Adolf Stock

Journalist, Autor und Medienberatung, Berlin

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Feature

Breslau - Das neu entdeckte Babylon

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Bild:Museum für das Panorama von Racławice, das von 1894 - 1946 in Lwiw (Lemberg) gezeigt wurde
Copyright Adolf Stock

Sendung Deutschlandradio am 15.01.2016 und 17.06.2016

Manuskript:

Breslau: Das neu entdeckte Babylon

Die europäische Kulturhauptstadt 2016 literarisch

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Take 1: (Stanisław Lem)

„In unserem Zeitalter haben wir auch entsetzliche Pseudo-Utopien erlebt. Eine war braun, und die andere war rot. Die braune war bestimmt ausschließlich für große blonde, deutsche Arier. Hier war sozusagen die Prämisse Mord, ganz klar als Voraussetzung des Aufbaus dieser Utopie.“

Sprecher 1:

1993 sprach Stanisław Lem in seiner Krakauer Wohnung über die beiden Gesellschaftsutopien, die in ihrer Konsequenz die Grenzen des alten Europas verschoben haben. Das gilt auch für seine Heimatstadt Lemberg, aus der Stanisław Lem 1946 vertrieben wurde, und es gilt auch für Breslau, das nach dem Zweiten Weltkrieg polnisch wurde.

Take 2: (Renata Bardzik-Milosz)

„Dzień dobry. Guten Tag.“

Sprecher 2:

Renata Bardzik-Milosz steht vor dem Historischen Rathaus in Wrocław. Sie führt Journalisten, die auf Einladung des Deutschen Kulturforums östliches Europa Breslau und Lemberg besuchen, durch ihre Stadt.

Take 3: (Renata Bardzik-Milosz)

„Ich würde gerne mit Ihnen an diesem Denkmal beginnen. Es geht hier um den Aleksander Fredro. Die Stelle, wo er aufgestellt ist, so eine prominente Stelle, mitten auf dem Breslauer Rathausplatz. Ja, das Herzstück der Stadt. Dieses Denkmal stand ursprünglich in Lwiw, in Lemberg, polnischen Lwów, wurde hier Mitte der 50er Jahre nach Breslau gebracht und ist ein Stück Lemberg in Polen. Ein schönes Beispiel, wie man diese ostpolnische Tradition hier pflegt.“

Sprecher 3:

Wer Wrocław besucht, trifft überall auf Lemberger Spuren. 2016 ist das alte Breslau Europäische Kulturhauptstadt. Die Besucher erwartet eine lebendige Metropole, die sich weltoffen und zugewandt zeigt. Katarzyna Młynczak Sachs managt mit rund 80 Kollegen ein ambitioniertes Festivalprogramm, für eine Stadt, die dabei ist, sich mit ihren historischen Wurzeln zu befassen.

Take 4: (Katarzyna Młynczak Sachs)

„Es ist schwierig zu sagen, was das Wichtigste an dieser Identität ist. Also, ich bin selbst Breslauerin, mit der Wurzel aus Lemberg und schon hier geboren, und meine Eltern sind hier geboren. Aber wir sind sehr stark, die Breslauer, und bemühen uns auch zivilgesellschaftlich um die Stadt. Ja aber jetzt zu sagen, was wirklich das Besondere ist, außer dieser Offenheit für mich, das ist, wahrscheinlich noch nicht, noch, noch nicht fest, ja es bildet sich.“

Sprecher 4:

Lange Zeit war das Selbstverständnis Wrocławs ideologisch geprägt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bevölkerung Breslaus fast vollständig ausgetauscht. Plötzlich lebten Polen in einer stark zerstörten, ihnen völlig fremden Stadt. Viele Neubürger kamen aus Lemberg, die Galizien verlassen mussten, als Lwów sowjetisch wurde.

