Sina Horsthemke

Journalistin für Medizin, Gesundheit, Sport und Reisen, München

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Coronakrise: Droht eine Überlastung der Rehakliniken?

Wieder zu Kräften kommen: Das können Covid-19-Patienten nach schweren Verläufen in der Reha

Künstlich beatmete Covid-19-Patienten brauchen anschließend lange, bis sie sich wieder erholen. In Rehakliniken bereitet man sich auf einen Ansturm vor.

Ein Clip am Finger verrät in diesen Zeiten, wie ernst die Lage ist. Er misst bei Covid-19-Patienten im Krankenhaus die so genannte Sauerstoffsättigung. Sie zeigt an, wie viele rote Blutkörperchen mit Sauerstoff beladen sind. Normal sind Werte zwischen 97 und 100 Prozent. "Liegt die Sauerstoffsättigung bei Covid-Patienten unter 95, müssen wir etwas unternehmen", sagt Felix Herth, Chefarzt der Abteilung Pneumologie an der Thoraxklinik des Universitätsklinikums Heidelberg.

Die meisten Menschen, die an Covid-19 erkranken, kommen ohne Komplikationen davon. Bei jedem Fünften jedoch verläuft die Krankheit so schwer, dass im Körper ein Sauerstoffmangel entsteht. Dann helfen die Ärzte zunächst mit einer so genannten Nasenbrille, einen Kunststoffschlauch aus dessen Öffnungen an jedem Nasenloch Sauerstoff austritt. "Wenn das nicht reicht, folgt als zweite Stufe die Beatmung mit High-Flow-Sauerstoff, der einen höheren Durchfluss hat", erklärt Lungenfacharzt Herth. "Gelingt es uns dann immer noch nicht, den Patienten zu stabilisieren, müssen wir invasiv beatmen." Das bedeutet, dass die Ärzte den Betroffenen wie bei einer Operation intubieren: Sie versetzen den Patienten dazu in ein künstliches Koma und schieben ihm durch Mund oder Nase einen Kunststoffschlauch in die Luftröhre, den Tubus. Ein Beatmungsgerät pumpt anschließend über den Tubus Luft in die Lunge. Das Intubieren rettet Leben, doch es birgt Gefahren: Das Infektionsrisiko steigt, zudem verkümmert die eigene Atemmuskulatur, weil sie nichts mehr zu tun hat. "Wie ein Bein, das wochenlang in Gips war, ist sie nach einiger Zeit sehr geschwächt", erklärt Herth.

Ist das Beatmungsgerät nicht mehr vonnöten, erfolgt als Nächstes die Entwöhnung davon. Was in der Fachsprache "Weaning" heißt, kommt einem Trainingsprogramm für Sportler gleich. Denn anfangs können die Patienten nur stundenweise selbstständig atmen - ihre Muskulatur ist zu schwach. Dabei gilt: Je länger ein Erkrankter intubiert war, desto länger dauert es, bis er wieder vollständig allein atmen kann. Eine Dauer von rund der Hälfte der Gesamtbeatmungszeit ist für das anschließende Weaning vollkommen normal. Bei Covid-19 sei es zusätzlich "verzögert", wie die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin in einem Positionspapier berichtet. "Erholungszeiten werden mit bis zu sechs Wochen angegeben."

Doch nicht nur die Atemfunktion leidet: Aufstehen, sich anziehen, waschen, gehen und essen - nach einer Langzeitbeatmung ist all das nicht selbstverständlich. Denn auch die anderen Muskeln des Körpers schwinden, wenn sie nicht in Bewegung sind: "Menschen, die lange liegen, weil wir sie beatmen, verlieren bis zu einem Kilogramm Muskelmasse pro Tag", berichtet Rembert Koczulla, Chefarzt am Fachzentrum für Pneumologie in der Schön Klinik Berchtesgadener Land. "Zudem entwickeln viele von ihnen eine Critical-Illness-Polyneuropathie." Dabei handelt es sich um Nervenfunktionseinschränkungen, die zu Lähmungen von Beinen und Armen führen kann.

Die Wahrscheinlichkeit, eine Critical-Illness-Polyneuropathie zu entwickeln, liegt nach zwei Wochen Beatmung bei 50 Prozent, nach drei Wochen bei mehr als 90 Prozent. Covid-19-Patienten mit schwerem Verlauf sind mitunter zwei bis drei Wochen lang intubiert. Sie können danach nicht einfach wieder nach Hause gehen, sondern sollten in eine Reha, meint Lungenfacharzt Koczulla. "Manche sind sicher ambulant behandelbar, aber vor allem Patienten mit schweren Verläufen würden von einer stationären Reha profitieren."

In Einrichtungen, die auf Frührehabilitation und damit das Weaning spezialisiert sind, arbeiten unter anderem Lungenfachärzte, Neurologen, Psychologen sowie Atem- und Physiotherapeuten. Die Zimmer sind mit Sauerstoffgeräten, Monitorüberwachung und Absaugeinrichtungen ausgestattet, bei Bedarf gibt es Intensivpflegebetten. "Unsere Klinik mit mehr als 300 Betten ist auf Pneumologie, Orthopädie und Psychosomatik spezialisiert", berichtet Koczulla. "Das ist für Covid-19-Patienten eine sinnvolle Kombination, denn die Krankheit betrifft nicht nur die Lunge, sondern verursacht auf Grund der Luftnot Ängste und andere psychische Probleme."

