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Der "neue Journalismus", Teil 1: Mit Fachkompetenz zur journalistischen Marke

Fachkompetenz

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Autor: Silke Liebig-Braunholz · 4. Juli 2016


Viele Jahre wurde über den Journalismus der Zukunft spekuliert. Jetzt scheint er seinen Weg gefunden zu haben. Mit Geschick können Fachjournalisten die Hoheit über ihre ausgebildete Kommunikationsfähigkeit zurückgewinnen.

Das journalistische Tagesgeschäft ist in ständiger Bewegung und in unterschiedlicher Potenz im Onlinezeitalter angekommen. Ob kürzlich auf der re:publica in Berlin oder beim Reporter-Forum in Hamburg - überall wird von dem "neuen Journalismus" gesprochen. Ein Journalismus, der die digitalen Techniken einbezieht und noch enger mit den Rezipienten im Austausch steht. Voraussetzung dafür sind allerdings eine hohe Fachkompetenz und Glaubwürdigkeit. Der Journalist selbst wird zur Marke.


Online-Fachmedien im Aufwind

Die deutschen Fachmedienhäuser verzeichnen gerade einen leichten Zuwachs der Visits bei fast allen Top-30-Onlinenangeboten. Im Vergleich zum Vorjahr kletterten beispielsweise unter den Top Ten die Angebote von Meedia.de (Handelsblatt Fachmedien) mit 701.000 weiteren Besuchern (+ 36 %) auf Rang 3 sowie Horizont.net (dfv Mediengruppe) mit 462.000 zusätzlichen Nutzern (+33 %) auf Platz 6. Beide Portale verbesserten sich damit um zwei Ränge. Zurückzuführen ist dies sicherlich auf das Nutzungsverhalten der Deutschen. Laut ARD/ZDF-Onlinestudie 2015 sind knapp 80 Prozent der Deutschen online. 63,1 Prozent von ihnen gehen inzwischen täglich ins Netz. 2014 waren es noch 58,3 Prozent.

Hinzu kommt eine stetig zunehmende Zahl an Nutzern von Social Networks und den Diensten der Messenger. Im Ranking der größten Player hat Deutschlands führendes Statistik-Portal Statista im Januar 2016 ermittelt, dass weltweit mittlerweile 1,55 Milliarden Menschen sich monatlich aktiv im sozialen Netzwerk Facebook austauschen. Gefolgt wird der Platzhirsch vom Messenger WhatsApp mit 900 Millionen Nutzern sowie Plattformen wie Instagram mit 400 Millionen, Twitter mit 320 Millionen, Snapchat mit 200 Millionen oder Linkedin mit 100 Millionen Nutzern.


Eine Chance für den Fachjournalismus

Wichtig bei der Betrachtung dieser einleitenden Fakten ist vor allem die Tatsache, dass die Erwartungshaltung der Nutzer, auf diesen Wegen die für sie relevanten Informationen zu beziehen, ebenfalls gestiegen ist. Dies gilt sowohl für die täglichen News als auch für die beispielsweise beruflich relevanten Fachinformationen. In den sozialen Netzwerken wird genauso nach relevanten Informationen gesucht wie in der Suchmaschine Google.

Im Umkehrschluss ist nicht nur für Medienhäuser, sondern insbesondere für Fachjournalisten eine Präsenz auf diesen Kanälen unabdingbar. Wer diese Logik bis heute noch nicht verinnerlicht hat, nostalgisch auf die gute alte Zeitung im Papierformat zurückschaut und glaubt, das Internet verschwinde wieder, irrt. Der Propaganda-Weckruf auf ausgewiesenen Branchen-Events lautet deshalb seit Längerem schon: "Die digitale Kommunikation ist eine Chance für den Fachjournalismus!" Diese These wird von Verlagsmanagern, Chefredakteuren und Journalisten vertreten, die das Potenzial der Technologien, des Internets und der sozialen Medien erkannt haben und die innovativen Leader im Rennen um die besten Angebote bei der Schaffung digitaler journalistischer Inhalte sind.