Atmo:

Marktplatz Breslau

Sprecher 5:

Renata Bardzik-Milosz steht mit den Journalisten noch immer vor dem Denkmal, das an den polnischen Dichter Aleksander Fredro erinnert. Es stammt von dem Bildhauer Leonard Marconi und wurde 1879 in Lemberg aufgestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zunächst nach Warschau und befindet sich nun an jenem Ort, wo bis 1946 ein Denkmal für den preußischen König Friedrich Wilhelm III. stand.

Take 5: (Renata Bardzik-Milosz)

„Graf Aleksander Fredro, keine Weltliteratur, kein Nobelpreisträger, aber sehr gerne wird er gelesen. Sehr gerne werden seine Stücke auf den Theaterbühnen aufgeführt. Und die Stelle, wo er aufgestellt ist, sagt etwas aus.“

Sprecher 6:

Aleksander Fredro ist ein polnischer Molière. Seine pointenreichen Komödien treffen das Herz der heimischen Seele. Sie sind ein fester Bestandteil des polnischen Sprechtheaters, mit Stücken wie „Damen und Husaren“, „Mädchenschwüre“ oder „Die Rache des Verschmähten“. Als Theodor Fontane die junge Witwe Olga in dem Lustspiel „Der Mentor“ auf der Bühne sah, war er von dieser Figur so fasziniert, dass er mehr über den Unterschied zwischen deutscher und polnischer Koketterie wissen wollte.

Zitator:

„Sie interessiert mich insoweit, als sich in dieser Schöpfung des Dichters etwas Fremdländisches, etwas polnisch Nationales erkennen ließ. Die Formen weiblicher Koketterie sind bekanntlich überall verschieden und repräsentieren eine vollkommene Skala. Das Taschentuch, das zu Boden fällt, ist auch in Deutschland über Gebühr in Brauch; aber eine Nadel suchen zu lassen, die man nicht verloren hat, und gleich danach um ein Tabouret bitten, erst um den Fuß zu zeigen und dann um sittlich empört zu sein, wenn dieser Fuß seine Schuldigkeit, will sagen, seine Wirkung getan hat, das sind Formen der Koketterie, zu denen sich die hierlandes übliche ‚junge Witwe‘ noch nicht voll hinaufgearbeitet hat.“

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Sprecher 7:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler. 2006 hat sie alle Klavierstücke des jüdischen Komponisten eingespielt. Jozef Koffler stammt aus Strij, einer kleinen Stadt bei Lemberg in der heutigen Ukraine. Ihr hat Heinrich Böll mit seiner Erzählung „Der Zug war pünktlich“ 1948 ein literarisches Denkmal gesetzt. Böll beschreibt den Krieg als Krankheit: Man schreibt das Jahr 1943. Soldat Andreas ist 23 Jahre alt. Er war auf Heimaturlaub und muss zurück an die Ostfront. Seine Reise beginnt in Westfalen und endet in Strij, wo er das Freudenmädchen Olina kennen und lieben lernt. Beide werden in einem Fluchtauto von einer Granate getroffen. Olina war eigentlich Pianistin, hatte aber für den polnischen Widerstand spioniert.

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Sprecher 8:

Jozef Koffler war Anfang des letzten Jahrhunderts Student in Lemberg, das damals noch zu Habsburg zählte. Später zog er weiter nach Wien.1928 kam Koffler wieder nach Lemberg, das inzwischen polnisch geworden war. Er bekam eine Professur für atonale Musik. Als 1941 die Nazis Lemberg besetzten, wurde Koffler in ein Ghetto deportiert und drei Jahre später von einer deutschen Einsatztruppe erschossen.

2011 gab Elzbieta Sternlicht ein Konzert mit Werken von Jozef Koffler in Lemberg.

