Timo Al-Farooq

Freelance journalist & Area Studies Expert, Berlin

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White Man's Burden vs. Chinafrika (Teil 1)

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Place du Souvenir, Dakar, Senegal. Foto ⓒ Timo Al-Farooq. Alle Rechte vorbehalten

China wird vom Westen oft als neuer Kolonialherr Afrikas verteufelt: Das soll von der eigenen historischen Schuld ablenken. Ein Streifzug durch neokoloniale Afrikapolitik



In ihrer Autobiographie schreibt Ellen Johnson-Sirleaf, die Präsidentin Liberias, erstes weibliches Staatsoberhaupt Afrikas und Friedensnobelpreisträgerin von 2011:

"And there is a feeling among some in Africa that the West does not really want the continent to become truly independent. A strong, united, independent, and productive Africa would mean a challenge to the prevailing economic structures of the world. It would mean increased competition in the marketplace for those currently providing the bulk of goods and services."

Schaut man sich das Verhältnis des Westens zum afrikanischen Kontinent in den letzten 50+ Jahren seit der Dekolonisierung an, so scheint Johnson-Sirleafs Vorwurf keineswegs haltlos zu sein: Auch heute, in den Zeiten entwicklungspolitischer Paradigmenwechsel, scheint wahrhaftiger Altruismus gegenüber Afrika kein Leitfaden westlicher Entwicklungs-, Außen-und Wirtschaftspolitik zu sein. Diese ist vielmehr und nach wie vor von einer strukturellen Doppelmoral geleitet: das Predigen von Globalisierung und freien Märkten und das Praktizieren von Marktprotektionismus; die Ausbeutung des unvorstellbaren natürlichen Reichtums afrikanischer Bodenschätze auf Maximalniveau aber unter minimalstem Lohnkostenaufwand, so daß kaum etwas von den haarsträubenden Gewinnen westlicher Multis und ihrer lokalen Eliten zu denen herunter"tricklet", die unter prekärsten sozioökonomischen Bedingungen die eigentliche physische Arbeit machen, auf die unser (und nun auch der der "emerging markets" wie Indien, China und Russland) schamlos luxuriöser Lebensstil fußt. Und als wäre all dies nicht schon genug, treibt der Westen sein verlogenes Afrikaverhältnis weiter auf die Spitze, wenn er, nachdem er afrikanische Bodenschätze gestohlen und eine große Zahl von Afrikaner_innen zu Bettler_innen auf ihrem eigenen Kontinenten gemacht hat, auch noch die Dreistigkeit besitzt, seine Grenzen zu schließen und diesen Menschen ein besseres Leben verwehrt, obwohl es gerade der Westen ist, der das ungerechte, neoliberale Weltwirtschaftssystem aufrechterhält, das Wirtschaftsflüchtlinge zu hauf vor die Toren Europas spült.


Dies soll nicht heißen, westliche Politik sei der einzige Grund für die gehemmte "Entwicklung" vieler afrikanischer Staaten und Gesellschaften (dem westlich-hegemonialen Trugbild eines homogenen "disaster continent" verweigere ich mich vehement, da er mehr über die rassistischen Vorurteile westlicher Kommentator_innen verrät als über die tatsächlichen Realitäten vor Ort): Ein halbes Jahrhundert ist eine lange Zeit, um sich "zusammenzureißen", wie es westliche Kritiker_innen nicht müde werden zu betonen. Schließlich haben die Probleme eines von Isias Afewerki heruntergewirtschafteten Eritreas, dessen totalitärer Regierungsstil sein Übriges dazu tut, daß dem Land die Bevölkerung wegflieht, nichts mehr mit kolonialem Vermächtnis zu tun. Und ist nicht Somaliland ein Musterbeispiel für Rekonstruktion, trotz seines "failed state"- Nachbarn, wo es immer noch nur eine Übergangsregierung gibt, dessen Einfluss nicht weiter als Mogadischu und den Norden reicht, und der Süden des Landes zu weiten Teilen immer noch unter der Kontrolle von Al Shabaab steht? Das stimmt alles. Doch die Gründe für Afrikas "Entwicklungsdefizite" (wer entscheidet, was Entwicklung ist?) sind so polykausal wie der Kontinent divers ist: Denn berücksichtigt man die unsäglich ungünstigen historischen Vorbedingungen, die Afrika zuteil wurden (Sklaverei, die, wie Johnson-Sirleaf in ihrer Autobiographie schreibt, "robbed Africa of millions of people - the young, the healthy, the fit of spirit, body and mind" und die Wirtschaftskraft des Kontinenten nachhaltig hemmte; Kolonialismus, der das jahrhundertealte traditionelle gesellschaftliche und politische Gefüge von heute auf morgen zerstörte - sehr eindringlich nachzulesen in Chinua Achebes Roman "Things Fall Apart"- und mit seiner rassistischen Ideologie das schon durch die Sklaverei korrodierte Selbstwertgefühl nichtweißer Völker noch weiter erodiert hat - siehe Frantz Fanons "Peau noire, masque blancs"; der Kalte Krieg, wo Afrika zum blutigen Spielball der beiden infantilen Großmächte USA und UdSSR wurde), dann ist es nicht verwunderlich, dass der Zustand bestimmter Staaten und Gesellschaften Afrikas so ist wie er ist (unter solchen Bedingungen wäre Europa auch nicht besser dran, vielleicht sogar schlimmer, schließlich haben wir kaum Bodenschätze).


