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Heidenau, du deutsches Kaff

Der Dresdner Vorort Heidenau ist schön. Ein hübsches kleines Freibad, ein gepflegtes Sportstadion. Hier kann man Ferienwohnungen mieten, es ist nicht weit zur Elbe. Im Stadthaus am Marktplatz gibt es eine Touristeninformation mit Wandertipps für die Sächsische Schweiz. In der Ernst-Thälmann-Straße, am Marktplatz, fand am Samstag und Sonntag ein Stadtfest statt. Hüpfburg, Kletterwand, Bierwagen - alles, was man auf so einem Fest erwartet. Und am Abend ein Feuerwerk. "Die Demo ... " waren die Worte, mit denen Sätze beim Stadtfest immer wieder anfingen. "Die Demo war gut." "Die Demo hat mir gefallen, aber die Randale nicht."

So sprechen die Bewohner Heidenaus am Sonntag über eine Demonstration der NPD mit über 1 000 Teilnehmern, von denen eine größere Zahl anschließend versuchte, eine Flüchtlingsunterkunft anzugreifen. Dass es zwei Tage Randale gab, interessiert hier keinen. Außer vielleicht den Randalebefürwortern, die es gut fanden, sich "gewehrt" zu haben. Für die Einwohner der "freundlichen Elbstadt" war es eine Provokation, dass die Polizei sie nicht betrunken und bewaffnet zu der neuen Asylunterkunft ziehen ließ, um sie abzufackeln.

"Freital war schlimm, Heidenau ist schlimmer", lautet der Kommentar von Dresdner Antifaschisten zu den Ereignissen in Heidenau. In Freital seien "organisierte Neonazis" ein Teil des Mobs gewesen, in Heidenau führten sie den Mob an. Am Freitag hatte die sächsische Polizei die Lage möglicherweise falsch eingeschätzt, etwa 140 Polizisten standen einem Mob von 600 bis 800 gewalttätigen Rassisten gegenüber. Das wichtigste Ziel ihres Einsatzes erreichten die Polizisten, sie schützten die Flüchtlingsunterkunft in einem ehemaligen Baumarkt. Sonst erreichte die Polizei nicht viel. Heidenau wurde an diesem Abend zum Abenteuerspielplatz für rechte Randalierer. Noch in der Nacht verbreitete sich die Nachricht von der Pogromstimmung in Heidenau über Twitter. Dresdner Antifaschisten riefen dazu auf, am Samtag gemeinsam nach Heidenau zu reisen.

Die Antifa-Mobilisierung nach Heidenau hatte am Samstag zwei Ziele: Entweder eine Reaktion der Polizei hervorzurufen, so dass diese mit genügend Kräften anrückt, um die Unterkunft zu schützen. Oder sich selbst zur Zielscheibe des rechten Mobs zu machen. Dies gelang. Am Samstag gab es immer wieder Berichte von Antifaschisten, die von Nazis angegriffen wurden. Eine Kleingruppe musste sich sogar in einen Supermarkt flüchten, als bewaffnete Neonazis sie durch die Stadt jagten. Die Nazis fanden am Samstag sehr viel mehr Unterstützung als die Gegenseite. Nur 250 Antifaschisten waren nach Heidenau gekommen. Sachsen liegt geographisch nicht unbedingt günstig, trotzdem kann man sich die Frage stellen, ob vielen Antifaschisten nicht klar war, welche Bedeutung die Pogromstimmung in der sächsischen Kleinstadt hat. Noch immer hat Heidenau das Potential, ein neues Rostock-Lichtenhagen zu werden.

Die Polizei war in Heidenau auch am Samstag mit nur 170 Beamten im Einsatz, und so kam es, wie es kommen musste. Über den Abend hatte sich ein 250 Personen starker Mob keine 200 Meter von der Asylunterkunft entfernt versammelt. Die Menge versorgte sich im nahen Supermarkt immer wieder mit Bier. Im Rest der Stadt waren weitere Gruppen von Nazis unterwegs. Gegen 23 Uhr ging es dann los: Wie aus dem Nichts flogen Flaschen, Steine und Böller auf die Polizisten. Der Mob wollte die antirassistische Kundgebung und die Flüchtlingsunterkunft angreifen, und beinahe wäre das gelungen. Ansonsten wiederholte sich das Schauspiel vom Vorabend. Den Nazis wurde freie Hand gelassen. Flaschen und Steine flogen immer wieder auf die Polizisten. Die Antifaschisten zogen sich in der Nacht aus Heidenau zurück. Ihr Demonstrationszug zum Bahnhof war anstrengend, denn die ganze Zeit mussten sie mit Angriffen der Nazis rechnen. Am Bahnhof flogen dann tatsächlich Steine in Richtung der Antifaschisten, durch großes Glück wurde niemand verletzt. Die Polizei reagierte nicht.

Zum Besuch des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich konnte die Polizei am Sonntag dann auch mal zeigen, was sie kann. Plötzlich standen zwei Wasserwerfer in der Kleinstadt, mehrere Hundertschaften waren im Einsatz. Rund um die Unterkunft wurde ein Kontrollbereich eingerichtet, in dem die Polizei erweiterte Befugnisse hatte. Am Sonntag hatten die Rechten keinen Spaß in Heidenau. Die Antifa kam spät, aber dafür mit viel Energie in die Stadt. 400 Demonstranten versammelten sich am Bahnhof und zogen vermummt zur Flüchtlingsunterkunft. Die Demonstranten zeigten deutlich: Heute kriegen Nazis Probleme. Eine Gruppe Nazis, die an einer Tankstelle stand, wurde verjagt. Für die Polizei ein willkommener Anlass, Stärke zu demonstrieren. Wild knüppelten die Polizisten auf Antifaschisten ein. Selbst am Boden Liegende wurden mit Pfefferspray eingesprüht. Anschließend trieb die Polizei die Demonstranten zum Bahnhof.

In Heidenau haben sich Nazis mit der übrigen Bevölkerung verbrüdert. Unter den Augen der Polizei konnten sie zwei Tage rassistische Randale zelebrieren. Dass die Polizei ihr Aufgebot nun erhöht hat, ist für den Moment gut, wird sich aber ändern, wenn Heidenau nicht mehr beobachtet wird. Dann werden Nazis, Rassisten und Bürger einen neuen Angriffsversuch unternehmen. Das ist auch der Zeitpunkt, an dem die Antifa wieder da sein muss. Heidenau und ähnliche Käffer sind die Orte, an denen die Antifa derzeit am meisten gebraucht wird. Denn sonst kümmert sich in Deutschland leider niemand um den rechten Mob.

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