Musikakzent:

Musik noch einmal kurz lauter

Take 6: (Elzbieta Sternlicht)

„Bei der ersten Begegnung fiel mir ein, dass das eine Großstadt ist. Wirklich eine Großstadt, mit einem phantastischen Kern, dass dem Wien sehr ähnlich ist. Und dann zweitens, ich konnte die ganze Zeit polnisch sprechen und wurde wunderbar verstanden. Und als ich sie darauf ansprach, sagten sie: Ich bin doch ein Pole, mit einem Stolz, der mich schon überrascht hat, nach so vielen Jahren, weil manche waren geboren schon in der Ukraine.“

Atmo

Museum: Panorama von Racławice

Sprecher 9:

Das Panorama von Racławice erinnert an eine siegreiche Schlacht vom 4. April 1794, als aufständische Truppen und polnische Bauern, die nur mit Sensen bewaffnet waren, das russische Heer besiegten.

Atmo:

Museum: Panorama von Racławice

Sprecher 10:

1964 kam das 114 Meter lange Panorama von Racławice von Lemberg nach Breslau. Dort wurde es jahrelang versteckt, bis es 1985 in einem neu gebauten Museum wieder öffentlich gezeigt werden durfte. Heute gehört es zu den meistbesuchten Attraktionen der Stadt. Papst Johannes Paul II. hat es gesehen, und die holländische Königin Beatrix war auch schon da.

Am 5. Juni 1894 war das Panorama erstmals in Lemberg zu sehen. Stanisław Lem war schon als Kind von dem Panorama fasziniert. In seiner Autobiografie „Das Hohe Schloss“ erzählt er davon.

Zitator:

„Wie jedes Lwówer Kind ging ich selbstverständlich hin und wieder zum Panorama von Racławice. Das war eine große Attraktion. Zunächst versetzte einen allein schon der Eintritt in erhabene, außergewöhnliche Stimmung, denn man musste eine Zone des Halbdämmers durchschreiten und gelangte über eine Treppe auf ein Podest, das in mir unwiderstehlich die Assoziation zu einem großen, unbeweglich hängenden Ballon erweckte. Von diesem Podest konnte man das Panorama der Schlacht wie in natura betrachten, wobei das Problem, an welcher Stelle der authentische Zaun mit dem auf die Latten gesteckten Töpfen in den gemalten überging, viel Streit verursachte.“

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Sprecher 11:

Das polnische literarische Erbe ist von Lemberg nach Wrocław gezogen. Das deutsche literarische Erbe Breslaus war hingegen lange Zeit verschüttet. Aber nicht nur in Polen, auch in Deutschland werden die alten Breslauer Autoren kaum noch gelesen. Wer kennt noch Gustav Freitags Roman „Soll und Haben“, der 1855 erstmals erschien? Wenn überhaupt, ist das Buch nur noch als Titel im Gedächtnis. Der Roman spielt in Breslau und schildert ein kompliziertes Beziehungsgeflecht zwischen Bürgertum, Adel und Juden.

Doch die Kulturhauptstadt Breslau will auch ein literarisches Forum sein. Das Jahr über wird es mehr als 400 Veranstaltungen geben. Acht Kuratoren haben sie geplant, sagt Katarzyna Młynczak Sachs. Einer kümmert sich um die Literatur.

Take 7: (Katarzyna Młynczak Sachs)

„Ein gutes Beispiel ist ein literarisches Projekt ‚Europäische Nacht der Literatur‘. Es geht um Bücher vorlesen, das Oberziel ist es, die Leserzahl zu steigern und die Leute für die Bücher zu interessieren. Es ist an zehn verschiedenen Orten, durch die Nacht durch verschiedene Bücher. Es sind Personen, alles Persönlichkeiten, es werden Akteure ausgewählt aus Warschau.”

Sprecher 12:

2016 kommen viele polnische Literaten nach Wrocław, darunter Autoren, die mit der Stadt eng verbunden sind. Auch an Tadeusz Różewicz wird erinnert, der 2014 mit 92 Jahren gestorben ist: Er galt als bescheiden und medienscheu. Anstatt Interviews zu geben, schrieb er lieber Gedichte, wie das Gedicht „Ruhm“, das Peter Wegenschimmel ins Deutsche übertragen hat.