Die Instrumentarien ökonomischer Machtsicherung

Von dem in der Nachkriegszeit mit Bretton Woods begründeten Weltwirtschaftssystem und dem heutigen "post-Bretton Woods"-System, profitieren auch heute noch trotz der "emerging markets" bis heute primär westliche Industriestaaten: Daher ist es auch nicht überraschend, dass die vom globalen Norden dominierten Institutionen wie der IWF, die Weltbank (beide mit Sitz im US-amerikanischen Washington, DC, nicht im arabischen Abu Dhabi oder ostafrikanischen Addis Ababa) und die WTO (mit Sitz im westeuropäischen Genf, nicht im lateinamerikanischen Buenos Aires oder südostasiatischen Bangkok, soviel zum Thema multipolare Welt) die aggressivsten Hüter dieses Systems sind, dessen saure Früchte der Globale Norden romantisch als Globalisierung verklärt, obwohl der Rest der Welt diese immer noch Neokolonialismus nennt, also die Kontinuität von Ausbeutung ehemaliger Kolonialgebiete durch den Ex-Kolonialherren unter einem de-iure bilateralen Rahmen, die den Kontinenten immer noch daran hindert, richtig "durchzustarten".


Wie geschieht also diese Hemmung afrikanischer sozioökonomischer Entwicklung? Vier Instrumentarien sind hierfür nach wie vor von zentraler Bedeutung: die Weigerung eines radikalen Schuldenerlasses; die Kultur der "extractive industries" betrieben durch eine westliche "Korporatokratie" (ein von John Perkins geprägter Begriff, der damit das Amalgam aus westlichen Regierungen und multinationalen Firmen meint, welche den Globalen Süden "unterentwickelt" halten); der auch in Zeiten des Paradigmenwechsels weg von Entwicklungshilfe zur Entwicklungszusammenarbeit der immer noch praktizierte "dead aid" nach der zimbabwischen Ökonomin Dambisa Moyo; sowie der westliche Marktprotektionismus, bei dem etwa die heimische Landwirtschaft derart schwer subventioniert wird, dass die Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel so tief fallen, das Landwirt_innen aus dem Globalen Süden nicht mehr wettbewerbsfähig sein können und diese Staaten deshalb gezwungen werden, Nahrungsmittel zu importieren, die sie eigentlich unter faireren Handelsbedingungen selber anbauen könnten unter faireren Handelsbedinguen. Auf diese vier Instrumentarien möchte ich im Folgenden näher eingehen.


