Sophia Boddenberg

Freie Journalistin, Santiago de Chile

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Die Schattenseiten des Avocado-Booms

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Luis Soto und die Bewegung Modatima wollen, das Wasser wieder zum öffentlichen Gut wird (Foto: Sophia Boddenberg)

Sattgrüne Avocado-Bäume sprießen aus dem Boden, umgeben von staubtrockenen Hügeln. In der Provinz Petorca, etwa 220 Kilometer nördlich von Chiles Hauptstadt Santiago, regnet es fast nie. Die Flüsse führen kein Wasser, der Grundwasserspiegel ist extrem niedrig. Aufgrund des warmen Klimas ist Petorca aber eine der wichtigsten landwirtschaftlichen Regionen Chiles. Etwa 8000 Hektar Fläche werden landwirtschaftlich genutzt, mehr als die Hälfte davon für den Anbau von Avocados. In Chile hat sich die Anbaufläche von Avocados seit 1990 verdreifacht. In Petorca ist sie in den letzten zehn Jahren aufgrund einer starken Dürre leicht zurückgegangen. 16 Prozent der gesamten Anbaufläche von Avocados in Chile befindet sich hier in Petorca. Trotz Dürre werden hier weiter Avocados angepflanzt. Denn das Geschäft boomt.

"Manche nennen sie das grüne Gold"
"Die Avocado ist heute eine chilenische Marke. Und die Welt braucht noch mehr Avocados. Die Nachfrage steigt. Manche nennen sie das grüne Gold", sagt Alfonso Ríos, Präsident von Agropetorca, dem größten Agrarverband in Petorca. Es geht nicht um irgendeine Avocado, sondern um die Hass-Avocado. Sie ist es, die am meisten exportiert wird. Das chilenische Hass-Avocado-Komitee hat eine erfolgreiche Werbekampagne durchgeführt, um ihre Beliebtheit in der Welt zu steigern. Zahlen des Avocado-Komitees zufolge wächst die globale Nachfrage um zwölf Prozent, während die Produktion um vier bis fünf Prozent steigt. 70 Prozent der Hass-Avocados werden exportiert, der Rest bleibt in Chile.

Chile ist nach den USA und Mexiko das Land, in dem am meisten Avocados gegessen werden. Sie gehören für die Chilenen zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen dazu. Aber aufgrund der boomenden Nachfrage auf dem Weltmarkt haben sich die Preise in Chile in den letzten Jahren verdoppelt. 2011 kostete ein Kilo Avocados noch um die 2000 chilenische Pesos, heute liegt der Kilopreis bei über 4000 Pesos, umgerechnet etwa 5,50 Euro. In Deutschland liegt der Kilopreis bei über zehn Euro. Alfonso Ríos sieht darin kein Problem: "Bald wird der Preis überall auf der Welt gleich sein. Die Avocado wird zum Commodity. Irgendwann werden wir gleichzeitig vom Kupferpreis, vom Goldpreis und vom Avocadopreis sprechen."

Die kleinen Bauern leiden

Aber nicht alle freuen sich über die Goldgräberstimmung in Petorca. Jimena Valdebenito ist Landwirtin und lebt in dem kleinen Dorf Cabildo in der Provinz Petorca. Sie ist in dort geboren und aufgewachsen und hat durch die Agrarreform in den 70er Jahren ein Stück Land bekommen. Auch sie baut Avocados an. Aber seit sich die Agrarindustrie in der Gegend niedergelassen hat, könne sie kaum noch davon leben. Denn sie hat nicht genug Wasser für die Bewässerung ihrer Pflanzen. Alle ihre drei Brunnen sind versiegt. "Die großen Unternehmer brauchen das Grundwasser auf. Wenn wir hier ein Loch in den Boden bohren, würden wir kein Wasser finden. Denn es ist keins mehr da. Die Unternehmer haben genug Geld, um immer tiefere Brunnen zu bauen und um ihre Avocados ins Ausland zu exportieren. Ich musste die Produktion eines ganzen Jahres opfern, um Wasser zu sparen. Die Avocados von uns kleinen Bauern bleiben hier in Chile", sagt Valdebenito.

Private Wasserversorgung

Nicht nur die kleinen Bauern leiden unter dem hohen Wasserverbrauch der Agrarindustrie, sondern auch die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung ist zum Problem geworden. Die gesamte Bevölkerung von Cabildo wird mittlerweile von Tankwagen mit Trinkwasser versorgt. Die Tankwagen gehören dem privaten Unternehmen Esval. In Chile ist die Wasserversorgung zu 100 Prozent privatisiert. Das Wasser-Gesetz, das das möglich macht, der 'Código del Aguas', wurde 1981 während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet verfasst. Dieses Gesetz definiert Wasser zwar als ein "öffentlich genutztes nationales Gut", doch es ermöglicht dem Staat die Vergabe von kostenlosen und auf unbegrenzte Dauer gewährten Nutzungsrechten an Dritte.

Die endgültige Privatisierung der Trinkwasserversorgung wurde Ende der 90er und Anfang der 2000er Jahre von demokratisch gewählten Regierungen von Eduardo Frei und Ricardo Lagos besiegelt. Wasser gilt seitdem als frei handelbare Ware unabhängig vom Landbesitz. Und so konzentrieren sich die Wasserrechte mittlerweile in den Händen weniger Großunternehmer aus dem Agrar-, Bergwerks- und Forstwirtschaftssektor.

"Vorteile bringt der Avocado-Boom der Agrarindustrie"

Das will eine Bewegung namens 'Modatima' ändern. Der Name bedeutet Movimiento de Defensa del Agua, la Tierra y la Protección del Medio Ambiente de la Provincia de Petorca (Bewegung zur Verteidigung des Wassers, des Landes und für den Umweltschutz in Petorca). Die Bewegung wurde 2010 gegründet, um die Rechte der Bewohner und kleinen Landwirte gegenüber der Agrarindustrie zu verteidigen. "Wir wollen, dass das Wasser wieder ans Land gebunden wird", sagt Luis Soto, Mitglied von Modatima. "Chile hat 2010 die Resolution der Vereinten Nationen unterschrieben, die das Recht auf sauberes Trinkwasser und sanitäre Versorgung anerkennt. Dieses Recht wird heute in Chile nicht gewährleistet."

Modatima fordert, dass Wasser in Chile wieder zum öffentlichen Gut wird. Denn nur so könne die landwirtschaftliche Entwicklung auch den kleinen Bauern nutzen und nicht nur der Agrarindustrie. "Die Avocado ist in Europa zum Trend geworden. Und das sollte uns doch Vorteile bringen. Hier gibt es Menschen, die dadurch Vorteile haben und zwar die Agrarindustrie. Aber die Bevölkerung der Provinz hat dadurch keine Vorteile. Die Unternehmen sprechen immer von Arbeitsplätzen, aber die Agrarindustrie wird immer stärker technologisiert."

Laut einer Analyse des chilenischen Zentrums für investigativen Journalismus und Information, CIPER, liegt der Großteil der Wasserrechte in Petorca in den Händen von vier Familien, die gleichzeitig die Besitzer der Agrarunternehmen sind und teilweise auch in der Politik tätig sind. Einer von ihnen ist Edmundo Pérez Yoma, ehemaliger chilenischer Innenminister und Besitzer mehrerer Agrarunternehmen. Ein weiterer Agrarunternehmer Ignacio Álamos, Schwager des rechtskonservativen Parlamentsabgeordneten Juan Antonio Coloma. Für die Wasserprobleme in Petorca sind seiner Meinung nach nicht die Agrarunternehmen verantwortlich, sondern der Klimawandel.

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