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"The Last of Us Part II" im Test: Schrecklich schön

Seit über 20 Jahren schreibe ich beruflich über Videospiele und ganz ehrlich - mit der Zeit stumpft man ab. Es kommt immer seltener vor, dass mich ein Spiel wirklich restlos begeistert. Ich finde zwar immer noch viele Spiele gut, aber die Titel, die mich als Spiele-Journalist wirklich umhauen konnten, lassen sich an zwei Händen abzählen. Naughty Dogs The Last of Us war einer dieser Titel und das lag vor allem an der Erzählung. Während ich beim Zocken normalerweise die Zwischensequenzen abbreche, weil sie entweder den Spielfluss unterbrechen, langweilig oder fremdschämig sind, habe ich bei der Geschichte von The Last of Us wirklich mitgefiebert. Ich wollte unbedingt wissen, wie die Reise von Ellie und Joel endet.

Auch The Last of Us 2 kann mit den besten Thrillern da draußen mithalten - ganz gleich, ob Buch oder Film. Dabei ist die Geschichte gar nicht mal so intelligent oder innovativ. Sie ist einfach nur konsequent, wühlt in den Abgründen der menschlichen Seele und lässt die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Wenn man nach dem Zusammenbruch der Gesellschaft ums nackte Überleben kämpft, wird jeder Fremde zur potenziellen Gefahr. Die infizierten Pilz-Mutanten erscheinen dagegen fast harmlos, weil sie so emotionslos und vorhersehbar agieren. Sie können uns weder täuschen noch enttäuschen. Vor den Menschen muss man sich aber in Acht nehmen.

Polarisierende Story

In The Last of Us 2 geht um Leben, Liebe, Verlust, Tod und Vergeltung. Was ich in diesem Zusammenhang sehr interessant finde, sind die vielen negativen User-Wertungen bei Metacritic. Eine Menge Fans sind sauer, weil sich die Story von The Last of Us 2 entgegen ihren Erwartungen entwickelt. Bei mir ist das genaue Gegenteil der Fall und ich bin froh, wenn sich Kreative trauen, ausgetretene Pfade zu verlassen. Zumal ich das Spiel wirklich hier und da pausieren musste, um das Erlebte kurz sacken zu lassen. Es gibt diverse schockierende Szenen und einige Schlüsselmomente, die zum Nachdenken anregen. Ich habe mich mit anderen Spielern ausgetauscht und alle interpretieren die "Message" von The Last of Us 2 anders.

"Naughty Dog wollten zum Ausdruck bringen, dass Liebe besonders wertvoll und ihr Verlust umso schwerer wiegt, wenn du in einem Albtraum lebst."

"Ich glaube, die wollten einfach zeigen, dass Gewalt schrecklich ist und uns alle in Monster verwandelt."

"Es geht darum, dass dich Rache am Leben hält, wenn das Leben keinen anderen Sinn mehr hat."

Man muss die Story von The Last of Us 2 nicht gut finden, aber die obigen Zitate beweisen zumindest, dass der Titel einen sehr interessanten Subkontext bietet. Es gibt nicht viele Spiele, die filmreife Action, motivierende Exploration, nervenzerfetzende Spannung und obendrein auch noch so einen derart schweren Plot bieten. Aus Spoilergründen möchte ich aber nichts dazu verraten. Ich benenne nicht einmal die Spielfiguren, weil schon das zu viele Rückschlüsse erlauben würde. Sagen wir einfach: Die Geschichte ist das genaue Gegenteil von Disney-Familienunterhaltung. Dabei wirken alle Figuren lebendig, ihre Motive und Handlungen stets nachvollziehbar. Es ist auf jeden Fall sehr mutig von Sony, viele Millionen Dollar in ein Produkt zu investieren, das jetzt so vielen Fans vor den Kopf stößt.

Auf Nummer sicher

Während die Erzählung immer wieder Grenzen sprengt, gingen Naughty Dog beim Gameplay kaum Risiken ein. Sie haben die grundlegende Spielmechanik beibehalten, aber hier und dort verbessert oder erweitert. Looten, craften und ballern wie gehabt, nur alles ein wenig polierter und eleganter gelöst. Außerdem sind die einzelnen Abschnitte der Spielwelt nun deutlich größer, sodass die Erkundung der Umgebung stärker in den Fokus rückt. Immer wieder muss man die grauen Zellen anstrengen, um beispielsweise den Zugang zu einem Gebäude zu finden. Dabei spielen auch akrobatische Fähigkeiten eine Rolle. So könnt ihr jetzt Seile verwenden, um euch über breite Abgründe zu schwingen.