Ideologische Beharrlichkeit statt Realpolitik: die "lose-lose"-Situation des Schuldenerlasses

Man muss kein_e Astrophysiker_in sein, um dahinterzukommen, dass Schulden Abhängigkeiten mit sich bringen: Jeder, der schon mal einen Kredit aufgenommen oder eine Folge von The Sopranos gesehen hat, wo Mafiosis zahlungsunfähige Schuldner krankenhausreif schlagen, weiss um diese kausale Verbindung. Doch im Falle Afrikas hat die Abhängigkeit, die durch einen willigen kreditgewährenden Westen geschaffen wurde, geradezu feudalen Charakter: Exorbitante Summen wurden insbesondere seit den 1980er Jahren für afrikanische Staaten lockergemacht, und zwar zu solch ebenso exorbitant hohen Zinssätzen, dass das geschuldete Geld bei weitem die Ursprungssummen überstieg. Thomas Sankara, der als "afrikanischer Che Guevara" bekannte Führer Burkina Fasos (als Frauenrechtler sans die schürzenjägerischen Allüren des zigarrerauchenden Commandante) und das Land von 1983-87 führte, bis er in einem reaktionären Coup ermordet wurde, sagte einmal vor heimischem Publikum:


"The debt cannot be payed back. If we don't pay it back, the creditors will not die. Of that we can be sure. But if we pay, it means that we will die. Who here does not wish that the debt is released? He who doesn't wish that can leave right now, take a plane and fly off to the World Bank, so that he can pay."

Der Streit um Schuldenerlass zwischen westlichen Gebern und afrikanischen Empfängerregierungen lief und läuft wie folgt ab: Der Westen argumentiert, die altruistischen Kredite seien bewilligt worden, damit afrikanische Staaten ihre Ökonomien und Gesellschaften auf Vordermann bringen konnten, und daß Schuldenerlass einen marktfeindlichen Präzedenzfall schaffe, da in einer Gesellschaft, wo niemand seine Schulden zurückbezahlt, niemand Kredite gewähren würde. Aus afrikanischer Sicht dagegen ist der "debt-release"-Diskurs moralisch "geframet": eine logische retributive und symbolische Konsequenz aus Sklaverei und Kolonialismus, die Afrika sozioökonomisch zu dem gemacht haben, was es heute ist (kürzlich forderte der nigerianische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka in Berlin in Bezug auf die Geflüchtetenthematik von Europa einen ebensolchen retributiven und symbolischen Akt, indem alle Geflüchteten aufgenommen werden sollten). Wenn man sich jedoch die Modalitäten und Motivationen anschaut, die der (Un-)Kultur westlicher Kreditgewährung für Afrika zu Grunde lagen, dann ist nicht Altruismus erkennbar, sondern egoistisches, geopolitisches Kalkül und Bequemlichkeit: Eine Vielzahl der Kredite wurden wissentlich an korrupte afrikanische Regierungen gewährt, um sich ihre Loyalität im Kalten Krieg zu erkaufen; in den 1970ern konnten Kredite aus einer Situation staatlicher Liquiditätsüberschüsse heraus gewährt werden, was weniger mit Altruismus zu tun hat als mit einer bequemen Art, sich für die begangenen Kolonialverbrechen seines schlechten Gewissens zu erledigen und gleichzeitig die Gefahr von Reparationsforderungen zu quellen. Wie die malische Autorin, ehemalige Politikerin und heute Aktivistin Aminata Traoré es formulierte:


"Creditors went from African state to African state and lent money. A double standard, because higher interest rates were justified by the high risk of the borrower, but countries experiencing civil war are still having to pay the high interest rate even though the risk has come true."

Diese Doppelmoral kam sowohl Empfänger- als auch Geberstaaten teuer zu stehen: Der Schuldenberg schrumpfte wegen der hohen Zinsrückzahlungen nur im Schneckentempo (das von der EU-Austeritätspolitik drangsalierte Griechenland kennt diesen Dauerwürgegriff mittlerweile nur allzu gut); westliche Wohlstandsstaaten verloren im großen Stil Geld, das besser hätte eingesetzt werden können. Es gibt kein logisches Argument für die Verweigerung eines Schuldenerlasses außer der willentlichen Behinderung sozioökonomischer Entwicklung in Afrika zur Sicherung der eigenen wirtschaftlichen Vormachtsstellung.


