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Der Tod des Toten Meers

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Das Tote Meer sinkt jährlich um einen Meter ab

Der Tod des
Toten Meers
Jedes Jahr sinkt das Tote
Meer um einen Meter.
Schuld sind der Abbau von
Mineralien und der Anbau
von Südfrüchten im Jordantal.
Wird es gelingen den
Salzsee vor dem Austrocknen
zu retten?
Von Susanne Knaul
Im Spa des Kibbuz Ein Gedi herrscht Hochbetrieb.
Als man das Wellnesszentrum in den 1980ern
baute, war das Tote Meer einen Katzensprung
entfernt. Heute fährt man dem Meer hinterher.
Alle paar Minuten sammelt ein Traktor mit mehreren
Anhängern die Badegäste ein und fährt sie eineinhalb
Kilometer über den rissigen Boden bis zum Meeresufer.
Zum Beweis, dass das salzhaltige Nass ihn
ganz von allein an der Oberfläche hält, streckt ein
junger Mann lachend die Arme in die Luft. Sein Kollege
drückt auf den Auslöser, bevor er sich selbst ins
ölige Wasser gleiten lässt. Die beiden Touristen baden
nur ein paar Minuten, duschen sich anschliessend
gründlich ab und warten, mit einem Handtuch um die
Hüften bekleidet, auf den Traktor, der sie wieder zum
Spa zurückbringt für Schwefelbad und Fangopackung.
Das Tote Meer ist ein weltweit einmaliges geologisches
Phänomen. Es liegt mehr als 420 Meter unter
dem Meeresspiegel – sein Ufer ist der tiefste trockene
Punkt der Erde. Eigentlich ist es eher ein See als ein
Meer, da es auf einem Kontinent liegt und nicht mit
anderen offenen Gewässern verbunden ist. Da das
Tote Meer keinen Abfluss hat, bleiben alle Mineralien
wie Magnesium, Brom oder Kalium im Wasser erhalten.
Bis auf Mikroben lebt darin nichts. Der Salzgehalt
des Wassers liegt bei 30 Prozent, zehnmal höher als im
Mittelmeer. Überall dort, wo das Meer zurückweicht,
hinterlässt es tiefe Salzschichten unter der ausgetrockneten
Erdoberfläche. Sobald das Salz vom Grundwasser
aufgelöst wird, bricht die Erde innert Sekunden
weg. Mehr als 4000 Senklöcher zählten Wissenschafter
allein auf der israelischen Seite des Toten Meeres.
«Sie kommen immer näher an uns heran», klagt der
Spa-Manager Amiram Zah. «Früher oder später müssen
wir hier dichtmachen.»
Für mehrere Dattelplantagen und den Campingplatz
drei Kilometer nördlich des Spa war schon Mitte
der 1990er Jahre Schluss. «Anfangs haben wir uns
nichts dabei gedacht und die Löcher einfach wieder
zugeschüttet», erinnert sich Roy Annau. Aber dann
habe es immer mehr davon gegeben. Irgendwann
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ab und leiten es in die südlichen Becken. Auf der
jordanischen Seite die Arab Potash Company, auf der
israelischen die Potassium Terminal, die Dead Sea
Factories und das Chemiewerk Dead Sea Magnesium.
An letzterem war bis vor zehn Jahren der deutsche
Autohersteller VW beteiligt. Das «Handelsblatt»
berichtete, weil China die Magnesiumproduktion
massiv gesteigert habe, sei der Weltmarktpreis so tief
gefallen, dass sich für VW das Geschäft mit dem Rohstoff
nicht mehr gelohnt habe. Neben Magnesium lässt
sich aus dem Toten Meer vor allem Pottasche gewinnen.
Nicht weniger als 100 Millionen Tonnen sollen
laut Dead Sea Factories allein im letzten Jahr nach
China exportiert worden sein. Pottasche wird für die
Herstellung von Glas, Schmierseife, Kakaopulver oder
Keksen genutzt. Die Chinesen brauchen es zur Produktion
von Düngemitteln.
Entlang dem südlichen Becken reihen sich 15 Hotels
mit 4000 Zimmern, riesige Anlagen für den Massentourismus.
