Adolf Stock

Journalist, Autor und Medienberatung, Berlin

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Special

Wie modern ist die Moderne?


Vortrag für Falko Bärenwald 



Der Jenaer Architekt Falko Bärenwald gehört zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen Architektur in der Region. Seine Bauten stehen in der Tradition der Moderne, die seit Anfang des letzten Jahrhunderts das Bauen mitbestimmt hat. Vor allem das Bauhaus war stilbildend, aber wie genau muss man sich eine Moderne vorstellen, die nun mehr als 100 Jahre alt ist? Was ist modern? Mit Blick auf die Architektur von Falko Bärenwald, der 2019 seinen 60. Geburtstag feiern kann, gehe ich der durchaus skurrilen Frage nach: Wie modern ist die Moderne? 




Es ist nicht leicht über die Moderne zu sprechen. Moderne, das beschreibt ja zunächst jene Epoche, die auf das Mittelalter folgte. Das hatte ich – aufgrund eines schönen Zufalls – schon als Kind verstanden, Ich bin 1951 in Bad Wildungen geboren, einer Kurstadt auf halben Weg zwischen Kassel und Marburg. In der Stadtkirche, einem gotischen Hallenbau aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, gibt es einen berühmten Flügelaltar des westfälischen Malers Conrad von Soest. Auf 13 farbenfrohen Tafeln erzählt Conrad vom Leben und Leiden Jesus Christus. Ein abgebildeter Apostel trägt eine Brille. Das ist ein viel beachtetes Novum in der Kunstgeschichte. Dabei handelt es sich um den ersten Brillenapostel nördlich der Alpen.

 

Die Brille als ein Symbol für Fortschritt und Wissen. Das Mittelalter geht zu Ende, der Mensch erweitert seine Wahrnehmung. Die Moderne erwacht, es beginnt die Zeit der Aufklärung. Dann folgt die Industrialisierung und so weiter und sofort. Sie kennen das.  

 

Kann die Moderne alt werden? Ich weiß, das ist eine eher komische Frage, und ich möchte sie nicht abstrakt stellen, sondern am Beispiel von Architektur. Am Beispiel von moderner Architektur, wie wir sie seit Anfang des letzten Jahrhunderts kennen. Schließlich sind wir zu Gast bei Falko Bärenwald, der als Architekt, im Schlepptau der Moderne, in Jena und darüber hinaus einen exzellenten Ruf genießt.

 

In einem gläsernen Flachbau am Ufer der Leutra, ein kleines Flüsschen, das sich durch Jena schlängelt, hat Falko Bärenwald sein Atelier. Hier malt er und formt seine Skulpturen. Falko Bärenwald ist nicht nur Architekt, sondern auch Künstler.

 

In Sichtweite von dem Atelier steht Falko Bärenwalds Wohnhaus, das mittlerweile schon ein viertel Jahrhundert auf den Buckel hat. Keine all zulange Zeit, aber immerhin. Es ist ein weißer klar, etwas strukturierter Würfel, mit groß ausgeschnittenen Fenstern. 

 

Wer über Falko Bärenwalds Häuser spricht, landet fast automatisch beim Bauhaus. Eine Gedankenverknüpfung, die auf der Hand zu liegen scheint, aber wir werden schauen, inwieweit der Vergleich wirklich trägt.

 

Blicken wir zunächst auf das historische Bauhaus, das 2019 einhundert Jahre alt wird. 1919 hat der Architekt Walter Gropius die Schule im benachbarten Weimar gegründet. Das Bauhaus war Nachfolger der ‚Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule‘, die bis 1915 unter Leitung des belgischen Architekten Henry van de Velde, in einem von ihm entworfenen Jugendstilgebäude, zuhause war. 

 

Das Bauhaus war eine Schule, die nach dem Desaster des Erstens Weltkriegs alles ganz neu und besser machen wollte. Ein solidarisches Miteinander, war das erklärte Ziel. Gropius bündelte wichtige Strömungen seiner Zeit: das expressionistische Künstlerpathos, die Rückbesinnung auf die alte Handwerkstradition der mittelalterlichen Bauhütten und den Wunsch nach einem sozial motivierten Gesamtkunstwerk.

