Sebastian Goddemeier

Freier Autor und Journalist, Berlin

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Die Netflix-Serie 'Queer Eye' macht auch das Leben von Heteros besser

Audrey wirkt ergriffen und gleichzeitig befreit. Wir sitzen in ihrem Wohnzimmer und schauen die vierte Staffel von Queer Eye. Eine Umstyling-Show, die so viel mehr ist als eine Umstyling-Show. Audrey weint. Wo ich heute sitze, sitzt sonst ihr Freund Jonas. Queer Eye ist ihr Pärchen-Ding, sie schauen keine Folge ohne den anderen. "Drei Folgen haben wir noch", sagt Audrey und checkt die Liste der Episoden.

Mit mir fängt sie heute die vierte Staffel an, die am Wochenende rauskam. Wir schauen zwei, drei Episoden. "Folge zwei und vier sind bisher die besten", sagt Audrey. Wie schafft es Queer Eye, eine Show mit fünf schwulen Männern, die Herzen eines Heteropaars zu erobern? Audrey und ihr Freund haben nie erleben müssen, wie es ist, wegen einer sexuellen Orientierung diskriminiert zu werden.

Anders Jonathan Van Ness, 32 Jahre alt, er kümmert sich bei Queer Eye um Pflege und Styling und ist sicherlich der Lauteste der "Fab Five". In Folge eins steht er weinend vor den Schülern seiner alten High School. Hier wurde er als Teenager gemobbt, ausgegrenzt, erniedrigt, weil er die bekannten Geschlechterrollen sprengt. Damals wie heute war er immer anders als die Masse: Seine langen Haare, seine nasale Aussprache und sein vermeintlich feminines Aussehen. Jonathan ist schwul. Manchmal fühlt er sich keinem Geschlecht zugeordnet.

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Die Zuschauer finden sich somit nicht nur in den Alltagshelden wieder, Feuerwehrleute, Lehrerinnen, Polizisten, die in jeder Folge ein Make-over bekommen, auch die "Fab Five" werden emotional greifbar. Es ist ein wenig wie bei Sex and the City, da hat auch jeder einen Lieblingscharakter. "Der Schmerz bringt Empathie mit sich", sagt Audrey. "Egal, ob man Alkoholiker ist, homophob angefeindet wurde, im Rollstuhl sitzt ... Jemand, der traumatische Erfahrungen gemacht hat, kann sich mit dem anderen identifizieren, auch wenn es um ein anderes Thema geht."

Queer Eye bringt jeden zum Weinen

Während Audrey und all die anderen Zuschauer vor ihren Fernsehern oder Laptops mit Jonathan mitfühlen, während er über seine Trauer berichtet, werden diese Diskriminierungen für sie greifbar. Von nun an verstehen sie schwule Männer besser; wenn sie von ihrer Kindheit berichten, wenn sie Angst haben, auf der Straße Händchen zu halten. Audrey und Jonas sind emotional involviert. Also so richtig involviert. Queer Eye bringt jeden zum Weinen.

In Folge zwei, in der es um den gelähmten Wesley geht, der im Rollstuhl sitzt, "hat Jonas das erste Mal geweint", erzählt Audrey. "Er weint sonst nie." Wesley nahm als Jugendlicher Drogen, trug eine Waffe bei sich. Eines Tages gerät er in eine Schießerei, seitdem ist er querschnittgelähmt.

Karamo, ebenfalls einer der "Fab Five", führt Wesley zum ersten Mal zu jenem Mann, der ihn angeschossen hat. Sie sitzen sich in einer Bar gegenüber. Erst schweigen sie, dann reden sie, dann vergibt Wesley dem Täter. "Es geht in Queer Eye um so viel mehr als nur ein Make-over. Es geht um eine Art Genesung", sagt Audrey.