Zitator:

ein gewisser journalist
von der stadtzeitung
der über mich schreibt
„berühmter breslauer dichter“
und zu mir sagt
„Herr Stanisław“
fühlt sich gekränkt

ein nettes fräulein
„auch“ journalistin
von der regionalbeilage
der hauptstadtzeitung
hat nur eine frage
stellt aber drei
auf antwort wartet sie nicht

ich erkläre freundlich
dass ich müde bin krank
dass ich alt bin
dass mein kopf leer ist

„Sie kokettieren!“

Sprecher 13:

Olga Tokarczuk, Jahrgang 1962, hat 1995 den Roman „E.E.“

veröffentlicht. Es sind die Initialen von Erna Eltzner, einer jungen Frau, die Anfang des letzten Jahrhunderts in einer deutsch-polnischen Familie in Breslau aufwächst. Ihre Mutter ist Polin mit schauspielerischen Ambitionen, während ihr Vater ein eher handfester deutscher Manufakturbesitzer ist.

Mit ihrer Beschreibung einer deutsch-polnischen Begegnung war Olga Tokarczuk lange Zeit allein, bis Marek Krajewski die literarische Bühne betrat. Er ist 1966 in Breslau geboren, seit seiner Jugend interessiert sich der studierte Altphilologe für die Geschichte seiner Heimatstadt. 2009 hat Marta Kijowska mit Marek Krajewski darüber gesprochen.

Take 8: (Marek Krajewski) (mit Übersetzung)

„Es war nur die Neugier eines kleinen Jungen, aber sie wuchs ständig, etwa während der Spaziergänge mit meinem Vater, bei denen ich an den Kanalisationsbrunnen Namen deutscher Firmen entdeckte. Oder als an meinem Geburtshaus der Putz abfiel und drunter die Aufschrift ‚Obst und Gemüse‘ erschien. Ich fragte mich immer öfter: In was für einer Stadt lebe ich eigentlich? Ich hatte ein immer größeres Chaos im Kopf und beschloss, dieses Chaos zu ordnen. Also fing ich an, mich für die Vergangenheit Breslaus zu interessieren. Ich kaufte mir in einem Antiquariat für viel Geld, das ich von meinem Vater bekam, einen alten deutschen Stadtplan von Breslau. Was für ein Vergnügen war das, polnische und deutsche Straßennamen zu vergleichen! Was für eine Entdeckung, plötzlich zu erfahren, dass meine Straße früher nach Martin Opitz benannt war. Wer war Opitz, wollte ich wissen und schaute in der Enzyklopädie nach. So sah mein Bildungsweg aus: von den Kanalisationsbrunnen und deutschen Aufschriften bis zur deutschen Kultur:“

Sprecher 14:

Marek Krajewskis erster Kriminalroman erschien 1999. Seinem Buch „Tod in Breslau“ sollten danach noch fünf weitere folgen. Sie spielen alle Anfang des letzten Jahrhunderts. Ein deutscher Kommissar ermittelt: Eberhard Mock ist nicht besonders sympathisch. Ein Pedant mit Ecken und Kanten: arrogant, cholerisch, trinkfest und mit einer ausgeprägten Libido, die er im Rotlichtmilieu befriedigt. Doch bei Krajewski geht es nicht nur um Mord, er formt auch ein atmosphärisch dichtes Zeitportrait einer verloren gegangenen Welt. Er beschreibt Wrocławs deutsche Vergangenheit, über die bis zur Wende kaum gesprochen wurde.

