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Auch gute Nachrichten müssen hinterfragt werden | Übermedien

Klar, gute Nachrichten kann in Zeiten der Krise jede und jeder gebrauchen. Blöd nur, wenn Medien vor lauter Freude über mögliche Lichtblicke im täglichen Nachrichtenstrom grundlegende Handwerksregeln vergessen. Umso mehr, da doch gerade in allen Redaktionen betont wird, wie sehr man endlich wieder als einordnende und seriös recherchierende Instanz glänzen würde.

Am Donnerstag veröffentlichte der schwäbische Automobilzulieferer Bosch eine Pressemitteilung, in der er einen neuen Covid19-Schnelltest anpreist:

„Mit dem in nur sechs Wochen entwickelten Schnelltest lässt sich bei Patienten eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 in unter zweieinhalb Stunden - von der Entnahme der Probe bis zum Ergebnis - feststellen."

Schließlich sei Zeit im Kampf gegen den Corona-Virus einer der entscheidenden Faktoren, wird Volkmar Denner, Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung in der Mitteilung zitiert; derzeit müssten Patienten mit Wartezeiten von ein bis zwei Tagen rechnen. Der Bosch-Test liefere zudem Ergebnisse mit einer Genauigkeit von 95 Prozent. Wenn das mal nicht toll klingt.

Schlicht die Pressemitteilung wiedergegeben

Leider ist Zeit auch im Kampf um Aufmerksamkeit einer der entscheidenden Faktoren. Entsprechend ließen die ersten ausführlichen Berichte nicht lange auf sich warten. Wer darin aber auf eine Einordnung hoffte, wurde enttäuscht. Ein Großteil der Artikel beschränkte sich auf eine umgeschriebene Wiedergabe der Pressemitteilung.

Besonders frappierend die Beiträge der „Welt" und der „FAZ", die mit AutorInnenbildern ihrer KorrespondentInnen eine Eigenleistung suggerierten, die schlicht nicht gegeben ist. Bei der „Welt" schreibt der Korrespondent für Automobilwirtschaft. Der schreibt doch immer über Bosch, mag man sich gedacht haben - dabei geht es hier ja um ein medizinisch-wissenschaftliches Thema.

Was heißt 95 Prozent Genauigkeit?

Warum ist das alles unter Umständen problematisch? Weil vor allem die kolportierte Genauigkeit von 95 Prozent Journalisten eigentlich aufhorchen lassen sollte. Denn bei diagnostischen Verfahren gibt es mehrere Parameter, die für die Bewertung ihrer Brauchbarkeit zu betrachten sind. In diesem Fall handelt es sich vor allem um die Sensitivität und die Spezifität.

Die Sensitivität gibt grob gesagt an, wie viele Kranke ein Test richtigerweise als krank identifiziert.

Die Spezifität wiederum gibt den Anteil der Gesunden an, die korrekt als gesund angezeigt wurden - und zeigt somit auch, wie viele fälschlich als krank ausgewiesen werden.

Ein Beispiel: Bei einer für Laien erst einmal gut klingenden Sensitivität von 95 Prozent und einer Spezifität von 85 Prozent sähe das Ergebnis einer fiktiven Testmethode also so aus: Von 100.000 Kranken würde der Test 5.000 übersehen. Von 100.000 Gesunden würden zudem 15.000 fälschlicherweise als krank angezeigt.

Das sollte klar machen: Erst diese beiden Werte in Kombination mit anderen Parametern wie Anwendungsszenario und Häufigkeit einer Krankheit in den voraussichtlichen Testgruppen (Prävalenz) lassen eine Bewertung zu.

Der Brustkrebs-Test der Uni Heidelberg

Wissen könnte man das spätestens seitdem die Uniklinik Heidelberg einen Skandal um einen vermeintlich sensationellen Test zur Früherkennung von Brustkrebs ausbaden muss. Auch hier hatten die Forscher vollmundig gute Sensitivätsraten verkündet - später kam heraus, dass die Spezifität allerdings nur um die 50 Prozent lag. Viel zu wenig.

Nun lassen sich die Anforderungen der Onkologie im Detail nicht mit denen der Virologie vergleichen, wichtig bleiben die Angaben aber allemal: „Um einen diagnostischen Test seriös bewerten zu können, braucht es in jedem Fall auch Informationen zur Spezifität der Methode", sagt Hartmut Hengel, Virologie-Professor an der Uniklinik Freiburg und Präsident der Gesellschaft für Virologie, zu Übermedien.

Das Problem: Auf Anfrage teilt ein Bosch-Sprecher zwar mit, dass es sich bei der angegebenen Genauigkeit von 95 Prozent um die Sensitivität handele, auf die Frage nach der Spezifität kann er aber keine Angaben machen.

Die dpa fragt nach

Bis auf die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hatte aber offenbar kein Medium entsprechende Nachfragen gestellt.

Das führte immerhin dazu, dass diese Information dank dpa bei einigen weiteren Medien auftauchte. Aber auch hier fehlte die Einordnung, was das für die Bewertung eines neuen Testverfahrens eigentlich aussagt.

Es ist nun kein neues Problem, dass außerhalb der Wissenschaftsressorts bisweilen nur mangelnde Kenntnisse über den Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen, Statistiken oder Daten existieren. Nicht umsonst mehren sich die Stimmen, dass dieser Bereich endlich auch flächendeckend in die journalistische Ausbildung aufgenommen werden sollte.

Und selbst wenn gerade niemand aus den Fachressorts greifbar gewesen sein sollte, sollte journalistische Sorgfaltspflicht zumindest zum Reflex gehören. Die Einordnung einer unabhängigen Expertin kann immer vor Veröffentlichung eingeholt werden. Doch danach suchte man hier vergeblich. Auch ein paar Nachfragen beim Absender der Pressemitteilung wären ja nicht schlecht gewesen.

Der „Stern" hakt nach

Wissenschaftsredakteurin Ilona Kriesl vom „Stern" tat schließlich genau das und lieferte so - Überraschung! - ein Stück voller wichtiger Zusatzinfos, die eben nur eine eigene Recherche ergeben. So räumte eine Bosch-Sprecherin gegenüber Kriesl ein, dass die Testkartuschen noch gar nicht zugelassen seien. Man rechne aber damit, dass das ab April der Fall sei.

In der Pressemitteilung selbst war das noch im selbstbewussten Indikativ formuliert worden: „Der neu entwickelte Test wird ab April in Deutschland erhältlich sein." Zudem nannte ein Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gegenüber Kriesl weitere wichtige Aspekte, um den neuen Test beurteilen zu können.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Gut möglich, dass der neue Bosch-Test eine hervorragende Spezifität aufweist und toll funktioniert. Doch die Pressemitteilung und der derzeitige Informationsstand lassen eine seriöse Beurteilung schlicht nicht zu.

Eine journalistische Berichterstattung muss solche Lücken benennen und einordnen, gerade wenn es in einer Zeiten einer Pandemie um derart sensible Nachrichten geht, die möglicherweise bei Leserinnen und Lesern auf besonders hohes Interesse stoßen - und mit denen Hoffnungen verbunden werden. Auch gute Nachrichten müssen hinterfragt werden.

Nachtrag, 28.3.2020. Wir haben die Definition von Spezifität im Text noch etwas präzisiert.
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