Sophia Boddenberg

Freie Journalistin, Santiago de Chile

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Von Tränengas, Jesus und der Ungleichheit: Die Frauen im Ringen um Bildung in Chile

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Camila Rojas, Präsidentin der einflussreichsten Studentenorganisation Chiles, steht an vorderster Front im Bildungskampf. Fotos: S. Boddenberg

In Chile ist Bildung teuer. Davon profitieren vor allem Banken, Universitäten und Privatschulen. Schüler, Studenten und deren Familien sind die Verlierer. Camila Rojas, die Präsidentin der einflussreichsten Studentenorganisation Chiles, kämpft dafür, dass qualitativ gute Bildung für alle Chilenen zugänglich sein soll, egal ob arm oder reich. Doch die Gewalt lässt die öffentliche Unterstützung schrumpfen.

Von Sophia Boddenberg, Santiago de Chile


In der Alameda, der Hauptverkehrsader Santiagos, liegt der beißende Geruch von Tränengas in der Luft. Fußgänger und Fahrradfahrer ziehen sich Schals vor das Gesicht und kneifen die Augen zusammen. Die Straßen sind nass. Es ist ein Donnerstagnachmittag im Juni. Donnerstags finden schon traditionell die Studentenproteste statt. Sie laufen normalerweise friedlich ab und erinnern etwas an Straßenfeste; die Studenten trommeln, tanzen und tragen bunte Plakate und Fahnen. Aber am Ende kommt es oft zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Eine kleine Gruppe von Studenten wirft Steine auf die Polizisten und diese reagieren gnadenlos mit Tränengas und Wasserwerfen aus großen Tankern. Und auf einmal schlägt die Stimmung um, und das Straßenfest wandelt sich in einen furchteinflößenden, unvorhersehbaren Tumult.

Ganz vorne bei den Protesten laufen die Vertreter der Studentenorganisationen aus Santiago. Eine von ihnen ist Camila Rojas. Sie ist Präsidentin der Studentenföderation der Universidad de Chile FECh (Federación de Estudiantes de la Universidad de Chile). Die Universidad de Chile ist die älteste und prestigereichste Universität Chiles, dementsprechend einflussreich ist ihre Studentenorganisation. Auf den ersten Blick wirkt Camila unscheinbar mit ihrem Karohemd und den an den Seiten leicht weggesteckten dunklen, langen Haaren. Doch noch bevor die Demonstration losmarschiert, ist sie umhüllt von einer Menschentraube von Journalisten. Obwohl sie erst 25 Jahre alt ist, spricht sie selbstbewusst und mit fester Stimme in die Kameras und Mikrofone, die ihr aus allen Richtungen vor das Gesicht gehalten werden. Die Forderung der Studenten ist klar und deutlich: Eine Bildungsreform für mehr Chancengleichheit und Gerechtigkeit.

Chile liegt nach der jüngsten OECD-Studie auf Platz neun der Länder, in denen die höchste Ungleichheit im Bildungswesen auszumachen ist. Das zeigt sich vor allem in den schlechten Ausbildungschancen in den ärmsten Bevölkerungsgruppen - 76 Prozent der Bildungskosten werden nämlich von den privaten Haushalten selbst getragen. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Anteil der privaten Ausgaben für Bildungseinrichtungen bei unter 20 Prozent, den Rest finanzieren Bund, Länder und Kommunen. Zudem sind die Bildungskosten in Chile unverhältnismäßig hoch: Laut einem OECD-Bericht geben die Erziehungsberechtigten im Durchschnitt 300 Euro pro Monat für eine Privatschule aus. Der Mindestlohn liegt bei circa 350 Euro im Monat. Das Ziel der Studentenbewegung ist ein kostenloser Zugang zu qualitativ guter Bildung für alle Chilenen, auf Schul- und auf Universitätsebene. Für die Bildungsreform, so der Vorschlag der Studenten, sollen Einnahmen aus der von der Regierung geplanten Steuerreform verwendet werden.