Sie liegen etwas abseits vom Industriegebiet
und werden vor allem von Touristen gebucht,
die vom salzigen Wasser Linderung ihrer Schuppenflechte
erhoffen. Das israelische Tourismusministerium
plant die Verdoppelung der Hoteleinrichtungen
um weitere 4000 Zimmer, zudem eine künstlich
angelegte Insel. Für das Dead Sea Valley Project werden
Promenaden, Einkaufszentren, Wellnessanlagen,
Besuchs- und Konferenzräume entstehen.
Erst aber gilt es, die Überflutung der bisherigen
Hotels zu verhindern. Denn während im nördlichen
Toten Meer der Wasserstand ständig zurückgeht,
sorgen die Mineralienunternehmen durch das Abpumpen
dafür, dass das Wasser in den südlichen
Becken steigt. Die Hydrologin Carmit Isch Schalom
vom Forschungsinstitut Totes Meer und Arava, einer
Zweigstelle der Ben-Gurion-Universität, beobachtet
einen Höhenunterschied von 30 Metern zwischen
dem nördlichen Salzsee und den Verdunstungsbecken
im Süden. Die Mineralienwerke dürften mit staatlicher
Genehmigung so viel Wasser abpumpen, wie sie
wollten, sagt sie, kostenlos. Bis zum Jahr 2030 sei
daran kaum etwas zu ändern; erst dann laufen die
Verträge aus.
1,75 Milliarden Franken würde der Abbau der
Salzschichten kosten, um den Wasserspiegel im südlichen
Becken konstant zu halten und so die Hotels vor
einer Überschwemmung zu schützen. Dead Sea Minerals
will sich dieses Problems annehmen. Man habe, so
teilte Ilana Chernenko von Dead Sea Minerals mit, ein
Unternehmen mit dem Salzabbau beauftragt. Finanziert
werde das Projekt «zum überwiegenden Teil»
von Dead Sea Minerals.
Der Salzabbau rettet zwar den Hotelbetrieb im
Süden des Toten Meeres, für das Absinken des nördlichen
Salzsees ist damit noch keine Lösung gefunden.
Dead Sea Minerals will für den Norden keine Verantwortung
übernehmen. Das Problem dort sei «nur
sperrten die Behörden aus Sicherheitsgründen den
Zugang zu einer Plantage. Ein paar Dutzend Palmen
stehen noch dort, ausgetrocknet und kopflos. Vor
fünfzig Jahren ist Annau aus Kanada nach Israel eingewandert.
Der Dattelbauer wäre längst alt genug für die
Rente, trotzdem zieht es ihn jeden Tag zu den Plantagen,
wo heute nur noch drei Kibbuzmitglieder arbeiten
und einige Hilfskräfte aus Thailand.
Stolz erklärt Annau, wie man die Bäume behandeln
müsse, um Ableger zu gewinnen, und welche Dattelsorten
der Kibbuz anbaue. Die dicke, fruchtige
Medjoul gehört dazu und die Barhi, die man frisch und
am besten eisgekühlt isst. Die Oase Ein Gedi habe
aufgrund der grossen Hitze einen Standortvorteil.
«Wir sind jedes Jahr die ersten auf dem Markt.» Ohne
Konkurrenz bringen die Früchte den besten Preis.
«Hier war es», ruft der Landwirt und deutet auf eine
etwa zwei Meter breite Erdspalte. «Ich sass auf dem
Traktor und kippte plötzlich zur Seite. Ich konnte
gerade noch runterspringen.» Mit vorsichtigen Schritten
habe er sich auf festen Boden gerettet.
Wie Annau kam Gundi Schachal als freiwillige
Arbeitskraft nach Ein Gedi, um für eine Weile das
Leben in der Landwirtschaftskooperative auszuprobieren.
Die gebürtige Deutsche verliebte sich sofort in
die Oase am Toten Meer, die mit ihrem botanischen
Garten und den roten Klippen einem Bilderbuch
entnommen scheint. Jahrelang managte Schachal die
Campinganlage des Kibbuz. Mit flottem Schritt klettert
die Mittfünfzigerin über eine Reihe tiefer Erdrisse
und deutet auf ein Senkloch vom Ausmass eines halben
Fussballfelds.