 

Er schrieb damals: "Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen wieder zum Handwerk zurück! (...) Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker, ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerker und Künstler errichten wollte! Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei.“

 

Schon bald stand das Weimarer Bauhaus unter Druck. Die Bevölkerung blickte misstrauisch auf die Meister und Schüler, die zum Teil dem exzentrischen Esoteriker Johannes Itten folgten, und mit Mönchskutte und Glatze durch das beschauliche Weimar zogen. Aber vor allem machten rechtskonservative Politiker, dem Bauhaus das Leben schwer. Entnervt zog Gropius mit seiner Schule von Weimar weiter in die Industriestadt Dessau, wo das Bauhaus dann seine besten und produktivsten Jahre hatte.

 

Aber auch in Dessau waren die Jahre gezählt. Auch hier wurde das Bauhaus verjagt, und musste 1932 mit seinem Leiter Mies van der Rohe nach Berlin-Steglitz ziehen, wo das Bauhaus, nunmehr als private Schule, Unterschlupf in einer alten Telefonfabrik fand. Ein Jahr später kam dann das endgültig Aus.

 

Die Bauhaus-Architektur und Bauhaus-Design gelten bis heute unangefochten als ein Synonym für die Moderne. Erst in Dessau fing man an, am Bauhaus Architektur zu lehren und Häuser zu bauen. In Weimar hatten noch die Künstler das Wort, Paul Klee, Johannes Itten, Wassily Kandinsky und wie sie alle hießen.

 

Es gab war das Musterhaus Am Horn, aber die Pläne hatte kein Architekt gezeichnet, sondern der Grafiker und Maler Georg Muche. Das Haus ist zwar berühmt, aber im Grunde genommen auch herzlich schlecht, mit seiner großen Halle und den eher kleinen Räumen rundherum ist es nur schwer bewohnbar. Eine doch sehr merkwürdige Mischung aus Villa und Eigenheim.

 

In Dessau wurde alles anders. Walter Gropius hat höchstpersönlich das berühmte Bauhaus-Gebäude mit der vorgehängten Glaswand gebaut. Das war spektakulär, aber nicht wirklich neu, denn mit den Fagus-Werken im niedersächsischen Alfeld, hatte Gropius schon ein paar Jahre zuvor, das Bauhaus-Gebäude in Dessau vorweggenommen. Fagus, die Schuhleistenfabrik in Niedersachsen, steht als eigentlicher Ursprungsbau der Moderne seit 2011 auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste.

 

In Dessau gibt es noch weitere Gropius-Bauten: das Arbeitsamt, die Siedlung Törten und natürlich die vier Meisterhäuser als Unterkunft für die Hochschullehrer und dem Direktor am Bauhaus. Mitte der 20er Jahre standen die drei völlig neuartigen Doppelhäuser in einem Kiefernwäldchen in der Dessauer Vorstadt. Hinzu kam eine etwas größere Villa für den Chef. Später wurden die Nachbargrundstücke bebaut, mit Häusern, wie man sie seit halt so baut, sie haben alle ein Satteldach, eine Garage und oft eine Terrasse und Balkon. In der unmittelbaren Umgebung der Meisterhäuser bekam das Bauhaus als Vorbild nicht die geringste Chance. Nur nebenbei, das Umfeld der Jenaer Bärenwald-Häuser sieht auch kaum besser aus.

 

Walter Gropius war nicht nur ein moderner Architekt, er ging auch mit der damaligen Zeit, er war ein Autonarr. Anfang der 30er Jahre hatte er für die Frankfurter Adler-Werke die Karosserie für eine Luxus-Limousinen entworfen, die 1931 erstmals auf dem Pariser Autosalon zu bewundern war. Auf historischen Fotos sieht man manchmal so ein Auto vor einem Bauhaus-Gebäude: Ein Oldtimer steht vor einem modernen Gebäude, denkt der unbedarfte Betrachter, dabei stammen Haus und Auto aus der gleichen Zeit.

