Sophia Boddenberg

Freie Journalistin, Santiago de Chile

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„Alles Marionetten"

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Ingrid Conejeros: „Meine Art, Politik zu machen, findet außerhalb des Systems statt.“ Foto: Zuma Press/Imago

Ingrid Conejeros ist 39 Jahre alt, Mapuche und Nichtwählerin. Ihre langen dunklen Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden, ihr Gesicht ist ernst. Für sie ist, sagt sie, der Wahlgang ein Akt der Unterwerfung. „An den Wahlen teilzunehmen, heißt für mich, ein politisches System zu wählen, das uns als Mapuche ausgrenzt und diskriminiert", empört sie sich. In vielen anderen Ländern Lateinamerikas werden indigene Gemeinschaften in der Verfassung anerkannt, in Chile ist das nicht der Fall. Dabei machen die Mapuche, das größte indigene Volk Chiles, etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Viele von ihnen sind in der Araucanía-Region im Süden Chiles zu Hause. Manche wohnen in Städten, andere in traditionellen Gemeinden. Die Mapuche nennen ihr Territorium Wallmapu.

Ein Wintertag in Temuco, der regionalen Hauptstadt der Araucanía-Region. Feria Pinto heißt der lokale Markt hier, auf dem sich Mapuche und Nicht-Mapuche treffen. Neben Obst und Gemüse gibt es traditionelle Gewürze und Kräuter der Mapuche. Auch Ingrid Conejeros macht hier ihre Einkäufe, sie lebt mit ihren Kindern in Temuco und arbeitet als Lehrerin. Sie trägt eine Fleecejacke und fährt einen alten Geländewagen. Geboren wurde sie in Chiles Hauptstadt Santiago, aber sie kam zurück nach Wallmapu, um ihre Herkunft zu finden und um Mapuche sein zu können. „Mapuche sein, ist eine politische Entscheidung. Es geht darum, unsere Sprache, Kultur und Medizin zurückzuerobern. Aber genauso wichtig ist es, unser Territorium zurückzuerobern. Denn ohne Territorium können wir nicht Mapuche sein." Mapuche bedeutet übersetzt „Menschen der Erde".

In der Araucanía-Region erzielte der konservative Unternehmer Sebastián Piñera bei den chilenischen Präsidentschaftswahlen im November 2017 die meisten Stimmen. Das Wahlergebnis war eine Überraschung, denn Piñera hatte sich zuvor abwertend und rassistisch gegenüber den Mapuche geäußert. Er verteidigt außerdem das umstrittene Anti-Terror-Gesetz, das die Verhaftung von Mapuche-Aktivisten legitimiert. Trotzdem erhielt er mit seinem rechts-konservativen Bündnis über 40 Prozent der Stimmen in der Region, während der Mitte-links-Kandidat Alejandro Guiller nur auf knapp über 20 Prozent der Stimmen kam.

Terrorakt oder Inszenierung?

Diego Ancalao, Mapuche und Journalist, vergleicht in einem Kommentar das Wahlergebnis mit dem Stockholm-Syndrom. „Die armen, marginalisierten und diskriminierten Mapuche haben ihren eigenen Unterdrücker gewählt", schreibt er. Für Ingrid Conejeros hat das Ergebnis wenig mit der politischen Position der Mapuche zu tun. „In der Araucanía-Region hat weder Piñera gewonnen noch Guiller verloren", sagt sie. „Gewonnen hat der Kolonialismus, die Ignoranz, der Rassismus, die Ungleichheit und die Armut."

Conejeros hat nicht an der Wahl teilgenommen, so wie viele Mapuche. Die Wahlbeteiligung in der Araucanía-Region lag bei knapp über 40 Prozent, noch unter dem nationalen Durchschnitt von 46 Prozent. Auch wenn Conejeros als Frau das Recht hat, zu wählen, hat sie sich als Mapuche dazu entschieden, es nicht auszuüben.

Seit 1934 haben Frauen in Chile das Wahlrecht bei den Regionalwahlen, 1952 nahmen sie das erste Mal an den Präsidentschaftswahlen teil. Lateinamerika ist weltweit eine der Regionen, in der die Frauen zuletzt das Wahlrecht erhielten. Als Erste wählten die Frauen in Uruguay 1927 bei einem Plebiszit. Die Letzten, die das Wahlrecht erhielten, waren die Frauen in Paraguay 1961. Auch wenn sie das Wahlrecht besitzen, ist die politische Partizipation der Frauen in Chile gering. Nur etwas mehr als 20 Prozent der Abgeordneten im Parlament sind Frauen. Die Mapuche sind hingegen fast überhaupt nicht in der chilenischen Politik repräsentiert. Bei den Parlamentswahlen im November 2017 wurde zum ersten Mal in der chilenischen Geschichte eine Frau des Mapuche-Volks als Abgeordnete ins Parlament gewählt: Emilia Nuyado Ancapichun ist Mitglied des Partido Socialista und will sich für bessere Bildungschancen für die Mapuche, für eine Verfassungsänderung und gegen Polizeigewalt in der Region einsetzen. In ihrem ersten Interview nach der Wahl sagte sie: „Ich widme meine Wahl all den Kämpfern, die bei sozialen Protesten gestorben sind. Ich will den Gesetzgebern sagen, dass die Einbeziehung und Anerkennung der indigenen Völker tief greifender sein muss." Der chilenische Staat ist zentralistisch organisiert, die 15 Regionen haben auf nationaler Ebene kaum politische Entscheidungsgewalt, was einer der Gründe für die geringe politische Repräsentation der Mapuche ist.

