Tobias Jochheim

Texte mit Herz und Hirn (Journalist), Düsseldorf

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Der seltsame Fall des Winni Biermann

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Foto: Sony Classical via Rheinische Post

Ein Trucker, der Operetten singt – Wird da mal wieder ein Exot vorgeführt? 

In der Zukunft, in einem halben oder dreiviertel Jahr vielleicht, wird sich zeigen, ob die Geschichte vom TV-Star Winfried "Winni" Biermann, dem "Singenden Trucker", ein weiterer Beleg für den drohenden Untergang des Abendlandes ist - oder ein Anzeichen für seine Rettung.

In der Vergangenheit hat Winfried Biermann (47) aus Spaß an der Freude gesungen. Seit der endgültigen Auswechslung aus dem Mittelfeld der Alten Herren vom DJK TUS Stenern 2006. Seine Knie machten nicht mehr mit, also suchte er ein neues Hobby und fand es, seinem Schwager sei Dank, im Kolpinghaus, bei den Proben des "Quartettvereins", gegründet 1922, exzellenter Ruf. Bocholt's Finest. Er trat dem Männerchor bei, mauserte sich, sang als einer von 13 im Ersten Tenor und zunehmend auch solo. Zu den üblichen Anlässen in einem Städtchen zwischen Münsterland und Niederrhein, das sich von denen in anderen Städtchen kaum unterscheidet: Jörgs 50. Geburtstag, Weinfest, Gedenkfeiern, dazu die Nationalhymne beim Public Viewing vor WM-Spielen der deutschen Nationalmannschaft und ein paar Takte als Weihnachtsmann im Familienmusical des Stadttheaters. Am Liebsten aber singt "Winni" ganz für sich allein. Am Steuer seines Firmenwagens, Kennzeichen: BOR-F 7016, Motor: Diesel, PS: 410, Länge: 16,50 Meter, Gewicht: 30 Tonnen. Biermann fährt Schotter und Schutt durch die Gegend, runter ins Ruhrgebiet vor allem. Dabei singt er andere Songs, weniger massentaugliche. Nicht, weil sie zu anrüchig wären, wie es das Trucker-Klischee vorsieht. Ganz im Gegenteil. Biermann liebt Operetten.

In der Gegenwart hat diese Kombination dafür gesorgt, dass er sich manchmal kneifen muss. Erst berichtete der Lokalsender Bocholt TV über ihn, danach klopfte - YouTube sei Dank - das ZDF-Magazin "Hallo Deutschland" an. Es folgten das Sat.1-"Frühstücksfernsehen", das amerikanische Fernsehnetzwerk NBC, die "Bild"-Zeitung und der Oldie- und Schlagersender WDR4. Zwischendurch wurde das Plattenlabel Sony Classical auf Biermann aufmerksam. An einem Donnerstagabend Mitte September kam eine Vertreterin des Weltkonzerns zu Besuch, am Freitagmittag schickte sie eine Mail, im Anhang: ein Vertrag, neun Seiten, zwei Alben, zack. (...)


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