Take 9: (Marek Krajewski) (mit Übersetzung)

„Dazu muss man klar sagen, Breslau war gar nicht so schrecklich, wie ich es schildere. Im Gegenteil, es war eine wunderbare Stadt, ausgezeichnet geplant, ja in urbanistischer Hinsicht geradezu genial, jedenfalls für die damaligen Verhältnisse. Voller wunderschöner Mietshäuser, deren Überreste es bis heute gibt. Ich wohne selbst in so einem Haus und fühle mich dabei, als würde ich im alten Breslau leben, denn aus meinem Fenster sieht man auf eine Straße, in der es kein einziges Haus aus der Zeit nach 1945 gibt. Diese Stadt war hell, sonnig, reich. Eine richtige Kaufmannsstadt. Sie war wirklich herrlich, und ich habe sie nur deformiert. Warum? Weil ich Krimis schreibe, keine Liebesromane.“

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Sprecher 15:

Im 17. Jahrhundert war Breslau ein bedeutsames Zentrum der deutschsprachigen Literatur. Zur Schlesischen Dichterschule zählen Namen wie Martin Opitz, Daniel Casper von Lohenstein oder Hoffmann von Hoffmannswaldau.

Auch der Mystiker Johannes Scheffler, der sich Angelus Silesius – also „Schlesischer Engel“ – nannte und streitbare religiöse Gedichte schrieb, gehört zu den schlesischen Dichtern. Scheffler war der Sohn eines polnischen Adligen, der als Protestant von Krakau nach Breslau fliehen musste.

Ein Denkmal für Angelus Silesius steht im Garten des Ossolineums in Breslau. Die Bibliothek wurde 1917 in Lemberg gegründet und diente von Anfang an der polnischen Forschung. 1947 kam die Bibliothek nach Breslau. Der Barockbau aus dem späten 17. Jahrhundert war ursprünglich ein Kloster. Josef von Eichendorff ist hier Anfang des 19. Jahrhunderts zur Schule gegangen. Heute versammelt die Bibliothek 22.000 Bände.

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Sprecher 16:

Anfang des letzten Jahrhunderts war Breslau ein Mekka der modernen Architektur. Viele bedeutende Architekten waren dort: Hans Poelzig, Erich Mendelsohn und Hans Scharoun. 1929 gab es eine Werkbundausstellung mit Musterhäusern im Bauhaus-Stil. Auch daran will die Kulturhauptstadt erinnern.

Der architektonische Höhepunkt aus jener Zeit ist die Jahrhunderthalle von Max Berg. Eine stählerne Veranstaltungshalle, die sich das Pantheon in Rom zum Vorbild genommen hatte. Zur Eröffnung schrieb der schlesische Dichter Gerhart Hauptmann ein „Festspiel in deutschen Reimen“. Mit dem Stück wurde die Jahrhunderthalle am 31. Mai 1913 eingeweiht. Max Reinhardt kam aus Berlin, um das Werk in Szene zu setzen. Es sollte an die Freiheitskriege gegen Napoleon erinnern. 2.000 Statisten standen auf der Bühne, und es gab eine Riesenorgel mit 14.000 Pfeifen. Doch dem Kaiser war das Festspiel nicht patriotisch genug. Er ließ es vom Spielplan nehmen. Ein Jahr später begann der Erste Weltkrieg.

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Sprecher 17:

Das polnische literarische Erbe Lembergs setzt sich in Breslau fort. Das jüdische Erbe ist hingegen Vergangenheit.

In den 20er Jahren gab es in Breslau viele assimilierte jüdische Bürger. Der Schriftsteller Günther Anders wurde1902 als Günther Siegmund Stern in Breslau geboren und auch Alfred Kerr, der eigentlich Alfred Kempner hieß, war Sohn eines jüdischen Weinhändlers der Stadt.

Es gab auch polnische Juden. Viele von ihnen haben den Nazi-Terror nicht überlebt. Etwa Bruno Schulz, der in Lemberg studierte und 1942 bei der geplanten Flucht aus dem Ghetto von der Gestapo auf offener Straße erschossen wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen auch Juden aus Galizien nach Breslau, doch sie waren dort nicht willkommen. Renata Bardzik-Milosz steht mit ihrer Besuchergruppe vor einer Synagoge im ehemaligen Ghetto.