Die politischen Positionen innerhalb der Mapuche sind divers. Manche nehmen am institutionellen politischen Prozess teil, andere fordern regionale Autonomie, wieder andere wollen die komplette Unabhängigkeit der Mapuche vom chilenischen Staat. Das will auch Ingrid Conejeros. „Es gibt Gemeinden, die die Autonomie verteidigen. Die politische, wirtschaftliche, ideologische und spirituelle Autonomie, die der Gesundheit und der Bildung. Aber das ist nicht die Mehrheit der Mapuche. Und diese Gemeinden werden vom Staat unterdrückt, ihre Anführer werden verhaftet", erklärt sie. „Autonomie werden wir nicht über den institutionellen Weg erreichen." Deshalb wolle sie auch nicht an den Wahlen teilnehmen. „Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht politisch aktiv bin oder dass ich meine Meinung nicht vertrete", sagt Conejeros. „Meine Art, Politik zu machen, findet außerhalb des Systems statt."

Eine Gruppe Mapuche-Frauen verlässt von Jubelrufen begleitet das Gericht von Temuco. Es ist der 25. Oktober 2017, der letzte Tag des Gerichtsprozesses im „Fall Luchsinger-MacKay". Es geht um einen Brandanschlag auf das Haus des Großgrundbesitzers Werner Luchsinger und seiner Frau Vivian MacKay. Das Ehepaar kam in den Flammen um. Ein Terrorakt, sagen die Ankläger. Eine Inszenierung, sagen die Angeklagten. Vorfahren der Luchsingers waren im 19. Jahrhundert aus der Schweiz nach Chile eingewandert, um die Araucanía-Region landwirtschaftlich zu erschließen.

Die Frauen, die das Gericht verlassen, feiern den Freispruch von Francisca Linconao, einer der Hauptangeklagten im Gerichtsprozess. Sie ist „Machi", eine spirituelle Autorität des Mapuche-Volkes. Eine der Frauen ist Ingrid Conejeros. „Das ist ein politischer Prozess. Sie haben die Machi ausgenutzt, um diesen Prozess zu inszenieren", sagt Conejeros zu den Journalisten, die vor dem Gericht warten. Sie ist die Sprecherin von Francisca Linconao und Mitglied ihres Unterstützungsnetzwerks. Seit Monaten reist sie durch Chile, um auf die Situation von Francisca Linconao aufmerksam zu machen, spricht mit Journalisten und verbreitet auf sozialen Netzwerken Informationen über die Unterdrückung der Mapuche.

Ein gemeinsamer Feind

Die Mapuche-Frauen um Francisca Linconao streiten seit Langem für den Erhalt der Wälder und die Rechte der Mapuche. Vor neun Jahren gewann Linconao einen Prozess gegen den Holzbetrieb Palermo Limitada, der in ihrer Gemeinde den Wald rodete. Sie hatte sich dabei auf die Konvention ILO 169 berufen, ein Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf, das der chilenische Staat kurz zuvor ratifiziert hatte. Es sah vor, den indigenen Völkern zu helfen, ihre Identität, Sprache und Religion zu bewahren. Francisca Linconao fühlte sich durch die Firma nicht zuletzt in der Ausübung ihrer spirituellen Rolle als Machi eingeschränkt. „Der Fall der Machi Francisca ist ein Beispiel für die andauernde Verfolgung von Aktivisten des Mapuche-Volkes durch den chilenischen Staat. Sie ist eine Gefahr für die Regierung, weil sie sich auflehnt, weil sie Forderungen stellt und weil sie ein Unternehmen und den Staat verklagt hat", betont Ingrid Conejeros.

„Anstatt zu polarisieren zwischen denen, die wählen, und denen, die nicht wählen, zwischen links und rechts, sollten wir gegen den gemeinsamen Feind kämpfen. Gegen den Kapitalismus, die transnationalen Unternehmen, die unser Territorium zerstören und ausbeuten", sagt Conejeros.

„Sie legen keinen Wert auf das Wasser, auf die Erde, auf saubere Luft. Wir wollen hier gut leben in unserem Territorium und wir sollten uns bewusst machen, dass wir die Mehrheit sind. Bei den Wahlen stimmen wir nur über die Marionetten der Unternehmer ab." Die Unterstützerinnen und Unterstützer für Francisca Linconao hätten es geschafft, viele Mapuche unter einem gemeinsamen Ideal zu einen, vor allem Frauen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie nicht nur unter der Unterdrückung durch den chilenischen Staat leiden, sondern auch durch Patriarchat, Kapitalismus, Rassismus, Kolonialismus.

Anfang 2018 gab die Staatsanwaltschaft bekannt, den „Fall Luchsinger-MacKay" aufgrund neuer Beweise wieder zu eröffnen. Der Kampf der Mapuche-Frauen geht weiter.

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