 

Auch in Jena hat das historische Bauhaus Spuren hinterlassen. Es gibt zwei Gropius-Villen aus den 20er Jahren: Das Haus des Physikers Felix Auerbach und die Villa Zuckerkandl am Hang in der Weinbergstraße. Zwei von sechs Villen, die Walter Gropius entworfen hat, stehen in Jena. Die Bilanz ist also gar nicht so schlecht. Wer „Bauhaus Villa Jena“ googelt, kommt nicht nur zu Zuckerkandl und Auerbach, er landet auch bei Falko Bärenwald.

 

Beginnen wir noch einmal von vorn. Um 1900 waren viele Bauherren und Architekten die Gründerzeit leid, all die pompösen Fassaden, diese bürgerlichen Trutzburgen, die dem Historismus verpflichtet waren. Eine neue Generation wollte weder Erker, Zinnen noch Türmchen. Schluss mit dem vorlauten Neo-Gedöns: keine Neo-Renaissance, keine Neo-Gotik und erst recht keinen Neo-Barock.

 

Die Architekten wollten sich vom Ballast befreien. Nach dem Ersten Weltkriegs hat sich dieser Impuls noch einmal verstärkt. Eine Ästhetik der Armut trat auf den Plan. Anfang der 30er Jahre hat der Philosoph Walter Benjamin einen kleinen Essay mit dem Titel „Erfahrung und Armut“ geschrieben. Es ist ein kanonischer Text für eine ganze Generation, die sich nach Wahrhaftigkeit und einem Neubeginn sehnte. Ein Zeitalter des neuen Barbarentums, schrieb Walter Benjamin und Barbarentum war durchaus positiv gemeint. Um seinen Gedanken zu verdeutlichen, sprach er auch von dem Künstler und Bauhaus-Meister Paul Klee.

 

„Wohin bringt die Armut an Erfahrung den Barbaren? Sie bringt ihn dahin, von vorn zu beginnen; von Neuem anzufangen; mit Wenigem auszukommen. Und dieses selbe Vonvornbeginnen hatten die Künstler im Auge, als sie sich  wie Klee sich an Ingenieure anlehnten. Denn Klees Figuren sind gleichsam auf dem Reißbrett entworfen und gehorchen, wie ein gutes Auto auch in der Karosserie vor allem den Notwendigkeiten des Motors, so im Ausdruck ihrer Mienen vor allem dem Innern. Dem Innern mehr als der Innerlichkeit: das macht sie barbarisch.“

 

Am Weimarer Bauhaus beherrschten diese neuen Barbaren das Feld. Das zeigten auch erstmals Flagge bei der Architektur. Das Musterhaus Am Horn sollte allen zeigen, was das Bauhaus architektonisch, sozial und ästhetisch leisten vermochte. Es ist nur wenige Schritte von Goethes Gartenhaus entfernt, das sich an einem Hang am Rande des Parks an der Ilm steht.

 

Das Haus Am Horn sollte der Prototyp für eine ganze Wohnsiedlung sein. Gropius plante zwanzig freistehende Doppelhäuser als Wohnungen für die Bauhaus-Meister, weitere fünfzig Reihenhäuser und eine Schule. Das Konzept blieb Makulatur, gebaut wurde erst später in Dessau.

 

Es ist Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet das Bauhaus, das sich so vehement auf das Handwerk berief, bei seinen Bauten, auf die Erfahrung des Handwerks verzichtete. Stattdessen war der technische Fortschritt gefragt.

 

Handwerkstradition wurde nicht vom Bauhaus gepflegt, sondern von Traditionalisten, etwa die der Stuttgarter Schule, zu der Paul Schmitthenner, Paul Bonatz und Martin Elsaesser zählen. Auch sie haben den Historismus den Rücken gekehrt, aber anders als die Bauhäusler vertrauten sie weiter der Tradition. Unter Federführung des Malers und Architekten Paul Schultze-Naumburg – der 1949 hier in Jena gestorben ist – gründete sich 1928 die Architektenvereinigung Der Block, mit dem Ziel, avantgardistische Architektur zu bekämpfen und sich gegen das Bauhaus zu wenden.  

 

Die Vertreter der Stuttgarter Schule wurden zu erbitterten Antipoden der Bauhäusler. Ihre politische Nähe zum Nationalsozialismus, von denen sie sich Aufträge erhofften und auch bekamen (was übrigens erfolglos auch das Bauhaus versuchte), machte aus den Vertretern einer alternativen Architekturauffassung willfährige Mitläufer des NS. Der daraus entstandene Imageschaden war nachhaltig und ist bis heute nicht vom Tisch.   