Take 10: (Renata Bardzik-Milosz)

„Es gab leider Gottes auch mehrere antisemitische Hetzkampagnen im kommunistischen Polen, das sind die Jahre 56 und vor allem 68. Mitte der 70er Jahre hat der polnische kommunistische Staat die Synagoge weggenommen. Es kam die Wende 89/90. Für Juden als religiöse Minderheit kamen andere Zeiten. Diese Synagoge wurde ab Mitte der 90er Jahre von der jüdischen Glaubensgemeinde renoviert. Sie ist nun Eigentum der Gemeinde. Es ist nicht nur ein Gotteshaus, es ist auch ein Ort für Kultur.“

Sprecher 18:

Die Synagoge zum Weißen Storch wurde nach Plänen von Carl Ferdinand Langhans gebaut. Sein Vater Carl Gotthard Langhans hat das Brandenburger Tor in Berlin entworfen. Er war mit einer Breslauerin verheiratet und zog im Alter in das Haus seiner Schwiegereltern.

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Sprecher 19:

Marek Krajewskis neuer Roman trägt den Titel „Finsternis in Breslau“. Er spielt nur zum Teil in Breslau, Hauptschauplatz ist Lemberg. Diesmal verfolgt Marek Krajewski eine historische Spur, die bis nach Galizien reicht. Das Buch ist seinem Onkel gewidmet: „der mir als Erster vom Lemberg seiner Jugend erzählt ha“, sagt Krajewski.

Wie zuvor schon Breslau, wird jetzt auch das alte Lemberg detailgetreu beschrieben. Etwa die Wohnung, die Leokadia Tchorznicka mit ihrem Vetter Edward Popielski bewohnt. Er ist ein polnischer Kommissar, der in Lemberg gemeinsam mit seinem deutschen Kollegen Eberhard Mock ermittelt.

Zitator:

„Leokadia Tchorznicka trat auf den Balkon ihrer Wohnung in der Kraszewski-Straße 3 hinaus und ließ ihren Blick über den Teil des Jesuitengartens wandern, der von dort aus sichtbar war. Es war zu einem täglichen Ritual geworden, denn sie liebte die heilsame Gewissheit, dass um sie herum alles beim Alten blieb: die Kastanien, die Buchen, die Eichen, das Denkmal von Agenor Gołuchowski und die steinerne Vase mit der Allegorie des Lebens.”

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Sprecher 20:

Katarzyna Młynczak Sachs packt gerade die Koffer, sie will in den nächsten Tagen zum ersten Mal in ihrem Leben nach Lemberg fahren. Eine Dienstreise, die im Zusammenhang mit der Kulturhauptstadt 2016 steht. Sie besucht einen Kongress und bleibt dann privat noch etwas länger.

Take 11: (Katarzyna Młynczak Sachs)

„Ich freue mich sehr. Meine Oma hat mir auch die Adressen gegeben, die ich jetzt unbedingt prüfen soll, also so, wie die deutschen Touristen das in Wrocław machen, genauso. Aber wir wissen, dass die Häuser, wo sie wohnte, noch stehen, weil sie wohnte gleich im Zentrum, und ihr Vater war an der Universität, und eigentlich die ganze Universität Lemberg wurde dann nach Wrocław versetzt.“

Sprecher 21:

Ihre Oma ist bis heute nicht gut auf die Ukrainer zu sprechen. Der Verlust ihrer alten Heimat sitzt einfach zu tief. Und das ist auch bei der Familie von Elzbieta Sternlicht so.

