Alexander Schmitt

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Russland: Test neuer Atomwaffe in der Arktis steht offenbar bevor

Das Bild zeigt eine mit Nuklearsprengköpfen bestückbare Interkontinentalrakete vom Typ Topol in Russland (Archivbild). © Quelle: -/YNA/dpa

Satellitenbilder sollen zeigen, wie das russische Militär sich auf den Test einer „Burewestnik“-Rakete im Nordpolarmeer vorbereitet. Raketen dieses Typs können mit einem Atomsprengkopf ausgestattet werden. Putin prahlte in einer Rede 2018, dass der Westen gegen diese Rakete angeblich schutzlos sei. Von Alexander Schmitt

Moskau. Russland plant offenbar den Test eines neuen Marschflugkörpers mit Atomantrieb im Nordpolarmeer. Auf Satellitenbildern vom 16. September der privaten Betreiber Airbus Defence und Space hat der Militärexperte Tony Roper Vorbereitungen erkannt, die den Abschuss einer Rakete vom Typ 9M730 „Burewestnik“ (Nato-Name SSC-X-9 „Skyfall“) möglich machen sollen.

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Die Tests sollen demnach auf dem Gelände Pankowo auf der Doppelinsel Nowaja Semlja stattfinden. Roper hat Transportcontainer für die „Burewestnik"-Rakete neben der Startrampe identifiziert. Auch drei Versorgungsschiffe sollen vor der Insel aufgetaucht sein - darunter die nuklear angetriebene Sevmorput.

https://twitter.com/CovertShores/status/1571416326974967810

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Reichweite mit Atomantrieb soll mehr als 25.000 Kilometer betragen

Kremlmachthaber Wladimir Putin hatte die „Burewestnik"-Rakete (deutsch: „Sturmvogel") erstmals 2018 bei einer Rede genannt. Putin prahlte damals, der Westen habe keine Abwehrmöglichkeiten gegen die Waffe. Sie könne im Tiefflug aus verschiedenen Richtungen ihr Ziel ansteuern und damit Systemen zur Abwehr von Flugkörpern ausweichen, sagte Putin damals.

Die Rakete soll zehn Meter lang und bis zu sechs Tonnen schwer sein, außerdem soll sie mit einem Atomsprengkopf ausgestattet werden können. Der genaue Antriebsmechanismus ist weiterhin unklar. Experten vermuten, dass ein luftgekühlter Atomreaktor zum Einsatz kommt.

Mit einem konventionellen Raketenantrieb kommt der Flugkörper auf eine bestimmte Startgeschwindigkeit, danach greift der atomare Antrieb. Die Reichweite der Rakete soll somit mehr als 25.000 Kilometer betragen. Eine besondere Gefahr bei dieser Waffe ist eine radioaktive Spur, die die Rakete hinter sich herziehen kann.

35 Kilometer in 2 Minuten – bisherige Tests scheiterten

Ob tatsächlich ein Test der „Burewestnik" bevorsteht, lässt sich allerdings nicht mit Sicherheit bestätigen. Daten des Flugüberwachungsportals „Flighradar24″ zeigten ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug des Typs RC-135W Rivet Joint an der norwegischen Küste. Es flog entlang des Seegebiets vor der russischen Halbinsel Kola, bevor sich ihre sichtbare Spur verlor. Eine bevorstehende Sperrung des Luftraums wurde bis vor kurzem nicht verlautbart.

Vorherige Versuche mit der „Burewestnik"-Rakete waren immer gescheitert. Im August 2019 führte eine Probezündung zu schweren Explosionen im Nordwesten Russlands. Mindestens fünf Menschen sollen auf einer schwimmenden Plattform nördlich von Njonoska ums Leben gekommen sein. Zeitweise wurde eine stark erhöhte radioaktive Strahlung in der Gegend gemessen.

Der längste Flug einer „Burewestnik" hat US-Geheimdiensten zufolge lediglich zwei Minuten gedauert - und ging nur etwa 35 Kilometer weit. Wäre die Rakete hingegen vollkommen funktionsfähig, würde sie wohl über eine immense Reichweite verfügen.

Auf der russischen Doppelinsel Nowaja Semlja führte die Sowjetunion bereits während des Kalten Krieges 130 Atomwaffen-Tests an drei Standorten durch. Bei Zündung der Wasserstoff-Bombe AN602 („Zar-Bombe") kam es zur stärksten je von Menschen verursachten Explosion. Sie soll 4000-mal so stark gewesen sein, wie die von den USA über Hiroshima abgeworfene Atombombe. Auf und vor Nowaja Semlja sollen heute große Mengen radioaktiven Mülls lagern. Die Sowjetunion und Russland versenkten hier ausgemusterte Atom-U-Boote.

(23.09.2022)

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