 

Wer wissen will, was Anfang des letzten Jahrhunderts architektonisch geschah, sollte in Weimar im Park an der Ilm spazieren gehen. Hier finden sich die beiden Prototypen der post-historistischen Ära: Goethes Gartenhaus als Vorbild für die Traditionalisten und das Haus Am Horn als erste Referenz der Bauhaus-Schule.

 

Als Goethe im April 1776 das kleine Haus mit Garten erwarb, war das ehemalige Winzerhäuschen schon 180 Jahre alt. Eine schlichte Immobilie vor den Toren der Stadt, die der noch junge Goethe sieben Jahre lang bewohnte, bevor er in das geräumige Stadthaus am Weimarer Frauenplan zog.

 

Ausgerechnet dieses kleine Haus, mit dem markanten hochgezogenen Walmdach, wurde Anfang des letzten Jahrhunderts zum Vorbild für reformwillige Architekten, die sich auf das Wesentliche in der Architektur rückbesinnen wollten. Der einfache Grundriss, die schlichte Treppe, die Lage der Zimmer; alles zeugt von einer noblen und doch bescheidenen Sachlichkeit.

 

Das Interesse war durchaus nachvollziehbar, denn 1908 hatte der Berliner Architekt Paul Mebes, ein Buch mit Titel Um 1800 geschrieben, das den Blick auf eine Epoche lenkte, die vor dem Siegeszug des Historismus lag. Es war die Zeit der Napoleonischen Kriege, als die Gesellschaft materiell und mental in einer existenziellen  Krise war.

 

Am Anfang des letzten Jahrhunderts hatte sich Paul Schultze-Naumburg für den Erhalt des Gartenhauses eingesetzt. Damals sollte die kleine Stützmauer zum Park hin abgerissen werden. Henry van de Velde, der Direktor der Weimarer Kunstgewerbeschule wollte den Abriss, doch am Ende setzte sich Schultze-Naumburg durch. Die kleine Mauer konnte saniert und erhalten werden. Es war ein Sieg der Denkmalpflege, würde man heute sagen. Es ist aber auch ein Beleg dafür, wie sehr sich konservative Architekten für Goethes Gartenhaus interessierten. Das war ein neues Phänomen, und es hatte nichts damit zu tun, dass gleich nach Goethes Tod, sein Gartenhaus zu einer Wallfahrtsstätte wurde. Schon seit 1886 konnte es besichtigt werden.  

 

Wer heute durch Deutschland fährt, trifft überall auf große und kleine Villen die Anfang des letzten Jahrhunderts gebaut worden sind und Goethes Gartenhaus zum Vorbild haben. Der rechtwinklige fast quadratische Bau mit den zwei Etagen wurde zum Prototyp für eine solide Villa mit Garten. Diese Häuser erinnern daran, dass es Anfang des Jahrhunderts eine Sehnsucht nach klassischer Harmonie und Schlichtheit gab.

 

Mit dem Haus am Horn trat das architektonische Bauhaus auf den Plan. 1923 wurde das Musterhaus der Öffentlichkeit vorgestellt. Plötzlich stand eine weiße Schachtel, ein rational geplanter Kubus oberhalb des Parks an der Ilm. In früheren Zeiten hatte es hier Gärten und Weinstöcke gegeben. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Gebiet am Stadtrand bebaut und avancierte zu einer beliebten Wohnadresse für das Weimarer Bürgertum. Prächtige Villen säumten die ruhigen Straßen, so wie die Villa Ithaka die Schulze-Naumburg für den Dramatiker Ernst von Wildenbruch entworfen hatte. In diesem noblen Umfeld steht eigentümlich fremd das Haus Am Horn.

 

Das Musterhaus war für eine Familie gedacht. Räume für Personal waren nicht vorgesehen, aber es gab ein Zimmer der Dame und ein Zimmer des Herrn. Um den großen quadratischen Hauptraum sind alle Räume gruppiert. Aus der Küche mit den praktischen Einbaumöbeln konnte die Hausfrau ins Kinderzimmer blicken und den Nachwuchs im Auge behalten. Operationsräume oder Nordpolstation lauteten die bissigen Kommentare.