Nicht jeder ist ein Nerd

Doch bei aller Euphorie darüber, das digitale Zeitalter als eine innovative Schmiede für neue Präsentationsplattformen zur Verbreitung von Informationen mit einer Vielzahl an sich daraus eröffnenden Perspektiven - gerade für Fachjournalisten - anzusehen, verstummen die kritischen Stimmen über diese rasanten Entwicklungen nicht. Diese Stimmen schätzen das Zeitalter weniger rosig ein, bedauern die mangelnde Bereitschaft der Rezipienten, für publizistische Inhalte und kompetenten Journalismus auch auf dem digitalen Weg zu zahlen, und verweigern sich allem aus dem Silicon Valley herüberschwappenden Technologie-Erfindertum, dem sich die alten publizistischen Modelle nur selten unterordnen lassen. Sie sind zudem keine Nerds und teilen die Vision eines Mark Zuckerberg nicht, der davon träumt, dass alle Menschen immer und überall miteinander vernetzt sein sollen.


Günter Exel, der als erster österreichischer Reisejournalist mit seiner vor einigen Jahren entwickelten Echtzeit-Reportage schnell im touristischen Segment für Furore sorgte und heute ein gefragter Redner, Coach und Kurator auf Branchen-Events ist, beschreibt diese Seite der Medaille so: "Die Ankunft des Journalismus in der digitalen Welt gestaltet sich noch sehr, sehr stockend. Wie bei einer Bergankunft der Tour de France ist das Feld sehr zerrissen; die Abstände zwischen Spitzenreitern und Nachzüglern sind enorm. Speziell bei der digitalen Aufbereitung und der Adaption multimedialer Erzählformen existieren die größten Unterschiede. Das Gros der Journalisten hat sich noch nicht darauf eingestellt, dass Nachrichten heute anders konsumiert werden als noch vor wenigen Jahren."


Weit ab vom Königsweg

Exakt diese Erkenntnisse decken sich mit meiner Wahrnehmung und den Aussagen der Kollegen in den zahlreichen Gesprächen, die ich in den letzten Wochen führen konnte. Es gibt die experimentierfreudigen Verlage und Journalisten genauso wie die Verweigerer, die gerade, wenn es um die Finanzierbarkeit digitaler Angebote geht, natürlich im Recht sind. "Der digitale Content und seine Gestaltungsmöglichkeiten stoßen exakt dort an Grenzen, wo es um die Finanzierung geht", sagt denn auch Journalist, Keynote-Speaker und Dozent Holger Schmidt. Der Chefkorrespondent für die digitale Wirtschaft beim "Focus Magazin" vergleicht diese Problematik gern mit der Musik, in der sich digitale Musikdienste wie Spotify durchgesetzt haben. "Die Musik höre ich mir mehr als einmal an. Eine Nachricht habe ich konsumiert, nachdem ich sie einmal gehört habe", beschreibt er den Unterschied.


Holger Schmidt ordnet die recherchierte Fachinformation jedoch viel höher ein als eine Nachricht, da sie einen höheren Mehrwert für die Rezipienten habe - und diese zudem zahlungskräftiger sind. "Den Fachverlagen empfehle ich, auf Pay-Modelle zu setzen und viele Informationen zu kuratieren, um den Lesern ein gesamtes Informationsangebot bieten zu können. Außerdem sollte es möglich sein, Angebote zu einem relativ spitzen Thema zu erstellen, das exakt auf die Zielgruppe abgestimmt ist", sagt er. Letztendlich wächst die Vielfalt der Möglichkeiten des Internets weiter: "Content, Fotos und Videos sind in der Zukunft die zentralen Elemente der Informationsvermittlung", so Schmidt.


Daher spiele auch die digitale Kompetenz einzelner Journalisten mittlerweile eine entscheidende Rolle. Diese müssen nicht nur die Technik beherrschen, sondern auch Kenntnisse darüber haben, wie sie die Plattformen für ihre journalistische Arbeit einsetzen und darüber ihre Zielgruppen erreichen können. Ebenso wichtig ist ihre persönliche soziale Vernetzung - außerhalb von Verlagsstrukturen und Kanälen. "Die Möglichkeiten bei der Gestaltung und Distribution journalistischer Inhalte haben sich in den letzten Jahren potenziert. Zusätzlich ist der Fokus auf ein klar umrissenes Publikum ein echter Benefit für den Fachjournalismus, dem die Digitalisierung mit gezielter Ansprache und sozialer Vernetzung völlig neue Lesergruppen eröffnen kann. Deshalb kann gerade die Fachpresse von dieser Entwicklung profitieren, sofern sie digital affinen Journalisten ausreichende Entfaltungsmöglichkeiten bietet", sagt dazu der Kommunikations-Experte Günter Exel.