Als habe ein Orkan sein Unwesen getrieben, liegen
Dutzende etwa zehn Quadratmeter grosse Betonplatten,
auf denen früher die Wohnwagen und die Zelte
standen, quer durcheinander. Einige sind in die Senkgruben
auf dem kargen Feld gerutscht, das einst dem
Kibbuz gute Einnahmen mit dem Touristengeschäft
brachte. Ein paar Jahre länger als der Campingplatz
hielt sich die öffentliche Badestelle gleich nebenan.
Der Kibbuz unterhielt dort ein einfaches Restaurant
und eine Tankstelle. Bis der Boden wegbrach. «Es ging
so schnell, wir konnten gerade noch die Benzin- und
Ölbehälter leeren.»
Auch die Hauptstrasse, die von Jerusalem aus an
Ein Gedi vorbei weiter nach Süden führt, musste ein
paar Hundert Meter ins Landesinnere verlegt werden,
weil sie aufgrund der Senklöcher nicht länger befahrbar
war. Schachal hegt keinen Zweifel, dass die Mineralienindustrie
am südlichen Teil des Toten Meeres die
Schuld trägt. «Die pumpen das Wasser ab, und bei uns
bricht alles zusammen», schimpft sie.
Seit 1979 ist das Tote Meer zweigeteilt: Im Norden
liegt der tiefe Salzsee, im Süden liegen die überwiegend
zur Rohstoffgewinnung genutzten Verdunstungsbecken,
künstlich angelegte Pools. Die Mineralienunternehmen
pumpen Wasser aus dem nördlichen Teil
Das Tote Meer weicht zurück; wer baden will, muss ihm hinterher.

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S. 52/53 KEYSTONE / MAGNUM PHOTOS / PAOLO PELLEGRIN
unwesentliche» Folge des Mineralabbaus, da das
Wasser nach der Rohstoffgewinnung «in die Becken
zurückgeführt» werde. Nicht einmal ein Zehntel des
ökologischen Problems ginge auf Kosten der Verdunstung.
Mit einer Schliessung der Unternehmen würde
man deshalb kaum eine Lösung schaffen, gleichzeitig
aber Tausende Arbeitsplätze einbüssen. «Hauptgrund
für das Absinken des Wasserspiegels im Toten Meer ist
die Nutzung des Jordanwassers durch die Anrainerstaaten,
die es für Trinkwasser, die Landwirtschaft und
die Industrie abzapfen», sagt Chernenko. Flossen
früher 1,2 Milliarden Kubikmeter Wasser jährlich
durch den Jordan ins Tote Meer, sind es heute gerade
noch 100 Millionen Kubikmeter.
Die Hydrologin Isch Schalom ist ebenfalls davon
überzeugt, dass die Chemieindustrie nicht die alleinig
Schuldige ist. Die Hauptverantwortung für das krankende
Tote Meer sieht auch die Hydrologin bei den
Bauern, die im trockenen Jordantal Frischwasser aus
dem See Genezareth und dem Jordan, dem einzigen
Wasserzulieferer für das Tote Meer, zur Bewässerung
tropischer Früchte nutzen. «Israeli, Jordanier, Palästinenser
– das macht keinen grossen Unterschied»,
sagt sie. Keiner wolle auf das lukrative Geschäft mit
Bananen, Mangos oder Avocados verzichten.
Der Jordan sei nichts weiter als ein trauriges Rinnsal,
«reines Abwasser».
Auf der Suche nach Lösungen für das austrocknende
Meer lancierte die Weltbank vor einigen Jahren
eine Machbarkeitsstudie für einen unterirdischen
Kanal zwischen dem Roten Meer und dem Toten
Meer. Die Idee einer Kanalverbindung ist grundsätzlich
nicht neu. Theodor Herzl, Visionär des Judenstaates,
schrieb schon vor rund hundert Jahren in seinem
Roman «Altneuland» von einem Kanal, wobei ihm
damals eine Verbindung vom Mittelmeer zum Toten
Meer vorschwebte.
