1 Abo und 0 Abonnenten
Artikel

Liebig34 und die Folgen: wie viel Hass verträgt die Stadt? - tip berlin

Die Räumung des Hausprojekts Liebig34 mit Räumpanzer und Tausenden Polizist*innen. Foto: imago images/S.Gabsch/Future Image

Im Nachgang zur Räumung des Hausprojekts Liebig34 regnete es Hass und Häme in den Kommentarspalten. Warum diese Gehässigkeit problematisch ist, schreibt Aida Baghernejad.


Kollegenschelte, das finden wir nicht so gut. Eigentlich. Aber nach den Ereignissen der letzten Woche fragen wir uns als Stadtmagazin schon laut: Was ist da eigentlich los mit unserer Stadt? Da wurde ein seit über dreißig Jahren bestehendes Hausprojekt geräumt, für die linke Szene europaweit ein anarcha-queerfeministischer Schutzraum, für andere ein potentielles Renditeobjekt und für wieder andere ein Lebensentwurf, für den sie kein Verständnis haben. So weit, so klar. Doch die Häme und der Hass, der sich und den Kommentarspalten des Internets über die Bewohner*innen, den Bezirk und die linke Szene als solches ergoss, lässt uns doch einhalten.


Da wünschten sich manche im Vorfeld einen Livestream von der vom Gericht beschlossenen Räumung, als wäre die mit massiver Polizei durchgesetzte Räumung eines Hauses Popcornkino. Als wären das keine Menschen, die da gerade ihr Zuhause verlieren. Als wäre das alles ein großer Witz. Richtig unangenehm wurde es allerdings danach: die Polizei gab ausgewählten Journalisten - wir gendern hier bewusst nicht - eine exklusive Führung durch das Haus.


Die Räumung der Liebig34: exklusive Führung mit dem Polizeisprecher

Das mag erstmal nach den anhaltenden Gerüchten um gefährliche "Fallen", die sich übrigens als falsch erwiesen, nicht unberechtigt gewesen sein. Aber diente es wirklich dem öffentlichen Interesse, nach dem sich doch als ungefährlich entpuppenden Treppenhaus auch die Wohnräume der Bewohner*innen preiszugeben? Oder ist es eher eine martialische Siegerpose, wie die Bilder von US-Soldat*innen in irakischen Gefängnissen, die ihre Überlegenheit gegenüber jenen, die sie als Gegner sehen, darstellen wollen?

Einige der Journalisten nutzten die Gelegenheit zum Livestream per Periscope, andere fuhren gleich ein Kamerateam auf. "Schaut an, was der Feminismus produziert", scheinen die Videos und die Tonspur darauf uns vermitteln zu wollen, und die Kommentarspalten nehmen dieses Futter dankend an.


Livestream aus der geräumten Liebig34: Hass und Häme in den Kommentarspalten

Das Ausmaß an Gehässigkeit und Verachtung ist erschütternd, das Wort "Drecksloch" wird zum Twittertrend. Dass einige Stunden später andere Bilder auftauchen von anderen Tagen, in denen das Haus eben aussieht wie eine normale WG, dringt im Vergleich kaum noch durch. Dass das Haus natürlich nicht sonderlich einladend aussieht nach Belagerungszustand und Protesten, dass die Bewohner*innen vielleicht keine Lust hatten, das Haus noch zu streichen und besenrein dem Vermieter zu übergeben, mit dem sie seit Jahren im bislang ungelösten Rechtsstreit liegen - geschenkt.


In Beiträgen wird sich nun darüber gefreut, dass die „Staatsfeinde" nun „ganz klein" seien. Völlig ernsthaft werden Räumung(en) verteidigt, als seien wir nicht mitten in einer Pandemie, kurz vor dem Winter, und es hätten hier nicht dutzende Menschen ihr Zuhause verloren. Menschen, die andernorts vielleicht eben keinen Schutz erfahren. Und deren Verfahren im übrigen noch läuft - ihr Anwalt gab Journalist*innen während der Räumung zu Protokoll, dass die Gerichtsvollzieher zuvor ausgemachte Termine platzen ließ und er als Anwalt nicht ins Haus gelassen wurde.


Liebig34-Räumung: Bis zu 5000 Polizist*innen standen bereit

Und dabei wird so getan, als seien alle Vermieter*innen gleich. Als wäre die Omi mit dem geerbten Haus in Familienbesitz vergleichbar mit der Deutschen Wohnen, mit Pears International oder mit Berliner Immobilienzaren, die seit Jahrzehnten für rabiate Geschäftspraktiken bekannt sind. Alles und jeden in den gleichen Topf zu werfen dient der Diskussion um Mieten und Wohnraum in der Stadt nicht, im Gegenteil: sie verschleiert, wo die Probleme tatsächlich liegen.


Und es wird nicht gefragt, warum nach Medienberichten bis zu 5000 Polizist*innen, auch aus anderen Bundesländern, für die Räumung bereit gestanden hätten und auch mehr als Tausend tatsächlich vor Ort waren, während für die Corona-Demo mit Neonazi-Beteiligung, zuvor angekündigter Gewalt und dem tatsächlich erfolgten erfolglosen Angriff auf das Reichstagsgebäude gerade mal 3000 Beamte im Einsatz waren.


Man muss nicht bedingungslos solidarisch sein


Dabei muss man gar nicht bedingungslos solidarisch sein mit den Bewohner*innen der Liebig34 oder dem Unterstützer*innenumfeld, Aktionen wie das Lahmlegen des S-Bahnverkehrs oder Angriffe auf Wohnungen in der Nachbarschaft sind nichts, was wir einfach so beiseite wischen können oder sollten. Gleichzeitig ist es wenig hilfreich, auch da zu skandalisieren und zu übertreiben, zu reden, als wäre die Nachbarschaft von einer wahren Terrorherrschaft überzogen.


Denn sitzt man vor dem Bioladen auf der Rigaer oder in einem der zahlreichen Lokale in der Straße, redet man mit Anwohner*innen, zeichnet sich ein anderes, ein differenzierteres Bild. Wie so oft ist die Realität eben komplizierter - und gerade als Journalist*innen, die in dieser bunten, wilden, schönen, aufregenden Stadt leben und arbeiten, wäre es doch unsere Aufgabe, die Nuancen in all ihren schillernden Farben aufzufächern.


Räumung der Liebig34: übergriffige Videos aus den Privaträumen


Stattdessen gibt es also lieber übergriffige Videos aus den Privaträumen von Hausbewohner*innen und ja, auch -besetzer*innen. Der Hass, dem diese Bilder den Weg bereiten, die gehässigen Kommentare und die Häme, sie zeigen wie dünn der Firnis der Bürgerlichkeit ist. Es wäre schön, wenn wir aus den vergangenen achtzig Jahren der Geschichte eben dieser Stadt etwas gelernt hätten. Doch die unerträgliche Antwort scheint zu sein: wir haben es nicht.

Zum Original