Um nicht einmal wieder als Buhmann dazustehen, vielleicht auch um das Fallout der desaströsen "Strukturanpassungsprogramme" der 1970er zu reparieren, oder wegen des Konkurrenzdrucks aus China, das afrikanischen Staaten für den Zugang zu ihren Märkten komplette Schuldenerlasse gewährt, riefen IWF und Weltbank 1996 die HIPC-Initiative und 2005 die sogenannte Multilaterale Entschuldungsinitiative (MDRI) ins Leben und gaben somit ihre unverrückbare Haltung zur Frage des Schuldenerlasses auf, nach dem Motto: Besser spät denn nie. Doch diese späte Einsicht ist aus afrikanischer Perspektive "too little, too late": Der Schaden, den die vom Westen aufoktroyierten Structural Adjustment Programmes (SAP) der 70er hatten, sind bis heute zu spüren. Das ist Nachhaltigkeit à la néocolonialisme. Und ganz einsichtig ist der Westen bis heute nicht: auch die gegenwärtigen Schuldenerlasse sind gekoppelt an Strukturanpassungen wie Austerität und Subventionsabbau; Maßnahmen, die von "Starökonom" Joseph Stiglitz als nicht nur nicht produktiv für die Entwicklung von "Entwicklungsländern" sind, sondern geradezu destruktiv. Und eine Studie des Entwicklungsökonomen William Easterly mit dem Titel What did structural adjustment adjust?: The association of policies and growth with repeated IMF and World Bank adjustment loans konnte unter den 20 am meisten in den "Genuss" der SAPs gekommenen Empfängerstaaten keinerlei positiven Einfluss auf Wachstum und Entwicklung ausmachen.


An westlichen Gaumen und Fingern klebt weiterhin afrikanisches Blut

Richard Dowden, britischer Journalist und Vorsitzender der Royal African Society beschreibt in seinem lesenswerten Africa - Altered States, Ordinary Miracles, wie er auf einer Fahrt durch das erdölreiche Niger-Delta in Nigeria keine einzige Tankstelle auffinden konnte. Eine ARD-Doku namens "Schmutzige Schokolade" zeigt, wie ivorische Kinder für fast 0 Euro die Stunde unter sklavenartigen Bedingugnen sich auf Kakaoplantagen verdingen und damit den globalen, westlich-dominierten Hunger nach Schokolade befriedigen, aber selber nie welche probiert haben. Ein satirisches Motivationsposter im Internet zeigt verschlammte afrikanische Arbeiter, die Steine durchsieben, und darunter der Spruch: "Diamonds: Nothing says I love you like a superficial and overvalued rock clawed from the guts of the earth."


Was diese Beispiele belegen sollen: Auch ein halbes Jahrhundert+ nach der Dekolonisierung behandelt der Westen den Kontinent, den er 1884/85 auf der sogenannten "Kongo-Konferenz" im fernen Berlin wie einen Kuchen zerschnitten und unter den europäischen Kolonialmächten verteilt hat, immer noch wie damals Belgiens König Leopold den Kongo: als ein Privatbesitz, der ausschließlich der Ressourcenplünderung dient, und zwar durch die Quasisklavenarbeit der einheimischen Bevölkerung. Der Kaffee, den wir trinken, die Kleidung, die wir tragen, das Koltan in unseren Smartphones: Sie alle sind das Endprodukt systematischer Ausbeutung natürlicher Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft. Schwarze, braune und gelbe Menschen knechten für wenige Dollar am Tag für den auf diese Knechtschaft beruhenden Wohlstand weißer Menschen (bevor der Westen Golfstaaten wie Katar und die VAE für ihre Ausbeutung von südasiatischen und südostasiatischen Arbeitsmigrant_innen kritisiert, sollte er lieber mal eindringlich in den Spiegel schauen und vor der eigenen Haustüre kehren).


Auch wenn in bestimmten Bereichen die gesetzlichen Rahmenbedinungen ein wenig verbessert wurden, um Ausbeutung zu erschweren, ist dies bei Leibe nicht genug. Ja, der Kimberley-Zertifizierungsprozess hat einen supranationalen Gesetzesrahmen gegen die Einfuhr von sogenannten "blood diamonds" geschaffen, aber die Kontrollen sind lasch und das System korruptionsanfällig. Doch für andere Bodenschätze gibt es so gut wie keine internationalen Zertifikationsmechanismen: So bleiben afrikanische Rohstoffe in Konfliktregionen weiterhin Spielball der Machtinteressen verschiedenster Kriegsparteien und multinationaler Firmen, zu Lasten derer, die sie aus der Erde holen müssen, oft unter sklavenähnlichen Bedingungen. Auch der Endkonsument der auf "conflict minerals" basierenden Endprodukte ist verantwortlich für dieses Ausbeutungssystem: Evi Hartmann vom Lehrstuhl für Supply Chain Management an der Uni Erlangen-Nürnberg hat Recht, wenn sie westliche Konsument_innnen als Sklavenhalter bezeichnet. Doch während die graduell anwachsende öffentliche Wahrnehmung im Westen bezüglich der Ungerechtigkeiten einer neoliberalen Globalisierung lobenswert ist, wird sie nicht weiter, als ein Tropfen auf dem heißen Stein bleiben, solange staatliche Akteure den Forderungen der Zivilgesellschaft nicht Taten folgen lassen, und zwar in Form von aufrichtiger Rechtsprechung. Keine unter Lobbyistendruck verwässerten gesetzlichen Feigenblätter, sondern humanistische, nachhaltige und unambivalente Gesetze, die Konzerne an die staatliche Kandare nehmen und somit die Ausbeutung von sozioökonomisch schwachen Menschen im Globalen Süden eindämmen.