Die Weltbank wollte prüfen, ob die Zufuhr von
jährlich einer Milliarde Kubikmeter Wasser aus dem
Roten ins Tote Meer ökologisch vertretbar sei. Mit
einer solchen Menge hätte der Salzsee langfristig
wieder aufgefüllt werden können. Doch die Experten
warnten vor möglichen Folgen bei Mengen, die 400
Millionen Kubikmeter Wasser jährlich überschreiten.
Hauptproblem wäre die Verschmutzung. Das Wasser
des Jordans und des Roten Meers ist schmutziger als
vor 70 Jahren, heute besteht es zu grossen Teilen aus
Abwasser, was im Toten Meer zu Bakterienbildung
führen würde. Übrig blieb ein Miniprojekt, das unmittelbar
vor der Ausschreibung steht und von Jordanien
finanziert wird: Zentral geht es um eine Entsalzungsanlage
am Golf von Akaba. Die dort entstehende
Restlauge soll durch Rohre ins Tote Meer geleitet
werden. Pro Jahr rechnet man mit 100 Millionen
Kubikmetern Flüssigkeit.
Die Rettung des Toten Meeres sei nie das Vorhaben
der Weltbank gewesen, sagt die Hydrologin Isch
Schalom, sondern man habe es auf «eine Verflechtung
der Nachbarländer» Jordanien und Israel abgesehen,
um den 1994 vereinbarten Frieden zwischen den
beiden Staaten zu festigen. Der Plan scheint aufzugehen,
denn das von den Jordaniern in Akaba gewonnene
Trinkwasser wird zum Grossteil durch israelische
Hähne im Süden Israels fliessen. Als Gegenleistung soll
Jordanien mehr Wasser aus dem im Norden liegenden
See Genezareth für die Versorgung der Bevölkerung in
Amman kaufen können. Die Länder sparen teure
Transportkosten, zudem wird eine gegenseitige Abhängigkeit
geschaffen.
In Israel besteht im Gegensatz zu Jordanien kein
Mangel an Frischwasser, seit in Entsalzungsanlagen
Wasser aus dem Mittelmeer zu Trinkwasser aufbereitet
wird. Laut Isch Schalom gibt es sogar einen Überschuss.
«Israel sollte Wasser aus den Entsalzungsanlagen
in den See Genezareth leiten und später den
Damm zum Jordan öffnen», schlägt sie vor. Auf diese
Weise könnte langfristig auch das Austrocknen des
Toten Meeres gestoppt werden.
Tatsächlich liege ein solcher Plan der Regierung vor.
Das Problem sei, dass Jordanien laut Friedensvertrag
Anspruch auf 50 Prozent des Jordanwassers habe.
Israels Regierung, so glaubt die Hydrologin, «sorgt
sich, dass die Jordanier das Wasser abzapfen, noch
bevor es das Tote Meer erreicht». Ein Sprecher des
Ministeriums für regionale Zusammenarbeit räumte
ein, dass «in der Zukunft über zusätzliches Wasser aus
dem Mittelmeer verhandelt werden könne». Vorläufig
seien die Jordanier aber interessiert, das Red-Dead-
Projekt voranzutreiben.
Vor dem Toten Meer und den Kibbuzniks von Ein
Gedi liegt eine dürre Zukunft, auch die Ortschaften
nördlich des Salzsees müssen darben. Rund ein Drittel
des Toten Meeres liegt im Westjordanland. Die Militärbesatzung
hindert die Palästinenser daran, die
wertvollen Rohstoffe zu gewinnen, und auch der Profit
aus dem Tourismusgeschäft landet vorläufig in den
Taschen der Siedler. Die Bewohner der palästinensischen
Kleinstadt Jericho murren, dass vom Toten
Meer nichts mehr übrig sein werde, wenn die Besatzung
eines Tages doch noch enden sollte. Die Not zur
Tugend zu machen, raten Mitarbeiter der Gesellschaft
für den Naturschutz in Israel. Sie schlagen vor, die
Senkgruben als Touristenattraktion zu vermarkten.
Sichere Wanderrouten schweben den innovativen
Umweltschützern vor, die dieses «einzigartige Naturphänomen
» der Öffentlichkeit zugänglich machen
wollen, kombiniert mit Touren entlang den neuen
Stränden des Toten Meeres – mit seiner «reichen
Vielfalt von Salzkristallen».

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