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Willkommen im NS-Mutterkult 2019

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Hätten Einige vielleicht auch heute noch gerne: Die Urkunde zur Verleihung des Mutterkreuzes aus der Nazi-Zeit.

Es gibt fast nichts, was in Deutschland so antifeministisch und rückständig abläuft, wie Erziehung und Familie. Ein Kommentar.

Ein Vater, ja, der ist schon wichtig. Er kann dem Jungen zum Beispiel Fußballspielen oder den Umgang mit Werkzeug beibringen. Denn nichts anderes interessiert den männlichen Nachkommen. Bei Mädchen wird sein Nutzen zwar schon eingeschränkter, aber auch da ließe sich bestimmt etwas finden. Er kann sich zum Beispiel über ihre Partnerwahl echauffieren und den potenziellen „Boyfriend" bedrohen (denn natürlich ist sein süßes rosa Einhornmädchen heterosexuell): „Hier soll sich kein Typ herwagen, dem erzähl ich was, mein Mädchen anzubaggern!"

Aber als Mutter ist das Elternsein ja noch mal ganz etwas anderes. Muttersein, das ist etwas ganz Besonderes. Man hat als Mutter ja eine ganz andere „Bindung" zu dem Kind. Es braucht einfach die Mutter.

Die Frau ist in den Köpfen der Menschen die primäre Bezugsperson für das Kind. Besagte „Bindung", so wird argumentiert, die ist ja etwas „ganz anderes", weil man das Kind ja neun Monate „unter dem Herzen" getragen hat. Mal davon abgesehen, dass dieses Argument einfach nur Schwachsinn ist, der jedem Vater eigentlich einen Stich ins Herz versetzen müsste, ist es auch eine Frechheit gegenüber jedes Elternpaares, das adoptiert oder Pflegekinder großzieht.

In der Gesellschaft hat sich in Bezug auf das Elterndasein seit den Hitlerzeiten nicht viel geändert. Sobald die Frau ein Kind hat, steht sie in der Mutterpflicht, eine Selbstverwirklichung findet nicht mehr statt.

Die Mutter bleibt beim Kind, der Vater geht als der „Ernährer" der Familie Vollzeit arbeiten. Wenn die Frau es sich zutraut, ihr Mutterdasein es zulässt, geht sie in Teilzeit arbeiten, als Zuverdienerin. Elternzeit nimmt die Frau, der Mann, weil es inzwischen gesellschaftlich einigermaßen anerkannt ist, macht vier Wochen Alibielternzeit. Das ist das Familienmodell, nach dem über 70 Prozent der Deutschen leben.

Es ist keine echte Gleichberechtigung, wenn die Frau sich „entscheidet" zu Hause zu bleiben

Wenn man das Modell nun kritisiert, kommen plötzlich sehr seltsam argumentierende Gleichberechtigungskämpfer*innen aus ihren Löchern. „Es ist das Recht der Frau, sich für das Hausfrauendasein zu entscheiden!" Ja, ihr gutes Recht. Aber dann kommen die Rechtfertigungen, die so bieder, so spießig, so kleinbürgerlich, so konservativ, so patriarchalisch, so daneben, so entlarvend sind. „Ich hänge halt mehr an der Kleinen." Der Vater nicht, oder was? „Es wäre schlecht für die Karriere meines Mannes." Braucht man als Frau keine Rente?

Der Gedanke, dass sich besagte Frauen für das Hausfrauendasein entscheiden, weil es in unserer patriarchalisch Gesellschaft so verankert und akzeptiert ist, kommt den Wenigsten. Nicht weil die Biologie es so determiniert hat, bleiben die meisten Frauen zu Hause und kümmern sich ums Kind, sondern weil das Patriarchat es so vorgibt.

Denn wer sich für ein anderes System entscheidet, kann sich darauf einstellen, sich für die nächsten Jahre immer wieder zu rechtfertigen und verurteilt zu werden.

Da wird hinter vorgehaltener Hand das Wort „Rabenmutter" geflüstert. Wie kann sie nur. Und - vor allem - der Klassiker unter den Empörungsfloskeln: „Wenn sie Karriere machen will, kriegt sie halt besser kein Kind!!"

Auch in den hippsten Stadtvierteln sieht man auf dem Spielplatz in Mitten vieler Muttis höchstens mal ab und zu einen Mann. „Ach, Sie als Mann gehen mit ihrem Kind auf den Spielplatz ..." Der Subtext lautet: „Da hat die Mutter aber mal ganz schön versagt" oder „Wie unglaubwürdig - das Kind hat er doch bestimmt entführt."

Und es macht halt nicht so viel Spaß, wenn die Erzieherin die Mutter, die ihr Kind wegen ihrer Arbeitszeiten seltener als der Vater von der Kita abholt, mit den Worten begrüßt: „Sieht man Sie auch Mal."

Oder die Rückkehr in den Job, wenn der gesamte Bekannten- und Familienkreis erklärt, wie man es denn „als Mutter" übers Herz brächte, das Kind den ganzen Tag nicht zu sehen. Zu Vätern wird so etwas nicht gesagt.

Väter müssen sich für eine Rückkehr in den Job nicht rechtfertigen. Väter müssen sich nicht rechtfertigen, wenn sie mal einen Abend ausgehen, oder hinterfragen lassen, wie man den freien Abend denn „hinbekommen hat". Väter müssen sich erklären, warum sie ihre „Karriere aufs Spiel setzen", um bei ihrem Kind zu sein.

Der Zwang des Nationalsozialismus ist vorbei - der Mutterkult nicht

Und es braucht niemand im Ernst zu behaupten, all diese Szenarien wären eine Übertreibung oder nicht wahr.

Das Hochhalten des NS-Mutterkultes hat nie aufgehört. Frauen reiben sich auf, um einer Nazi-Ideologie zu entsprechen, ohne das es ihnen wirklich bewusst ist. Der Wert der Frau ergibt sich aus dem Muttersein. Und besonders traurig ist es, wenn Frauen dieses „Ideal" auch noch selbst propagieren. Die Kritik an Frauen, die sich mit Kind selbst verwirklichen, ist allgegenwärtig und akzeptiert.

Es gibt fast nicht, was in Deutschland so antifeministisch und rückständig abläuft, wie Erziehung und Familie. Den Mutterkult können wir nur überwinden, indem wir ihm nicht mehr folgen. Denn das haben wir besser, als die Eltern in der Nazi-Zeit: Wir können es anders machen.

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