 

Walter Gropius sah das naturgemäß anders. Er schrieb: "Wir wollen den klaren organischen Bauleib schaffen, nackt und strahlend aus innerem Gesetz heraus, ohne Lügen und Verspieltheiten, der unsere Welt der Maschinen bejaht "

 

In den 20er -und 30er Jahren haben sich beide Architekturschulen bis aufs Messer bekämpft. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Bauhaus moralisch gestärkt aus Amerika zurück nach West-Deutschland gekommen war, ging der Kampf munter weiter. Wir wissen heute, wohin das geführt hat, die Architektur wurde zum Spielball ideologischer Auseinandersetzungen. Die konservative Moderne wurde in die Nähe von Nazi-Architektur gerückt, während das Bauhaus unwidersprochen für Freiheit und demokratische Lebensart stand. (Das war in der DDR zunächst ganz anders, und es hat lange gedauert, bis auch sie einen eigenen Zugang zur Bauhaus-Moderne gefunden hat.)

 

Die ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Bauhaus und den Vertretern der Stuttgarter Schule sind nunmehr Vergangenheit. Auch weil man klarer sieht, dass beide Wege ihre Berechtigung hatten. Es gibt keinen allein seligmachenden Weg in der Architektur. Wer etwas anderes behauptet, würde sich lächerlich machen in einer Zeit, die durch das Fegefeuer der Postmoderne gegangen ist.

 

Die Erfolgsgeschichte des Bauhauses hat allerdings noch einen zweiteren wichtigen Grund, über den kurz gesprochen werden muss, denn das Bauhaus hat sich im Laufe seiner Geschichte verändert und ist zum Internationalen Stil mutiert, Diese Entwicklung hat sie vor allem dem New Yorker Museum of Modern Art zu verdanken.

 

Die Idee kam von Philip Johnson, der Architekt und Kurator hat 1932 die Ausstellung International Style auf den Weg gebracht. Damals wurde im fernen Amerika – um es klar zu sagen – aus dem politisch engagierten Bauhaus, ein zahnloser architektonischer Stil. Die abstrakte Moderne trat auf den Plan, eine Architektur, die fortan überall auf der Welt seinen Platz finden konnte, ohne auf lokale oder soziale Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen. Der Architekt Philip Johnson hatte sich Mies van der Rohe zum Vorbild genommen, der nach Walter Gropius und Hannes Meyer der dritte und letzte Bauhaus-Direktor.  Anders als Walter Gropius suchte Mies van der Rohe seine Identität nicht im Bauhaus. Er wollte nur als Architekt Anerkennung, die er im reichen Maße bekam.

 

Es war jener Philip Johnson der 1984 das AT&T-Hochhaus in New York entwarf, den ersten Wolkenkratzer im postmodernen Stil, der eine ganz neue Epoche einläuten sollte. Das Hochhaus mit der berühmten Chippendale-Krone.

 

Die Moderne hatte das Nachsehen. Plötzlich stand der Begriff Postmoderne im Raum. Der Kunsthistoriker Heinrich Klotz, Gründer des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, bot der neuen Strömung ein breites öffentliches Forum und sprach von der Zweiten Moderne, die der ersten Moderne nun nachfolgen sollte. Andere sprachen von Spät-Moderne, doch was immer auch gesagt wurde, es war nur ein Ausdruck, der etwas seltsamen Erkenntnis, dass die Moderne, die sich für ewig zeitlos hielt, auf einmal in die Jahre gekommen war.

 

Die Moderne, als ewige Avantgarde. Das konnte nicht ewig gut gehen. Irgendwann, in der Mitte des letzten Jahrhunderts, fing die Moderne an zu altern und brachte die Leute vom Fach in Erklärungsnöte. Es war verstörend, was moderne Architekten plötzlich bauten. Als 1955 die Wallfahrtskirche von Ronchamp fertig war, provozierte sie Sprachlosigkeit. Niemand wusste, was von dem sonderbaren Bauwerk zu halten war, dass plötzlich auf einem kleinen Hügel am Rande der Vogesen stand.