Protestbewegung am Scheidepunkt

Die Studentenbewegung steht an einem entscheidenden Punkt, denn die Zustimmung in der Bevölkerung lässt langsam nach. Im Jahr 2011 waren 79 Prozent der Chilenen mit den Demonstrationen einverstanden, in diesem Jahr nur noch 46 Prozent. Das ergaben Umfragen des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Cadem. In der Hafenstadt Valparaíso starb im Mai ein Wachmann in einem Feuer, das von Jugendlichen in einer Apotheke entfacht wurde. Anfang Juni wurde während eines Protestmarschs, an dem 150.000 Schüler und Studenten teilnahmen, eine drei Meter hohe Jesus-Statue samt Kreuz aus einer Kirche im Zentrum Santiagos entführt. Das erregte im katholischen Chile mehr Aufsehen und Empörung als der Tod des Wachmanns. „Mit diesen Taten haben die Studenten die Grenze des Tolerierbaren überschritten", sagt Bildungsministerin Adriana Delpiano, „sie wollen alles oder nichts. Aber man kann kostenfreie Bildung nicht von heute auf morgen umsetzen".

Camila Rojas entgegnet diesen Vorwürfen: „Wir wollen, dass unsere Vorschläge im Zentrum der Debatte stehen und nicht die Kriminalisierung der Proteste. Damit will die Regierung verhindern, dass über die Bildungsreform diskutiert wird. Gewalt gibt es überall in Chile, sie hat ihren Ursprung in der sozialen Ungleichheit." Vor den Protesten rufen die Vertreter der Studentenföderationen nun öffentlich zu friedlichem Protest auf, um nicht noch mehr Unterstützung der Bevölkerung zu verlieren. „Die Bewegung hängt an einem dünnen Faden", sagt Camila.

Nicht nur die Gewaltbereitschaft der Studenten steht in öffentlicher Kritik, sondern auch die der Polizei. Im vergangen Jahr wurde ein Student von einem Wasserwerferstrahl der Polizei am Kopf getroffen und schwer verletzt. „Eigentlich soll Tränengas nur in Ausnahmesituationen von der Polizei eingesetzt werden. In Chile ist der Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern zur Normalität geworden, um friedlich protestierende junge Menschen auseinander zu treiben, nur weil eine kleine Gruppe gewaltbereit ist", sagt Ana Pique, Leiterin der nationalen Abteilung von Amnesty International in Chile.

Universitäten und Schulen funktionieren in Chile nach dem Prinzip: Wer mehr zahlen kann, erhält auch eine qualitativ bessere Bildung. Es gibt drei Typen von Schulen: öffentliche Schulen, Privatschulen und subventionierte Privatschulen. Die öffentlichen Schulen finanziert der Staat, die Privatschulen finanzieren die Eltern und die subventionierten Privatschulen haben ein geteiltes Finanzierungssystem. Die öffentlichen Schulen verlangen zwar keine Studiengebühren, sind aber aufgrund der geringen Investitionen vom Staat stark unterfinanziert und decken lediglich den Bedarf der bildungsfernen Unterschichten ab. Beim jährlichen nationalen Vergleichstest der Bildungsqualität „ Simce " waren im vergangenen Jahr unter den zehn besten Schulen acht Privatschulen. Öffentliche Schulen aus sozial schwachen Umgebungen stehen weit unten auf der Liste. Das hat Auswirkungen auf die Zukunft: Im Vorjahr wurden nur knapp ein Viertel der Schulabgänger von öffentlichen Schulen, die sich an einer Universität beworben hatten, auch angenommen.

Zehn Jahre nach der „Revolution der Pinguine"

Am Kopf der Studentenbewegung stehen die Studentenföderationen. Dabei handelt es sich um demokratisch gewählte Studentenorganisationen, die die Belange der Studenten innerhalb und außerhalb der Universität vertreten. In Deutschland gibt es vergleichbar die Studentenparlamente und den Allgemeinen Studentenausschuss. Die FECh, die Studentenföderation der Universidad de Chile, wird in diesem Jahr 110 Jahre alt. Bildung soll nach Überzeugung der Studenten kein Konsumgut sein, sondern ein soziales Recht für alle, egal ob arm oder reich.