Take 12: (Elzbieta Sternlicht)

„Ich glaube, dieser Mythos war auch durch diese Kriegsgeschehnisse, und durch alles, was in den Familien passiert ist, etwas zerstört und hat einen Kratzer. Einen Kratzer, über den man vielleicht nicht so gerne sprach, weil das immer mit einem Verlust verbunden war. Insofern, man hatte nur so eine Aussicht im Spaltfenster.“

Sprecher 22:

Ortswechsel. Krakau 1993. Stanisław Lem wohnte damals in einem Reihenhaus in der Krakauer Vorstadt. Im ersten Stock war sein Reich: Bücher bis an die Decke, ein bequemer Sessel und natürlich der Schreibtisch, an dem er viele Bestseller schrieb, die ihn weltberühmt gemacht haben. ‚Solaris‘ und andere Science-Fiction-Romane, die sich von den Büchern seiner Kollegen unterscheiden.

Take 13: (Stanisław Lem)

„Wozu brauchen Sie diese Horrors alle, diese geisterhaften Phänomene, die ihnen Schrecken einjagen sollen, wie von Steven King, oder so was, nicht wahr? Ich brauche das nach der deutschen Besatzung, überhaupt brauche ich nicht mehr, dass man mir Schrecken einjagt. Habe ich schon genug davon, überhaupt ist die Lust vergangen, Utopien zu verfassen.“

Sprecher 23:

Stanisław Lem war ein Eigenbrötler, ein Kind mit vielen Interessen und einem unstillbaren Drang, skurrile Dinge zu tun: Morgens in der Schule bastelte er heimlich Ausweise und Bescheinigungen, die in seinem imaginären Heer von erfundenen Menschen etwas Ordnung schaffen sollten. Am Nachmittag schaltete er auf den Erfindermodus um. Er konnte fast alles gebrauchen, was Lemberg auf dem Flohmarkt hinter der Oper oder woanders zu bieten hatte.

Mit phantastischen Zukunftsromanen ist Stanisław Lem weltberühmt geworden. Der Vater der Science Fiction kam allerding aus Breslau. 1871 hat Kurd Laßwitz mit seiner Erzählung „Bis zum Nullpunkt des Seins. Culturbildliche Skizze aus dem dreiundzwanzigsten Jahrhundert“ das Gründungsmanifest des Genres geschrieben.

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Sprecher 24:

Lemberg ist ein umfassender literarischer Kosmos. Auch Stanisław Lem strickt an diesem Mythos. In seiner Erinnerung wird die Stadt zu einer rückwärtsgewandten Utopie, zu einem verlorenen Paradies, das nicht in die Zukunft weist.

Jurko Prochasko, Jahrgang 1970, ist Germanist und Übersetzer. Er hat viele Bücher über Lemberg und die Ukraine geschrieben. Im Spätsommer 2015 sitzt er in einem Café in der Lemberger Altstadt. Am Ende der Straße steht die Kirche „Maria im Schnee“, die der polnische König Kasimir III. für eingewanderte Deutsche Mitte des 14. Jahrhunderts errichten ließ.

Atmo:

Gottesdienst „Maria im Schnee“

Sprecher 25:

Seit 1990 ist „Maria im Schnee“ wieder ein Gotteshaus. In Sowjetzeiten war es ein Buchmuseum. Jetzt ist das Portal weit geöffnet. Gläubige stehen bis auf die Straße, um ihren Gottesdienst zu feiern, der dem orthodoxen Ritus folgt.

Das alte Lemberg erinnert an Wien: Das Theater, die Verwaltungsbauten und die großzügige Ringbebauung. Als Lemberg 1772 an Habsburg fiel, konnte Wien kaum sagen, was es bekommen hatte. Maria Theresia „weinte, aber nahm“, lästerte Friedrich der Große. Ein Landstrich jenseits der Waldkarpaten. Terra incognita. Eine Region, die später den Namen Galizien bekam. Jurko Prochasko.