 

Das sollte eine moderne Kirche sein? Und als Architekt ausgerechnet Le Corbusier, der als Erfinder der Wohnmaschine für seine rationale Architektur berühmt und weithin geachtet war. Nun erklärte Le Corbusier öffentlich, er habe eine Muschel am Strand gefunden, die ihn zu dem Bau jenseits der Funktionalität veranlasst habe. Ein Schock, der noch lange nachhallen sollte und die Architektur in völlig neue Sphären verwies. Die Krise der Moderne war plötzlich allen klar, obwohl das Dach von Ronchamp ein technisch verifizierter Flugzeugflügel ist, was beim Schock über den grundlegenden Paradigmenwechsel erst einmal kaum einer sah.

 

Sind Le Corbusier und Philip Johnson, zwei Verräter an der Moderne? Heute spricht man öfter von der klassischen Moderne, so, als ob es auch eine un-klassische Moderne geben könnte, was natürlich Unsinn ist.

 

Was also ist modern? Ich kommen noch einmal auf Falko Bärenwald zu sprechen, um ein paar wesentliche Unterschiede, zwischen dem Bauhaus und ihm zu benennen. Drei Aspekte sind mir wichtig: die Kommunikation, die Beziehung der Architekten zum Raum und zur Natur, sowie die bauliche Qualität und Nachhaltigkeit der Bauten.

 

Beginnen wir mit der Kommunikation. Die modernen Architekten Anfang des letzten Jahrhunderts, waren fast ausnahmslos notorische Besserwisser. Mies van der Rohe hat 1929 für den Textilfabrikanten Fritz Tugendhat eine großbürgerliche Villa in der Messestadt Brünn gebaut, das neben Prag damals ein Zentrum der tschechischen Moderne war. Die Villa sollte ein perfekter Mies van der Rohe-Bau werden, mit edlen Materialien, rotem Marmor, elfenbeinweißem Linoleum, versenkbaren Panoramascheiben und weitgefassten offenen Räumen. Als Mies van der Rohe in der Weihnachtszeit mit seinen Plänen zu den Tugendharts kam, waren sie doch etwas erschrocken und brauchte ein wenig Zeit, um sich mit dem eigenwilligen Entwurf anzufreunden. So weit, so gut, schließlich war von der Türklinge bis zum Vorhangstoff alles genaustens geplant. Aber auf ein separates Schlafzimmer wollte Grete Tugendhat auf keinen Fall verzichten. Es gab einen veritablen Streit, weil der Architekt den Wünschen der Bauherren nur widerwillig entgegenkam.

 

Oder Bruno Taut, er hatte kleine Wohnungen für den Mindestbedarf entworfen. In ihnen sollte es keine Bilder geben, die Bewohner hatten sich mit den farbigen Wänden zu begnügen, die er für die Zweiraumwohnungen vorgesehen hatte.

 

Wer heute durch nicht denkmalgeschützte Siedlungen der 20er Jahre geht, etwa in Dessau Törten, kann sehen, mit welch einer anarchistischen Freude die Bewohner alles sabotieren, was der Architekt einst gewollt hat. Nur so viel, Falko Bärenwalds Entwürfe sind das Ergebnis einer ausgiebigen Diskussion mit den Bauherren. Für ihn wäre es eine absurde Vorstellung, ein Haus jenseits der Bedürfnisse der künftigen Bewohner zu planen. Falko Bärenwald mag geschickt argumentieren, manches auch besser wissen, als sein Bauherr, das liegt in der Natur der Sache, aber der Bauherr und spätere Nutzer wird von Anfang an respektiert. Über sein Haus Schneider sagt er sinngemäß: „Die Schneiders sind polyglotte, weltoffene Menschen. Sie leben im Landeanflug, das ist ihr permanenter Zustand. Physisch wie auch geistig sind sie international unterwegs. Nur wer offen in seinem Denken ist, baut sich so ein Haus.“

 

Auch die Beziehung zwischen Raum und Natur hat sich seit den 20er Jahren vollständig geändert. Dem Historischen Bauhaus waren die Nachbarn egal. In Dessau gab es zunächst auch gar keine Nachbarschaft, die Bauhaus-Schule und die Meisterhäuser wurden gleichsam „auf der grünen Wiese“ und in einem ungenutzten Kiefernwäldchen gebaut. Auch hier in Jena sind die Gropius-Villen Solitäre ohne einen wirklichen Bezug zur Nachbarschaft.