Social Influencer als neue Meinungsführer

Obwohl sich die Medienlandschaft derzeit noch in der Phase Alt neben Neu befinde und Printprodukte neben digitalen Angeboten erscheinen, verschiebe sich die Entwicklung eindeutig hin zu den Social Networks, sieht Holger Schmidt voraus. "Ich lese in meinem Newsfeed auf Facebook die Neuigkeiten des Tages. Zum Start der Instant Articles haben bereits 20 Verlage ihre Artikel auf Facebook eingestellt", untermauert er seine These und bekräftigt damit die Aussage von Günter Exel, der beobachtet, dass Kuratierungsdienste wie Nuzzel und Flipboard als Wissensquellen immer gezielter genutzt werden. Zudem prognostiziert Exel, dass auch Messenger-Dienste wie die App Quartz, bei der die Nutzer entscheiden, wieviel sie von einer Story lesen möchten und wann sie zur nächsten hinüber springen, auf lange Sicht bei der Kommunikation von Fachwissen eine spannende Rolle spielen werden.


In diesem Umfeld lassen sich journalistische Inhalte verbreiten und Journalisten können zu Influencern werden, die wieder die Hoheit über ihre ausgebildete Kommunikationsfähigkeit gewinnen. "Auch wenn Print gerade für Nischenpublikationen, deren Leser das Produkt aufgrund ihrer Selbstwahrnehmung und jahrelangen Verbundenheit kaufen, in Zukunft noch funktionieren wird, sehe ich keinen Grund, warum es nicht auch guten Fachjournalismus im Internet geben kann", sagt denn auch Karsten Wenzlaff, Geschäftsführer des Instituts für Kommunikation in sozialen Medien (ikosom). Er sieht es zudem als ein gutes Zeichen, dass sich unabhängige journalistische Projekte durch Crowdfunding finanzieren lassen, und hat in seinem Beitrag "Freiwillig bezahlen?" im Onlinemagazin Vocer vor vier Jahren schon die These publiziert, dass es exakt den Journalisten gelingen wird, Inhalte finanziert zu bekommen, die ein eigenes Profil haben. "Wer einen Standpunkt hat, dem gibt man Geld" überschrieb er seine Ausführungen zur Bereitschaft der Leser, für meinungsstarke Inhalte und exklusive Informationen auch Geld zu bezahlen.


Völlig neue Zielgruppen erobern

Darauf stellt sich auch die angehende Journalistin Anne Grundig ein. Sie studiert momentan Ressortjournalismus an der Hochschule Ansbach und lässt sich für die Themenfelder Politik und Umwelt ausbilden. "Das Internet ist eine riesengroße Chance, obwohl ich auch ein Fan von Printprodukten sowie intensiven und langen Recherchen bin. Über das Internet und die neuen Apps lassen sich aber viele und neue Zielgruppen erreichen", sagt sie. Als Freelancer möchte sie später ihre Leser selbst erobern und sich einen Namen machen. Schon während des Studiums hat sie daher damit begonnen, ein Blog aufzubauen, bei Twitter, Facebook und Snapchat aktiv zu sein. "Ich möchte meinen Namen zur Marke entwickeln, hierbei aber streng die eigene Meinung von meiner journalistischen Arbeit trennen und dafür auch meine Quellen offenlegen", sagt sie.


Ihre Kommilitonin Samira Becker, die sich auf das Ressort Medizin und Biowissenschaften spezialisiert, hat einen weniger konkreten Plan und experimentiert noch. "Ich bin ein wenig skeptisch aufgrund der vielen Hypes um Apps und soziale Netzwerke, die kommen und gehen. Es ist auch nicht einfach für uns junge Journalisten, wenn aufgrund neuer Entwicklungen beinahe jedes Jahr die Inhalte der Studiengänge umgestellt werden", sagt sie. Doch in einem sind sich die beiden einig: "Die jungen Leser entfernen sich immer mehr vom Printjournalismus. Wer als Journalist etwas erreichen will, muss sich online aufstellen."


Lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags (Veröffentlichung am Donnerstag) über den "neuen Journalismus": So denken Medienexperten wie Richard Gutjahr über die journalistische Markenbildung im digitalen Zeitalter.



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