Der "White Saviour Industrial Complex"

Der nigerianisch-amerikanische Schriftsteller Teju Cole schrieb im März 2012 für das Magazin The Atlantic:


"[The American's] good heart does not always allow him to think constellationally. He does not connect the dots or see the patterns of power behind the isolated 'disasters.' All he sees are hungry mouths, and he ... is putting food in those mouths as fast as he can. All he sees is need, and he sees no need to reason out the need for the need."

Dieses unreflektierte sendungsbewusste Helfersyndrom von weißen Menschen, wenn organisiert, institutionalisiert und ökonomisiert, ist das, was Cole den "white saviour industrial complex nennt, vertreten durch jahrzehntelange staatliche und zivilgesellschaftliche Entwicklungshilfen. Dass Entwicklungshilfe im großen Stil Empfängerstaaten eher Schaden zufügt statt ihnen zu helfen - ist ein relativ neues Narrativ, popularisiert durch das Buch "Dead Aid" von Dambisa Moyo. Wie beim Mikrokredit, erst gefeiert, dann verteufelt, ist die öffentliche Debatte um Sinn und Unsinn von "development aid" nach wie vor polarisiert zwischen aggressiven Befürworter_innen, die die Journalistin Michaela Wrong die "Geldof-Bono-Brigade" nennt, und harschen Kritiker_innen wie Moyo und den kenianischen Ökonomen James Shikwati (dass die Befürworter_innen weiß sind und die Gegner_innen schwarz, ist bestimmt kein Zufall und zeigt die Problematik von Eurozentrismus, Deutungshoheit, Macht und agency in solchen Diskursen). Shikwati fasst die desaströsen Konsequenzen der Entwicklungshilfe in einem englischsprachigen Beitrag von Spiegel Online zusammen:


"The countries that have collected the most development aid are also the ones that are in the worst shape. Despite the billions that have poured in to Africa, the continent remains poor. (...) Huge bureaucracies are financed (with the aid money), corruption and complacency are pro-moted, Africans are taught to be beggars and not to be independent. In addition, development aid weakens the local markets everywhere and dampens the spirit of entrepreneurship that we so desperately need. As absurd as it may sound: Development aid is one of the reasons for Africa's problems. If the West were to cancel these payments, normal Africans wouldn't even notice. Only the functionaries would be hard hit. Which is why they maintain that the world would stop turning without this development aid."

Während wir heute zum Glück ein Umdenken haben (zumindest auf der staatlichen Ebene), wird der "white saviour industrial complex" heute verstärkt durch Programme wie "Weltwärts" weiterbetrieben. wo junge, priviligierte Menschen im Rahmen eines Auslandsjahres für ihr "white guilt" Buße tun können, ohne dass dabei den Klient_innen vor Ort mittel-oder langfristig geholfen wird: Dies ist nichts weiter als eine Perpetuierung der "white man's burden"-Mentalität, die Afrikaner_innen als abhängig, passiv, unfähig und wertlos sieht, gekoppelt an das Ausleben des eigenen Narzissmus (oder wie erklärt man, dass ostdeutsche Abibiturient_innen mit schlechtem Englisch auf deutsche Staatskosten nach Ghana geschickt werden, um dort Englischlehrer_innen zu werden, statt das Geld dafür zu nutzen, ghanaische Englischlehrer_innen auszubilden, die in ihrer ehemaligen Kolonialsprache und jetzigen Lingua Franca wesentlich besser bewandert sind als gerade volljährig gewordene Denglischsprecher_innen?) Die neue "Partnerschaft auf Augenhöhe" als neues Entwicklungsparadigma westlicher Politik ist in Realität nichts weiter als eine Reproduktion alter Respektlosigkeiten gegenüber als minderwertig erachteten Menschen.