In den vergangenen Wochen haben sich die Mitarbeiter der Schön Klinik Berchtesgadener Land am Königssee, in der Koczulla als Chefarzt arbeitet, auf Covid-19-Patienten vorbereitet. Muskelaufbau durch Kraft- und Ausdauertraining ebne ihnen am besten den Weg zurück ins Leben, sagt Koczulla. Doch zunächst müsse man prüfen, "wie gut die Lunge als Sauerstoffversorger funktioniert, ob mit dem Herz-Kreislauf-System alles in Ordnung ist und was mit der Sauerstoffsättigung nachts und unter Belastung passiert". Je nach Ausmaß der Beeinträchtigung erhalten die Patienten dann individuelle Therapieangebote, um die Lungenfunktion wiederherzustellen, Atemnot zu beseitigen und die Belastbarkeit zu erhöhen. Sie lernen beispielsweise spezielle Atemtechniken und eine "Angst-Gruppe" soll ihnen die Furcht vor Atemnot nehmen.

"Covid-19 ist eine neue Erkrankung, daher müssen wir innovativ sein und ausprobieren, was am besten wirkt", sagt der Lungenfacharzt aus dem Alpenvorland. Das gelte für die Inhalte ebenso wie für die Dauer der Reha: "Normalerweise sind Lungenerkrankte drei Wochen lang hier. Ob das für Covid-19-Patienten reicht, werden wir sehen." Zunächst einmal müssen die Kapazitäten reichen. "Wir fahren unsere jetzt hoch", berichtet Chefarzt Koczulla. Auch wenn diese Woche nur fünf neue Covid-Patienten in seine Klinik kommen werden, bezweifelt der Arzt, dass in Zukunft genug Platz für alle ist: "Wenn alle, die einen schweren Verlauf hatten, in die Reha sollen, dann gibt es in Deutschland nicht genug Kliniken dafür", befürchtet Koczulla.

Dass es in den Einrichtungen für Lungenkranke bislang nicht zu einem Engpass kam, hat einen einfachen Grund: Eine Reha war für Patienten mit der neuen Erkrankung bisher nicht vorgesehen. "Derzeit ist die Einleitung rehabilitativer Maßnahmen nach überstandener Covid-19-Krankheit noch nicht etabliert, so dass viele Betroffene ohne abschließende Beurteilung der Einschränkungen und ohne das Angebot einer Anschlussheilbehandlung nach Hause entlassen werden", sagt Stefan Daniel Dewey, Sprecher der Sektion "Rehabilitation, Prävention und Tabakkontrolle" der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP).

Der norddeutsche Lungenspezialist ist Chefarzt der Abteilung Pneumologie an der Strandklinik St. Peter-Ording und bestätigt, dass "je nach Fortgang der Pandemie mit höheren Fallzahlen" von Patienten mit Reha-Bedarf zu rechnen sei. "Es ist möglich, dass es im Verlauf des Jahres zu Engpässen kommt. Das hängt unter anderem von der Frage ab, mit welcher Auslastung Rehakliniken angesichts der Hygieneregeln in der nächsten Zeit arbeiten können", antwortet die DGP in einer Stellungnahme auf eine Anfrage per E-Mail. Quarantäne- und Abstandsregeln gelten schließlich auch in Rehakliniken, zudem müssen die Mitarbeiter penibel auf eine strikte Trennung von Covid- und Nicht-Covid-Patienten achten, um Menschen mit anderen Lungenerkrankungen nicht zu gefährden.

Facharzt Dewey rät, zukünftig genau zu beachten, "dass man Covid-19-Patienten in eine für sie geeignete, von Lungenfachärzten geleitete Rehaklinik überweist". Oftmals werde das nicht die nächstgelegene Klinik sein. Nach eigenen Angaben arbeitet die DGP derzeit an einem Empfehlungspapier zur Rehabilitation nach Covid-19. Zudem sei geplant, "bundesweit die apparative und personelle Expertise von stationären pneumologischen Rehakliniken zu erfragen".

Solange unklar ist, ob, wann und wie lange welche Covid-19-Infizierten in die Reha gehen, nutzen Ärzte der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) eine digitale Form der Nachsorge. Sie lassen ihre Patienten vor der Entlassung die App "Caregiver Cockpit" auf dem Smartphone installieren und darin täglich morgens und abends Körpertemperatur und Atemfrequenz notieren. Das Programm funktioniert wie ein Tagebuch - das der Arzt mitliest. Verschlechtert sich der Gesundheitszustand eines Patienten, kann die Klinik zeitnah reagieren und ihn erneut einbestellen.

"Durch die frühzeitige Erfassung einer möglichen Gefahrensituation können wir mit dem Patienten in Kontakt treten und weitere diagnostische Schritte planen", sagt Clemens Gießen-Jung, der als Oberarzt eine der Coronastationen am LMU Klinikum München betreut. "Wir hoffen, dadurch die Rettungsdienste entlasten zu können." Eine Reha kann eine Smartphone-App natürlich nicht ersetzen, wohl aber die mögliche Versorgungslücke nach der Entlassung aus dem Krankenhaus schließen: "Zu wissen, dass sie dank des Caregiver Cockpits weiter in medizinischer Obhut sind, gibt den Patienten Halt und die nötige Sicherheit, um zu Hause in Ruhe zu genesen", sagt Gießen-Jung.

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