 

Es sind Häuser des Internationalen Stils, einfach in dem Sinne, dass sie überall, an jedem beliebigen Ort, hätten gebaut werden können. 1930 schrieb Le Corbusier über seine Villa Savoye am Stadtrand von Paris: „Das Haus steht perfekt in der ländlichen Umgebung von Poissy, aber auch in Biaritz wäre es großartig. Oder ich stelle es in die wunderschöne Landschaft Argentiniens.“

 

Das ist bei Falko Bärenwald ganz anders, er ist geradezu spezialisiert auf Restgrundstücke in schwieriger Lage. Den Häusern bleibt gar nichts anderes übrig, als sich um die Nachbarschaft zu kümmern. Sei es ein schwierig zu bebauender Hang oder seinen es andere Gebäude wo es gilt eine architektonische Beziehung aufzunehmen.

 

Das Verhältnis zur Natur ist bei den Avantgardisten etwas komplizierter.

Walter Gropius hatte eigentlich gar kein Verhältnis zur Natur. Bei seinem Nachfolger am Bauhaus, bei dem Schweizer Architekten Hannes Meyer, sah die Sache schon anders aus. Die Gewerkschaftsschule in Bernau wurde sensible und passgenau in die märkische Landschaft gesetzt. Und Mies van der Rohe war geradezu revolutionär, manchmal wandert bei ihm die Landschaft mitten durchs Haus, ohne das die Architektur allzu viel Widerstand liefert. Ein freier Grundriss, fließende Räume, transparent wirkende Wände und filigrane Stahlstützen. Diese Bauprinzipien sind besonders schön nachzuverfolgen im Barcelona Pavillon für die Weltausstellung 1929, die vor Mitte der 80er Jahre in der katalonischen Metropole rekonstruiert worden ist. Auch die Villa Tugendhat in Brünn folgt diesem Prinzip.

 

Nicht ganz so radikal suchen auch Falko Bärenwalds Häuser, wo immer es geht eine möglichst enge Beziehung zur Landschaft.

 

Mein letzter Hinweis bezieht sich auf die Qualität der Bauten. Die Häuser der Avantgarde waren zunächst alles andere als ausgereift. Da waren ihnen die konservativen Architekten überlegen. Es wurde experimentiert und alles ausprobiert was möglich schien: Häuser aus Fertigteilen, Flachdächer, die oft schnell undicht wurden, einfach verglase Fensterfronten.

 

Als in Dessau die Professoren in ihre neu errichteten Meisterhäuser zogen, haben sie bei der Stadt Dessau gleich einen Heizkostenzuschlag gefordert, weil der Wind durch die ihre Atelierräume pfiff.

 

Das Flachdach der Villa Savoye war so undicht, dass das Haus zunächst gar nicht bewohnbar war. Die Eigentümer wollten den Architekten verklagen, was nur der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhindern konnte.

 

Solche Zustände sind heute nicht mehr denkbar, die Qualität der Materialen, das Now How bei modernen Bauten ist vorhanden. Es gibt keinen technischen Grund mehr auf ein Haus der klassischen Moderne zu verzichten. Und weil das so ist, geht es nur noch um das eigene Geschmacksurteil. Anything goes. Modernes Bauen und technischer Fortschritt haben sich längst entkoppelt, sind längst kein Synonym mehr. Es gibt wunderbaren moderne Häuser mit einem richtigen Dach, es gibt eigenständige Villen, mit einer markanten eigenen Handschrift, die stilistisch dennoch der Bauhaus-Moderne verpflichtet sind, so wie wir sie von Falko Bärenwald kennen. Und um noch einmal etwas Kritisches zu sagen, es gibt viel zu viele Würfel und viereckige Kisten, die heute überall stehen, weil man bei einem Museum, einem Verwaltungsbau oder bei Wohnungen mit dem Mainstream vermeintlich nicht allzu viel falsch machen kann. Diese Art der Moderne hat bis heute die den Gründerzeit-Mainstream abgelöst. Aber auch das hat, wie alles im Leben, seine Zeit.