  Die Mär vom freien Markt

Nebst den "extractive industries" verfügt der Westen über ein weiteres probates Werkzeug der Reichtumsakkumulation, während die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung arm bleibt: Marktprotektionismus. Was in Zeiten der Globalisierung und des damit eingehenden "Freihandels" wie ein Anachronismus klingt, ist eine machtpolitische Realität: Menschen im Globalen Süden wissen, dass das Mantra des "Freihandels" nichts weiter ist als eine Chriffre für westliche, amerikanische ökonomische Vormachtsstellung. NAFTA hat es vorgemacht, die WTO hat es globalisiert, und durch TTIP und CETA wird jetzt auch Europa diese amerikanisch erzählte Mär bitter zu spüren bekommen. Denn die Ideologie des "Freihandels" basiert auf dem Glauben, dass Firmen ihre Ressourcen und "semi-finished goods" dort kaufen, wo sie am billigsten sind und dort verkaufen, wo sie den höchsten Preis dafür bekommen: Dass diese Praxis mehr Ungleichheit hervorbringt als sie zu reduzieren, liegt auf der Hand. Daher sind die Philippinen etwa unter den Regeln des "Freihandels" gezwungen, Mais aus den USA zu importieren, wo er am billigsten ist, was die Existenzgrundlage von philippinischen Maisbauern gefährdet. Und dass der Preis von Mais in den USA durch staatliche Zuschüsse so niedrig gehalten wird, ist zwar allgemein bekannt, wird aber aus machtpolitischen Gründen stillschweigend hingenommen.


Ein Beispiel, wo die (Un-)Kultur der "extractive industries" und "Freihandel" zusammenwirken, stammt aus Kenia: Eine multinationale Firma kauft Land von einheimischen Bauern, das vorher eine gesammte dörfliche Gemeinschaft durch das Anbauen von Hauptgetreide versorgt hat, und wird jetzt dafür genutzt, Rosen zu züchten, die ausschließlich für den Export nach Europa bestimmt sind, wodurch einst unabhängige Farmer_innen zu weltmarktabhängigen Arbeiter_innen werden. Plötzlich beschließt die Firma, ihre Produktion nach Uganda zu verlagern, da dort die Arbeitskosten niedriger sind als in Kenia. Die kenianischen Arbeiter_innen sind nun alle arbeitslos, und das steigende gesamtafrikanische Bruttoinlandsprodukt bleibt von dieser gegenläufigen Realität vor Ort unberührt: das ist "Freihandel" wie er leibt und lebt.


Wir im Westen müssen eindlich die unbequeme Wahrheit internalisieren, dass unser hoher Lebensstandard zum größten Teil auf der Ausbeutung Anderer im Globalen Süden beruht, begünstigt durch politische und wirtschaftliche Strukturen, deren Fundamente bereits während der Kolonialzeit gelegt wurden. Die Abkehr von diesem ungerechten Status Quo erfordert einen längst überfälligen Mentalitätenwechsel, sowohl auf Ausbeuterseite, als auch auf der Seite der Ausgebeuteten wie in großen Teilen des afrikanischen Kontinenten, der mit größerem Selbstbewusstsein sich seinen Herausforderungen stellen sollte. Ein erster Schritt ist die Loslösung von westlicher Abhängigkeit und Hinwendung zu neuen, strategischen Partnern, die einem mehr auf Augenhöhe begegnen, statt von oben herab in "white man's burden"-Manier. Chinas vom Westen viel gescholtenes "Engagement" in Afrika ist dabei ein willkommener - wenn auch nicht unproblematischer - Anfang dieses Paradigmenwechsels weg vom westlichen Neokolonialismus hin zur Süd-Süd-Kooperation, auf die ich im zweiten Teil dieses Beitrags eingehen werde.


Dieser Beitrag ist eine aus dem Englischen übersetzte und überarbeitete Version einer Modulabschlussprüfung im Studienfach Asien-/Afrikastudien.




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