Take 14: (Jurko Prochasko)

„Es gab eine ganze Reihe von Autoren, die mit diesem Impetus kamen: Was haben wir denn da, an diesen neuen Ländern? Balthasar Hacquet zum Beispiel oder ein Brettschneider. Es waren viele viel Autoren. Briefe über den jetzigen Zustand in Galizien. Was ist in diesem neuen Land, wer lebt dort, was sind das für Gruppen von Menschen, was für Glauben, was für Sprachen, was für Häuser und das genoss alles eine unglaubliche Popularität, diese Reiseberichte, diese Briefe, und so entwickelte sich so ein früher Topos in dieser Galizischen Literatur, der sich dann weiter über die Jahrhunderte zieht. Und man kann Spuren von diesem Topos dann bei Hofmannsthal sehen und zum Beispiel bei Joseph Roth.“

Sprecher 26:

Die erste deutschsprachige Literatur waren Reiseberichte aus einer fremden Region, die aus Wiener Sicht unkultiviert und rückständig war. Später wurde Lemberg polnisch, heute ist die Stadt ein Teil der Ukraine. Teile des polnischen kulturellen Erbes leben in Breslau fort.

Die Europäische Kulturhauptstadt 2016 will sich auch diesem Erbe stellen. Ihre Bewohner sind inzwischen stolz auf eine Stadt mit einer so reichen Vergangenheit.

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Zitator:

„Eigentlich ist Lembergs Farbe die von vergilbtem Papier. Lemberg kann verwirren, täuschen und etwas anderes behaupten. Es behält dennoch genau diese Farbe in ihren unterschiedlichen Schattierungen. Sie kann zart sein wie das Gelb von noch neuen Zeitungen, die etwas länger in der Sonne gelegen haben. Oder tief und mehrschichtig, wie die Farbe der Papiere, denen wir als Kinder ein altertümliches Aussehen gaben, indem wir sie lange in ein Glas mit starkem Tee tauchten.“

Sprecher 27:

2007 hat Jurko Prochasko in einem Essay Lembergs Häuser mit Büchern verglichen.

Zitator:

„Man kann sich Lembergs Straßen als Bücheregale vorstellen, die Häuser als Bücherrücken. Häuser wie in einer Bibliothek aneinandergestellter Bücher – einer Bibliothek, die von einer Hand in die nächste geht, von Generation zu Generation, von Eigentümer zu Eigentümer. Jeder gibt etwas dazu und nimmt etwas anderes vom Regal, um es nie wieder zurückzustellen.“

Sprecher 28:

Wer mit offenen Augen durch Wrocław geht, wer Olga Tokarczuk oder Marek Krajewski liest, kann in Breslau, der Kulturhauptstadt 2016, eine ganz ähnliche Erfahrung machen.

Musikakzent:

Elzbieta Sternlicht spielt Jozef Koffler

Sprecher: Daniel Minetti

Zitator: Jan Uplegger

Regie: Beate Ziegs

Redaktion: Dorothea Westphal

Literatur:

Norman Davies, Roger Moorhouse: Die Blume Europas. Breslau - Wroclaw - Vratislavia. Die Geschichte einer mitteleuropäischen Stadt. München 2002.

Ronald Hinrichs, Hermann Simon, Irene Stratenwerth (Hrsg.): Lemberg. Eine Reise nach Europa (Christoph Links Verlag) 2007

Marek Krajewski: Finsternis in Breslau. München (Deutscher Taschenbuch Verlag) 2009

Stanisław Lem: Das Hohe Schloss. Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag) 1990

Tadeusz Różewicz: Ruhm

Das Gedicht wurde von Peter Wegenschimmel ins deutsche übertragen.

www.novinki.de/wegenschimmel-peter-ich-muss-nicht-immer-so-uebermenschlich-konsequent-sein/

Jurij Wynnytdchuk: Im Schatten der Mohnblüte. Innsbruck – Wien (Haymon Verlag) 2014

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