Sophia Boddenberg

Freie Journalistin, Santiago de Chile

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Sprache als erster Schritt zur Integration

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Sofia Urrutia koordiniert das Projekt Zanmi an der Jesuitenuniversität Alberto Hurtado in Santiago de Chile. Foto: Sophia Boddenberg

Lautes Lachen, Stimmengewirr, Stühlerücken. Es ist ein Dienstagabend kurz vor sieben, gleich geht die Spanischstunde für Nathan (33) los. Im Mai 2016 verließ er seine Heimat Haiti und kam nach Chile auf der Suche nach Arbeit.

Das erste Jahr war besonders schwierig, denn Nathan verstand die chilenische Landessprache Spanisch nicht. Die meisten Haitianer sprechen Kreol, eine Sprache mit französischen Wortwurzeln und Einflüssen verschiedener westafrikanischer Sprachen. Nur rund fünf Prozent der Haitianer sind der zweiten Amtssprache Französisch mächtig. Für die Haitianer ist die Integration in Chile deshalb besonders schwer, denn anders als die anderen lateinamerikanischen Einwanderer, die Spanisch sprechen, müssen sie zunächst die Sprachbarriere überwinden. Deshalb hat das Centro Universitario Ignaciano (CUI) der Universität Alberto Hurtado, die von den Jesuiten getragen wird, 2016 das Projekt "Zanmi" ins Leben gerufen. Es richtet sich speziell an Einwanderer aus Haiti, bietet Erwachsenen und Kindern Sprachkurse und Hausaufgabenbetreuung an, die von Studenten und freiwilligen Helfern durchgeführt werden. "Seit ich an dem Sprachkurs teilnehme, fällt es mir viel leichter, Freundschaften mit Chilenen zu schließen", sagt Nathan.

Sprache als Voraussetzung für Integration 

"Zanmi" heißt auf Kreol "Freund". Sophia Urrutia erklärt, warum das Projekt Zanmi sich auf das Erlernen der spanischen Sprache konzentriert. Sie ist Geschichtslehrerin, 25 Jahre alt und koordiniert das Projekt. "Wir glauben, dass die Sprache und die Kommunikation sehr wichtig sind, nicht nur für die Integration, sondern auch als Werkzeug der Selbstermächtigung. Wer lernt, die Sprache zu sprechen, ist weniger verwundbar. Wir stellen auch Kontakte zwischen Haitianern und Chilenen her", erklärt sie. Chile hat sich in den letzten Jahren in eines der beliebtesten Einwanderungsländer in Lateinamerika verwandelt. Die Einwanderung ist zwischen 2010 und 2015 um fast fünf Prozent gestiegen, mehr als in Mexiko und Brasilien, so ein Bericht der Comisión Económica para América Latina y el Caribe (CEPAL). Die meisten Einwanderer kommen aus den lateinamerikanischen Nachbarländern Peru, Bolivien und Kolumbien. Gründe für die Migration nach Chile sind meistens bessere Arbeitschancen, die stabile Wirtschaft und die im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern geringe Kriminalität.

Fremdenfeindlichkeit und Rassismus 

Die am stärksten wachsende Einwanderungsgruppe sind Haitianer. Zwischen 2013 und 2016 hat sich ihre Zahl verachtfacht. Das hat zum einen mit dem Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 zu tun, zum anderen aber auch mit der Präsenz chilenischer Truppen in Haiti und der Blauhelm-Mission der Vereinten Nationen. 43.898 Haitianer kamen 2016 nach Chile und allein im ersten Halbjahr 2017 wurde diese Zahl bereits überschritten, berichtet die chilenische Tageszeitung El Mercurio. Aber die chilenische Gesellschaft ist noch nicht daran gewöhnt, ein Einwanderungsland zu sein. Es gibt viel Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, vor allem gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe. Das hat auch der Haitianer Karmel Pierre (36) erlebt, der am Zanmi-Sprachkurs teilnimmt. Er kam vor eineinhalb Jahren nach Chile. "Die Chilenen haben ein Rassismus-Problem. Einmal hat mich eine Frau im Bus geschlagen, weil sie dachte, ich hätte sie angefasst, dabei war das ein anderer Mann. Sie hat gedacht, dass ich es war, weil ich schwarz bin, weil ich Immigrant bin", sagt er in gebrochenem Spanisch. Sophia Urrutia, die Leiterin des Zanmi-Projekts, ist der Überzeugung, dass der Rassismus in der chilenischen Gesellschaft tief verankert ist und seinen Ursprung in der spanischen Eroberung hat. "Der Rassismus hat sich schon immer gegen die indigenen Völker gerichtet. Die Bolivianer und Peruaner sind für viele Chilenen 'Indianer'. Deshalb reicht es nicht, den Rassismus per Gesetz zu sanktionieren, sondern man muss ihn an der Wurzel anpacken", findet sie.

Gesetzgebung hinkt hinterher

Auch die chilenische Regierung hat ihre Migrationspolitik noch nicht der immer stärker werdenden Migration angepasst. In der Ausländerbehörde "Extranjería" stehen die Neuankömmlinge häufig bis zu sechs Stunden in der Schlange und warten darauf, dass sie aufgerufen werden. Wenn sie einmal die Aufenthaltserlaubnis beantragt haben, warten sie bis zu sechs Monate auf eine Antwort. In dieser Zeit können sie nicht ofiziell arbeiten. So geraten sie häufig in Schwarzarbeit oder prekäre Arbeitsverhältnisse. Auch die Anerkennung von Universitätsabschlüssen ist kompliziert und dauert lange. "Wenn Chile seine Rolle als Einwanderungsziel für viele Menschen anerkennt, dann muss es auch endlich die Integration voranbringen. Und da geht es nicht nur um die Sprache, sondern um Bildung, um Gesetze, um Gesundheitsversorgung. Unser Sprachkurs ist der erste Schritt, aber danach kommen noch viele weiter Schritte", sagt Sophia Urrutia.

Autorin: Sophia Boddenberg
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