Egal, ob man Alkoholiker ist, homophob angefeindet wurde, im Rollstuhl sitzt ... Jemand, der traumatische Erfahrungen gemacht hat, kann sich mit dem anderen identifizieren, auch wenn es um ein anderes Thema geht."

Wenn es um die Wahl der Protagonisten geht, setzen die "Queer Eyes" nicht nur auf LGBTQ-Protagonisten. Das wäre zwar die sichere Wahl, würde das Format allerdings in seiner Nische halten. Stattdessen stoßen die "Fab Five" auf Rednecks, Trump-Supporter, latent Homophobe, heterosexuelle Pärchen. Menschen aller sozialen Herkünfte, sexuellen Identitäten, Religionen. Und genau an diesem Punkt fühlen sich Audrey und Jonas als heterosexuelle Menschen von einem (vermeintlich) schwulen Format angesprochen. "Es geht am Ende immer um eine Verbindung. Und das geht über die sexuelle Identität hinaus", sagt Audrey.

Queer Eye ist wie eine Selbsthilfegruppe: Man wandelt seine Schwächen in Stärken um. Der Weg dorthin: mittendurch. Sich akzeptieren, wie man ist. Genau damit haben sehr viele Menschen ein Problem. Besonders queere Menschen, die sich häufig mit Anfeindungen und Scham auseinandersetzen müssen. Sie trauen sich nicht zu, zu sich selbst zu stehen, wurden belächelt, verletzt, angegriffen. Auch die "Fab Five". Jeder von ihnen trägt sein Päckchen mit sich herum. Trotzdem haben sie es geschafft, sich ihren Ängsten und ihrem Schmerz zu stellen - und daran zu wachsen und sogar eine Karriere daraus zu formen.

Das ist wohl etwas, das die LGBTQ-Community besonders gut kann: aus Schmerz Gutes schaffen. Nicht umsonst sind so viele Designer, Musiker, Künstler homosexuell. Sie tragen den Schmerz, nicht ganz zu dieser Welt zu gehören, mit sich herum. Sie wollen ihn bearbeiten, zu Stärke umwandeln.

Im realen Leben ist das natürlich schwerer als bei Queer Eye. Sich einzugestehen, dass man Probleme hat. Bei Queer Eye verläuft der Prozess innerhalb von Minuten, gefilmt wird über ein paar Tage. Queer Eye ist jedoch auch keine therapeutische Maßnahme. Queer Eye ist dafür da, Anstöße zu geben. Wie ein guter Freund, der sagt: "Also, mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit nicht du selbst warst. Brauchst du Hilfe?"

Die "Fab Five" scheinen sich ihrer universellen Macht bewusst zu sein - und nutzen sie für etwas Gutes. Der Zuschauer wächst beim Zuschauen mit. Schon in Folge eins der vierten Staffel, in der eine Lehrerin, die sich komplett in ihrem Job verliert, alles für ihre Schüler gibt, den ganzen Tag arbeitet und abends um 22:00 Uhr total erschöpft nach Hause kommt, um sich den nächsten Polyester-Fummel im Tele-Shopping zu bestellen, geht es um mehr als nur einen neuen Look. Die Lehrerin wird für ihr Engagement geehrt und wertgeschätzt. Queer Eye blickt über das Offensichtliche hinaus, zeigt Menschen, wie wichtig und wertvoll sie sind. So gestalten sie nicht nur die Häuser und Wohnungen von Menschen um, sondern auch den Arbeitsplatz, den Gemeinderaum einer Kirchengemeinde, das Lehrerzimmer einer Schule. Und dann sind da eben noch die Gefühle.

Innerhalb von knapp anderthalb Jahren wurden vier Staffeln produziert. Das Format ist wahnsinnig erfolgreich, was beweist, dass es die breite Masse erreicht und es sich nicht in der Nische gemütlich macht. Queer Eye liefert das, was wir in Zeiten von politischen Unruhen und Hasspredigern dringend brauchen: Anerkennung.

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