An simplen Rätseln wurde auch nicht gespart und ich empfand es immer als willkommene Abwechslung, die Umgebung nach entsprechenden Hinweisen abzusuchen. Das Coole ist, dass die meisten dieser Dinge optional sind. Ihr müsst nicht die komplette Welt erkunden oder jeden Safe knacken, doch wenn ihr es tut, werdet ihr immer belohnt. Sei es durch zusätzliche Waffenholster, Craftingmaterial oder Upgrade-Punkte in Form von Pillen.

Apropos Abwechslung: Die unterschiedlichen Elemente (Kampf, Erkundung, Storytelling) werden in einer ausgewogenen Form präsentiert und komplimentieren sich gegenseitig. Ich hatte nie das Gefühl, dass zu viel geballert, erkundet, geschlichen oder gelabert wird. Man merkt einfach, dass nichts dem Zufall überlassen wurde und sehr viel Zeit plus Energie in kleinsten Details steckt. Das beginnt schon bei der Kommunikation der Gegner, die uns vermittelt, dass wir es mit Personen zu tun haben, die ebenfalls unter dem Verlust ihrer Freunde leiden. Dabei ist die Klangkulisse fast noch eindrucksvoller und realistischer als die grafische Präsentation. Ich würde den hörbaren Detailreichtum als absolut verschwenderisch beschreiben. Schließt beim Spielen einmal die Augen und hört einen Moment lang einfach nur zu - dann wisst ihr, was ich meine.

Technische Meisterleistung

Was die Entwickler aus der betagten PS4 kitzeln, grenzt an Hexerei und ist ein weiterer Beweis für Naughty Dogs Omnipotenz. Natürlich wird viel getrickst und der Grain-Filter ist auch nicht jedermanns Sache, aber in Sachen Animation und Mimik ist The Last of Us 2 die neue Referenz. Der Gewaltgrad ist ebenso konkurrenzlos und ich kann durchaus nachvollziehen, wenn jemand das Spiel deshalb meidet. Nicht nur, weil ständig Kehlen durchtrennt oder Gliedmaßen abgesprengt werden. Eigentlich ist nicht die Gewalt das Problem, sondern die realistische Darstellung. Eure Feinde verbluten, wimmern, kreischen und flehen um ihr Leben. Man fühlt sich dabei mies und unbehaglich, statt wie ein strahlender Held.

Fazit: Bei The Last of Us 2 von "Spielspaß" zu sprechen, ist alles andere als einfach. Normalerweise sollten uns Games unterhalten, aber hier schwingt so viel mehr mit. Ihr werdet nicht nur spielerisch, sondern auch emotional gefordert. Das Spiel zwingt euch dazu, euer eigenes Handeln zu hinterfragen und auch wenn das manchmal etwas zu plakativ geschieht, bleibt die Erfahrung stets intensiv und nervenaufreibend.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich halte The Last of Us 2 für das beste Spiel aller Zeiten.

Es ist schwer in Worte zu fassen, aber manchmal tut The Last of Us 2 beim Spielen einfach nur weh. Darum ist mir dieser Test nicht leichtgefallen, denn ich wusste nicht einmal, womit ich beim Schreiben anfangen soll. Mir ist außerdem klar, dass der Text zu viel Metaperspektive bietet und zu wenig auf die eigentliche Spielerfahrung eingeht. Langer Rede, kurzer Sinn: Ich halte The Last of Us 2 für das beste Spiel aller Zeiten, nicht nur, weil ich nach 32 Stunden Durchspielzeit bereits an meinem zweiten Durchgang sitze. Naughty Dogs Meisterwerk setzt erzählerisch neue Maßstäbe und zeigt der Welt, welche enorme Power in unserem Lieblingsmedium steckt. The Last of Us 2 beendet die PS4-Ära mit einem Paukenschlag und wird noch Jahre für Gesprächsstoff sorgen.

The Last of Us Part II ist seit 19. Juni 2020 für PlayStation 4 erhältlich.
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