So steht es auch auf den Plakaten, die außen am Gebäude der FECh kleben. Das befindet sich im Herzen Santiagos in der Nähe des Plaza Italia, dem Treff- und Startpunkt für die Protestmärsche. Außen wie innen haben die Studenten die Wände bemalt und beschriftet. Auch Camilas Büro ist voll von Plakaten. Wenn sie nicht gerade bei einer Demonstration, einem Forum oder bei einer Konferenz mit dem Bildungsministerium ist, hält sie sich hier auf, um Interviews zu geben, E-Mails zu beantworten und Veranstaltungen zu organisieren. Ihre Interview-Termine koordiniert sie nicht mehr selbst, sondern ihr Pressesprecher. Ihr Masterstudium hat sie vorerst eingefroren, da sie ihre gesamte Zeit ihren Aufgaben als Präsidentin widmet. „Der Posten bedeutet viel Verantwortung und auch eine starke emotionale Belastung. Aber ich erhalte viel Rückendeckung von Freunden und Familie und von meinem Team, mit dem ich Entscheidungen gemeinsam treffe", sagt sie. Während sie spricht, schaut sie immer wieder nervös auf ihr Handy und den Computer. Alle zwei Wochen trifft sich Camila mit den Präsidenten und Präsidentinnen der anderen 56 Studentenföderationen. In der chilenischen Studentenbewegung haben die Studentenföderationen eine tragende Rolle gespielt, sie sind politische Akteure, die am Wandel des Landes aktiv mitwirken. Erst durch ihre Forderungen wurde die Bildungsreform überhaupt ein Thema für die Politik.

Zehn Jahre sind vergangen seit der „Revolution der Pinguine" im Mai 2006, als mehr als 800.000 Schüler von circa 900 Schulen am nationalen Bildungsstreik teilnehmen. „Pinguine" nannte man sie wegen ihrer Schuluniformen. Das wird als erster Meilenstein der chilenischen Schüler- und Studentenbewegung angesehen. „Ich habe diese zehn Jahre in all ihren Facetten miterlebt. Konkrete Veränderungen gab es seitdem leider nicht. Aber es gibt mehr Bereitschaft, sich zu organisieren, zu protestieren. Die älteren Generationen sind noch stark von der Militärdiktatur beeinflusst, aber bei den Jüngeren nimmt die politische Teilnahme immer mehr zu", sagt Camila. Sie war 2006 15 Jahre alt und ging in eine Privatschule in der Hafenstadt San Antonio, eine Privatschule, die vom Staat subventioniert wird. Ihre Eltern mussten also nur circa 20 Euro im Monat zahlen. „Das Bildungssystem in Chile ist stark unterteilt. Es war für mich in der Schule also schwierig zu merken, dass es Ungerechtigkeit gab, weil ich immer im gleichen Umfeld war. Aber 2006 wurde die Segregation in Frage gestellt und da hat bei mir etwas Klick gemacht. Nicht nur bei mir, sondern bei vielen Menschen", beschreibt Camila ihren Weg in die politische Bewegung.

Privatisierung geht auf Pinochet zurück

Auf den Protestmärschen rufen die Schüler und Studenten: „Se va a caer la educación de Pinochet", die Bildung von Pinochet wird stürzen. Die Privatisierung des chilenischen Bildungswesens geht auf die Militärdiktatur unter dem Diktator Augusto Pinochet (1973-1990) zurück. Das 1981 erlassene Hochschulgesetz förderte die Zerschlagung der bestehenden staatlichen Universitäten, die die Militärregierung als Nest der linken Opposition betrachtete. Stattdessen unterstützte das Regime die Etablierung profitorientierter Privathochschulen nach US-amerikanischem Vorbild. Heute lassen sich die insgesamt 60 Universitäten Chiles in zwei Gruppen unterteilen: 35 private Universitäten und 25 traditionelle Universitäten. Die traditionellen Universitäten wurden vor dem Hochschulgesetz von 1981 gegründet und unterteilen sich wiederum in 16 staatliche und 9 private Universitäten. Die staatlichen Universitäten kennzeichnen sich dadurch, dass sie zu einem Viertel vom Staat finanziert werden, zu den privaten gehören untere anderem die Katholischen Universitäten. Die Studiengebühren an privaten und staatlichen Universitäten unterscheiden sich jedoch kaum. Ein Medizinstudium kostet rund 7000 Euro pro Jahr, das ergibt bei einer Regelstudienzeit von 14 Semestern fast 50.000 Euro. Die Studiengebühren richten sich außerdem nach Angebot und Nachfrage: Stark nachgefragte Studiengänge wie Medizin und Psychologie sind teurer als Kunstgeschichte und Soziale Arbeit. In Deutschland haben private Universitäten noch keine lange Tradition, weniger als fünf Prozent der Studierenden besuchen eine private Hochschule. An den öffentlichen Universitäten wurden die kurzzeitig eingeführten Studiengebühren fast überall wieder abgeschafft. Eine staatliche Ausbildungsförderung wie das deutsche BAföG gibt es in Chile nicht.

