Leidenschaft, die Menschen für Wissenschaft interessiert, nicht die kaltherzigen Fakten."

Das verlangt Überwindung: "Wissenschaftler sehen in Emotionen meist etwas ganz Schlimmes", sagt David Mair, Wissenschaftsberater bei der Europäischen Kommission in Brüssel. Dabei seien Gefühle ein fundamentaler Bestandteil der Entscheidungsfindung, das müssten auch Forscher begreifen. "Ich wüsste nicht", sagt Mair, "wie Wissenschaftler künftig Einfluss auf die Politik ausüben könnten, ohne dabei Emotionen zu bedienen."

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