Camila hatte Glück, denn sie erhielt aufgrund ihrer guten Noten ein Stipendium für ihr Grundstudium in öffentlicher Verwaltung an der Universidad de Chile. Zurzeit macht sie einen Master in Politik und öffentlicher Verwaltung, den sie allerdings selbst bezahlen muss. Für zwei Jahre Studium muss sie ungefähr 10.000 Euro aufbringen. Dafür wird sie, wie viele chilenische Studenten, einen Kredit aufnehmen müssen. Der FECh zufolge sind 700.000 chilenische Studenten verschuldet. Für die Banken sind die Studenten ein lukratives Geschäft: 200 Millionen Euro haben Banken zwischen 2006 und 2011 an Krediten für Universitätsstudenten verdient. Die Zinssätze betrugen bis zu sechs Prozent. Das ergaben Nachforschungen des journalistischen Recherche-Zentrums CIPER. Nach den Studentenprotesten 2011 wurden die Zinssätze auf höchstens zwei Prozent eingefroren. Um den Studenten einen Universitätskredit zu günstigen Bedingungen zu ermöglichen, arbeitet die Regierung mit den privaten Banken zusammen. Untersuchungen der FECh zufolge zahlt die Regierung im Jahr 2016 deshalb mehr Geld an die privaten Banken, als sie in die Bildungsreform investiert.

Ein Drittel der Universitäten im Streik

Politisch prägte sich Camila in der Schule, nicht im Elternhaus: „Ich komme aus einer chilenischen Durchschnittsfamilie, die nicht gerne über Politik, Fußball oder Religion spricht, um jegliche Art von Konflikten zu vermeiden." Also begann Camila, sich in der Schülervertretung ihrer Schule zu engagieren. „Als ich die Schule verließ, habe ich mich schon den linken Idealen zugehörig gefühlt", sagt sie. 2009 ging sie nach Santiago, um zu studieren. „Die Universität ist voll von linken Studentengruppierungen, da brauchte ich erst einmal Zeit, um mich zu orientieren", sagt sie heute. Im Jahr 2011 wurde sie Mitglied der „Izquierda Autónoma", der Autonomen Linken, ein politisches Kollektiv, keine Partei. Im selben Jahr hatte die Studentenbewegung ihren weiteren Höhepunkt und erhielt internationale Aufmerksamkeit. Fast 100.000 Studenten nahmen landesweit an den Protesten teil.

Da das Thema Bildung alle Gesellschaftsschichten betrifft, werden die Proteste wohl in naher Zukunft nicht nachlassen. Im Juni befanden sich 20 Universitäten und 40 Schulen im Streik. Präsidentin Michelle Bachelet hat bereits eine Bildungsreform eingeleitet, die 50 Prozent der Studierenden aus den ärmsten Bevölkerungsgruppen kostenlosen Zugang zu ausgewählten Universitäten garantieren soll. Die Schulgebühren an staatlichen und subventionierten Schulen sollen nach und nach entfallen. Aber bis zur generellen Kostenfreiheit und vor allem bis zu mehr Chancengleichheit sei es noch ein weiter Weg. „Es ist ein sehr langsamer Wandel, vor allem, weil es keinen politischen Willen gibt", sagt Camila. „Das wichtigste ist es, Grundbedürfnisse wie Bildung, Wohnen und Gesundheit abzudecken. Dann bleibt mehr Raum für politische Teilnahme und kritisches Denken. Ich denke, dass unsere Bewegung eine Grundlage errichtet hat für den Weg zu mehr Gleichheit und mehr sozialen Rechten. Aber der Weg liegt noch vor uns."

Weiterführende Links: Studentenföderation FEChGeschichte der CONFECH (spanisch)

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